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Sprachförderung GE

Erzählfertigkeit durch Geschichtensäckchen fördern

Ein Säckchen voller Gegenstände regt Schüler im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung zum Geschichtenerzählen an. So werden Sprachentwicklung, Ausdrucksvermögen und Kommunikation in einem fantasievollen Rahmen geübt.

Sprachförderung GE: Erzählfertigkeit durch Geschichtensäckchen fördern Der Inhalt eines Geschichtensäckchens gibt Anlass zum Staunen und Erzählen © Claudia Omonsky

„Noch einmal!“, ruft der Junge, kaum hat die Lehrerin das Märchen erzählt und mit den magischen Worten „...und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ beendet. Kinder lieben Geschichten. Mit Erzählungen und Märchen erschließen sie sich ihre Welt und erfinden sich manchmal auch eine neue. Darum sind abwechslungsreiche Methoden zum Geschichtenerzählen seit jeher nicht aus der Schule wegzudenken.

Im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung verfolgen wir mit dem Geschichtenerzählen auch weitere Lernziele. So üben die Schüler im Lernbereich von Kommunikation und Sprache beim Erzählen den Lautspracherwerb wie auch den differenzierten Umgang mit Sprache. Im Lernbereich Deutsch geht es vor allem um die Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten.

Das Erzählen anregen durch ein Säckchen voller Gegenstände

Eine handlungsorientierte und kindgerechte Form des bildhaften Erzählens stellt die Methode der Geschichtensäckchen dar. Diese Art, eine Erzählung zu präsentieren stammt ursprünglich aus Schweden und bedeutet dort „Sagopasen“, das heißt so viel wie Märchentüte. Bei dieser schlichten Form eines Miniaturtheaters wird ein Säckchen zu einer Erzählung, einem Märchen, einem Reim oder einem Lied vorbereitet. Kleinere Gegenstände, die für den roten Faden der Geschichte sorgen, werden hier gesammelt. Auch Alltagsgeschichten können damit erzählt werden. Man legt zusätzlich eine Karte mit den wichtigsten Stichpunkten oder ritualisierten Sätzen mit hinein, damit man die Geschichte als Lehrkraft auch immer wieder genau gleich erzählen kann bzw. unterschiedliche Personen damit arbeiten können.

Durch die stark ritualisierte Form des Erzählens entsteht eine intensive Situation von Vertrauen und Beziehung zwischen Lehrkraft und Schülern. Daher sollte man die Erzählsituation nicht zu stark „verschult“ gestalten. Die Methode eignet sich besonders gut für jüngere Kinder oder Schüler mit erhöhtem Förderbedarf. Denn die Wiederholung von Bewegungen und Worten weckt eine Erwartungshaltung. Es entsteht ein emotionaler Dialog. Die vertraute Stimme einer Bezugsperson, die bekannten Gegenstände aus dem Säckchen sowie die immer besser bekannte Geschichte lösen beim Schüler aktive Reaktionen des ganzen Körpers aus, positive Emotionen werden spürbar. Darum unterstützen die Geschichtensäckchen den Erwerb wichtiger Basiskompetenzen durch die hohe Identifikation mit den Figuren und die genaue Wiederholung, die zur Nachahmung anregt und die Sprachentwicklung fördert.

Bei der Auswahl das Vorstellungsvermögen der Schüler beachten

Bei der Auswahl der Geschichten sollte man die Vorstellungskraft der Schüler beachten, also welche Art von Geschichten sie verstehen (können). Besonders bei Schülern mit Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung spielt hier nicht nur das tatsächliche Lebensalter eine Rolle, sondern vor allem das diagnostizierte Entwicklungsalter. Bei einem Entwicklungsalter bis zu 12 Monaten können Kinder einer Ein-Personen-Geschichte folgen, ab dem Entwicklungsalter von 24 Monaten verstehen sie Zwei-Personen-Geschichten. Ab dem 3.–4. Jahr Entwicklungsalter mögen sie Geschichten mit realem Hintergrund und einem Spannungsbogen. Hier können auch erste Schlussfolgerungen, ein Fazit oder eine Moral gezogen und Beispielhandlungen erprobt werden (vgl. Bostelmann A., 2009, S. 16).

Weiterführende Hinweise:

Bostelmann, Antje, Hg.: Geschichtensäckchen. Material- und Spielanregungen für 1- bis 4-jährige Kinder. Mülheim an der Ruhr 2009

Fornefeld, Barbara: Mehr-Sinn-Geschichten. Erzählen — Erleben — Verstehen. Der Konzeptband, verlag selbstbestimmtes leben, Düsseldorf 2013

Goudarzi, Nicol: Basale Aktionsgeschichten. Erlebnisgeschichten für Menschen mit schwerer Behinderung. Karlsruhe 2015

Oestreicher, Susanne: Mit Geschichtensäckchen durch das Jahr. Praxiserprobte Erzähl-und Spielanregungen für Krippe und Kita. Berlin 2015

Dusyma Geschichtensäckchen, Filmbeitrag, letzter Aufruf am 14.11.2017

Eine von vielen Nähanleitungen für Geschichtensäckchen

Die pädagogischen Einsatzmöglichkeiten der Geschichtensäckchen reichen von der Unterstützung des Spracherwerbs über die musikalische Förderung bis hin zur Förderung mathematischer Kompetenzen.

Die Erzählgegenstände müssen den roten Faden widerspiegeln

Die Säckchen lassen sich leicht selbst herstellen. Man benötigt dafür ein hübsches Stoffsäckchen (auch das kann man selbst nähen), am besten mit einer Kordel, die leicht auf- und zuzuziehen ist. Die Säckchengröße richtet sich nach den Gegenständen, die hineingefüllt werden. Je nach Geschichte können dies Spielfiguren aus Holz, Biegepuppen, kleine Stofftiere, Alltagsgegenstände aus der Puppenküche, Tiere oder Fantasiefiguren sein. Dazu passen kleine Möbel, Pflanzen oder andere natürliche Dekorationen. Auch interpretierbare Naturmaterialien wie Holzstücke, Moos, Steine, Erde, Stroh oder Blätter können dafür gut verwendet werden. Aber auch Reste aus der Bastelkiste erfüllen eine Funktion im Geschichtensäckchen, zum Beispiel Klammern, Federn, Wollreste, Tücher, Filz, Märchenwolle usw. Eine „Umgebung“ kann man leicht aus farbigem Stoff (See, Berg, Wald), aus Schachteln (Haus, Stall, Zimmer) oder aus Bausteinen und Klötzen (Straßen, Wege, Häuser) gestalten.

Getreu dem Motto „Weniger ist mehr“ kommen nur solche Gegenstände in das Säckchen, die tatsächlich in der Erzählung vorkommen und direkt im Zusammenhang zum roten Faden stehen. Mit reduzierter Komplexität gelingt es den Schülern leichter, selbst sprachlich aktiv zu werden.

Inszenierte Lehrererzählung zu Beginn

Jedes Säckchen wird anhand einer inszenierten Lehrererzählung kindgerecht und motivierend eingeführt. Dabei ist es empfehlenswert, sich den genauen Wortlaut und die Abfolge der Gegenstände auf einer Karte zu notieren, die dann im Säckchen griffbereit ist. Denn Schüler verlangen gern nach dem immer gleichen Wortlaut, besonders bei Märchen. So steht das Geschichtensäckchen auch den Kollegen zur Verfügung und kann von mehreren Personen innerhalb einer Klasse genutzt werden. Ebenfalls empfehlenswert ist ein Ritual zum Herrichten, Erzählen und Aufräumen. Schüler mögen die besondere Atmosphäre in einem Erzählkreis oder auf dem Erzählteppich. So rücken alle eng zusammen und haben freie Sicht und auch individuellen Zugriff auf die Gegenstände. Im Laufe der Zeit sollen die Schüler selbst den nächsten, passenden Gegenstand aus dem Säckchen herausholen und sich immer mehr beim Erzählen aktiv beteiligen.

Eine handlungsorientierte Zugangsweise für alle Schüler ermöglichen

Für Schüler mit einer intensiven Behinderung kann man ebenfalls verstehbare Geschichtensäckchen zusammenstellen. Hier kommen beispielsweise solche Geschichten in Betracht, die einfache Zusammenhänge mit eindeutigen Wahrnehmungseindrücken thematisieren. Angebote zum Sehen, Hören, Riechen oder Tasten können mit einer motivierenden Geschichte verbunden werden. Kleinschrittige Handlungsabfolgen können auf diese Weise an den Spielfiguren gezeigt und sprachlich begleitet werden. So kann eine handlungsorientierte Zugangsweise geschaffen werden, bei der jeder Schüler auf seinem Entwicklungsniveau gefördert werden kann.

Für manche Schüler stellt das Herausnehmen aus dem Säckchen motorisch eine Hürde dar. Dann kann man das Prinzip der Geschichtensäckchen leicht auf eine Kiste, eine Schatztruhe oder einen Erzählkoffer übertragen und der nächsten Erzählstunde steht nichts mehr im Weg.

Claudia Omonsky

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