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Forschungsergebnisse

Schulschwänzen: steigendes Risiko für Delinquenz und Schulabbruch

Durch notorisches Schulschwänzen geraten Schüler oft auf die schiefe Bahn. Studien zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit für eine kriminelle Karriere bei häufigem Schulschwänzen erheblich steigt. Und auch das Dropout-Risiko wächst enorm.

Forschungsergebnisse: Schulschwänzen: steigendes Risiko für Delinquenz und Schulabbruch Wenn Schüler keinen Bock auf Schule haben, sollten Lehrer und Eltern frühzeitig intervenieren © wernerimages - Fotolia.com

Anfang 2014 sorgte in Australien ein Schock-Video für Aufsehen: Vier Jugendliche sind im VW-Bus auf dem Weg zum Meer. Relaxte Hintergrundmusik, flirtende, lachende Teenager, eine Straßenkarte fliegt aus dem Autofenster, ein Gefühl von Freiheit liegt über der Szene. Dann geht es mit Surfbrett und Strandutensilien durch ein Loch im Zaun über die Dünen und ins Wasser: Ein Pärchen küsst sich, das Mädchen läuft aus dem Wasser, die Kamera hält drauf und plötzlich wird sie von einer lauten Explosion zerfetzt. Offensichtlich befindet sich die Clique auf militärischem Sperrgebiet, auf vermintem Gelände. Alle vier ereilt dasselbe Schicksal. Man sieht entsetzt schreiende Jugendliche, blutbespritzt, abgerissene Gliedmaßen im Sand und schließlich die überraschende „Moral von der Geschichte“: „This is what happens, when you slack off. Stay in school.“

Ein skurriler Plot, denn Schulschwänzen an sich birgt natürlich keine tödliche Gefahr. Es wird jedoch oft totgeschwiegen, wie Prof. Dr. Norbert Grewe im Interview mit der ZEIT („Immer noch ein Tabu“, 11.07.2014) betont: „Absentismus wird immer noch wie ein Tabuthema behandelt. Ein blinder Fleck, der gepflegt wird.“ Es gebe „keine systematische Erfassung von Schwänzerzahlen“, merkwürdigerweise forderten die Kultusministerien „die Zahlen von den Schulen auch gar nicht an“ und bei den Schulen sei die Angst groß, „als Problemschule zu gelten“.

Die Sorge um den guten Ruf einer Schule darf jedoch auf keinen Fall dazu führen, das Problem Schulschwänzen unter den Teppich zu kehren. Denn Schulverweigerung ist oft der Beginn einer fatalen Abwärtsspirale.

Schulschwänzen und Delinquenz

Die Fachliteratur zum Thema Schulabsentismus vertritt „durchgängig“ die Ansicht, dass Schulschwänzen „in einem erheblichen Maße als Vorstufe oder Durchgangsstadium der Kriminalität“ zu verstehen ist, so der Erziehungswissenschaflter Prof. Dr. Heinrich Ricking von der Universität Oldenburg in seinem Vortrag „Phänomene und Formen des Schulabsentismus“ (S. 2)

Studien zeigen außerdem, dass mit der Häufigkeit des unentschuldigten Fehlens im Unterricht auch die Wahrscheinlichkeit für delinquentes Verhalten steigt: Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen ermittelte bei einer repräsentativen Befragung im Jahr 2009, dass bereits das seltene Schwänzen mit erhöhter Delinquenz in Beziehung steht (Baier, Pfeiffer, Simonson, Rabold: „Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt“, S. 79) Bei Mehrfachschwänzern (fünf oder mehr Schultage im vorausgegangenen Halbjahr) war der „Anteil an Gewalttätern (…) fünfmal so hoch“ wie in der Gruppe derjenigen, die nicht geschwänzt hatten. „Mindestens fünfmal so hoch“ war der Anteil unter den Mehrfachschwänzern auch bei Ladendiebstahl und Graffiti-Sprayen. (S. 80).

Prof. em. Dr. Margrit Stamm fand auch schon zwischen Gelegenheits- und massiven Schulschwänzern große Unterschiede: Zwischen 43 und 73 Prozent  der notorischen Schwänzer haben schon Diebstähle begangen, anderen Körperverletzungen zugefügt oder sie mit Gewalt bedroht, waren bei Sachbeschädigungen beteiligt oder haben Unterschriften oder Zeugnisse gefälscht. Bei den Gelegenheitsschwänzern waren es hingegen „nur zwischen 5 % und 38 %“. (Stamm: „Zu cool für die Schule?“, S. 23)

Offenbar gibt es auch eine Gruppe von notorischen Schwänzern, die nicht delinquent wird: Unterforderte Schüler zeigten „kaum“ nennenswerte Verhaltensprobleme, so Margrit Stamm (Link s. o., S. 80).

Steigendes Dropout-Risiko

Dass die Mehrzahl der Massivschwänzer in der Schule nicht mitkommt, liegt auf der Hand: „Im Vergleich zu Gelegenheitsschwänzern haben sie deutlich schlechtere Schulleistungen und sind fast doppelt so oft sitzengeblieben“, ermittelte Margrit Stamm. (ebd.) Damit wächst natürlich auch die Gefahr einer gänzlichen Entkoppelung von der Schule: „Schulabsentismus ist als zentraler Prädiktor für Dropout evident“, warnt Heinrich Ricking (Link s. o., S. 8), ein „beträchtlicher Anteil der Schüler mit hohen Fehlquoten erwirbt den Schulabschluss nicht, verlässt die Schule vorzeitig und weist sehr viel schlechtere Integrationschancen für das Berufsleben auf.“

Schulschwänzen kann Leben zerstören — diese Aussage erscheint angesichts der verheerenden möglichen Folgen nicht übertrieben. Anders als im eingangs beschriebenen australischen Video (übrigens nur ein Hoax des Comedy-Duos Henry Inglis and Aaron McCann und also nicht ernst gemeint) verläuft der Weg von schulaversivem Verhalten über massives Schulschwänzen zu Schulabbruch und krimineller Karriere  über viele Jahre langsam nach unten.

Schülern auf diesem Weg sind Erfahrungen mit Lehrern zu wünschen, wie sie der Schriftsteller Daniel Pennac in seinem Roman „Schulkummer“ schildert: „Die Lehrer, die mich gerettet haben (…) verschwendeten keine Zeit damit, mir Moralpredigten zu halten. Sie waren Erwachsene und standen vor Jugendlichen, die unterzugehen drohten. Sie sagten sich, dass Not am Mann war. Und sprangen. Und kriegten mich nicht zu fassen. Und tauchten wieder nach mir, Tag für Tag, wieder und wieder ... Und zuletzt zogen sie mich heraus. Mich und noch viele andere. Sie haben uns buchstäblich vor dem Ertrinken gerettet. Wir verdanken ihnen unser Leben.“ (Zitiert nach: Dr. Thorsten Bührmann: „Herausforderung Schulverweigerung“, Präsentation, Folie 8)

Martina Niekrawietz

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