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Respekt

Sich durchsetzen lernen: Tipps für Junglehrer

Was tun, wenn Schüler partout den Anweisungen nicht folgen wollen? Gut ist es dann, wenn man ein Repertoire an Reaktionsmustern parat hat, die man abrufen und souverän einsetzen kann. Dann verschafft man sich als Junglehrer Respekt.

Respekt: Sich durchsetzen lernen: Tipps für Junglehrer Um Respekt bei den Schülern zu erlangen, muss man in sich ruhen © highwaystarz - stock.adobe.com

Seine „KollegInnen“ trugen ihm auf, „endlich mal darüber zu schreiben, wenn etwas so richtig scheiße lief. Die Wahrheit eben“, berichtet Lehrerblogger Jan-Martin Klinge in seinem „Halbtagsblog“. Und er beschreibt am 10. und 14. November 2014 seinen „Lehreralbtraum“ zu Beginn des Referendariats: Eine Schülerin hatte den Aufstand geprobt: „Nee — mach ich nicht!“, hatte sie gesagt, anstatt, wie vom Lehrer gebeten, an die Tafel zu kommen und „eine einfache Schaltung an der Tafel zu skizzieren“. Drei Mal forderte der Lehrer sie auf, doch sie weigerte sich, und der Referendar musste erkennen, dass er sich „da in eine richtig beschissene Situation manövriert“ hatte: ein „Machtspielchen“. „Wie hättet ihr reagiert?“, fragt Klinge in die Leserrunde. — „Setzen, 6!“ und dann einen anderen Schüler aufrufen, schlägt „rwadel“ vor. Andere würden die Aufgabe in Gruppenarbeit lösen lassen, wieder andere ein kleines Stück zurückrudern („Wen willst du als Joker wählen? → Hilfe geben lassen). Lehrerin „Kristina“ hätte die Schülerin gebeten, „nur als Schreiberin“ an die Tafel zu kommen und die „Anweisungen“ der Klasse umzusetzen. Hätte sich die Schülerin weiter geweigert, hätte sie das Mädchen „vermutlich in Ruh [sic!] gelassen“ und nach der Stunde zu sich geholt, um darüber zu reden.

„Cool“ bleiben, gelassen reagieren

Wie die Leserreaktionen zeigen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, um diese Situation zu entschärfen und eine eskalierende Machtspielspirale zu vermeiden. Jan-Martin Klinge zuckt mit den Schultern und sagt „‚Okay‘ (...) mit beiläufigem, fast gelangweiltem Unterton“ und schlägt „überdeutlich“ sein Notenbüchlein auf. Er fragt die Schülerin, ob sie wisse, „dass das eine Arbeitsverweigerung ist und damit eine 6?“ — Sie nickt, er trägt die Note ein, und damit ist „die Sache erledigt“. Er hat spontan die Fassung — und sein Gesicht — gewahrt und angemessen reagiert.

Das ist gar nicht so leicht „in pädagogisch herausfordernden und auch schwierigen Situationen“, denn es „bedarf besonderer Kompetenzen in den Bereichen Kommunikation, Konfliktbewältigung, Selbstbehauptung und Selbstdarstellung“, so die Psychologen der Leuphana Universität Lüneburg auf der Website lehrergesundheit.eu. Sie vermitteln bei Lehrer-Workshops und Coachings „Fertigkeiten und Techniken“ und raten dazu, solche gelernte Strategien im Team systematisch zu erproben und zu reflektieren.

Im Idealfall finden sich dazu an Ihrer eigenen Schule interessierte Lehrer zusammen, um sich regelmäßig über den Umgang mit schwierigen Situationen auszutauschen und zu beratschlagen. Das kann zum Beispiel im Rahmen einer kollegialen Fallberatung oder als gegenseitige Unterrichtshospitationen mit Nachbesprechung erfolgen. Schnelles und adäquates Reagieren in erziehungsschwierigen Situationen lässt sich besonders gut im Rollenspiel üben. Auch wenn Sie Problemszenen mit Personen aus Ihrem persönlichen Umfeld nachstellen, bekommen Sie Feedback, können Ihr Handlungsrepertoire erweitern und gewinnen an Souveränität.

Eine gute Performance gibt Sicherheit

Wie ein Sänger oder Schauspieler auf der Bühne sind Lehrkräfte vor der Klasse exponiert. In unvermuteten Situationen oder besonders auch vor neuen Klassen kann da schon einmal Nervosität aufkommen. Auch in diesen Situationen mit fester Stimme zu sprechen und durch einen festen, breitbeinigen Stand, eine aufrechte Haltung und Blickkontakt mit den Schülern Souveränität zu signalisieren, ist sicher nicht einfach. Doch genau dazu rät Katharina G. im Beitrag „10 Tipps für mehr Respekt“ im Webmagazin sofatutor. Das lässt sich auch üben: Wenn die Stimme leiser und höher wird, hängt das oft mit einer flachen Atmung zusammen. Wer dann bewusst — wie ein Sänger — ins Zwerchfell atmet, verschafft sich Luft und Stimme, und steht fast automatisch aufrecht und mit geradem Kopf. Erfahrungsgemäß kehrt die Sicherheit ganz schnell zurück, wenn man sich immer wieder einmal auf diese Weise „erdet“.

Eine Stellschraube, an der man ebenfalls drehen kann, ist das Äußere. Wer „Achtung von seiner Umgebung“ einfordert, sollte „diese auch vor sich selbst haben, schreibt die Autorin, und das signalisiere man „über gepflegte Kleidung“ (ebd.). Besonders in der ersten Stunde in einer neuen Klasse gilt — wie bei allen ersten Begegnungen: der erste Eindruck zählt. Um Unsicherheit zu vermeiden, sollte man bei der Auswahl der Kleidung aber unbedingt darauf achten, dass man sich nicht „verkleidet“, sondern in seinem Outfit wohlfühlt.

Eine innere Haltung zu den Schülern finden

Ob sich bei Angst oder Lustlosigkeit auch die Emotionen und der „Gesichtsausdruck kontrollieren“ lassen, wie Katharina G. rät, darf bezweifelt werden: „Gefühle sind einem sprichwörtlich ins Gesicht geschrieben“, so die Autorin auf sofatutor, und weiter: „Vor der Klasse sollte man eine solche Offenbarung unbedingt vermeiden. Ein offener und begeisterter Gesichtsausdruck, lebendige Mimik sowie kraftvolle Gesten fesseln die Schülerinnen und Schüler.“ Wer Angst hat, wütend oder lustlos ist, wird sich damit schwertun. Deshalb ist das vermutlich etwas zu viel verlangt und in jedem Falle nicht vereinbar mit „Tipp 4: Authentisch bleiben!“

Authentizität bedeutet, dass „innere und äußere Haltung übereinstimmen“, definiert Claudia Rehder in ihrem Lehrerblog. Sie schildert ein Erlebnis mit einer „unerträglichen“ Hauptschulklasse: Die Schüler benahmen sich „unmöglich“. „Tatsächlich stieg in mir jedes Mal, wenn ich über den Schulhof Richtung Klassenraum ging, eine heftige Wut hoch“, schreibt die Lehrerin. Die Schüler spürten diese Ablehnung und benahmen sich genauso negativ, wie die Lehrerin es von ihnen erwartete. Irgendwann suchte Claudia Rehder sich professionelle Hilfe und ging dieser Wut auf den Grund. Diese war danach „wie weggeblasen“ und die Lehrerin fand eine „positive und wertschätzende Grundhaltung“: Sie verstand, dass ihre Schüler in der Pubertät und „manchmal schwierig, aber keinesfalls bösartig sind“ — eine wichtige Erkenntnis und Voraussetzung für eine „positive und wertschätzende Grundhaltung“ und eine gesunde, professionelle Distanz: Die Lehrerin hatte verstanden, dass nicht sie persönlich angegriffen wurde. Sie nahm sich vor, mit den Schülern „im Rahmen ihrer Möglichkeiten zusammenzuarbeiten, Unzulänglichkeiten zu tolerieren und einfach das Beste daraus zu machen“ (ebd.).

Regelverstöße: deeskalieren und konfrontieren

„Lehrer müssen auf Regelverstöße reagieren, sonst verlieren sie Autorität und Status“, sagt Rudi Rhode in dem SPIEGEL-Artikel „Was Lehrer tun können, wenn Schüler partout nicht auf sie hören“. Wie das geht, vermittelt der renommierte Lehrer-Coach in seinen Workshops.

Zuvörderst sollten die Teilnehmer versuchen, „Situationen zu deeskalieren“: Freundliche persönliche Ansprache, Zulächeln, Zwinkern und Humor seien dazu probate Möglichkeiten. Dem entspricht auch eine defensive Körpersprache. Rhode rät, Schüler nicht frontal, sondern von der Seite aus anzusprechen und langen Blickkontakt zu vermeiden, das „übe zu viel Druck aus“ (ebd.).

Wenn sich ein Schüler im Ton vergreift, muss man ihn damit konfrontieren. „Wichtig dabei sind „kurze Botschaften, ein fester Blick, eine feste Stimme und ein fester Stand“. Rhode empfiehlt dabei eine Formulierung wie: „Stopp. Nicht in diesem Ton!“, dann dranbleiben und durchsetzen, auch mit Konsequenzen drohen, zum Beispiel mit einem Gespräch mit dem Direktor. Dann wieder deeskalieren — dieses „Wechselspiel sei entscheidend“.

Dieses Wechselspiel will geübt sein, bis es internalisiert ist und intuitiv angewendet werden kann. Sinnvoll ist es auch, sich mögliche pädagogische oder erzieherische Maßnahmen zurechtzulegen. Grundsätzlich sollte man auch nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, sondern klein anfangen: zum Beispiel aufhören zu sprechen oder den Schüler ansehen und dann abgestuft die Härte der Maßnahme steigern.

Autorität braucht Vertrauen

Autorität hat man nicht, sie wir einem Lehrer von den Schülern zugesprochen, betont Pädagogikprofessor Roland Reichenbach im Gespräch mit Martin Spiewak auf der Website von ZEIT ONLINE. Welche Voraussetzungen sollte eine Lehrkraft erfüllen, um von den Schülern Respekt zu erlangen?

„Eine wichtige Quelle der Anerkennung der Lehrperson als Autorität ist ihr Wissensvorsprung“, sagt Reichenbach. Dazu trägt auch ein abwechslungsreicher Unterricht bei, der erkennen lässt, dass eine Lehrkraft für ihr Fach „brennt“.

Auch eine gute pädagogische Führung („Classroom Management“) ist ausschlaggebend für die Akzeptanz eines Lehrers in der Klasse. „Zur pädagogischen Führung gehören etwa klare Anweisungen, transparente Ziele und damit verbunden ein gut strukturierter Unterricht“, so bringt es Reichenbach auf den Punkt. Mit Blick auf „das sogenannte offene und selbstständige Lernen“ warnt Reichenbach davor, sich der „Illusion“ hinzugeben, „Lehrer und Schüler würden ein symmetrisches Verhältnis pflegen können“: „Egal, wie subtil man Schule gestaltet, sie bleibt auch eine Zwangseinrichtung“, sagt Reichenbach. Es ist Sache des Lehrers, die Schüler dazu zu bewegen, sich für den Lernstoff zu interessieren.

Als eine der wichtigsten Einflussgrößen für erfolgreiches Lernen hat John Hattie eine positive Lehrer-Schüler-Beziehung ausgemacht. Sie ist auch ausschlaggebend für das Standing eines Lehrers in der Klasse. Spürt ein Schüler, dass die Lehrkraft aufrichtig (Authentizität!) an seinem Lernfortschritt in ihrem Fach interessiert ist, wird er ihre Autorität „leichter anerkennen“: „Dieses Gefühl — ernst genommen zu werden —, ist von fundamentaler Bedeutung“, so Reichenbach.

Gerade Berufsanfänger haben umgekehrt oft das Problem, von den Schülern nicht ernst genommen zu werden. Schüler „wittern“ natürlich die Unsicherheit und testen ihre Grenzen aus. Da fallen dann Sätze wie: „Sie sind ja noch gar kein richtiger Lehrer!“ „Mit solchen oder ähnlichen Sätzen muss man sich auseinandersetzen und dabei möglichst souverän bleiben“, schreibt Catrin Kurtz, Lehrerbloggerin in der Süddeutschen Zeitung. Hat man sich dann „ein dickes Fell“ zugelegt, bekäme man dann „vielleicht auch das größte Lob aus Schülermund zu hören: ‚Man merkt gar nicht, dass sie noch gar kein richtiger Lehrer sind‘“.

Martina Niekrawietz

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