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Ganzheitliche Persönlichkeitsbildung

Kulturelle Bildung ist weit mehr als nur Spaß haben

Kreative Arbeit mit Schülern ist weit mehr als eine lustvolle Auszeit vom Schulalltag. Sie ist Schule: Schule für Persönlichkeitsentwicklung und Schule, die stark macht fürs Leben — ganz zu schweigen von dem Potenzial als Wissensvermittler.

Ganzheitliche Persönlichkeitsbildung: Kulturelle Bildung ist weit mehr als nur Spaß haben Kinder und Jugendliche erleben sich als aktive, kreative und selbstgestaltende Person im Theaterspiel © Scott Griessel - Fotolia.com

Mit glühenden Augen und strahlenden Wangen nimmt Rabija ihren Applaus entgegen.
„Ich war gut, ne?“, fragt sie ihre Lehrerin und verneigt sich noch einmal Hand in Hand mit ihren Mitschülern vor dem Publikum. Sie gehört zu einer Theatergruppe einer Förderschule und war maßgeblich an der Erarbeitung und der Aufführung im Stadttheater Duisburg zur Biografie Picassos beteiligt. Im Schulalltag ist sie verunsichert und zurückhaltend, auf der Bühne wächst sie über sich hinaus.

Kulturelle Bildung, ein Thema, das bedauerlicherweise heute immer noch in den meisten Schulen wenig Platz im Schulalltag findet. Auf der ersten Weltkonferenz zur künstlerischen Bildung 2006 in Lissabon wurde als Slogan kulturelle Bildung für alle gefordert. Somit sollte jedem Menschen ein Zugang zu Kunst und Kultur ermöglicht werden. Welcher Bildungsort hat da größere Möglichkeiten, dies umzusetzen, als die Schule? Die Förderung und Durchführung kultureller Bildung kann in den Schulen ein Perspektivwechsel erwirken, der das Leben im Schulalltag nachhaltig beeinflusst.

Kulturelle Bildung und Toleranz gehen Hand in Hand

Kulturelle Bildung ist bei der heutigen gesellschaftlichen Entwicklung meines Erachtens unumgänglich, zumal sich auch bei uns in Deutschland verschiedene Kulturen mehr und mehr vermischen. Eine offene, demokratische Gesellschaft erreichen wir durch selbstreflektierende und selbstsichere Heranwachsende, die stets bereit sind, im offenen Dialog miteinander oder mit Erwachsenen zu treten. Ethische Toleranz und faire Kritik sind wichtige Aspekte, die in der Umsetzung im Schulalltag einen breiten Raum brauchen.

Die Fächer aus den Bereichen darstellende und bildende Kunst wie Tanz, Theater, Musik und Kunst eröffnen ein großes Feld, diese genannten wichtigen Kompetenzen zu erlernen und ebenso gute Grundlagen für andere Fächer zu schaffen. Dazu bieten sich besonders Projekte an, die fächerübergreifend im Deutsch-, Geschichts-, Sport- und Politikunterricht einfließen können.

Ein Beispiel von Reinhard Kahle zeigt deutlich, dass zum Beispiel Deutschunterricht auch anders als durch eine übliche trockene Wissensvermittlung stattfinden kann. „In Bremen fanden in den Ferien 2006 zum dritten Mal Sommercamps für Drittklässler statt. Überwiegend Kinder ausländischer Herkunft bekamen jeden Tag zwei Stunden Sprachunterricht, arbeiteten ebenso lang an Theaterstücken, die zum Schluss aufgeführt wurden, und es blieb jede Menge Zeit zum Spielen, Toben und für Abenteuer.  […] Anschließend konnte festgestellt werden, dass sich die Sprachkompetenz der Kinder in dieser Zeit […] enorm verbessert hatte. Auch noch im Posttest drei Monate später. (Reinhard Kahl: Ein schöner Sommer. In: Pädagogik 9/06, S. 64)

Kreativer Unterricht ist weit mehr als Spaß haben

Kreativer Unterricht in den Bereichen der ästhetischen Fächer ist demnach mehr als nur Spaß haben und Talentförderung. Kunst- Theater- oder Musikprojekte können, je nach Thema, ebenso im Politik- oder Deutschunterricht theoretisch erarbeitet und im entsprechenden Fachunterricht handelnd umgesetzt werden. Dabei wird in großem Maße Eigenverantwortung der Schüler erwartet. Sie sollen innerhalb der Projektarbeit lernen, das eigene Lernumfeld durch die Gruppenarbeit selbst mitzugestalten und eigene Umsetzungsmöglichkeiten zu finden. Sie sollen kulturelle Vielfalt schätzen lernen und die Bereitschaft entwickeln, einander zu achten und Spannungen auszuhalten.

Diese Fähigkeiten können Schüler besonders durch gemeinsam erarbeitete Projekte entwickeln, die auch eine Öffnung nach außen erfahren. Arbeitsgemeinschaften, Schulveranstaltungen und Aufführungen kommen eine besondere Bedeutung zu. Chöre, Tanzgruppen, Theater AGs, Orchester, ebenso die Darbietung bildnerischer Kunstwerke – all dies hat einen positiven Einfluss auf die Schulkultur und somit auch auf das Lernverhalten der Schüler. Das bedeutet für Förderschüler, positive Erfahrungen machen in allen wichtigen Bereichen des Lebens. Nicht isoliertes Lernen in einzelnen Fächern, sondern praktisch handelnd und auf kreative Weise die eigenen Ressourcen einsetzen zu können. So wird ganzheitliches Lernen ermöglicht und kognitive, emotionale und gestalterische Handlungsprozesse miteinander verbunden. Für die Schüler bedeutet es ebenso, die Erweiterung gesellschaftlicher Verantwortungsfähigkeit und die Förderung zu mehr Identität, Werthaltungen und sozialer Kompetenzen.

Kulturelle Bildung reicht über Schule hinaus

In die Planung und Gestaltung des kulturellen Lebens können ebenso die jeweiligen Städte oder Gemeinden miteinbezogen werden. Schule kann zur kulturschaffenden Institution werden und sich mehr im gesellschaftlichen Kontext vernetzen. Besuche in Museen, Theatern und Bibliotheken unterstützen den Unterricht in besonderem Maße. Sie schaffen neue Lernorte und fördern praktisches, handelndes Lernen im Alltag. Das heißt, Museumsbesuche mit museumspädagogischer Führung in den Schulalltag zu integrieren. Programme dazu, speziell auch für Förderschüler, bieten viele Museen an. Bücher für eine kleine Klassenbibliothek können in der Bücherei ausgeliehen werden. Sie unterstützen die zu erarbeitenden Themen und schaffen den Schülern die Möglichkeit, mit Büchern selbstständig zu arbeiten.

Eine Bibliothek ist ein wunderbarer Ort, handelnd und selbssttändig zu lernen, wie man Bücher betrachtet und auch das Ausleihen durchführt. Mitunter sind Förderschüler auch sehr stolz, einen Bibliotheksausweis zu haben. Die Theater in den jeweiligen Städten bieten sehr oft Stücke für Kinder an. Ein Schulausflug ins Theater bietet immer auch eine gute Gelegenheit, das Theater als kulturelle Institution kennenzulernen. Manche Theater kann man auch anschreiben, um einen Einblick hinter die Kulissen zu bekommen ( wie z. B. das Tanztheater Wuppertal: Öffentlichkeitsarbeit/Marketing: Ursula Popp, ursula.popp@pina-bausch.de).

Aus der pädagogischen und neurophysiologischen Wissenschaft wissen wir, dass Kinder ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen brauchen. Daher braucht Schule freie Räume, in denen sich Fantasie und Gestaltungslust entwickeln kann und sich Ressourcen entfalten, die auch auf der Zugehörigkeit von Gruppen beruhen. Schule ist ein Lebensraum, in der durch die Förderung kultureller Bildung auch eine Bildung zur Orientierung in der Welt vermittelt werden kann. Kulturelle Bildung stellt eine Basis dar, von der aus Kinder und Jugendliche ihre Lebensperspektive erkunden und ausbauen können. Es liegt nun an den jeweiligen Schulen selbst, in welcher Form sie ihr kulturelles Profil erstellen. Es liegt ebenso an den Schulen, ob und wie sie die Schüler dahingehend ganzheitlich kulturell fördern, dass sie die Möglichkeit erwerben, ihr sprachliches und bildhaftes Ausdrucksvermögen und ihre sozialen und kognitiven Kompetenzen zu erweitern.

Angela Hentschel

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