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Erzählen und verstehen

Geschichten mit allen Sinnen erleben

Kinder lieben Geschichten und das Erzählen ist eine alte Tradition. Aus der Arbeit mit behinderten Menschen kommt die Idee der Mehr-Sinn-Geschichten: Märchen oder Sagen, die mit Musik und verschiedenen Materialien zu Erlebnissen werden und auch Schüler begeistern.

Erzählen und verstehen: Geschichten mit allen Sinnen erleben Geschichten sind ein besonderes Erlebnis, wenn man das Gehörte auch fühlen und riechen kann © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Lena ist behindert. Sie kann nichts sehen und kein Spielzeug halten. Aber sie kann in einer Hängematte liegen und ihre Gedanken auf Reisen schicken. Dann schaukelt sie mit den Wellen, spürt die Gischt und findet schließlich einen Schatz im weichen Sand. Sie sagt nichts, aber sie lacht. Man merkt: Die Geschichte von der Schatzinsel gefällt Lena besonders gut.

Unsere Geschichten „werden nicht einfach nur vorgelesen“, sagt Barbara Fornefeld, Professorin für Pädagogik und Rehabilitation bei Menschen mit geistiger Behinderung an der Universität Köln, die dieses Konzept entwickelt hat. „Sie werden in einfacher Sprache und unter Zuhilfenahme von eigens entwickelten Materialen und Musik so erzählt, dass sie sinnlich erfahrbar sind.“

Die Zuhörer sollen die Geschichten hören, riechen, fühlen und auch schmecken können, denn das Verstehen funktioniert nicht rein kognitiv. Sie wollen den ganzen Menschen ansprechen, nicht nur den Intellekt. Gleichzeitig knüpfen sie durch die sinnliche Wahrnehmung an Erfahrungen und Erlebnisse an, die Kinder kennen.

Weitere Tipps und Anregungen:

Website des Vereins „Kubus“:
Es gibt bisher sechs mehr¬Sinn® Geschichten: die Märchen „Rotkäppchen“, „Hänsel und Gretel“ und „Der Wolf und die sieben Geißlein“ und drei Abenteuergeschichten: „Orientalischer Markt“, „Reise zur Schatzinsel“ und „Dschungelexpedition“. Die Bestelladresse finden Sie auf der Website.

Fornefeld, Barbara: mehr¬Sinn® Geschichten — Erzählen — Erleben — Verstehen. Konzeptband. Verlag selbstbestimmtes Leben. Düsseldorf, 2013. Das Buch führt in das Konzept der Geschichten und in das mehr-sinnliche Geschichtenerzählen ein.

Geschichten für alle Sinne

Zusammen mit ihren Studenten hat Barbara Fornefeld drei Märchen und drei Abenteuergeschichten als Geschichten für alle Sinne entwickelt. Jede Geschichte kommt in einer Erzählkiste aus Holz mit Requisiten, Musik-CD und Handbuch. Die Rotkäppchen-Kiste enthält zum Beispiel den Duft von Blumen, die Rotkäppchen pflückt, um sie der Großmutter zu schenken. Die Großmutter selbst ist ein kleines Wärmekissen, denn sie strahlt Wärme aus. Als sie schließlich vom Wolf gefressen wird, verschwindet das Kissen in der Bauchtasche der Wolf-Handpuppe. Ein Handbuch enthält die bearbeiteten Erzähltexte und bebilderte Regieanweisungen sowie Hinweise für den Einsatz der Requisiten.

Hergestellt werden die Erzählkisten in Werkstätten für Menschen mit Behinderung, daher bedarf die Fertigung aufwendiger Vorbereitung „Die Idee zu den mehr¬Sinn® Geschichten entstand, als eine Studentin mit einem schwerst behinderten Mann arbeitete, der den ganzen Tag über nur dasaß und sich langweilte“, erzählt Barbara Fornefeld. Da es in der Nähe seines Wohnortes eine Legende von einem Riesen gibt, entwickelte die Studentin daraus eine Geschichte.

Ein preisgekröntes Projekt

Inzwischen gibt es eine Fülle von Geschichten, die Studenten geschrieben und als Erlebnis-Projekt bearbeitet haben. Und die Reaktionen auf die Geschichten sind so positiv, dass das Konzept von Universitäten in Berlin, Leipzig und Heidelberg übernommen wurde. Im Jahr 2012 wurde es mit dem „mitMenschPreis“ des Bundesverbandes evangelische Behindertenhilfe (BeB) in Berlin ausgezeichnet.

Mehr¬Sinn® Geschichtenwerden jetzt auch in Altersheimen und Hospizen erzählt. „Die Erinnerung bleibt im Körper, auch bei alten oder dementen Menschen“, sagt Barbara Fornefeld.  „Wir haben als neues Segment religiöse Geschichten und Trauererfahrungen dazugenommen und auch damit durchweg sehr gute Erfahrungen gemacht.“ Eine beliebte Geschichte ist hier „Hans im Glück“, der Mann, der alles verschenkt, seine Fähigkeiten verliert und trotzdem am Ende glücklich ist.

Geschichten für kleine Gruppen in der Schule

Wenn man eine sinnlich erfahrbare Geschichte in einer Schulklasse erzählen möchte, sollte man darauf achten, dass die Gruppe nicht zu groß ist. Sechs oder sieben Kinder sind optimal, damit die Requisiten parallel zur Geschichte herumwandern können. Nehmen mehr Kinder teil, braucht man entsprechend mehr Material. Die Texte der Geschichten sind so konzipiert, dass es einen Erzählstrang mit Storyline gibt, der aber mit einem Ergänzungstext vorgelesen werden kann für Kinder, die mehr verstehen.

Wie das funktioniert und wie man diese Geschichten für alle Sinne sinnvoll aufbaut? Das kann man bei „Kubus“ lernen, dem Verein, der für die Verbreitung dieser Geschichten gegründet wurde. „Kubus“ bietet Fortbildungskurse an, in denen Interessierte die Entwicklung und Umsetzung von Geschichten und die methodischen Grundlagen zur Erstellung einer Erzählkiste kennenlernen können. Und Barbara Fornefeld und ihre Mitarbeiter kommen auch in die Schulen, um direkt mit den Lehrern zu arbeiten. „Denn die Idee von ‚Kubus‘ ist es, das Konzept weiterzugeben und Lehrer zu animieren, eigene Geschichten zu entwickeln.“

Regine Dee

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