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Elternberatung

Schlechtes Zeugnis? — Schwamm drüber und durchstarten!

Wenn Eltern aus allen Wolken fallen, sind fast immer schlechte Zeugnisse schuld. Was aber können Eltern und Lehrer tun, um Schüler zu unterstützen und in ihrer Lernmotivation wiederaufzubauen? Intensive Zusammenarbeit und ein Neuanfang sind der Schlüssel.

Elternberatung: Schlechtes Zeugnis? — Schwamm drüber und durchstarten! Ein schlechtes Zeugnis ist für Schüler und Eltern oft niederschmetternd © Stockfotos-MG - Fotolia.com

„Freitag stehen die Zeugnisse an. Und ich habe unglaubliche Angst vor der Reaktion meiner Mutter“, schreibt eine 16-Jährige im Jugendforum lovetalk.de. Drei Fünfen in Hauptfächern drohen, und es wird die Mutter des Mädchens „aus heiterem Himmel treffen“.

Viele Schüler belastet in den letzten Tagen und Wochen des Schuljahres die Sorge vor der Reaktion der Eltern auf ein mutmaßlich schlechtes Zeugnis. — Zu Recht: „Meist sehen Eltern nur das Versagen ihres Kindes und sind verärgert, enttäuscht oder gar verzweifelt“, schreibt Schulpsychologe Klaus Kuhlmann. Nur wenige hätten „Mitleid mit dem Kind, denn: ‚Hätte mein Sohn mehr gelernt, wäre das Problem nicht aufgetreten‘“. („Von Strafe, Lob und anderen Dingen“, SchulVerwaltung Nordrhein-Westfalen, S. 145) Dabei machten schlechte Noten den Schülern nicht nur Angst vor drohendem Liebesentzug durch die Eltern, sondern auch vor Ausgrenzung durch Mitschüler. Zudem schürten sie Selbstzweifel und könnten schlimmstenfalls sogar „den Glauben an die eigenen Leistungsmöglichkeiten (...) für ein ganzes Leben zerstören“, so Kuhlmann.

Wie können Sie als Lehrkraft solchen negativen Konsequenzen vorbeugen? Und wie holen Sie am besten die Eltern ins Boot, um mit ihnen gemeinsam die Weichen für einen guten Neuanfang im neuen Schul(halb)jahr zu stellen? Diesen Fragen widmet sich der folgende Beitrag.

Keine Chance für Mobbing wegen schlechter Noten

Wegen schlechter Noten von Klassenkameraden ausgegrenzt oder gar gemobbt zu werden — ist diese Befürchtung von Schülern realistisch? „Ja leider“, sagt Anna Zacharias von der bundesweiten Beratungsstelle „Nummer gegen Kummer“ im Interview mit dem WDR. Manchmal entwickle sich daraus auch ein Teufelskreis: „Kinder werden verspottet aufgrund ihrer schlechten Noten und werden deshalb noch schlechter in der Schule“, so die Diplom-Pädagogin.

Zeichnet sich ab, dass ein Schüler wegen seiner schlechten Noten schikaniert wird, sollte der Lehrer möglichst frühzeitig intervenieren und deutlich machen: „Mobbing und Ausgrenzung dulden wir hier nicht.“ Präventiv könnten schlechte (oder gute) Noten und ein konstruktiver Umgang in der Klasse damit im Unterricht thematisiert werden. Bei gemeinsamen Unternehmungen oder Projekten in der Klasse könnte der Fokus darauf liegen, dass jeder Schüler Stärken hat, nur eben auf unterschiedlichen Gebieten. Auch ein klasseninternes Tutorensystem, bei dem Schüler mit Schülern lernen, könnte hilfreich sein.

Besonders in den Wochen vor dem Zeugnistag sollte der Lehrer signalisieren, dass die Schüler mit ihm, mit dem Schulpsychologen oder mit dem Beratungslehrer vertraulich über mögliche Ängste sprechen können, und auch die kostenfreie Nummer gegen Kummer sollten alle Schüler kennen: 0800 / 111 0 333.

Frühwarnsystem mit Beratungsangebot

Manche Bundesländer haben das Sitzenbleiben — zumindest in bestimmten Klassenstufen — abgeschafft. In den meisten Ländern gibt es die „Ehrenrunden“ aber noch, und die Schulen informieren die Eltern dann in der Regel mit den berüchtigten „blauen Briefen“ darüber, dass die Versetzung gefährdet ist oder nicht erfolgt.

Im Idealfall kommt der blaue Brief so rechtzeitig, dass Eltern und Schüler noch die Chance haben, Defizite aufzuholen bzw. das Sitzenbleiben abzuwenden. Sinnvoll wäre es auch, zur Mitte des zweiten Schulhalbjahres eine Zwischenbilanz mit mündlichen und schriftlichen Ergebnissen an alle Eltern zu schicken und dies auch gleich mit einem konkreten, freundlich formulierten Beratungsangebot zu verknüpfen. Das könnte zum Beispiel ein Elternabend sein, bei dem die Eltern mit den einzelnen Fachlehrern darüber sprechen können, woran genau es fehlt, wie ihre Kinder ihre Noten verbessern können oder auch, ob nicht womöglich ein Schulwechsel sinnvoll wäre. Alternativ zu diesem Frühwarnsystem könnte der (Klassen-)Lehrer auch die Eltern der betreffenden Schüler direkt anschreiben und sie zu einem Beratungsgespräch bitten.

Lehrersprechstunden, Klassenelternabende und Termine für wichtige Klassenarbeiten könnten auch an prominenter Stelle auf der Schul-Homepage bekannt gemacht werden. Für viele Eltern pubertierender Kinder könnte das eine wichtige Informationsquelle in schulischen Belangen sein, denn in dieser Zeit gerät der Informationsfluss zwischen Eltern und Kindern oft ins Stocken, wie es auch Silke Burmester, Mutter eines Zwölfjährigen, in der „ZEIT“ beschreibt: „‚Schule‘, das sollte uns nun immer weniger angehen, das ‚mache‘ er schon.“ Die Eltern „bekamen immer weniger mit“ und wussten weder, „wann Arbeiten geschrieben würden, noch wie diese ausgefallen waren.“ Die Konsequenz: „Seine Zeugnisse wurden schlechter.“

Ärger und Strafen sind kontraproduktiv

Fällt das Zeugnis für die Eltern überraschend schlecht aus, ist in vielen Familien Ärger vorprogrammiert: „Viele Eltern reagieren mit Enttäuschung, gepaart mit Vorwürfen und Strafen wie ‚Das Fußballspielen ist für dich erstmal gestrichen‘“, sagt Diplom-Pädagoge Detlef Träbert im Interview mit Anja Schimanke. Doch solche Maßnahmen wirkten sich eher negativ aus, denn sie beträfen ja oft genau „die Bereiche, in denen das Kind außerhalb der Schule noch Erfolgserlebnisse hat“. Streicht man diese, „hat es nichts mehr, worin es gut ist, und das ist alles andere als motivierend“, so Träbert.

Und während Erwachsene in der Regel sehr schnell ihr Verhalten ändern, wenn es negative Konsequenzen hat, ist es bei pubertierenden Teenagern genau andersherum. Das zeigt eine Studie des Neurowissenschaftlers Stefano Palminteri, die im Juni 2016 in der Fachzeitschrift „PLOS Computational Biology“ erschienen ist: Anders als eine Gruppe von jungen Erwachsenen über 18 Jahre zeigten sich Jugendliche zwischen zwölf und siebzehn Jahren gegen Bestrafungen resistent. Bei beiden Altersgruppen erwiesen sich jedoch Belohnungen als lernförderlich.

Lernen in den Ferien? Nur sehr begrenzt!

In den großen Ferien Versäumtes nachholen und ein paar Stunden täglich lernen? Das sei in „55 Prozent der deutschen Familien“ Usus und bei einer bevorstehenden Nachprüfung auch unerlässlich, schreibt Adelheid Müller-Lissner in ihrem Beitrag „Große Pause ohne Schulstress“ im Tagesspiegel. Trotzdem sollten Schüler erst einmal „pausieren“.

Der Kölner Schulpsychologe Andreas Heidecke vertritt im Interview mit Anja Schimanke (Link s. o.) „grundsätzlich“ die Auffassung: „Schulprobleme löst man in der Schulzeit! Und Ferien sind Ferien!“ Entschließe sich jedoch ein Schüler, in den letzten drei Ferienwochen freiwillig zweimal die Woche 20 Minuten Vokabeln zu lernen“, lerne er „mit Sicherheit hocheffizient“.

Der Berliner Schulpsychologe Klaus Seifried plädiert für eine differenzierte Sichtweise: Für Schüler, deren schlechte Noten nur auf Faulheit zurückzuführen sind, „kann man für die Ferien einen Arbeitsplan erstellen und durchsetzen, dass jeden Tag eine halbe Stunde gelernt wird“, sagt er im „Tagesspiegel“. Beruhen die schlechten Zensuren jedoch auf Lernschwäche oder Überforderung, „sollte man sich beraten lassen“.

Bei Liebesentzug verlieren die Kinder den Halt

Schlechte Noten rechtfertigen aber eines keinesfalls: Liebesentzug. Dann geht der eingangs beschriebene „Stress“, der für die Schüler mit schulischem Versagen verbunden ist, zu Hause unvermindert weiter und das Zuhause ist kein Ort mehr, „wo man zur Ruhe kommen und wieder Mut tanken kann“, erläutert Klaus Kuhlmann in seinem oben verlinkten Beitrag „Von Strafe, Lob und anderen Dingen“. Wird das Kind „auf seine schlechten Schulnoten reduziert“, verliert es womöglich die Chance, überhaupt „wieder Boden unter die Füße zu bekommen“.

Klaus Kuhlmann empfiehlt grundsätzlich, „Noten möglichst in den Hintergrund treten zu lassen“ und vor allem eine Frage in den Vordergrund zu stellen: „Wie kann ich ein Kind, das eine Niederlage einstecken musste, wieder aufbauen? Wie kann ich es neu motivieren?“ — Auch bei diesen zentralen Fragen brauchen Eltern oft fachkundige Beratung durch die Lehrkraft.

Stärkung des Selbstvertrauens und Ursachenanalyse

Wenn Eltern enttäuscht über das Zeugnis sind, könnten sie das ruhig zeigen, „aber der Ärger darf sich dabei nicht aufs Kind richten und es beleidigen“, so Detlef Träbert im Gespräch mit Anja Schimanke. In jedem Fall sollten sie auf der Seite des Kindes stehen und „sich ganz klar als Helfende positionieren“, empfiehlt Andreas Heidecke. Dabei sollten die Eltern jedoch unbedingt „dem Kind etwas zutrauen und ihm die Eigenverantwortung lassen“, ergänzt Detlef Träbert (ebd.). Eine wichtige Maßnahme zur Förderung des Selbstvertrauens ist es, zunächst gute Leistungen oder Verbesserungen im Zeugnis zu würdigen. Eltern könnten auch ihren Kindern ein Zeugnis ausstellen, in dem sie ihre Stärken und Talente würdigen.

Dann sollten Eltern und Kinder in angstfreier Atmosphäre darüber sprechen, wo die Gründe für die schlechten Zensuren liegen: War der Einsatz des Kindes unzureichend? Sind die Lücken (mittlerweile) zu groß? Gibt es akute familiäre oder gesundheitliche Probleme oder auch akute Stresssituationen in der Schule (Mobbing)? Beansprucht der Medienkonsum zu viel Kapazität? Ist das Kind in der jeweiligen Schulform überfordert? Eine ehrliche Ursachenanalyse schafft die Basis für sinnvolle Maßnahmen und einen erfolgreichen Neuanfang.

Lernentwicklung fördern — ein Elterntraining

Um die Lernaktivität des Schülers anzuregen, sollten Eltern und Kinder gemeinsam für überschaubare Zeiträume realistische Ziele fixieren: „Was willst du innerhalb von 4 Wochen erreichen, was in 8 Wochen und in einem viertel Jahr?“ — Danach sehen Eltern und Schüler gemeinsam, welche Erfolge in dieser Zeit erzielt wurden, rät Diplom-Pädagoge Detlef Träbert im oben verlinkten Interview.

Vielen Eltern, zum Beispiel sozial benachteiligten, fällt es jedoch schwer, die Lernentwicklung ihrer Kinder konsequent und motivationsförderlich zu begleiten. Der Erziehungswissenschaftler Werner Sacher schlägt deshalb vor, die Eltern viel stärker einzubeziehen: „Lehrer müssen Eltern in die Schule holen, sie anleiten, trainieren, zur Mitarbeit einladen, Lernhinweise geben und vieles mehr.“ (Vgl. dazu: Eva Hampel, „Schüler brauchen starke Eltern für den Erfolg“, ZEIT ONLINE, 06.04.2010) In einem solchen Elterntraining könnten Lehrer den Erziehungsberechtigten zum Beispiel vermitteln, wie man feste Rahmenbedingungen festlegt, einen strukturierten Lernplan mit Wiederholungsphasen entwickelt, wie Lernfortschritte sichtbar gemacht werden können und wie Eltern für ihre Kinder eine anregende Lernumgebung mit vielfältigen Lernanlässen und -anreizen schaffen.

Werner Sacher hatte in den Jahren 2006 und 2007 an 11 bayerischen Schulen ein partnerschaftliches Elterntraining umgesetzt. Dabei zeigte sich, dass Schüler das Projekt sabotierten, denn sie „fühlten sich übergangen und waren misstrauisch gegenüber der erstarkten Bindung zwischen Lehrern und Eltern“, so Sacher. Die Arbeit fruchtete dort, wo Eltern und Lehrer die Schüler „regelmäßig mit ins Boot“ holten.

Und verzweifelten Eltern, deren pubertierende Kinder in der Schule zusehends abrutschen und dabei auf Autonomie insistieren, spendet Silke Burmester im oben verlinkten ZEIT-Artikel Trost: „Irgendwann blieb der Fahrstuhl ins Desaster einfach stehen. Am Ende der neunten Klasse kam Ben und sagte: ‚Ich glaub, ich möchte jetzt Mathenachhilfe‘.“

Martina Niekrawietz

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