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Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung

Bildergeschichten lesen lernen und nacherzählen

Bildergeschichten zu lesen, zu interpretieren und nachzuerzählen ist für Schüler im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung ein schwieriger Lernprozess. Hier kommt es auf einen wohl strukturieren Unterricht an, um jeden Schüler zu fördern.

Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung: Bildergeschichten lesen lernen und nacherzählen Ein Situationsbild bietet jede Menge Interpretationsspielraum und Erzählimpulse © Silviu-Florin Salomia/Shutterstock.com

Bildergeschichten nehmen eine Brückenfunktion zwischen dem Erzählen zu Einzel- und Situationsbildern und dem Lesen von Bilderbüchern ein. Die beliebten Kurzgeschichten beispielsweise von „Vater und Sohn“ oder „Der kleine Herr Jakob“ erzählen in drei bis fünf Bildern eine Geschichte, die etwas komplexer ist als ein einzelnes Situationsbild, jedoch überschaubarer als ein ganzes Bilderbuch. Darum dienen Bildergeschichten für Schüler im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung besonders gut zur Förderung der Erzählfähigkeit. 

Die Bildergeschichte hat im Vergleich zum Einzelbild eine eigene Darstellungslogik. Denn ein Einzelbild gewinnt erst aus der Beziehung zum vorhergehenden bzw. nachfolgenden Bild seine Bedeutung. Zwischen zwei Bildern können Schauplatz und Perspektive wechseln, sodass der Schüler aus der Bilderfolge heraus selbst deuten und „die Sinn-Lücke füllen“ muss. 

Szenisches Interpretationsvermögen ist gefordert

Insofern stellen die Bilder einer Bildergeschichte eine Geschichte dar, die sprachlich übersetzt wird. Denn die reine Wiedergabe der Ereignisfolge ist nicht immer sinnvoll oder möglich. Die Einzelbilder markieren die Hauptstränge der Erzählung, wirken jedoch nicht eigenständig. Der Schüler strukturiert den Handlungsablauf sprachlich stärker als die bloße Wiedergabe der Ereignisfolge es tun würde. Damit ist szenisches Interpretationsvermögen gefordert. Denn sonst versteht man am Schluss die Pointe der Geschichte nicht. 

Legt man das strukturelle Geschichtenschema nach Boueke zugrunde, kann dies jedoch auch an anderen Faktoren liegen. Er beschreibt vier Stadien der Erzählentwicklung, die uns helfen können, Schüler entsprechend zu fördern.

Vier Stadien der Erzählentwicklung

Weiterführende Hinweise:

Bunsen, Claudia: Bildergeschichten aus dem echten Leben. Hamburg 2018

Miller, Christa: Einfache Bildergeschichten für Jugendliche. Arbeitsmaterialien für Schüler mit geistiger Behinderung. Hamburg 2017

Press, Hans-Jürgen: Der kleine Herr Jakob — Bildergeschichten. Weinheim 2016

In der ersten Stufe des isolierten Erzählens stehen die Einzelaspekte der Geschichte noch ohne zeitlichen oder kausalen Zusammenhang nebeneinander. Der Schüler beschreibt, was er sieht und was ihm auffällt: Ein Mädchen wohnt im Haus. Sieben Zwerge gehen zur Arbeit. Das Mädchen ist hübsch. Auf dieser Stufe werden Schüler nicht ohne Weiteres zwischen den Schauplätzen und Handlungssträngen hin- und herspringen können.

In der zweiten Stufe des linearen Erzählens werden Zusammenhänge bereits erkannt und aneinandergereiht. Dabei wird aber das ungewöhnliche Vorkommnis, die Wendung nicht besonders wahrgenommen oder markiert: Ein hübsches Mädchen wohnt bei den sieben Zwergen. Sie kocht Essen. Da kommt eine böse Frau. Dann ist das Mädchen verzaubert.

Erst bei der dritten Stufe des strukturierten Erzählens wird die Wendung, das ungewöhnliche Ereignis wahrgenommen und miterzählt. Erst ab dieser Stufe können Schüler wirklich eine Pointe verstehen und dann auch erzählen: Schneewittchen lebt bei den sieben Zwergen. Sie isst den vergifteten Apfel. Der Prinz kommt endlich und rettet sie.

In der vierten Stufe des narrativ strukturierten Erzählens schließlich wird der Erzähler selbst involviert und in die Geschichte hineingezogen: Die Zwerge versuchten alles, um ihr Schneewittchen zu retten. Sie waren sehr traurig. Ab jetzt kann man in vollem Umfang mit der Geschichte arbeiten. 
(Erzählstufen vgl. Boueke, Dietrich/Schülein, Frieder: Wie Kinder erzählen. Stuttgart 1998)

Bildergeschichten bieten vielfältige Anreize zu mündlichem Sprachgebrauch und helfen, die Erzählkompetenzen zu verbessern. Sie lassen sich spielerisch, darstellend oder auch schriftlich weiterverarbeiten oder umsetzen. Die Schüler üben in besonderer Weise die Deutung von Mimik und Gestik — eine  Förderung, welche besonders Schülern mit eingeschränkter sozial-emotionaler Wahrnehmung helfen kann, da die Beobachtungsgabe geschult wird.

Hinweise für den Unterricht

Achten Sie bei der Auswahl der Bildergeschichte nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf die Bildauswahl. Klare Bilder bieten besonders schnelle visuelle Aufnahmemöglichkeiten. Man kann mit Bildbearbeitungsmitteln Teile weglassen oder evtl. nachbessern. Besonders gut ist es, wenn man bei schwarz-weißen Bildergeschichten die entscheidenden Details teilkoloriert, z. B. mit Aquarellfarben, was ziemlich schnell und unkompliziert geht. Lesehilfen wie Lupe oder Taschenlampe machen die Betonung der wesentlichen Bildteile leicht. Außerdem kann man auf diese Weise schnell feststellen, wo ein Schüler hinschaut, wenn er das Bild liest.

Hilfreich ist es, einen kurzen Schlüsselsatz für jedes Bild zu formulieren. Dies bildet das Erzähl-Gerüst für Schüler, die sich mehrere zusammenhängende Sinneinheiten nur schwer merken können. Sie erzählen die Bildergeschichte dann mithilfe der Schlüsselsätze nach. Auch Lehrerfragen und Impulse zu jedem Bild wollen gut geplant sein. Sie sollen Motivationshilfen darstellen und nicht „Leerfragen“.

Richten Sie besondere Aufmerksamkeit auf Wendepunkt/Pointe/Knackpunkt der Geschichte. Wie stellen Sie sicher, dass die Schüler dies verstehen? Bearbeiten Sie gründlich, was zwischen den Bildern passiert, um alle Schüler inhaltlich mitzunehmen.
Welche Techniken zur Bilderschließung kommen zum Einsatz? — Besonders beliebt sind die Lupe bzw. das Schlüsselloch: einfache Schablonen für die Schülerhand, mit denen das Augenmerk auf die besprochenen Bildteile gelenkt wird. Schüler mit Wahrnehmungseinschränkungen wissen die visuelle Vereinfachung zu schätzen und können sich wesentlich besser fokussieren. Besonders wichtig ist dies bei Bildern, bei denen Details für das Verständnis von Bedeutung sind, z. B. Geste, Mimik usw. 

Bildergeschichten gibt es für unterschiedlichste Altersstufen. Inhalt und Bildgestaltung bilden die Grundlage zur Auswahl der passenden Geschichte. Weiterführende Bearbeitungsmöglichkeiten über das Lesen hinaus finden sich im handlungs- und produktionsorientierten Leseunterricht.

Claudia Omonsky

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