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Leistungsheterogene Lerngruppen

Jeder Schüler lernt in seinem Tempo und nach seinen Fähigkeiten

Leistungsheterogene Lerngruppen erschweren eine differenzierte individuelle Förderung. Eine detaillierte Unterrichtsplanung kombiniert mit individuellen Lernphasen ermöglicht ein Lernen im eigenen Tempo und den Fähigkeiten entsprechend.

Leistungsheterogene Lerngruppen: Jeder Schüler lernt in seinem Tempo und nach seinen Fähigkeiten Manche Kinder benötigen intensivere Unterstützung durch den Lehrer, um die Aufgaben zu bewältigen © Claudia Paulussen - Fotolia.com

Die Idealvorstellung wäre es, jedes Kind da abzuholen, wo es gerade leistungsmäßig steht und es entsprechend individuell zu fördern. Mangels Personal und bei häufig viel zu großen Klassen funktioniert dies leider nur bedingt. Trotzdem kann ein Schritt in diese Richtung auch mit einer großen Klasse gewagt werden, sodass jeder Schüler in seinem Tempo und nach seinem Können arbeiten kann.

Es gibt immer mehr Unterrichtswerke, die selbsterklärend sind, deren Seiten nicht überfrachtet sind. Leistungsstarke Kinder können sich hier den Unterrichtsstoff selbst aneignen und mit meist nur wenigen Nachfragen selbstständig weiter- und vorarbeiten. Leistungsschwache Kinder dagegen benötigen mehr Zeit, um Unterrichtsinhalte zu verinnerlichen. Diese Zeit sollten sie gerade in aufeinander aufbauenden Unterrichtsfächern wie Mathematik bekommen. Ein gleichschrittiges Vorgehen sollte hier zugunsten des individuellen Lerntempos der Kinder aufgegeben werden.

Voraussetzung: genaue Stoffverteilungspläne

Um Individualisierung der Lernprozesse zu verwirklichen, bietet sich folgendes Vorgehen je nach Lerntyp der Kinder an: Die Unterrichtsinhalte der Jahrgangsstufe werden im Sinne einer Stoffverteilung zu Beginn des Schuljahres in einem Raster auf die zur Verfügung stehenden Wochen verteilt. Diese Verteilung bietet eine Richtlinie, die immer wieder an die Klasse angepasst werden kann.

Anhand dieser Stoffverteilung werden die Unterrichtsinhalte täglich der gesamten Klasse vorgestellt, erklärt und gemeinsam besprochen. Dazu passend erfolgt eine Hausaufgabe. Diese ist je nach Homogenität oder Heterogenität der Schüler für alle gleich oder differenziert. So wird sichergestellt, dass alle Kinder den Unterrichtsstoff erklärt bekommen und eine häusliche Übung dazu absolvieren. Parallel dazu arbeiten die Schüler in ihrem Mathe- oder Deutschheft im eigenen Tempo in der sich anschließenden Einzelarbeitsphase. 

Individuelles Arbeiten — ALLE Kinder im Blick behalten

Konkret bedeutet dies folgende Aufgabe für die Lehrerin, um alle Lerntypen während der Arbeitsphase im Blick zu behalten:

  • Zügig arbeitende und leistungsstarke Kinder: Diese Kinder können alle Lerninhalte verstehen und in ihrem Tempo zügig arbeiten. Sie benötigen in der Regel nur wenige Erklärungen für den Unterrichtsinhalt, der im Plenum noch nicht besprochen wurde und sind dem Plenum voraus. Die Sorge von Lehrern besteht darin, was diese Kinder machen, wenn sie mit den Arbeitsheften vor Schuljahresende fertig sind. Hier bieten sich zusätzliche Knobelaufgaben für Mathematik oder ein zusätzliches Literaturprojekt im Deutschunterricht an, vielleicht können Kinder auch Wünsche abgeben, was sie zur Vorstellung für die Klasse „als Experten“ aufbereiten könnten. Eventuell ist auch ein Weiterarbeiten im Stoff des kommenden Schuljahres sinnvoll, denn fleißig arbeitende Schüler sollte man nicht aufhalten, damit sie sich nicht langweilen und womöglich die Motivation verlieren.
  • Langsam arbeitende und leistungsstarke Kinder: Diese Kinder erfassen den Unterrichtsinhalt ebenfalls sehr schnell, beteiligen sich am Unterrichtsgespräch, doch ihre schriftliche Arbeitsweise ist aufgrund hoher Ablenkbarkeit, geringer Schreibgeschwindigkeit oder durch Konzentrationsprobleme sehr langsam. Hier muss man schauen, ob man ihnen Aufgaben im Arbeitsheft erlässt oder sie immer wieder zur Schnelligkeit antreibt. Außer der zügigen Arbeitsweise sind hier keine weiteren Unterstützungen erforderlich. Ein ruhiger Einzelplatz oder grafomotorische Übungen könnten ebenfalls helfen. Eventuell arbeiten diese Schüler zu Hause mit mehr Ruhe und Zeit, sodass sie  freiwillig auch Arbeitshefte zum Aufholen mit nach Hause nehmen können.
  • Zügig arbeitende und leistungsschwache Kinder: Diese Kinder arbeiten die systematischen Aufgaben, oft mit Hilfsmitteln ab, sind aber noch nicht sicher in den Unterrichtsinhalten. Sie sind zumeist ebenso wie die leistungsstarken Kinder schneller fertig als ihre Klassenkameraden, können aber die Aufgaben nicht selbstständig bearbeiten und haben ständig Nachfragen.

Diese Kinder merken oft selbst, dass sie überfordert sind und nehmen dankbar leichtere „Zwischenaufgaben“ in Form von Zusatzarbeitsblättern zum schnell durchlaufenen Stoff an. Sollte dies nicht der Fall sein, muss man mit ihnen im Gespräch verabreden, dass sie langsamer und sorgfältiger arbeiten. Als Alternative zu weiteren schriftlichen Zusatzarbeitsblättern bietet sich hier auch ein PC-Trainingsprogramm an, um die Unterrichtsinhalte zu festigen.

  • Langsam arbeitende und leistungsschwache Kinder: Diese Kinder benötigen einfach mehr Zeit. Wenn möglich, können diese Schüler zusätzliche Erklärungen und Übungszeit in einer Förderstunde erhalten, um den Unterrichtsstoff nachzubearbeiten und aufzuarbeiten. Auf Dauer muss hier geprüft werden, ob leistungsschwache Schüler den Unterrichtsinhalten und dem Unterrichtsgespräch im Plenum überhaupt folgen können oder ob sie zunächst aus dem neu zu vermittelnden Unterrichtsstoff herausgenommen werden, um ihre gerade bearbeiteten Unterrichtsinhalte in Ruhe festigen zu können.

Sehr schnell entsteht dabei Panik bei Eltern und Lehrer, doch die Erfahrung zeigt, dass Kinder, die genügend Zeit bekommen, später wieder nachziehen und aufholen, wenn sie das System erst einmal verstanden haben. Gleichzeitig bietet sich für diese Kinder immer noch ein Nachteilsausgleich bei Klassenarbeiten in Form von mehr Zeit, Hilfsmaterial etc. an.

Fördermaßnahmen — Ansetzen an Schwachstellen und Stärken

Es ist ratsam, bei leistungsschwachen Kindern den Leistungsstand im Blick zu behalten. Hier ist eine Diagnostik der Schwachstellen erforderlich, um einen Ansatz für Fördermaßnahmen zu entwickeln.
Die folgenden Beispiele für die Fächer Mathematik und Deutsch sollen mögliche Fördermaßnahmen verdeutlichen.

Ist in Mathematik keine Zahlvorstellung vorhanden oder die Kinder rechnen noch zählend, so bietet sich das PC-Programm „Blitzrechnen“ an. Im Unterricht ein Stück zurückzugehen, ist in Mathematik immer bei aufeinander aufbauenden Zahlenräumen erforderlich. So sollten Kinder nicht erst im vierten Schuljahr noch einmal zum Zehnerübergang von Klasse 1 zurückgehen müssen. Viel sinnvoller ist es, diesen Schritt bereits in Klasse 2 zu erwägen und Schüler nicht mit einem weiteren Zahlenraum zu konfrontieren, wenn sie im kleinen Zahlenraum noch nicht sicher sind. (siehe dazu Eckstein, Bertold: Rechnen statt Zählen. Hamburg 2013. Gaidoschik, Michael: Rechenschwäche verstehen — Kinder gezielt fördern. Buxtehude 2007)

Leseförderung im Deutschunterricht sollte früh ansetzen. Schüler, die nicht zusammenziehen, sollten von der Wortebene auf die Silbenebene zurückgeführt werden. Die Silbendarstellung in Büchern  unterstützt hier oft den Prozess des Zusammenziehens. Ein Wortblicktraining für alle Kinder der Klasse zum schnellen und flüssigeren Lesen bietet sich an.  (siehe dazu Hohmann, Karin: Trainingsprogramm zur Steigerung der Lesekompetenz ab 2. Klasse. Hamburg  2014)

Rechtschreibförderung kann es auf verschiedenen Sinneskanälen geben. Lernwörter einzuprägen erfordert eine Auswahl an Möglichkeiten, um die geeignete für jedes Kind zu finden. Visuell orientierte Kinder mit fotografischem Gedächtnis haben hier klare Vorteile, denn sie „fotografieren“ das Aussehen des Wortes in ihr Gedächtnis und können dieses Bild wieder abrufen. Wer kennt nicht die Überlegung ein Wort aufzuschreiben, um zu sehen, ob es richtig geschrieben aussieht? Ein visuelles Training: Stell dir das Wort auf einem blauen Elefanten in grüner Schrift vor, trainiert hier diese Fähigkeit.

Kreative Schreibideen können Kinder erhalten, indem immer wieder Alltagsberichte im Erzählkreis zugelassen und gefördert werden. Das kann besonders leistungsstärkere Schüler motivieren. Kinder beginnen oft mit lustigen Berichten aus ihrem Alltag, in die sie nach und nach auch Einleitung, Höhepunkt und Schluss einbauen können. Hier ist viel Kreativität und auch gemeinsames Berichten für gegenseitige Inspiration gefordert. Auch Bildkarten oder Schreibanfänge können hier zu mehr Kreativität führen.

Leistungsstarke Kinder in Unterricht einbeziehen

Auch leistungsstärkere Schüler darf man keinesfalls aus dem Blick verlieren, will man nicht, dass sie ihre Begeisterung fürs Lernen verlieren. Wie also bekommen Lehrer den Spagat hin, sowohl die schwächeren als auch die stärkeren Schüler einer Klasse parallel zu fördern?

Natürlich kann man sie — wie oben bereits angedeutet — vorarbeiten lassen. Aber dies ist bei schwierigerem Unterrichtsstoff wie beispielsweise den schriftlichen Rechenverfahren oder grammatikalischen Regeln, die einer Anleitung bedürfen, nicht immer sinnvoll.

Leistungsstarke Schüler nehmen in der Regel gern Herausforderungen an. Dazu kann man sie sehr gut in das Unterrichtsgeschehen einbeziehen. Viele leistungsstarke Schüler können bereits betont und flüssig vorlesen. Dies kann für die Vorlesezeit genutzt werden, indem die Schüler ein Lieblingsbuch für die Vorlesezeit vorbereiten und anstelle des Lehrers vorlesen. Auch eigene Geschichten eignen sich zur Erstellung eines persönlichen Geschichtenbuchs und zum Vortragen vor der Klasse.

Nach weiterführenden Knobelaufgaben im Mathematikunterricht lieben es diese Schüler, selbst solche für die Klassenkartei zu erfinden. Eine weitere sinnvolle Aufgabe ist es für leistungsstarke und oft sehr belesene und interessierte Kinder, über ihr Lieblingsthema zu referieren. Vielleicht haben sie sogar bereits PC-Erfahrungen und können dazu im Internet recherchieren oder sogar eine PowerPoint-Präsentation, ein Experiment oder ein Plakat dazu vorbereiten. Hier entstehen oft kreative und sehr begeisternde Produkte.

Natürlich können sie zwischendurch auch als „Experten“ für Klassenkameraden eingesetzt werden, denn oftmals können leistungsschwache Schüler Kindersprache beim Erklären besser verstehen und wer etwas erklären kann, hat auch das gute Gefühl es verstanden zu haben.

Es ist mit den dargestellten und erprobten Maßnahmen durchaus möglich, ALLE Kinder im Blick zu behalten und individuell lernen zu lassen. Mit selbstständig zu erarbeitendem Unterrichtsmaterial und ein bisschen Kreativität, Mut, Geduld und Ruhe ist dies auch für Lehrer ohne langjährige Berufserfahrung leistbar.

Marion Keil

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