Fach/Thema/Bereich wählen
Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung

Bewegungsförderung als Unterrichtsprinzip

Kinder und Jugendliche, die körperlich bedingt in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, müssen in ihren motorischen und sensorischen Fähigkeiten gefördert werden. Und das auch während des Unterrichts, um sie durch gezielte Aktivierung beim Lernen zu unterstützen.

Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung: Bewegungsförderung als Unterrichtsprinzip Bewegung hilft allen Schülern, sich besser zu konzentrieren und sorgt für eine gute Lernatmosphäre © highwaystarz - Fotolia.com

Beim Stichwort Körperbehinderung fällt uns meist ganz automatisch ein Kind im Rollstuhl ein. Doch der Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung weist eine hohe Vielfalt unterschiedlichster Ausprägungen an Bewegungseinschränkungen auf. Neben körperlichen Behinderungen durch ICP, Spina Bifida oder Querschnittslähmung finden wir progressive Muskelerkrankungen, Wachstumsstörungen oder Organmissbildungen. Auch Syndrome oder psychische Auffälligkeiten können zu Bewegungseinschränkungen führen. Wir begegnen Schülern mit stark erhöhtem oder sehr niedrigem Muskeltonus, mit Lähmungserscheinungen oder pathologischen Bewegungsmustern, die eventuell im Lauf der Zeit zu immer stärkeren Kontrakturen oder Fehlstellungen geführt haben. Wir treffen auf Schüler mit erhöhter motorischer Unruhe oder verändertem Körperempfinden.

Konstitutionell bedingter Bewegungsmangel reduziert Lernbereitschaft

Der Assistenzbedarf dieser Schüler steht in einem direkten Zusammenhang mit dem Bewegungsmangel, den sie aufgrund ihrer Konstitution aufweisen. So erwächst ein regelrechter Teufelskreis aus dem fixierten Sitzen in Rollstuhl oder Sitzschale, das oft mit einer eingeschränkten Atmung und damit höherer Infektanfälligkeit einhergeht. Denn die Lernbereitschaft wird durch diese Ausgangssituation reduziert. Es entsteht insgesamt wenig Antrieb, da die kinästhetische Rückmeldung nur wenig Input bekommt. Daraus resultierende Verspannungsschmerzen und Kontrakturen führen zu immer stärkerer Hypotonie bzw. Hypertonie, sodass sich hier wieder der Kreis zu fixiertem Sitzen schließt und der Teufelskreis von neuem beginnt.

Maßnahmen zur Bewegungserleichterung

Aus dem Kreislauf der Inaktivität kann Bewegungsförderung helfen. Diese soll immer wieder als Unterrichtsprinzip in das Alltagsgeschehen eingebaut werden. Als Lehrkraft können wir damit konsequent und mit wenig Aufwand Bewegungsmangel vorbeugen bzw. Aktivität fördern.

Auch Maßnahmen zur Bewegungserleichterung helfen hier bereits sehr viel, zum Beispiel bei Schülern mit intensiverem Förderbedarf. Bewegungserleichternde Lagerung kann durch entsprechende Therapeuten im interdisziplinären Team individuell angeleitet werden. Die richtige Lagerung beeinflusst unterschiedliche Schwerpunkte der Bewegungserleichterung, zum Beispiel Entspannung und Aktivierung, Lungenbelüftung, Knochenbelastung und Kontrakturprophylaxe. Da diese Maßnahmen stark individualisiert angeboten werden müssen, sollten sie unbedingt mit dem therapeutischen Fachdienst abgesprochen werden. Die Lagerungsmaßnahmen können dann jederzeit sinnvoll im Unterricht einen Platz finden.

Motorische und sensorische Fähigkeiten fördern

Bewegungsförderung im Unterricht will motorische und sensorische Fähigkeiten fördern, damit der Schüler eine eigenaktive und zielgerichtete Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und der Umwelt erlebt. Der eigene Körper wird mit seinen Beeinträchtigungen und vor allem Möglichkeiten erfahren. Neue Bewegungsmöglichkeiten werden erprobt und initiiert, entsprechende Hilfen angeboten.

Literaturtipp zum Thema:

Renate Holtz: Therapie- und Alltagshilfen für zerebralparetische Kinder. München 1997

Helmut Köckenberger: Die „Chefstunde“ — Lesen, Schreiben, Rechnen lernen mit dem ganzen Körper. Dortmund 1997, 2. Auflage

Eine grundsätzliche körperliche Behinderung soll nicht durch mangelnde Bewegungsmöglichkeiten noch verschärft werden. Die Bewegungsförderung kann an unterrichtliche Inhalte angebunden werden. Besonders bei Formen des offenen Unterrichts wie Lerntheke, Stationenarbeit oder Freiarbeit können Bewegungsaufgaben als Teil der Arbeitsaufgabe methodisch eingearbeitet werden.

Beispiele für Bewegungsförderung

Bewegungsförderung in Verbindung mit unterrichtlichen Inhalten kann folgendermaßen aussehen:
Um Körperbewusstsein zu sensibilisieren:

  • Sandsäckchen: Schüler liegt auf dem Bauch. Es werden Sandsäckchen auf die verschiedenen Körperteile gelegt, die der Schüler benennen soll. Der Schüler soll spüren, wie viele Säckchen auf ihm liegen, weggenommen werden usw.
  • Fliesentanz: Jeder Schüler erhält eine Teppichfliese und soll ein oder mehrere vorher bestimmte Körperteile beim Stoppen der eingespielten Musik auf die Fliese bringen, z. B. Knie und Ellenbogen, Stirn und rechte Hand usw.
  • Marionette: Gliederpuppe/Körpermodell wird an den Gelenken in eine bestimmte Haltung/Körperstellung gebracht. Der Schüler versucht, diese am Boden liegend mit dem eigenen Körper genau nachzubilden.
  • Umrisszeichnung: In Partnerarbeit wird der Körperumriss eines Schülers mit Kreide auf  dem Boden liegend auf ein Plakatpapier kopiert.
  • Fußsalat/Handsalat: Die Unterscheidung von rechts und links wird geübt, indem alle Schüler im Kreis jeweils mit der angesagten Körperseite agieren und beispielsweise alle den rechten Fuß ablegen.

Um die Raumwahrnehmung zu trainieren:

  • Froschspiel: Es liegen in gleichmäßigen Abständen rutschfeste Fliesen im Raum. Die Schüler hüpfen im Vierfüßlerstand nach Anweisung, z. B. zwei nach vorn, eine nach links usw.
  • Rollbrett: Eine Bewegungsrichtungen nach Anweisung ausführen, um einen Parcours zu bewältigen. Der Parcours kann auch nach Lageplan selbst aufgebaut werden.
  • Schattenweg: Die Umrisszeichnungen (s. o.) werden ausgeschnitten und im Raum verteilt aneinandergelegt. Die Schüler müssen sich nun nach dieser Vorgabe selbst im Raum die richtige Lageposition suchen.
  • Bausteine: mit Riesenbausteinen werden Wege, Mauern, Figuren nachgebaut.

Auch in den Fachunterricht, wie zum Beispiel Deutsch und Mathematik, kann man Bewegung als aktivierendes Element einbauen. Auch dazu zwei Beispiele:

  • Verwendung einer motorischen Aufgabe bei allen Rechen- oder Leseaufgaben: Der Schüler liest die Aufgabe. Er muss zunächst die motorische Aufgabe lösen, um z. B. Materialien zu holen. Danach löst er dann die Aufgabe und räumt die Materialien wieder zurück. Es können Langbank, Rollbrett, Slalomparcours etc. angeboten werden.
  • Sprossenwand: Die Schüler arbeiten im Laufdiktat und holen nacheinander Wörter oder Satzteile von der oberen Sprosse herunter.

Mit Kontinuität kann eine systematische Bewegungsförderung im Sinne eines Unterrichtsprinzips relativ leicht in den Unterrichtsalltag eingebaut werden. Als Lehrkraft sollte man dann entsprechende Zeiten einplanen. Der etwas höhere Zeiteinsatz für motorische Aufgaben wird neben den genannten Vorteilen auch mit höherer Lernfreude und Motivation belohnt.

Claudia Omonsky

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Diagnostik und Förderung
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×