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Förderschwerpunkt GE

Lesestrategien entwickeln und trainieren

Schüler im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung haben häufiger Probleme mit dem sinnentnehmenden Lesen. Durch geeignete Lesestrategien werden Textverständnis und Motivation gleichermaßen gesteigert.

Förderschwerpunkt GE: Lesestrategien entwickeln und trainieren Gemeinsames Lesen und Anwenden von Lesestrategien motiviert, Texte zu lesen und zu entschlüsseln © pictworks - Fotolia.com

Lars (12), Schüler an einem Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung, liest im Leseunterricht recht flüssig einen längeren Text vor. Stolz blickt er seinen Lehrer an, der ihn auch gebührend lobt. Doch die Frage, „In wen ist Lisa, die Hauptperson in dem Text, verliebt?“, kann Lars nicht beantworten. Nicht wenige Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung machen im Laufe ihrer Schulzeit erfreuliche Fortschritte im Lesen (vgl. Christoph Ratz: Schülerschaft im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Oberhausen 2010) und bewältigen lesetechnisch durchaus auch längere Texte. Doch häufig muss die Lehrkraft feststellen, dass die gleichzeitige Sinnentnahme, das Textverstehen, nicht in gleichem Maße glückt.

Cornelia Rosebrock und Daniel Nix (Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen schulischen Leseförderung. Hohengehren 2008) haben herausgestellt, dass leseschwache Schüler — und damit ein Großteil der Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung — schon früh Defizite bei den elementaren, basalen Prozessleistungen des Lesens aufweisen. Diese stellen einen Teilbereich des Gesamtkonstrukts „Lesekompetenz“ dar.

Basale Leseprozessleistungen, die Probleme machen können

Diese Prozessleistungen sind diejenigen geistigen Tätigkeiten, die im Akt des Lesens ausgeführt werden müssen, um zum Textverstehen zu gelangen.
Hierzu gehören:

  • Wörter und Sätze identifizieren: Wo im Text steht das Wort „verliebt“? Was bedeutet der Satz „Lisa findet Daniel toll“? Hier bewegt sich das Lesen an einer isolierten Textstelle noch vergleichsweise an der Oberfläche (zur Übung dieser Prozessleistung vgl. Häußler, Michael: Vom Situationsbild zum Lesen. Hamburg 2009).
  • Lokale Kohärenz erkennen: Herstellung kleinräumiger Zusammenhänge zwischen Wortgruppen und einzelnen Sätzen, wenn etwa nach einer einzelnen Information gefragt wird, die aus einem Satz besteht (In welche Klasse gehen Lisa und Daniel? Wie alt sind sie? Wo treffen sie sich zum ersten Mal?)
  • Globale Kohärenz erkennen: Hier geht es darum, Einzelinformationen aus dem Text von Anfang an zusammenzufassen und auf eine Gesamtaussage zu beziehen — warum findet Lisa Daniel toll und woran merkt man, dass sie verliebt ist? Dabei hilft das Wissen über Textsorten sowie Vermutungen zum Inhalt, die der Leser von Beginn des Leseprozesses an anstellt.

Viele Schüler können — auch wenn sie flüssig lesen — schon diese basalen Prozessleistungen nicht erbringen und selbst explizit gegebene Informationen in einem Text nicht erfassen und diese somit auch nicht im Sinne globaler Kohärenz verknüpfen. Für diese Schüler ist das gezielte Training von Lesestrategien wichtig, mit deren Hilfe sie sich Textinhalte eigenständig mental erarbeiten können.

Einfach, aber wirkungsvoll — gezieltes Trainieren von Lesestrategien

Rosebrock und Nix unterscheiden in erster Linie wiederholende Lesestrategien (Text noch einmal lesen, zusammenfassen) sowie ordnende Strategien (Wichtiges markieren, Abschnitte zusammenfassen, Aufbau des Textes nachvollziehen), die an verschiedenen Stellen des Leseunterrichts gezielt geübt werden können.

Vor dem Lesen:

  • Vorwissen aktivieren: Was weißt du schon über das Thema des Textes? Hast du so etwas Ähnliches schon erlebt?
  • Abbildungen zur Sinnerschließung nutzen: Bildergeschichten oder Abbildungen zum Text können vom Lehrer mit Text versehen werden, beides wird einander zugeordnet.
  • Von der Überschrift aus zu Hypothesen gelangen: Was könnte in einer Geschichte mit der Überschrift „Der Liebesbrief“ passieren?

Während des Lesens:

  • Wichtige Wörter finden und unterstreichen: zu den Hauptpersonen, zu zentralen Gegenständen, zu Begriffen aus der Überschrift
  • Unbekanntes aus dem Kontext erschließen: Was könnte das Wort „Bauchkribbeln“ in Bezug auf den Gesamtzusammenhang der Geschichte bedeuten? Ist Lisa etwa krank?
  • Selbst Fragen zum Gelesenen entwickeln: Wie könnte Lisa Daniel dazu bringen, sie zu einem Eis einzuladen?
  • Gelesenes mit Vorwissen verknüpfen: Was zieht man zu einem Date an?
  • Hauptgedanken erkennen: Woran merkt man, dass Lisa in Daniel verliebt ist?
  • Wichtige Textstellen markieren: Wo wird der Zustand des Verliebtseins näher beschrieben? Was erfahren wir darüber (Beleglesen)?
  • Textstrukturen (Abschnitte/Teilüberschriften) zum Verstehen nutzen: Selbst Teilüberschriften formulieren. Texte gliedern, indem der Text in Abschnitte zerschnitten wird und die Schüler diese in der richtigen Reihenfolge wieder zusammensetzen (Textpuzzle)
  • Verknüpfungen in Texten erkennen (Zusammenhänge zwischen den Gedanken der Hauptpersonen, dem Inhalt eines Liebesbriefs, den Äußerungen von Klassenkameraden, die im Text geschildert werden)

Nach dem Lesen:

  • Text/Textabschnitt mündlich oder schriftlich zusammenfassen
  • Fragen zum Text beantworten (Multiple Choice, schriftlich, Verbinden von Frage und Antwort)
  • Zu vorgegebenen Antworten Fragen formulieren
  • Ein Unterrichtsgespräch zum Text anhand von Leitfragen führen
  • Ein Rollenspiel zum Text gestalten
  • Ein Standbild/Figurenkonstellationen erarbeiten

Es liegt auf der Hand, dass Schüler, denen das Lesen Mühe macht und die Texte nicht richtig entschlüsseln können, wenig Motivation zum Lesen haben bzw. entwickeln. Leseleistung und Lesemotivation hängen also eng zusammen. Gleichzeitig sind aber Übung und Viellesen der Schlüssel zum Erfolg in dieser zentralen Kulturtechnik. Die gezielte Vermittlung von Lesestrategien macht Lust aufs Lesen, weil die Kinder und Jugendlichen sich als kompetente und selbstständige Leser erleben!

Michael Häußler

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