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Legasthenie und Dyskalkulie

Wie eine Gesamtschule teilleistungsschwache Schüler fördert

Die Bertolt-Brecht-Gesamtschule geht einen vorbildlichen Weg: Eltern und Lehrer haben gemeinsam ein Programm zur Förderung von Schülern entwickelt, die unter Legasthenie und Dyskalkulie leiden. Dafür hat die Schule den ersten Preis beim bundesweiten Wettbewerb „Legastheniefreundliche Schule“ gewonnen.

Legasthenie und Dyskalkulie: Wie eine Gesamtschule teilleistungsschwache Schüler fördert Bei schwierigen Aufgabenstellungen sollten Lehrkräfte bei den betreffenden Schülern unterstützend eingreifen © Zlatan Durakovic - Fotolia.com

Wenn ein Kind kurzsichtig ist, bekommt es eine Brille, ganz klar. Was aber bekommt ein Kind mit angeborener Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) oder Dyskalkulie? Oft nicht mehr als schlechte Noten, die Schulfrust und geringes Selbstbewusstsein verursachen. Ein Nachteilsausgleich ist in vielen Bundesländern nur für Kinder mit LRS vorgesehen.

Und wie kann so ein Ausgleich überhaupt aussehen? Wie fördert man die Schüler und wie sieht eine gerechte Benotung aus? Diese Fragen beschäftigen seit 10 Jahren die Eltern der Bertolt-Brecht-Gesamtschule, einer Schule mit 1400 Schülern in Bonn. Sie haben damals den „Arbeitskreis Teilleistungsschwäche“ gegründet, Fortbildungen besucht, Informationsabende und Workshops veranstaltet und es gemeinsam mit den Lehrern geschafft, dieses Thema an der Schule zu etablieren. „Wir geben den Kindern ein Stück Normalität und vermitteln ihnen das Gefühl, dass sie mit ihrem Problem nicht allein dastehen“, sagt Abteilungsleiter Carsten Kroppach.

Eine Diagnose ist oft schwierig

In der Grundschule fällt es oft gar nicht auf, dass ein Kind nicht rechnen kann. Es kann zählen und auswendig lernen, das reicht allemal für das kleine Einmaleins und die ersten Schuljahre. Außerdem gibt es sich große Mühe, damit keiner etwas merkt. Dass es keine Vorstellung von Mengen hat, dass ihm Zahlen nichts sagen, merken nicht selten erst die Lehrer an den weiterführenden Schulen.

Links zum Thema:

Kontakt zum „Arbeitskreis Teilleistungsschwäche“ der Bertolt-Brecht-Gesamtschule hier.

Grundlage der erfolgreichen Arbeit der Schule sind zwei Leitfäden zum Umgang mit teilleistungsschwachen bzw. rechenschwachen Schülern:

Der Leitfaden zum schulischen Umgang mit teilleistungsschwachen Kindern

Der Leitfaden zum Umgang mit rechenschwachen Schülerinnen und Schülern

Genauso im Fach Deutsch. An der Bertolt-Brecht-Schule wird zu Beginn der 5. Klasse mithilfe des Duisburger Sprachtests geprüft, welchen Stand die Schüler haben, nach der 6. Klasse wird der Test noch einmal wiederholt. Können sie lesen, schreiben, einen Text verstehen? Wie steht es mit der Rechtschreibung? Kinder, die bei diesem Test auffallen, erhalten ein individuelles Förderprogramm. Hierbei arbeitet die Schule mit dem Lernserver der Universität Münster zusammen, der passgenaue Lösungen für die Schüler findet. Für manche Schüler reicht es, eine Förderstunde in der Schule zu bekommen, andere benötigen private Maßnahmen und Therapien.

Gerade bei der Dyskalkulie hat sich gezeigt, dass man zu den Anfängen des Lernprozesses zurückgehen muss, um den Kindern zunächst einen Zahlenbegriff zu vermitteln. Wenn die erste Stufe – vom Konkreten zum Symbol – zu schnell überschritten wurde und ein Schüler mit dem abstrakten Symbol der Zahl gar nichts verbindet, muss hier wieder angesetzt werden. Erst dann kann dieser Schüler auch den aktuellen Themen des Mathematikunterrichts folgen.

Der Schlüssel zum Erfolg

In seiner langjährigen Tätigkeit hat der „Arbeitskreis Teilleistungsschwäche“ zwei Leitfäden erarbeitet (siehe Link-Kasten), die jeder Lehrer der Schule kennt und anerkennt. Er weiß, welche Schüler in seinen Klassen betroffen sind und wie er mit dem Problem umgehen muss. Von einfachen organisatorischen Maßnahmen (Sitzposition in den ersten Reihen, große Schriftarten, ausreichend Zeit zum Abschreiben) reichen die Tipps und Regeln bis hin zum Verhalten des Lehrers (konzentriertes Zuhören, wiederholtes Erklären, Vorlesen nur mit Einverständnis des Kindes). Die Präsentation von Lerninhalten sollte möglichst nicht schriftlastig erfolgen, alles muss klar strukturiert dargestellt werden, statt einer allgemeinen Ansprache ist der Lehrer angehalten, bei Arbeitsanweisungen den einzelnen Schüler persönlich anzusprechen und ausreichend Verständniskontrollen durchzuführen.  

Auch die Leistungsbewertung soll die Schwächen der Kinder berücksichtigen. Eine Klassenarbeit im Fach Mathematik gliedert sich zum Beispiel in einen Basisteil, der von allen bearbeitet werden kann und muss, und einen zusätzlichen Teil mit schwierigeren Aufgaben. Beide werden einzeln bewertet. Im Fremdsprachenunterricht findet die falsche Rechtschreibung einer Vokabel keine Berücksichtigung,  sondern nur, ob sie gewusst wurde oder nicht. Insgesamt gilt, dass die Leistungsbewertung auch Lernfortschritte, also Anstrengungsbereitschaft und Fleiß, berücksichtigt.

Den Verfassern der Leitfäden war es dabei wichtig, die Selbstverantwortlichkeit des Lehrers zu betonen. Ihr Text soll als Hilfestellung für den Umgang mit teilleistungsschwachen Schülern dienen, als Basis für gemeinsames Handeln mit dem Ziel „Chancengleichheit in einer heterogenen Lerngruppe herzustellen“. Die gemeinsamen Bemühungen von Eltern und Lehrern wurden inzwischen mit dem ersten Preis beim bundesweit ausgeschriebenen Schulwettbewerb „Legastheniefreundliche Schule“ des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie (BVL) ausgezeichnet.

Regine Dee


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