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Tipps für Junglehrer

Nur kein Stress! — Strategien für einen entspannten Berufsstart

Berufseinsteiger am Limit: ein gigantisches Arbeitspensum, ein neues soziales Umfeld, volle Verantwortung für den Unterricht und die Erziehung der Schüler. Um das erste Berufsjahr zu überstehen, helfen Strategien und Techniken zur Stressbewältigung.

Tipps für Junglehrer: Nur kein Stress! — Strategien für einen entspannten Berufsstart Die Angst zu versagen, weil man an zu vieles denken muss, erzeugt Stress © Syda Productions - Fotolia.com

Einer der meistgesehenen deutschsprachigen Poetry-Slam-Clips heißt „Fly like an eagle“. Mehr als 1,66 Millionen Menschen haben das YouTube-Video bereits angeklickt, in dem Nicholas Schmidt, Slam-Kabarettist und Gymnasiallehrer, eine nervenaufreibende Englischstunde schildert. Die Schüler, vermutlich Fünftklässler, sind kaum auszubremsen: „Herr Schmied, der Dominik kippelt die ganze Zeit mit dem Stuhl!“ „Dominik, hörst du bitte mit dem Kippeln auf!? Aber Vanessa, ich will auch nicht, dass du petzt! Tim, hörst du bitte auf zu quatschen?“ „Ich hab‘ doch gar nichts gesagt …“ „Hast du sehr wohl, ich bin doch nicht taub!“ So geht das permanent und Herr Schmied hofft, dass der Chef an diesem Tag nicht vorbeikommt, doch er kommt — natürlich im unpassendsten Moment, gerade als dem Junglehrer der Geduldsfaden reißt.

Gemäß aktueller Lehrerbelastungsforschung erlebt „Herr Schmied“ hier eine typische Belastungssituation mit gesundheitsgefährdendem Potenzial: eine „störanfällige, extrem hohe Interaktionsdichte in der Unterrichtssituation, wobei innerhalb jeder Unterrichtsstunde viele Entscheidungen darüber zu treffen sind, ob eine Reaktion gezeigt wird oder aber nicht.“ (Hillert, Koch und Lehr in: Der Nervenarzt, 2013; hier zitiert nach „Psychische Belastungen und Burnout beim Bildungspersonal“, Münster 2014, S. 91)

Zusätzlich stresst noch die drohende unangemeldete Unterrichtsvisitation, die wie ein Damoklesschwert über dem Junglehrer hängt. Und überhaupt: Das erste Jahr als Lehrer mit voller Stundenzahl, mit ganz neuen Anforderungen und voller Verantwortung, meist an einer neuen Schule, oft in einer anderen Stadt und weit weg von Familie und Freunden ist in jedem Lehrerleben das stressigste überhaupt.

In der Ruhe liegt die Kraft

Zeitdruck ist für viele Berufseinsteiger der Stressfaktor Nummer 1. Die Autoren der GEW-Praxishilfe „Zeitmanagement“ (hier beim Verlag NDS bestellbar) empfehlen deshalb, bewusst Zeitpuffer und Aktivitäten zum Stressabbau einzuplanen. Einige Praxis-Tipps dazu (S. 28 f.) lassen sich — mit wenig zeitlichem Aufwand! — direkt umsetzen:

  • die wichtigen Dinge (Tasche, Schlüssel, Brille etc.) immer abends am gleichen Ort zurechtlegen,
  • eine Viertelstunde eher aufstehen, um entspannter in den Tag zu starten,
  • mit Entspannungs- und Atemübungen bei offenem Fenster den Tag beginnen,
  • den Weg zur Schule bewusst wahrnehmen, Personen und Menschen beobachten,
  • morgens rechtzeitig in den Unterricht gehen und den Arbeitsplatz vor Eintreffen der Schüler organisieren,
  • prinzipiell keine Gespräche zwischen Tür und Angel führen, sondern stattdessen Termine vereinbaren,
  • Freistunden öfter für Entspannungsübungen oder zum Lesen nutzen.

Anstatt morgens auf den letzten Drücker noch schnell die Arbeitsmaterialien zusammenzustellen und zu kopieren, sollte man den Unterricht besser langfristig und vorausschauend vorbereiten, wenn möglich auch mithilfe von Reihenplanung oder Stationenlernen.

Störungen konstruktiv begegnen

Zur Vermeidung von Unterrichtsproblemen empfiehlt der Schulpsychologe Benjamin Hennig: „Teilen Sie der Klasse von Beginn an klar Ihre Erwartungen mit. Reagieren Sie konsequent bei gravierenden Normverletzungen. Vermeiden Sie Killerbotschaften. Sorgen Sie für Stoff- und Formwechsel. Entlasten Sie sich durch sinnvolle Rituale.“ („Strategien im Umgang mit Belastungen im Lehrerberuf“, S. 50) Trotzdem wird es sicherlich immer wieder kritische Unterrichtssituationen geben, zum Beispiel Disziplinkonflikte. Dann heißt es besonnen reagieren, erst einmal „herunterkommen“ und konstruktive Kritik üben. Oder — noch besser, aber oft gar nicht so einfach — dem Störverhalten den Wind aus den Segeln nehmen „durch Umdeuten, paradoxes Reagieren oder Humor“. (ebd.)

Damit das gelingt, sollte man sich auf Disziplinprobleme mental vorbereiten und Unterrichtsstörungen auch konstruktiv nachbearbeiten: „Analysieren Sie Ihr Verhalten. Entwerfen Sie Alternativen. Beziehen Sie in die Aufarbeitung Kolleginnen und Kollegen ein“, rät Hennig.

Das kann auch in Form eines gezielten Trainings geschehen, zum Beispiel mithilfe des Konstanzer Trainingsmodelles, bei dem zwei Kollegen gegenseitig im Unterricht hospitieren, um — unterstützt durch einen KTM-Leiter — die pädagogische Handlungs- und Sozialkompetenz beim Umgang mit Störungen zu erweitern.

Natürlich geht das auch ohne Supervision, indem man sich einfach zu kollegialen Fallbesprechungen zusammenfindet. Hennig zu diesem sogenannten „Peercoaching“: „In solchen Foren ist es auch möglich, Fragen des eigenen (vielleicht überhöhten) Anspruchsniveaus, der Balance zwischen Engagement und Erholung und des eigenen beruflichen Selbstverständnisses zu thematisieren.“ Wenn an der Schule keine kollegiale Zusammenarbeit „face-to-face“ möglich ist, bietet möglicherweise die Website lehrerforen.de eine gute Online-Alternative.

Stressreduktion durch Gewohnheiten und Beziehungen

Egal, wie groß der Arbeitsdruck ist, auf manche „guten Gewohnheiten“ sollte man keineswegs verzichten: Sport und Bewegung beispielsweise helfen dabei, Stress abzubauen. Und auch wenn es bei Zeitknappheit verlockend ist, zu Fastfood zu greifen, eine ausgewogene, gesunde und selbst gekochte Mahlzeit mit Freunden, Familienangehörigen oder netten Kollegen sättigt nachhaltig — auch in emotionaler Hinsicht. Womöglich geht es sogar schneller als der Pizza-Service, wie manche Rezeptseiten im Internet beweisen.

Gute kollegiale und freundschaftliche Beziehungen wirken sich äußerst positiv auf die physische und psychische Gesundheit aus: Verschiedene Studien konnten immer wieder zeigen, dass „mehr oder weniger nahestehende andere Personen, die praktische oder emotionale Unterstützung leisten, die Bewältigung alltäglicher Aufgaben fördern und damit chronische Stressbelastungen reduzieren“. (Psychische Belastungen und Burnout beim Bildungspersonal, Link s. o., S. 97 ff.)

Ganz wichtig ist genügend Schlaf. Ein kurzer Mittagsschlaf (eine halbe Stunde maximal) lädt den Akku wieder auf. Und sollte sich über die Woche ein größeres Schlafdefizit aufgebaut haben, hilft es schon, am Wochenende einmal ordentlich auszuschlafen.

Sofortmaßnahmen bei akutem Stress

Wie schafft man es in extremen Belastungssituationen, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen? Hier hat vermutlich jeder, der Abitur, Studium und Referendariat durchgestanden hat, seine bevorzugten Strategien und Techniken. Atemübungen, autogenes Training, Achtsamkeit, progressive Muskelentspannung — wer sein Repertoire zur situationsbezogenen Stressbewältigung erweitern möchte, findet auf dieser Website einige weitere Tipps und Hinweise wie z. B. im Beitrag „Reif für die Ruhe-Insel“. Eine weitere Quelle: Die Focus-Reihe „Antistress-Coach“ liefert Anregungen von „A“ wie „Augenentspannung“ bis „Z“ wie „Zukunftsvisionen“.

Martina Niekrawietz

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