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Demokratieerziehung

Gegen das Vergessen: gelebte Erinnerungskultur

Die Vergangenheit lebt in Denkmalen fort. Umso wichtiger ist es, deren Botschaften zu hinterfragen und diese ggf. durch eine gelebte, kritische Erinnerungskultur zu ersetzen. Passende Unterrichtsprojekte tragen zur Demokratieerziehung bei.

Demokratieerziehung: Gegen das Vergessen: gelebte Erinnerungskultur Stolpersteine erinnern an jüdische Menschen, die in der NS-Zeit umgekommen sind © chrisdorney - stock.adobe.com

Die 16-jährige Barirah Gul besucht das Münchner Mädchengymnasium Max-Josef-Stift. In der Eingangshalle ihrer Schule zieht die Zehntklässlerin eine große graue Plane vor einer Wand zur Seite: „Zu sehen sind blonde, arische Frauen mit ihren Kindern, die sie offensichtlich hüten“, erfährt man in dem Hörbeitrag „Wie Schüler mit Migrationshintergrund Erinnerungskultur sehen“. Das Wandbild aus der NS-Zeit darf aus Denkmalschutzgründen nicht einfach überstrichen werden. Damit die Schülerinnen das Gemälde nicht sehen müssen, hatte es die Schule zugehängt. Barirah und ihre Mitschülerinnen erfuhren erst von dem Bild, als die Klasse im Unterricht über die NS-Zeit und die Shoah spricht. 

„Dieses Thema darf nicht kaschiert werden“ – davon sind die Zehntklässlerinnen überzeugt. Deshalb engagieren sie sich in den Pausen gegen das Vergessen. In Eigeninitiative hat die Gruppe einen „Gegenentwurf“ gestaltet, den sie vor dem NS-Propagandabild platzieren möchten: ein aufgeschlagenes Buch, dessen linke Seite in „tristen Grau- und Schwarztönen“ „die dunkle Vergangenheit Deutschlands“ zeigt, und auf der rechten Seite ein buntes Bild, das die „Vielfalt der Gesellschaft“ darstellt: Fünf Frauen, auch eine mit Kopftuch und eine dunkelhäutige, stehen Hand in Hand vor einer blühenden Landschaft. 

Schülerinitiativen sollten ermutigt werden

Es gibt viele gute Gründe, warum die Schule solche Schülerinitiativen gegen das Vergessen unterstützen sollte: Im deutschen Parlament sitzen Politiker/-innen, die Hitler und die Nazis und mit ihnen sechs Millionen ermordeter Juden als „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ marginalisieren (Alexander Gauland, AfD) oder nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ rufen (Björn Höcke, AfD). (Vgl. dazu: ZEIT ONLINE, 2.06.2018, „Gauland: NS-Zeit nur ein ‚Vogelschiss in der Geschichte‘“, Quelle: dpa). 

Besonders auch die Anschläge von Halle und Hanau, die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke und die vielen brennenden Asylbewohnerheime, nicht erst nach 2015, sprechen für sich. 

Durch das versteckte Bild und ihre kreative Antwort darauf haben die Zehntklässlerinnen um Barirah die Brücke zwischen der NS-Zeit und der Gegenwart geschlagen. Einige der Schülerinnen haben auch selbst schon in Deutschland Rassismus erfahren, denn wie 30 Prozent der Schülerinnen an ihrer Schule haben Barirah Gul und ihre Mitstreiterinnen einen Migrationshintergrund. Angesichts des wachsenden Rechtsextremismus in Deutschland möchten die Mädchen besonders auch an die Geschädigten des Nazi-Regimes erinnern: Sie schreiben Gedichte und organisieren in ihren Schulpausen Gedenkprojekte. 

Im Folgenden einige Anregungen und Materialien für Initiativen und Unterrichtsprojekte für eine lebendige Erinnerungskultur an Ihrer Schule, die auch die Parallelen zu gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen berücksichtigt.

Spurensuche vor Ort – eine „Forscherwoche“

Wie in Barirahs Schule setzt Erinnerungskultur am besten in der unmittelbaren Umgebung an, zum Beispiel bei der Frage „Woran sollen uns unsere Straßen, Plätze, Gebäude und Denkmale erinnern?“ Im Rahmen einer „Forscherwoche“ suchten die 9. Klassen des Goethegymnasiums nach Antworten in ihrer Stadt Demmin. Auf einem historischen Stadtplan der NS-Zeit entdeckten sie Straßennamen wie „Adolf-Hitler-Straße“ oder „Reichsstraße“. In Schülerteams bekamen sie jeweils einen Ort in Demmin zugewiesen, den sie genauer erforschten: in Bibliotheken, Archiven und bei Interviews mit Stadthistorikern. – Ergiebig wäre sicherlich auch die Suche nach ortsansässigen Zeitzeugen oder ihren Nachkommen. 

Erinnern heißt Vergessenes ausgraben und bewahren. Deshalb gehört zur Erinnerungskultur immer auch die Dokumentation und Veröffentlichung der Ergebnisse. Doch für wen könnten die gesammelten Informationen interessant sein? Die Neuntklässler/-innen suchten und fanden Interessenten und Kooperationspartner in Demmin: Kirchenbüro, Schulen, Arztpraxen, das örtliche Krankenhaus, ein Seniorenstift u.v.m. Auf diese Weise konnten sie Flyer, eine Broschüre und eine Infobox mit Audioversion finanzieren und verbreiten. – Ein Projekt mit Breitenwirkung, das die Schüler/-innen und auch die Demminer sicherlich so schnell nicht vergessen werden.

Projekte gegen rechtsextremistische Einstellungen im Alltag

Rechtsextremistische Einstellungen und Vorurteile sind in unserer Gesellschaft omnipräsent. Doch wie sieht es damit in unserer Klasse und an unserer Schule aus? Das ermitteln die Schüler im Rahmen dieses Unterrichtsprojektes mit vier Bausteinen auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung:

  1. Mit Fragebögen und der Software GrafStat erfassen sie „Meinungen und Einstellungen der Schülerinnen und Schüler – insbesondere im Hinblick auf rassistische, antisemitische oder sozialdarwinistische Aussagen“. Danach werten sie die Daten aus und vergleichen sie mit Daten aus weiteren empirischen Studien.
  2. Was bedeutet „Rechtsextremismus“? In diesem Baustein erarbeiten die Schüler/-innen eine Definition und identifizieren „typisch rechte Verhaltensweisen und Einstellungen sowie Gefahren für die Gesellschaft und das persönliche Leben“. 
  3. Was sind die Gründe für rechtsextreme Einstellungen? – Das erforschen die Jugendlichen anhand von Fallbeispielen und „fachwissenschaftlichen Erklärungsmodellen“.
  4. Im letzten Baustein geht es um aktives „Engagement gegen rechtsextremistische Strömungen“. Hier lernen die Schüler/-innen einige Best-Practice-Projekte kennen und suchen sich ein eigenes Projekt gegen Rechts. Impulse dafür – und vielleicht auch für Ihren Unterricht – gibt diese „Liste mit ausgewählten Projektideen“. – Ergänzend sei hier noch eine weitere Sammlung genannt: Die „101 Projektideen gegen Rechtsextremismus“, die die evangelische Jugend zusammengetragen hat. 

Viele der hier dargestellten Ideen eignen sich für kleine und umfangreichere Projekte im Fach- bzw. fächerübergreifenden Unterricht. So könnten etwa die Texte für eine „Lesung für Demokratie“ im Deutschunterricht ausgewählt werden, in der Theater-AG studieren die Schüler7-innen eine szenische Lesung ein, im Fach IT bewerben sie die Veranstaltung auf der Schulhomepage und im Kunstunterricht erstellen Sie dazu Plakate und einen Flyer.

Auch eine Schulkino-Reihe könnte ins Leben gerufen werden. In erschütternden Filmen wie „Das Leben ist schön“, „Auf Wiedersehen, Kinder“ oder in der Serie „Holocaust“ bekommen die Opfer der Shoah ein Gesicht. Damit gewinnen die Schüler/-innen einen emotionalen Zugang. Sie bauen Empathie und Mitgefühl auf. – Nichts schützt besser vor dem Vergessen der unrühmlichen deutschen Geschichte und den menschenfeindlichen, faschistischen Tendenzen in unserer Zeit.

Martina Niekrawietz

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