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Elterngespräche

Familiendynamik durch handlungsorientierte Methoden erkennen

Elterngespräche gestalten sich nicht immer ganz einfach, besonders wenn persönliche oder familiäre Probleme und Nebenthemen nicht zur Sprache kommen, aber die Kommunikation empfindlich stören. Handlungsorientierte Methoden können das gegenseitige Verständnis fördern.

Elterngespräche: Familiendynamik durch handlungsorientierte Methoden erkennen Beim Familienbrett bilden kleine Holzfiguren Stellvertreter der realen Personen © Marem - Fotolia.com

Das Ziel einer guten Vorbereitung eines Elterngespräches ist es, Eltern über die Leistungsfähigkeit und Motivation des Schülers zu informieren und die Eltern zu bewegen, die Leistungsfähigkeit und die Motivation ihres Kindes in angemessener Form zu fördern. Für eine zielgerichtete Gesprächsführung ist es wichtig zu überlegen, welche Einstellung die Eltern über die Leistungsfähigkeit und Motivation ihrer Kinder haben. Treten seitens der Eltern persönliche „Nebenthemen“ (siehe Artikel „Unausgesprochene Botschaften der Eltern in Sprache kleiden“) in den Vordergrund, hilft eine gute Vorbereitung, auf diese Dynamik geschickt zu reagieren. 

Vorerfahrungen beeinflussen Beurteilung

In die Einschätzung von Eltern fließen die Erfahrungen der Lehrer aus früheren Elterngesprächen, kurzen Kontakten mit den Eltern, die Erfahrungen anderer Kollegen mit diesen Eltern und die Äußerungen der Schüler über ihre Eltern mit ein. Aus diesen (Vor-)Erfahrungen heraus können sich angemessene Einschätzungen der Eltern ergeben, aber auch festgefahrene Wahrnehmungen und Interpretationsfolien, die schlimmstenfalls gute neue Entwicklungen der Schüler kritisch bewerten und dadurch erschweren.

Unterschiedliche Lehrer  nehmen  dasselbe Elternpaar unterschiedlich wahr. Die Bewertung dieser Wahrnehmung hängt von der Persönlichkeit des jeweiligen Lehrers ab, seiner beruflichen Erfahrung, aber auch von seiner persönlichen Art, Beziehungen einzuschätzen.

Literatur zum Thema:

Ameln, Falko von / Kramer, Joseph: Psychodrama: Grundlagen. Berlin 2014a.

Ameln, Falko von / Kramer, Joseph: Psychodrama: Praxis. Berlin 2014b

Wittinger, Thomas: Psychodrama in der Schule. In: Ameln, Falko von / Kramer, Joseph: Psychodrama: Praxis. Berlin 2014b, S. 75–90.

Dies sei an zwei Beispielen verdeutlicht. Eine Mutter, die sich sehr intensiv um ihre Kinder kümmert, kann von dem einen Lehrer als verantwortungsvolle Mutter eingestuft werden. Aus einer anderen Perspektive mag ein weiterer Lehrer sich eher kritisch äußern. Aus seiner Sicht lässt diese Mutter dem Schüler kaum Raum für eigenständiges, verantwortungsvolles Handeln („erstickende Nähe“).

Ein um Sachlichkeit bemühter Vater kann von dem einen Lehrer, der selbst auf Sachlichkeit achtet, als angenehmes und passendes Gegenüber angesehen werden. Eine andere Kollegin hingegen wird diesen Vater womöglich unter dem Blickwinkel mangelnder Empathie gegenüber der Persönlichkeit seines Kindes wahrnehmen.

Wahrnehmung vervollständigen

Die Wahrnehmung von Menschen und ihren Beziehungen kann daher nicht als „richtig“ oder „falsch“ angesehen werden. Hilfreicher ist es zu überlegen, wie unterschiedliche Lehrer in einem Kollegium die Eltern im Kontakt mit den Schülern wahrnehmen und die verschiedenen Eindrücke wie bei einem Mosaik zu einem umfassenderen facettenreichen Bild der Familie zusammenzusetzen. Ein offener Austausch zwischen Lehrern, die die Mutter, den Vater und die Kinder aus verschiedenen Situationen kennen, kann dazu beitragen, die Wahrnehmung über die Familie zu vervollständigen.

Hierzu können auch handlungsorientierte Methoden verwendet werden.

Blitzlicht

In einer Intervisionsgruppe können die Kollegen spontan auch in die Rollen der Eltern schlüpfen und aus den Rollen heraus Ideen über das bevorstehende Elterngespräch äußern. Wie beim Blitzlicht werden diese Ideen nicht kommentiert oder bewertet. Es ist empfehlenswert, für diesen kurzen Rollentausch andere Stühle zu verwenden. Durch den Wechsel der Stühle wird die Unterschiedlichkeit zwischen der eigenen Position als Lehrer und der Position der Eltern unterstrichen.

Rollentausch

Ein kurzer Rollentausch mit dem einen oder anderen Elternteil hilft, sich in die Lage der Eltern zu versetzen. Ziel des Rollentauschs ist es, die Einfühlung in die betreffende Rolle zu verbessern oder die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ein Rollentausch erweitert die Wahrnehmungsfähigkeit und fördert das Verständnis für die Handlungen der Eltern, ihre Absichten, aber auch ihrer Grenzen (Ameln & Kramer 2014a, S. 273).

Durch einen Rollentausch des Lehrers mit einem Elternteil kann dieser Lehrer direkt erleben und erfahren, wie er selbst von diesem Elternteil wahrgenommen wird. Typische Gedanken, die bei einem Rollentausch bewusst werden, sind zum Beispiel:

  • „Ich werde dem Lehrer mal deutlich machen, wie gut mein Kind ist.“
  • „Ich habe Angst, dass ich etwas ganz schlimmes über mein Kind erfahre, was ich nicht annehmen kann.“
  • „Die Einschätzung des Lehrers ist richtig. Aber das sollte er mal meinem Mann sagen. Der glaubt es mir nicht.“

Die Kenntnis um eine mögliche oder auch wahrscheinliche Haltung der Eltern verschafft Sicherheit, wenn diese Haltungen im Elterngespräch zum Tragen kommen.

Familienbrett

Die Beziehungen zwischen den Eltern und ihren Kindern werden sehr schnell bei der Verwendung eines Familienbretts deutlich. Beim Familienbrett bilden kleine Holzfiguren Stellvertreter der realen Personen. Handgedrechselte Knöpfe verschiedener Größe und Höhe lassen sich auch recht gut für diesen Zweck verwenden und sind preiswert. In der Vorbereitung eines Elterngespräches können die Lehrer mithilfe der Figuren darstellen, wie sie die Familie wahrnehmen.

Aus der Perspektive des Lehrers werden dabei Kriterien wie die Einschätzung der Motivation des Schülers durch die Eltern wichtig sein, aber auch  die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder zu fördern.

Mithilfe der Figuren lässt sich recht gut darstellen, welche Nähe oder welche Distanz in der Familie üblich ist (Qualität der Beziehungen). Auf dem Familienbrett lassen sich recht schnell unterschiedliche Beziehungskonstellationen darstellen, die viel direkter wirken als Worte allein. Die Aufstellung mit Figuren als Stellvertreter für die Familie zeigen für alle auch ohne viele Worte, wie nahe verbunden oder wie emotional entfernt die Beziehungen innerhalb der Familie sind. Es ist dabei sinnvoll, die Familie aus der Sicht aller Beteiligten aufzustellen.

Bei diesen Aufstellungen können Aspekte sichtbar werden, die bei einer rein sprachlich zentrierten Form der Vorbereitung unsichtbar geblieben wären. Die Familie kann dabei aus der Sicht der Mutter, des Vaters, aller Kinder, aber auch anderer wichtiger Personen (Großeltern, Onkel, Tanten) dargestellt werden, die über einen wichtigen Einfluss auf die Schüler verfügen. Hier kann es sinnvoll sein, die wesentlichen Personen danach zu ordnen, inwieweit sie nach Einschätzung des Lehrers die Entwicklung, Motivation und Leistungsfähigkeit eines Schülers eher fördern, eher hemmen oder eine neutrale Position einnehmen.

Im Austausch mit anderen Lehrern können mithilfe des Familienbretts ähnliche Aufstellungen erstellt werden, welche die Sichtweise des gesprächsführenden Lehrers unterstützen. Es können aber auch neue Gesichtspunkte deutlich werden, die ein differenziertes Vorgehen im Elterngespräch erfordern.

Familienskulptur

In Fortbildlungen und in der Supervision ist es möglich, durch  anwesende Lehrer eine Familienskulptur aufzubauen. Hierbei übernehmen Lehrer die Rollen der Mutter, des Vaters, aller Kinder in der Familie, eventuell auch anderer wichtiger Personen. Das Hineinschlüpfen in die jeweiligen Rollen ermöglicht ein spontanes emotionales Verständnis der Lage der einzelnen (Ameln und Kramer 2014a, Wittinger 2014). Schon ein kurzes Hineintauchen in die Rolle kann die persönlichen Sichtweisen verdeutlichen („Ich muss nicht immer ganz nahe bei meinem Kind sein. Deshalb kümmere ich mich ununterbrochen um sein Wohlergehen und will, dass er ein guter Schüler ist.“). Die Verwendung von Familienskulpturen ist sinnvoll bei Familien mit einer komplizierten und von außen schwer zu durchschauenden Beziehungsstruktur, z. B. eine mauernde Familie, die massive Konflikte verbirgt.

Rollenspiel

Rollenspiele helfen, das eigene Verhalten als gesprächsführender Lehrer zu überprüfen und zu verfeinern. Im Rollenspiel werden drei Positionen vertreten: der Lehrer, die Mutter und der Vater. Als hilfreich wird folgendes Vorgehen angesehen: Der Lehrer spielt eine Situation kurz an. Nach ein paar Sätzen wird die Szene unterbrochen und der Lehrer erhält von den Kollegen aus den Rollen der Eltern ehrliche Rückmeldungen, wie diese ihn erlebt haben (Rollenfeedback). Erstaunlicherweise sind die Wahrnehmungen aus den Rollen in hohem Maße identisch mit den Wahrnehmungen der realen Personen, die sie vertreten.

Gerät das Rollenspiel ins Stocken, empfiehlt es sich, die Rolle des gesprächsführenden Lehrers durch weitere Kollegen immer wieder neu zu besetzen. „Ich habe da eine Idee, wie das Gespräch weitergehen könnte.“ Durch ein mehrfaches Auswechseln des gesprächsführenden Lehrers im vorbereitenden Rollenspiel können eine Reihe wertvoller Impulse für das reale Elterngespräch gesammelt werden (Ideen sammeln). Das gemeinsame Spielen ist zugleich auch eine gute Form kollegialer Kooperation.

Handlungsorientierte Methoden bilden eine gute Ergänzung zu einer rein kognitiven und rein sprachorientierten Vorbereitung von Elterngesprächen (Notizen, Checklisten, Leitfäden). Handlungsorientierte Methoden nutzen Kreativität und Spontaneität, Empathie und eine ganzheitliche Wahrnehmung, um sich auf die Dynamik eines schwierigen Elterngespräches vorzubereiten und das eigene Handlungsrepertoire zu reflektieren und zu erweitern.

Andreas Schulz

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