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Eigentlich kann ich das — das Dilemma der LRS-Schüler

LRS-Schüler stehen manchmal vor einem Dilemma: Sie haben fleißig gelernt, Regeln angewandt und doch ist wieder ganz viel falsch. Hier lohnt es sich zu erforschen, wie die (Denk-)Fehler entstanden sind. Denn so kann man wirklich individuell helfen und fördern.

LRS: Eigentlich kann ich das — das Dilemma der LRS-Schüler Da kann man sich schon mal die Haare raufen: So viele Fehler, obwohl doch an alles gedacht! © pictworks - Fotolia.com

Immer wieder stehen Lehrkräfte aller Fächer verwundert vor der Frage: Was hat der „Künstler“ sich dabei gedacht? — Es ist nicht unbedingt so, dass ein LRS-Schüler absichtlich scheinbar absurde Dinge tut. Im Allgemeinen denkt er sich etwas dabei, wenn auch nicht unbedingt das, was andere erwarten. Wer das durchschaut, wer eine andere Denk- und Herangehensweise erkennt, kann diesen Schülern manchmal mit kleinen Tipps viel helfen. Die folgenden Beispiele zeigen einige typische „Denkarten“.

Immer wieder macht die Großschreibung der Nomen Probleme. Fragt man LRS-Schüler nach den Regeln, können Antworten wie diese einige Fehler erklären: „Nomen werden großgeschrieben“. „Nomen sind Wörter, vor denen man der, die oder das sagen kann.“ „Nomen beschreiben Dinge, die es gibt“ „Es gibt aber auch Ausnahmen. Zum Beispiel  ‘der Gedanke’. Da kann man zwar ‘der’ davor sagen, aber den Gedanken gibt es ja gar nicht, den denkt man ja nur. Deshalb schreibt man ‘gedanke’ klein.“ An dieser Stelle wurde einfach zu viel nachgedacht.

Zu viel gedacht bei der Regelanwendung

Hier wiederum wurden die Anweisungen des Lehrers zu strikt befolgt: Der Große Hund lief hinter dem kleinen jungen her, der Sich wegen des regens Grüne Stiefel Anziehen wollte. Um wirklich alles richtig zu machen, also jedes Nomen großzuschreiben, wurde Wort für Wort nur ein Kriterium geprüft, nämlich ob „der“, „die“ oder “das“ vor dem Wort stehen könnte. Das Ergebnis ist unter diesem Gesichtspunkt richtig, entspricht aber überhaupt nicht dem, was vom Lehrer, der diese Regel eingeführt hatte, erwartet wurde.

  • Großschreibung: Alle Wörter, vor denen man „der“, „die“ oder „das“ sagen kann: der Große, der Hund, der Sich (steht da), der Grüne, der Stiefel, das Anziehen
  • Kleinschreibung: Alle Wörter, vor denen man nicht „der“, „die“ oder „das“ sagen kann: der/die/das Jungen (wenn man sich nur einen vorstellt) und der/die/das Regens?

„Ja, was denn jetzt?“, war die verzweifelte Reaktion des 6.-Klässlers, der absolut konsequent die Regeln angewendet hat. Sechs Fehler oder ein Missverständnis?

Falsche Assoziationen und ungenaues Lesen

Auch falsche Assoziationen und ungenaues Lesen bringen LRS-Schüler dazu, Aufgaben nicht oder fehlerhaft zu lösen, obwohl sie gut gelernt haben. Das betrifft alle Fächer, wie hier anhand einer Aufgabe aus einer Englischarbeit deutlich wird.

Die Aufgabe lautete: Say what you used to do when you were in Form 3. Use: play, swim, meet friends, read books, write letters, go skiing. — Die leider falsche Lösung: played, swum, met friends, read books, written letters, gone skiing.

Thema waren die unregelmäßigen Verben (je 3 Formen), der Schüler hat sie fleißig gelernt. Bei der Klassenarbeit sieht er die Aufgabe und denkt: „Das kann ich! 3. Form von den Verben oben“. Schnell ist er fertig und freut sich – bestimmt eine 1. Und doch: Note 6, Kommentar nicht nett. Was ist passiert? Der Schüler hat die Aufgabe nicht sinnerfassend gelesen, sondern sich anhand einzelner Wörter und dessen, was er erwartete, eine Arbeitsanweisung erdacht. Diese hat er perfekt gelöst, es war nur leider nicht das, was gefordert wurde.

Auch dieser Test birgt für LRS-Schüler einige „Fallen“. Tatsächlich geht es gar nicht darum, zu testen, ob jemand das Abc beherrscht, sondern zu erkennen, wie die Aufgabe bearbeitet wird:

Wer nur ungenau bzw. unvollständig liest, erhält als Lösungswort REIVALK. Das passiert natürlich auch Schülern ohne LRS. Wer aber Schwierigkeiten beim sinnerfassenden Lesen hat, neigt eher dazu, die Fragestellung nach der eigenen Logik zu erdenken. Hier wird ein Lösungswort gesucht. Das erhält man normalerwiese durch das Aneinanderreihen der gefundenen Buchstaben. Nur wer sich über das unsinnige Wort wundert und genauer liest, erkennt, dass von unten nach oben gelesen werden sollte (KLAVIER).

Bei dieser Aufgabe kommt gelegentlich noch das Problem „zu viel gedacht“ hinzu: „Ich dachte der Nachfolger ist der Buchstabe, nach dem der Buchstabe folgt, der hier aufgeschrieben ist.“ Q folgt nach P. Entsprechend wäre der Vorgänger der Buchstabe, vor dem der aufgeschriebene Buchstabe steht. F steht vor G. Mit dieser Interpretation lautet die Lösung:  PGGXCJI bzw. (wenn das Wort von oben nach unten gelesen wird) IJCXGGP.

Das Abc können eigentlich alle — das merkt man nur nicht. Und viele würden daher bei diesem Test eine 6 bekommen.

Diese Beispiele zeigen, dass LRS-Schüler nicht immer alles falsch machen oder keine Ahnung haben. Manchmal kann man allerdings wirklich kaum erkennen, was „der Künstler“ sich dabei gedacht hat. Frustrierend ist es aber für den Schüler, der weiß, dass er es kann, dass er gelernt hat — und wieder eine 5 oder 6 bekommt. Das entmutigt. „Wozu soll ich so viel Zeit mit Lernen verbringen, wenn das Ergebnis doch wieder schlecht ist?“ — Und genau hier benötigen wir Lehrer, die zum Weitermachen motivieren und sich die Mühe machen, den Ursachen auf den Grund zu gehen, um daraufhin nach geeigneten Hilfen suchen.

Uta Livonius

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