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Schulischer Dropout

Vorbeugen ist besser als strafen!

47 600 Jugendliche verlassen die Schule ohne Hauptschulabschluss, vermeldet der aktuelle Bildungsbericht 2014. Das sind zwar 2,1 Prozent weniger als noch 2006, aber immer noch viel zu viel. Mit Blick auf die Risikofaktoren für schulischen Dropout wird evident, dass Prävention und Intervention frühzeitig und auf mehreren Ebenen angreifen muss.

Schulischer Dropout: Vorbeugen ist besser als strafen! Schulen können Dropout durch individualisierten Unterricht verhindern, der die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Schüler berücksichtigt © Robert Kneschke - Fotolia.com

David hat heute einen Termin beim Jugendamt, „weil er den Hauptschulabschluss zum zweiten Mal nicht schaffen wird“, so beginnt die NDR-Reportage „Der Schulverweigerer — Jugendliche im Abseits“ . Der 16-Jährige wohnt in einem Hamburger Viertel mit vielen schulmüden Jugendlichen, der Vater kümmert sich, wie David erzählt, „kein Stück“ um den Jungen, seine Mutter ist alleinerziehend und Hartz-IV-Empfängerin.

David bekommt noch eine Chance, als er bei einer Produktionsfirma anfangen kann, wo er auch seinen Hauptschulabschluss erwerben könnte: ein Café, in dem er in der Küche oder am Tresen arbeiten soll und nebenbei unterrichtet wird. Hier soll er sich, zusammen mit 35 anderen jugendlichen Schulabbrechern, „erst mal an feste Strukturen und Arbeitszeiten gewöhnen“ und kann dann innerhalb eines Jahres die Schule fertig machen. David startet mit guten Vorsätzen, doch schon bald hat er auch diese Schule „geschmissen“.

Nach den Sommerferien wird er noch einen Anlauf nehmen: diesmal in einer Handelsschule mit einer speziellen Klasse für Jugendliche ohne Hauptschulabschluss oder Lehrstelle. „Duale Ausbildungsvorbereitung“ nennt sich das Modell, bei dem Unterricht und betriebliche Praktika im Wechsel stattfinden. David, der sich gut ausdrücken kann und auch immer wieder gute Gründe findet, warum es bisher mit dem Schulabschluss noch nicht geklappt hat, will diesmal zeigen, dass er das auch wirklich kann „und nicht nur gelabert hat“.

Schulabgänger ohne Hauptschulanschluss: aktuelle Zahlen

Wie wären Davids Chancen auf dem Arbeitsmarkt ohne Hauptschulabschluss? Statistisch gesehen schlecht, wie aus dem aktuellen Bildungsbericht 2014 hervorgeht: nur etwa 25 Prozent der Jugendlichen ohne Abschluss gelingt der „Übergang in eine berufliche Ausbildung“, heißt es da (S. 92).

Die gute Nachricht: Über die letzten Jahre gesehen verlassen immer weniger Jugendliche die Schule ohne Hauptschulabschluss (HA): Waren es 2006 noch 76 200, sank ihre Zahl 2012 beträchtlich auf nunmehr 47 600. „Unter Berücksichtigung der rückläufigen demografischen Entwicklung entspricht dies einer Reduzierung der Abgängerquote von 8,0 auf 5,9 %“, so die Autoren des Bildungsberichts 2014. (S. 91) Am deutlichsten sank in diesem Zeitraum übrigens der Anteil in Hamburg — um 4,6 Prozentpunkte, während in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern weiterhin mehr als jeder zehnte Jugendliche ohne Abschluss von der Schule abgeht. Während 73 Prozent die Förderschule ohne HA verlassen, sind es nur 8 Prozent der Hauptschüler. Schüler mit Migrationshintergrund tragen ein besonders hohes Risiko: Im Vergleich zu deutschen Jugendlichen gehen ausländische „2,1-mal so häufig ohne Hauptschulabschluss ab“. (S. 92)

Weitere Hinweise:

Eine umfangreiche Material- und Informationssammlung zum Thema Schulabbruch findet sich auf der Website des Österreichischen Bundesministeriums für Bildung und Frauen.

Joschka Fischer, Johnny Depp, Iris Berben — viele prominente Schulabbrecher haben es trotzdem zu etwas gebracht.

Das Nachholen von Abschlüssen ist — wie es sich auch in Davids Fall schon andeutet – mit erheblichem Zeitaufwand verbunden. Zudem sind „Abgänger ohne Hauptschulabschluss bereits beim Verlassen der Schule mit durchschnittlich 17 Jahren relativ alt“, betonen die Autoren des Bildungsberichts (S. 94). Diejenigen, die erst an beruflichen Schulen den Hauptschulabschluss erreichen, sind durchschnittlich 19 Jahre. – Würde David diesmal seinen Abschluss schaffen, läge er also noch deutlich unter dem statistischen Mittel.

Risikofaktoren für Dropout

Sind Schulabbrecher selbst verantwortlich für ihre Misere? Sicherlich nicht allein: Die Gründe für Dropout verteilen sich vielmehr auf die Ebenen Individuum, Familie und Schule. Thomas Hennemann, Tobias Hagen und Clemens Hillenbrand trugen 2010 die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Dropout-Forschung zusammen.

In einer Übersicht (S. 34) kennzeichnen sie die empirisch abgesicherten Risikofaktoren: Bei jeweils zwei oder mehr Studien kristallisierten sich auf der Ebene Familie „ein niedriger sozio-ökonomischer Status, „eine geringe Erwartungshaltung der Eltern“, „wenig Kontakt zur Schule“ und „Mangel an Kommunikation über die Schule“ heraus. Auf Ebene des Individuums erhöhen „schlechte Schulleistungen“, „häufige Klassenwiederholungen“ und „hohe Fehlzeiten“ bereits ab der Grundschule das Risiko für Dropout. Bei Schülern der Sekundarstufe kommen noch die Gefährdungsmomente „geringe Bildungserwartung“, „risikobehaftetes Sozialverhalten“ und „Hoch-Risiko-Peer-Gruppe“ hinzu.

Auch auf Schulebene gibt es Konstellationen, die ein Dropout-Szenario wahrscheinlicher machen: ein schlechtes Schulklima etwa, ein geringer Personalschlüssel oder wenig Unterstützung durch die Lehrkräfte. Hierzu gibt es jedoch noch keine ausreichend gesicherten Erkenntnisse.

Die Zusammenschau der Forschungsergebnisse von Hennemann et al. erschien 2010. Ein Jahr später schloss die Schweizer Bildungsforscherin Prof. Dr. Margrit Stamm eine mehrjährige Studie mit 3700 Schülern ab und fand heraus: „Klassenwiederholung, abweichendes Verhalten und Schulschwänzen sind die wichtigsten Prädiktoren für Schulabbruch.“ (M. Stamm: „Wer bricht hier was ab?“, Präsentation zum Vortrag am 28.02.2013 in Innsbruck).

Prävention und Intervention auf allen Ebenen

Da die Einflussfaktoren komplex zusammenwirken und auch die Einzelfälle sehr unterschiedlich gelagert sind, sollten auch präventive Maßnahmen „sowohl Schule und Familie wie auch das Individuum berücksichtigen“, empfehlen Hennemann, Hagen und Hillenbrand (Link s. o., S. 35). Auch Margrit Stamm betont, „dass es äusserst [Schweizer Orthografie] unterschiedliche Ausstiege, Abgänge, Verläufe und Wiedereinstiege gibt.“ Diese Heterogenität müsse sich in Präventions- und Interventionskonzepten spiegeln. In ihrem Dossier „Zu cool für die Schule?“ stellt sie ihr Konzept STOP DROP vor, das „Empfehlungen zur Reduktion potenziellen Schulausstiegsverhaltens anhand eines Sets an Strategien“ liefert (S. 41).

Wie das Programm STOP DROP Schule verändert

STOP-DROP gibt konkrete Handlungsanleitungen für Lehrkräfte und Bildungsverantwortliche, die ohne externe Beratung direkt in Angriff genommen werden können. Das Konzept ruht auf vier „Säulen“:

  1. Diagnostik von Schuldistanzierung: Systeme einrichten, um potenzielle Schulaussteiger zu erfassen und diese Daten auch regelmäßig zu erfassen und zu analysieren, darin sieht Margrit Stamm eine „Grundbedingung, um geeignete Präventions- und Interventionsstrategien lancieren zu können“.
  2. Individualförderung: Präsenz und Engagement der Schülerinnen und Schüler für die Schule“ – das ist nach Stamm das „Herzstück der Prävention von Schuldistanz“. (ebd.) Es geht dabei nicht so sehr um körperliche Präsenz, sondern darum, möglichst alle Schüler „durch Beziehungs-, Schul- und Lernangebote“ aktiv einzubinden und „ihnen die Schule positiv und inklusiv erlebbar zu machen“. Eine „erwachsene Mentorenperson“, mit ähnlichem sozialem Hintergrund und angemessener Ausbildung sollte die betroffenen Jugendlichen betreuen. Im Mittelpunkt der gemeinsamen Arbeit stehen „Trainingsprogramme mit Verhaltensmodifikationstechniken“.
  3. Veränderungen in der schulischen Umgebung: Stamm empfiehlt, ein „sozial-integratives Schul- und Klassenklima“ aufzubauen, das sich durch „verlässlich eingehaltene Regeln, durch gemeinsam geteilte Verantwortung“ und durch „Gerechtigkeit und Fürsorge der Lehrkräfte“ auszeichnet. Wichtig: Eine gelingende schulische Prävention schließt auch die „Zusammenarbeit mit Eltern, Gemeinden und weiteren Einrichtungen“ (ebd.) ein. Durch diesen Aufbau von Netzwerken können die Schulen auch außerschulische Kompetenzen nutzen.
  4. Vorschulische Förderung: Vorschulkinder, die „Interessen, Neugier und Beharrlichkeit“ und entsprechende soziale Fähigkeiten nicht entwickeln konnten, zeigten in Studien eine verstärkte Schuldistanzierung. Deshalb empfiehlt Margrit Stamm, frühpädagogische Förder- und Integrationsangebote zu intensivieren, um diese Kinder nicht zu verlieren. (ebd.)

Schulen können Dropout verhindern, aber auch fördern

Ob eine Schule groß ist oder klein, ob sie in einem sozialen Brennpunkt liegt oder nicht, ob die Schüler gute oder schlechte Leistungsvoraussetzungen mitbringen — das alles spielt laut Stamm „keine Rolle“. Wichtig ist allein, dass die Schule ihr „soziales Kapital“ bewusst einsetzt und pflegt. (ebd., S. 42) Stamm definiert — entsprechend ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse — Charakteristika einer solchen protektiven Schule mit Haltekraft:

  • Kooperation aller Schulangehörigen, Teilhabe und gegenseitige Fürsorglichkeit;
  • Lehrkräfte, die Vorbild sind, und zugleich hohe Erwartungen an das Lernen und Verhalten ihrer Schüler haben und ihren Schülern signalisieren, dass deren Präsenz wichtig ist und sofort auf Schulversäumnisse reagieren;
  • ein individualisierter Unterricht, der die unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Schüler berücksichtigt.

Als kontraproduktiv und dropout-förderlich haben sich hingegen erwiesen:

  • passive Schulen, die mangelnde Schulpräsenz oder andere Rückzugsprozesse ignorieren und nicht sanktionieren und die Verantwortung damit auf die Jugendlichen oder ihre Familie übertragen;
  • repressive Schulen, die Lernende durch harsche Strafen, Bloßstellen oder Abstempeln entmutigen, sie zu einer Distanzierung zwingen und schließlich ausschließen (Schulverweis);
  • aktivistische Schulen, die sich nicht wirklich mit dem Problem auseinandersetzen, sondern sofort „externe Unterstützungsprogramme, Spezialunterricht, Umplatzierungen oder Time-out-Lösungen“ organisieren. (Bruno Grossen, Zusammenfassung der Ergebnisse einer mehrjährigen Studie der Uni Fribourg zum Thema Dropout, S. 15)

Aktiv gegen Dropout: Hilfen zur Umsetzung

Im Idealfall setzen sich nicht nur einzelne Lehrkräfte für die „Dropouts“ ein, sondern alle Schulangehörigen ziehen an einem Strang. Um die dafür nötigen strukturellen Veränderungen zu initiieren, könnte sich innerhalb der Lehrerschaft ein kleines „Team Dropout“ zusammenfinden.

Hilfreich für die praktische Umsetzung geeigneter Maßnahmen sind dann die konkreten Handlungsempfehlungen zur erfolgreichen Prävention von „Schulabsentismus und Schulabbruch — Aufbruch zu einer neuen Schulkultur“, die Erziehungswissenschaftler der Universität Wien erarbeitet haben.

Am Anfang steht eine gemeinsame Bestandsaufnahme: „Was machen wir bereits und was muss sich ändern?“ Eine mehrseitige Checkliste (S. 11) zeigt sofort, in welchen Bereichen sinnvollerweise angesetzt werden sollte. Besonders „alltagstauglich“ ist die Handreichung, weil nicht — wie etwa bei einem Programm — eine bestimmte Abfolge obligatorischer Schritte einzuhalten ist, sondern einzelne Empfehlungen in beliebiger Reihenfolge in Angriff genommen werden können.

Martina Niekrawietz

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