Fach/Thema/Bereich wählen
Förderschwerpunkt GE

Abenteuer Buch – eine Ganzschrift lesen

Die Auseinandersetzung mit Kinder- und Jugendbüchern ist auch im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ein lohnendes Unterfangen. Eine besondere Herausforderung stellen hier allerdings die häufig sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen in Bezug auf die Lesekompetenz dar.

Förderschwerpunkt GE: Abenteuer Buch – eine Ganzschrift lesen Das Lesen einer Ganzschrift ist herausfordernd uns spannend zugleich © Kenishirotie - stock.adobe.com

Hannah – Schülerin einer Mittelschulstufenklasse – freut sich: Ihre Lehrerin will mit der Klasse ein Buch lesen. Ihr Klassenkamerad Anton ist weniger begeistert: Er tut sich mit dem Lesen schwer und hat Mühe mit der Synthese und dem Verständnis selbst kurzer Sätze. Und Leon liebt zwar Bilderbücher, ist aber bisher über das Bilderlesen nicht hinausgekommen.

Die Arbeit mit Ganzschriften ist in allen Schularten Bestandteil des Deutschunterrichts – auch im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Hier allerdings gilt es – wie das eingangs geschilderte Beispiel zeigt – die Schüler/-innen auf der Stufe ihrer jeweiligen Lesekompetenz abzuholen.

Persönlichkeitsbildung durch Literaturunterricht

Literaturunterricht im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung dient fachlichen Zielsetzungen, soll Schülerinnen/Schülern aber auch Lust aufs Lesen machen und einen subjektiven Bezug zum Gelesenen herstellen. 

  1. Literatur kennenlernen: Werke der Kinder- und Jugendliteratur zu kennen stellt einen wichtigen Aspekt kultureller Teilhabe dar.
  2. Lesekompetenz fördern: Auf allen Stufen des sogenannten Erweiterten Lesebegriffs (Bild- und Symbollesen, Lesen von Signalwörtern, kurzen oder längeren Texten – vgl. hierzu Euker, N. / Koch, A. (2013): Leseunterricht an der SFgE. In:  Lernen konkret (32) Heft 3, 2–6) geht es um Verstehen und Sinnentnahme.
  3. Innere Auseinandersetzung mit dem Text und der eigenen Persönlichkeit ermöglichen: Hier handelt es sich zum einen um den Aufbau innerer Vorstellungen durch kreative und sinnliche Formen der Auseinandersetzung, aber auch die Frage nach der subjektiven Bedeutsamkeit des Textes (Was hat die Geschichte mit mir zu tun? Habe ich so etwas auch schon erlebt? Habe ich die beschriebenen Gefühle der Hauptperson schon am eigenen Leib erfahren?). Damit zielt Literaturunterricht letztlich auch auf Persönlichkeitsbildung ab.

Auf die richtige Auswahl der Texte kommt es an

Nicht immer ist es leicht, eine für alle Schüler/-innen gleichermaßen passende und geeignete Lektüre zu finden. Folgende Fragen können bei der Auswahl helfen:

  • Entspricht das Buch den Erfahrungen und Interessen der Schüler/-innen? Haben sie einen Zugang zu den dort geschilderten Sachverhalten? Werden die Interessen von Mädchen und Jungen gleichermaßen berücksichtigt?
  • Erlaubt das Buch eine entsprechende Reduktion und Zusammenfassung im Hinblick auf die Lesekompetenz der Schüler/-innen?
  • Bietet die Geschichte Ansätze zur handlungsorientieren Auseinandersetzung?

Sicherlich ist es sinnvoll, wenn die Lehrkraft anhand dieser Leitfragen eine Vorauswahl trifft (z. B. drei Bücher), diese der Klasse vorstellt und abstimmen lässt. Auch die Eltern sollten mit einem kurzen Schreiben über die anstehende Lektüre informiert und ggf. mit einbezogen werden.

Links zum Thema

Hilfen zum Verfassen von Texten in einfacher Sprache: Ein Regelwerk hilft bei der (UM-)Formulierung von Texten ebenso wie die kurze Handreichung des ISB

Reihe „einfach lesen“ bietet Texte in einfacher Sprache

Mehr-Sinn-Geschichten

Lesekonferenzen

Einsatz des Lesekoffers

Zahlreiche Anregungen zur Behandlung von Ganzschriften im Unterricht

Differenzierte inhaltliche Aufbereitung des Textes

Vereinfachte Versionen von Kinder- und Jugendbüchern, wie sie z.T. im Handel erhältlich sind (z. B. die Reihe „einfach lesen“ im Cornelsen-Verlag) können u. U. direkt und ohne Modifikation im Unterricht eingesetzt werden. Meist muss der Text aber von der Lehrkraft weiter reduziert, auf Schlüsselmomente zurückgeführt und in einfache Sprache mit verständlichen Begriffen und klaren Satzstrukturen übertragen werden. Dabei ist es häufig auch sinnvoll, den (vereinfachten) Text mit Bildmaterial zu kombinieren. Für Schüler/-innen, die (noch) nicht über Schriftsprache verfügen, können Schlüsselstellen ebenfalls über Bildmaterial oder z. B. auf einem digitalen Vorlesestift wie dem Anybook-Reader gespeicherte, von der Lehrkraft eingelesenen Textpassagen angeboten werden.

Methodische Überlegungen

Bei der Behandlung von Ganzschriften im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung sind nicht nur hinsichtlich der Aufbereitung und Reduktion des Textes, sondern auch der Unterrichtsplanung und -gestaltung einige besondere Überlegungen und Maßnahmen erforderlich.

  • Differenzierung: Abhängig von den in der Klasse vorhandenen Lese-Kompetenzstufen  und der oder den entsprechend aufbereiteten Textversionen (s. o.) können die unterschiedlichsten Formen der Auseinandersetzung mit der literarischen Vorlage zum Einsatz kommen (vgl. ISB München: Weiterführendes Lesen im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. München 2016). Für nicht lesende Schüler/-innen ist die Rezeption des Textes in der Form sogenannter „Mehr-Sinn-Geschichten“ möglich. Auf einer weiteren Stufe setzen sich die Schüler/-innen mit Bildmaterial auseinander, kombinieren Illustrationen zur Geschichte mit passenden kurzen Sätzen und üben dabei sinnentnehmendes Lesen (so etwa in Häußler, Michael: Vom Situationsbild zum Lesen: Die Kleeblattbande. Hamburg 2012). Eine weitere Möglichkeit für Lerngruppen, die bereits längere Texte bewältigen, ist die sogenannte Lesekonferenz, bei der es nicht nur um sinnentnehmendes Lesen, sondern auch um die eigene Stellungnahme zum Text geht.
  • Handlungsorientierung: Im Sinne eines handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts (vgl. hierzu Bernasconi, T.: Literaturunterricht mit Schülern mit geistiger Behinderung. Lernen konkret – 32 (2013) Heft 3; S. 15–19) sind zahlreiche Formen einer sinnlich-handelnden Auseinandersetzung mit Textinhalten denkbar, die den Aufbau innerer Vorstellungen ermöglichen, was gerade bei Schülerinnen/Schülern im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung hoch bedeutsam ist. So können etwa zur Lektüre der „Schatzinsel“ eine Piratenflagge gebastelt, eine Schatzkarte gelesen oder gezeichnet, ein Steckbrief über einen dringend gesuchten Piraten erstellt oder Schlüsselszenen szenisch oder als Hörszene (Jim belauscht die Piraten in der Apfeltonne!) gestaltet werden.
  • Orientierung im Text: Damit Schüler/-innen mit geistiger Behinderung gerade bei längeren Texten den Überblick über den Handlungsstrang behalten, kann als Erinnerungshilfe zu jedem Abschnitt der Erzählung eine Abbildung an einem „roten Faden“ im Klassenzimmer aufgehängt werden. Anschaulich ist auch ein „Lesekoffer“, in dem ebenfalls zu jedem Kapitel ein Realgegenstand deponiert wird. Dieser Gegenstand kann dann auch jeweils als ritualisierter Einstieg in das neue Kapitel verwendet werden, an ihn knüpfen sich Vermutungen zum weiteren Verlauf der Geschichte und entsprechende Leseerwartungen.

Fazit

Das Lesen von Ganzschriften im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ermöglicht die Förderung von Lesekompetenzen auf allen Kompetenzstufen, einen anschaulich-sinnlichen Zugang zur Literatur sowie die Auseinandersetzung der Schüler mit sich selbst. Dabei sollte die Lehrkraft sich nicht scheuen, diese auch mit anspruchsvollen Inhalten und literarischen Vorlagen zu konfrontieren.

Michael Häußler

Dazu passender Ratgeber
Dazu passendes Unterrichtsmaterial

Mehr zu Ratgeber Fachunterricht
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×