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Medienerziehung

Digitale Medien — Risiko für Kinder aus bildungsfernen Familien

Schon 3- bis 8-Jährige sind regelmäßig online. Besonders für Kinder aus sozial benachteiligten Verhältnissen ist das mit echten Risiken verbunden, wenn die schulische Medienerziehung hier nicht gegensteuert.

Medienerziehung: Digitale Medien — Risiko für Kinder aus bildungsfernen Familien Wenn Kinder abends zu lange fernsehen und das womöglich noch allein ohne Kontrolle der Eltern, kann das fatale Folgen haben © kleberpicui - Fotolia.com

Eine alltägliche Situation in vielen Familien: Am Samstagvormittag freuen sich die Eltern auf ein gemeinsames Frühstück, doch die Kinder können sich nicht von ihren Handys lösen. Ein Video auf der Website der Deutschen Welle berichtet über eine Familie, wo es anders läuft. Hier haben sich die Eltern mit ihren 9 und 12 Jahre alten Kindern auf eine „eiserne Regel“ verständigt: „Beim Essen bleiben die Smartphones außen vor!“ Ansonsten gibt es keine festen Vereinbarungen, jeden Tag wird mit den Kindern neu verhandelt, wie lange sie digitale Medien nutzen dürfen. Vater Oliver Geyer ist es wichtig, dass man Alternativen zum Medienkonsum „anbietet und vorlebt“. Wenn die Kinder „nach einem langen Tag“ draußen oder nach dem Sport „abends so ein bisschen kontemplieren mit dem Handy in der Hand“, findet er das dann auch „okay“.

Eine gesunde Einstellung und ein Umgang mit dem in vielen Familien stressigen Medienthema, der den Eltern zwar immer wieder Diskussionen abverlangt, aber offenbar zu einer Lösung führt, mit der alle Beteiligten gut leben können. — Leider ist das nicht bei allen Eltern der Fall. 

Eine aktuelle Studie zeigt klar: Ob und wie häusliche Medienerziehung stattfindet, hängt vom sozialen Milieu der Eltern und ihrem eigenen Umgang mit digitalen Medien ab. Daraus ergeben sich klare Anhaltspunkte für eine differenzierte medienpädagogische Elternarbeit, die zu mehr Bildungsgerechtigkeit beiträgt. 

Das soziale und digitale Milieu der Eltern entscheidet

Mit der im Juni 2015 erschienenen Studie „Kinder in der digitalen Welt“ nimmt das „Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet“ (DIVSI) die 3- bis 8-jährigen Internetnutzer in den Blick. Maßgeblich für die (digitalen) Lebenswelten dieser jüngsten Internetnutzer sind die sozialen und digitalen Milieus der Eltern, so die Autoren (S. 21).

Die Studie ist im Jahr 2015 erschienen und die Kinder schließen derzeit, im Sommer 2017, gerade ihre Grundschulzeit ab, um dann in die Sekundarstufe I zu wechseln. Insofern sind die Ergebnisse in doppelter Hinsicht interessant: Sie beleuchten zum einen, wie die Eltern der jüngsten Nutzer von Laptop, Spielkonsole & Co. Medienerziehung verstehen. Und sie zeigen, aus welchem „Internet-Milieu“ die Schüler kommen, die im Schuljahr 2017/18 in die weiterführenden Schulen kommen. Die Autoren der Studie differenzieren dabei nach verschiedenen Internet-Milieus, die sich nach sozialer Lage (Einkommen und Bildung), nach Grundorientierung (Tradition, Modernisierung/Individualisierung und Neuorientierung) und Haltung gegenüber dem Internet unterscheiden (vgl. dazu die Überblicksgrafik auf S. 21).

Medienerziehung möglichst frühzeitig

Die Studie zeigt, dass die „zunehmende Digitalisierung des Alltags (...) bereits bei kleinen Kindern fest im Familienleben verankert“ ist, so die Wissenschaftler. Immerhin 42 Prozent der 6- bis 8-Jährigen Kinder seien bereits online, und in jeder zehnten Familie nutzten bereits 3-Jährige (!) das Internet. (S. 131)

Ein zentraler Befund der Untersuchung: In diesen ersten Jahren im Netz stellen sich schon die Weichen dafür, „wie Menschen sich im Netz bewegen, welche Einstellungen sie zu Chancen und Risiken digitaler Medien entwickeln, welchen Personen bzw. Institutionen sie ihr Vertrauen schenken und welchen Internetakteuren sie ihre Daten überlassen“ (ebd.). 

Eine außerfamiliäre Medienerziehung sollte deshalb also möglichst frühzeitig ansetzen, um riskantem Verhalten vorzubeugen, Chancen zu nutzen und den Kindern die dafür erforderlichen Internetkompetenzen zu vermitteln. — Das gilt besonders für Kinder aus bildungsfernen Milieus, deren Eltern dazu nicht in der Lage sind.

Kinder aus bildungsfernen Familien besonders gefährdet

Für die bildungsfernen Eltern brachte die Studie Unsicherheiten sowie „ein gewisses Desinteresse und eine Distanz zum Thema ‚Kinder und digitale Medien‘“ ans Licht. (S. 129) Weil hier insgesamt ein besonders hoher Informationsbedarf besteht, sollten Medienerzieher in der Schule mit niederschwelligen Angeboten versuchen, diese Eltern zu erreichen: Elterncafés, Einladungsschreiben in einfacher Sprache und in der Muttersprache der Eltern, die Koppelung von medienpädagogischen Inhalten mit „unverfänglichen“, von den Eltern als wichtig eingestufte Themen wie den bevorstehenden Klassenausflug — hier sollten Medienpädagogen alle Register ziehen, um die Eltern für Informationsveranstaltungen zu gewinnen. Denn digitale Kompetenz „gilt längst als zentrale Voraussetzung für soziale Teilhabe“, betont Matthias Kammer, der Direktor des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet auf der Website der Einrichtung. 

Potenziale und Chancen digitaler Medien vermitteln

Wenngleich Kinder aus Familien mit geringerer formaler Bildung und niedrigerem Einkommen technisch ebenso gut ausgestattet sind, so nutzen sie das Internet vor allem als Freizeitmedium. „Kinder bildungsnaher Eltern nutzen die vielfältigen digitalen Möglichkeiten deutlich breiter — etwa für Informationssuche und Lernzwecke“, betont Matthias Kammer (ebd.). Hier sollte der Medienunterricht gegensteuern: Wichtig wäre es zum einen, den Eltern bestimmter Internetmilieus zu vermitteln, welche Potenziale und Chancen das Netz ihren Kindern mit Informations- und Lernmöglichkeiten eröffnet. Zum anderen sollte man die Begeisterung der Kinder für das Lernen mit digitalen Medien in der Grundschule stärker ausnützen. — Derzeit verbringen nur 20 Prozent der 6- bis 8-Jährigen regelmäßig Zeit am Computer, während sie in der Schule sind. (DIVSI-Studie, S. 134)

Über technische Sicherheitsmaßnahmen informieren

Je älter die Kinder werden, desto weniger Beratungsbedarf besteht nach Ansicht der Eltern. Die Autoren der Studie interpretieren das als „ein Vertrauen in die eigenen Erziehungsmaßnahmen, aber auch als ein ‚Hinnehmen der Situation‘ und ein Vertrauen darauf, ‚dass schon nichts passieren wird‘“(DIVSI-Studie, S. 130). — Das ist besorgniserregend angesichts der Tatsache, dass die besagten „älteren“ Kinder gerade einmal im Grundschulalter bis zur dritten Klasse sind. Hier täten entsprechende Sicherheitsmaßnahmen dringend not, doch nur bei 54 Prozent der genutzten Endgeräte sind Kinder- und Jugendschutzfilter installiert, und auf gerade einmal 47 Prozent der Geräte ist eine kindgerechte Startseite eingerichtet (S. 125). Bei 54 Prozent der Befragten gehen die Kinder sogar unbeaufsichtigt online.

„Technische Schutzmaßnahmen für einen kindersicheren PC“ sollten also unbedingt ebenfalls auf der Tagesordnung eines medienpädagogischen Elternabends stehen. (Vgl. dazu den unten verlinkten Beitrag „Elternabend: Damit sich Ihr Kind nicht im Netz verfängt“). 

Kinder brauchen im Umgang mit digitalen Medien unbedingt Führung und Begleitung. Meist sind die Eltern für die Kinder „die wichtigsten Vertrauenspersonen und zentrale Ansprechpartner bei ‚Fragen zum Internet‘“.(DIVSI-Studie, S. 78) Doch — wie die Studie verschiedentlich gezeigt hat — gehen manche Eltern zu blauäugig an diese verantwortungsvolle Aufgabe heran: 39 Prozent der Eltern vertraut darauf, dass ihr Kind im Internet nur kindgerechte Seiten besucht (S. 126). Und 33 Prozent der Eltern glauben allen Ernstes, dass ihr Kind den Umgang mit digitalen Medien „von ganz allein“ lernt. — Solche für die Kinder folgenschwere Irrtümer korrigieren — auch das ist eine wichtige Aufgabe medienpädagogischer Elternarbeit in der Grundschule.

Martina Niekrawietz

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