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Förderschwerpunkt GE

Bilderbücher fördern Teilhabe an Lesekultur

Bilderbücher sind ein sehr geeignetes Medium, auch Schüler im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung handlungsorientiert und unter Einbeziehung aller Sinnen an das Lesen heranzuführen.

Förderschwerpunkt GE: Bilderbücher fördern Teilhabe an Lesekultur Bilderbücher motivieren und fördern das Lesen bei Schülern mit erhöhtem Förderbedarf © Finanzfoto - Fotolia.com

„Lesen ist Fernsehen im Kopf“, sagt ein geflügeltes Wort. Denn Lesen macht Spaß und regt zur Auseinandersetzung mit sich und der Welt an. Die Auseinandersetzung kann je nach Textart sehr unterschiedlich sein, sei es einfühlend, verstehend, handelnd, analysierend oder rezipierend. Ziel für die schulische Förderung ist die intensive Teilnahme an der allgemeinen Lesekultur. Und dies gilt für Schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung genauso wie für alle anderen. Wie können wir Schülern das Lesen im erweiterten Sinn näherbringen, die nicht über Schriftsprache im engeren Sinn verfügen?

Das Bilderbuch ist hier ein sehr geeignetes Medium. Es steht methodisch zwischen Ansehen und Lesen, zwischen mündlich und schriftlich, und es ist fächerverbindend. Die Schüler können je nach Thema an vorschulische Erfahrungen anknüpfen und durch handlungsorientierte Methoden an Bücher herangeführt werden.

Handlungs- und Produktionsorientierung

Bei den handlungsorientierten Verfahren zur Textarbeit stehen das praktische Handeln und der aktive Gebrauch aller Sinne im Vordergrund, z. B. akustische, visuelle oder szenische Ausgestaltung. Daher eignen sich diese Verfahren hervorragend, um ganzheitlich und erlebnisorientiert mit Bilderbüchern zu arbeiten und sich dabei den Lesekompetenzen der Schüler mit FS geistige Entwicklung anzupassen. Sie bieten damit genügend Offenheit für differenzierenden Deutschunterricht, der allen Schülern gerecht werden kann.

Bei den produktionsorientierten Verfahren zur Textarbeit steht das Erzeugen von neuen Texten, Textteilen oder Varianten im Fokus, z. B. durch Weiterschreiben, Nachgestalten, Fortsetzen oder Perspektivenwechsel. Hierfür sind meist schriftsprachliche Kompetenzen im engeren Sinn erforderlich. Daher eignen sich diese Verfahren eher für leistungsstärkere Schüler.

Zwei Formen von Bilderbüchern

Das Bilderbuch ist ein illustriertes Buch, bei dem die Abbildung eine zentrale Rolle spielt. Legt man ein Bilderbuch für den Deutschunterricht zugrunde, unterscheidet man zwei Formen von Bilderbüchern:

  1. Bilderbücher ohne Text brauchen eine klare Darstellungsform und Abbildungslogik. Sie sollten Themen aus dem Erfahrungsschatz der Schüler aufnehmen. Zur Erschließung müssen die Schüler über Bildlese-Kompetenzen verfügen. Im Vergleich zum Einzelbild hat das Bilderbuch eine eigene Darstellungslogik, bei der das Einzelbild seine Bedeutung erst aus der Beziehung zum vorhergehenden und nachfolgenden Bild gewinnt. Zwischen zwei Bildern können Schauplatz und Perspektive wechseln. Das bedeutet, der Schüler muss in eigener Deutungsleistung die Lücke zwischen zwei Bildern füllen können.
  2. Bilderbücher mit Text reichen von kleinen Textbeigaben zur Verdeutlichung des Bildgehalts bis hin zu solchen, bei denen Text und Bild gleichwertig nebeneinanderstehen und eine Einheit bilden. Hier ist je nach Leseniveaustufe das Entschlüsseln durch eine Lehrkraft notwendig.

Arten von Bilderbüchern

Elementarbilderbuch: z. B. „Teddy zieht sich an“ von Sarah Ball
In einfachen und großen Abbildungen werden Alltagserscheinungen der kindlichen Umwelt dargestellt. Diese Art von Bilderbuch bietet viele Gesprächsanlässe, weckt die Sprechfreude und regt zur spontanen sprachlichen Äußerung an. Auch mit wenig Deutschkenntnissen kann hier das strukturierte Erzählen von Handlungsfolgen gefördert werden.

Szenenbilderbuch: z. B. „Winter-Wimmelbuch“ von Rotraut Susanne Berner
Hier werden kleinere Bereiche der alltäglichen Umwelt dargestellt. Es regt dazu an, Sinnzusammenhänge zu erkennen und logische Schlussfolgerungen zu ziehen. Das Lesen wird durch die Illustrationen provoziert, sodass die kognitiv-sensorische Funktion gefördert wird. Bewusstes Betrachten schult die visuelle Differenzierungsfähigkeit.

Alltagsbilderbuch: z. B. „Das große und das kleine Nein“ von Gisela Braun und Dorothee Wolters
Wirklichkeitsnahe Bildergeschichten werden dargestellt, deren Inhalt aus der realen Welt stammt und nicht durch verfremdete Hauptfiguren (wie Teddy) verfälscht wird. Diese Bilderbücher sind sehr oft pädagogisch intendiert. Häufig finden sich Themen zu sozialem Verhalten mit Vorbildfunktion. Hier empfehle ich eine durchaus kritische Sichtung bei der Auswahl.

Sachbilderbuch: z. B. „Bagger, Laster, Feuerwehr“ von Sabine Thomas und Katharina Wieker
Es werden Sachinhalte vermittelt und Sachzusammenhänge, Begründungen und Ursachen beleuchtet. Diese Bilderbücher stillen den Wissensdurst der Schüler im „Warum-Alter“.

Erzählendes Bilderbuch: z. B. „Frederick“ von Leon Leonnie
Hier kann die Bildbetrachtung zum ästhetischen Erlebnis werden. Die Bücher fordern zu musisch-kreativer Umsetzung heraus und fördern die Imagination. Aber auch die sozial-emotionale Entwicklung kann damit gefördert werden, da diese Bilderbücher eine Teilnahme an fremder Erfahrung ermöglichen und Handlungsmuster vorgeben. Hier gibt es meist einen Spannungsbogen zwischen Unterhaltungs- und Aufklärungsabsicht. Dadurch bieten sich sehr schöne ganzheitliche Ansätze mit kindgerechter und altersgemäßer Aufbereitung.

Bilderbuch für Erwachsene: z. B. „Der Schnupfen“ von Christian Morgenstern und Norman Junge
Häufig finden wir hier illustrierte Märchen oder Gedichte. Diese Bilderbücher können aufgrund der Abbildungen bei älteren Schülern gut eingesetzt werden, bedürfen jedoch viel Deutung und evtl. Reduktion des Textes. Denn die Verflechtung von Wirklichkeitssinn und magischer Deutung gelingt nicht automatisch.

Voraussetzungen für die Arbeit mit Bilderbüchern

Zunächst gilt die Leitfrage wie kaum bei einem anderen unterrichtlichen Thema: Gefällt mir das Bilderbuch auch selbst? Durch die hohe Vielfältigkeit des Angebots kommt Ihrer Auswahl maßgebliche Bedeutung zu.

  • Eine weitere Voraussetzung ist der Grad der Wahrnehmungsfähigkeit der Schüler: Kann sich der Schüler den Abbildungen zuwenden, zeigt er Aufmerksamkeit und Neugier? Kann er visuelle Eindrücke überhaupt aufnehmen (= sehen) und diese differenzieren? Kann er Abgebildetes in unterschiedlicher Form, Lage oder Größe wiedererkennen und erfassen? Kann er visuelle Darstellungen speichern?
  • Weiterhin ist der Grad der Kognition wichtig. Gelingt dem Schüler eher eine ganzheitliche oder eine detaillierte Erfassung des Gesehenen? Kann er sich Abgebildetes merken? Kann er das Gesehene in Handlungen zusammenfügen? Kann er Bilder als Momentaufnahmen der Wirklichkeit erkennen und Vorstellungen wachrufen? Verfügt er über Wissen, um Lücken und Nicht-Abgebildetes zu ergänzen?
  • Eine weitere wichtige Voraussetzung ist der Grad des Sprachanspruchs: Bilderbücher bieten zahlreiche und vielfältige Fördermöglichkeiten für sprachheilpädagogische Kontexte, da sie sehr sprachintensiv sind. So können Bilderbücher hinsichtlich bestimmter Übungen zu Mundmotorik, Aussprache oder Wortschatz gewählt werden. Aber auch die Förderung des allgemeinen Sprachverständnisses findet einen hohen Schwerpunkt, z. B. durch eine klare Lehrererzählung, durch überlegten Technikeinsatz oder reale Gegenstände.

Bilderbücher und Schüler mit intensiver Behinderung

In der Arbeit mit Bilderbüchern ist in fast jeder heterogenen Lerngruppe eine gewisse Überarbeitung notwendig, um das Bilderbuch auf die Lernvoraussetzungen abzustimmen. Vereinfachungen in der Grammatik, im Wortschatz und in der Lesetechnik helfen dem Schüler, immer selbstständiger mit dem Bilderbuch umzugehen.

Um jedoch allen Schülern einer heterogenen Lerngruppe mit der Auswahl eines Bilderbuches gerecht werden zu können, gilt es auch, die Schüler mit intensiver Behinderung zu berücksichtigen. Für diese wird das Bilderbuch als Kern und Grundthema für ganzheitlichen Unterricht zugrunde gelegt. Der Zusammenhang bleibt oft nur der Lehrkraft bewusst, das Bilderbuch hält eine Reihe von losen Inhalten des Förderplans thematisch im gemeinsamen Unterricht zusammen.

Zum Beispiel finden sich Förderziele im Bereich der Wahrnehmung, Bewegung und Selbstversorgung beim Bilderbuch „Wimmelbuch Frühling“, die nicht unmittelbar aus dem Bilderbuch entstammen, aber eine sinnvolle Individualisierung und kontextuelle Gebundenheit erlauben. Die einzelnen Lernangebote bleiben erlebnishaft und haben handelnden Charakter. Dabei können Leitfragen hilfreich sein: Welche sinnlich-leiblichen Erfahrungen, Bewegungserfahrungen, Kommunikationserfahrungen kann der Schüler mit intensiver Behinderung machen?

Das Bilderbuch erfüllt unter diesen Aspekten alle Voraussetzungen für einen differenzierenden und spannenden Deutschunterricht bei Schülern mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Es bleibt eine schöne und herausfordernde Entscheidung, welches Bilderbuch Sie nun für den Unterricht auswählen.

Claudia Omonsky

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