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Musikunterricht

Liedeinführung bei Schülern mit Förderschwerpunkt GE

Musik begeistert Kinder und Jugendliche — auch Schüler im Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Hier muss jedoch das Einüben von Liedern kleinschrittig unterstützt werden, um das gemeinsame Singen und Musizieren zu fördern.

Musikunterricht: Liedeinführung bei Schülern mit Förderschwerpunkt GE Liedtext und Melodie lassen sich häufig besser lernen, wenn sie mit Bewegung verknüpft werden © highwaystarz - stock.adobe.com

Kinder singen (meist) gern. Und sicherlich ist das gemeinsame Singen eine wertvolle und beglückende Erfahrung. Das Vermitteln eines neuen Liedes für Schülerinnen und Schüler mit geistiger Behinderung hat aber auch seine Tücken. Es stellt sich zum einen das Problem, das Einüben von Text und Melodie so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten, da die Vermittlung meist stark lehrerzentriert geschehen muss und es wenige Möglichkeiten der Rhythmisierung und Differenzierung gibt. Hinzu kommt, dass Schüler mit geistiger Behinderung häufig den Text nicht einfach ablesen können. Ein Noten- und Textblatt als Gedächtnisstütze ist hier ebenso wie bei Vorschulkindern oder Schulanfängern wenig sinnvoll.

Auf die richtige Auswahl kommt es an

Entscheidend dafür, Schüler zum Singen zu motivieren, ist die Auswahl des „richtigen“ Liedes. Bei der Textauswahl können folgende Überlegungen helfen:

  • Ist der Text alters- und entwicklungsgemäß? Entspricht er der Erfahrungswelt, den Vorlieben und Bedürfnissen der Schüler?
  • Bietet er Möglichkeiten zur Identifikation?
  • Entspricht er ggf. der Jahreszeit oder sonstigen kalendarischen Ereignissen (Feste)?
  • Weist er Ansatzpunkte zur szenisch-spielerischen Darstellung auf? Fordert er Aktivität in Form von Bewegung, Spiel oder instrumentaler Begleitung heraus?
  • Ist das Textangebot nicht zu umfangreich bzw. lässt es sich sinnvoll reduzieren, indem z. B. zunächst nur der Refrain oder die erste Strophe gelernt wird?
  • Ist der Text gut verständlich? Enthält er schwierige Begriffe, die eventuell. geklärt werden müssen?

Empfehlenswerte Literatur und Liedersammlungen

Häußler, Michael: Unterrichtsgestaltung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Stuttgart 2015

Praxis Grundschule Extra: Musikstunden mit Pfiff. Braunscheig 2018

Probst, W. / Schuchardt, A. / Steinmann, B.: Musik überall. Ein Wegweiser für Grund- und Förderschule. Braunschweig 2006

Theilen, Ulrike.: Mach Musik! Rhythmische und musikalische Angebote für Menschen mit schweren Behinderungen. München Basel 2004

Liedersammlung:

Der Knackfrosch — Band 1 und 2.

Internetquellen:

Die Liederkiste: kostenloses Online-Liederbuch mit Liedtexten, Melodien und Noten.

Das Lieder-Archiv: Volkslieder, Kinderlieder, Frühlingslieder mit Noten, Liedtext und Melodie als MP3

Bei der Wahl einer geeigneten Melodie und eines Rhythmus ist wichtig:

  • Der durchschnittliche Tonumfang der Kinderstimme reicht vom c' bis c'' — bewegt sich die Melodie in diesem Rahmen? F-Dur und G-Dur sind meist die passenden Tonarten für Kinderlieder.
  • Ist die Melodie in einer überschaubaren Weise gegliedert, kehren bestimmte einprägsame Melodieelemente immer wieder?
  • Weist die Melodie keine zu schwierigen Tonsprünge oder Intervalle auf?

Einführung eines neuen Liedes

Folgender Stundenaufbau hat sich als hilfreich erwiesen, wenn Sie ein neues Lied einführen wollen:

1.  Aufwärmphase: Die Schüler haben Gelegenheit, bekannte Lieder zu singen und gemeinsam rhythmische und stimmbildnerische Übungen durchzuführen.

2. Phase der Hinführung: Schwerpunkt dieser Phase ist die thematische Einordnung des Liedes. Die Schüler erfahren, worum es in dem Lied geht. Hierzu bieten sich verschiedene Varianten an. Im Unterrichtsgespräch umreißt der Lehrer die Thematik des Liedes, die Schüler äußern sich dazu, bringen Vorerfahrungen und Vorwissen zum Thema ein. Als stummer Impuls oder zusätzlich wird das Thema durch Abbildungen visualisiert oder eine mögliche Handlung durch ein Schattenspiel, Hörspiel oder wiederum Abbildungen vorgestellt. Das Lied sollte am Ende dieser Phase oder zu Beginn der nächsten einmal im Zusammenhang vom Lehrer vorgesungen werden, damit bei den Schülern ein Gesamteindruck entsteht.

3. Phase der Erarbeitung des Liedes und des Textes: Im Sinne der inhaltlichen Reduktion ist es oft sinnvoll, zunächst nur einen Teil des Liedes zu erarbeiten, etwa den Refrain oder Kehrreim. Auf jeden Fall sollten unbekannte Wörter erklärt werden.
Bei Bedarf wird der Text durch Nachsprechen in sinnvolle Abschnitte gelernt. Dabei kann er unterschiedlich gesprochen werden, nämlich flüsternd oder laut, traurig, wütend oder lustig, schnell oder langsam. Eine Möglichkeit, diese Phase abwechslungsreich zu gestalten, ist der sogenannte „Sprechwürfel“, auf dessen Seiten verschiedene Symbole angebracht sind, die jeweils für eine bestimmte Art und Weise stehen, den Text zu sprechen. Je nachdem, welches Symbol beim Würfeln oben liegt (Riese = „Riesensprache“: Wir sprechen mit tiefer Stimme. / Zwerg = „Zwergensprache“: Wir sprechen mit hoher, piepsiger Stimme. / Schnecke: Wir sprechen langsam im Schneckentempo. / Rennauto: Wir sprechen schnell wie ein Rennwagen.). Der gesprochene Text kann außerdem durch rhythmisches Klatschen, Stampfen, Schnippen untermalt werden — auch so bleibt trotz hoher Übungsdichte abwechslungsreiches Lernen gewährleistet. In jedem Fall sollten Bildkarten, die in prägnanter Weise den Inhalt des Textes repräsentieren, als Merkhilfe im Tafelbild angeboten werden.

4. Phase der Erarbeitung des Liedes und der Melodie: Prinzipiell ist es möglich, das Erlernen des Textes gleich mit der Melodie zu verknüpfen und das Lied bzw. Liedteile mit den Schülern gemeinsam mehrmals zu singen. Die Melodie bzw. besonders schwierige Melodieteile (spezielle Intervallsprünge, rhythmisch anspruchsvolle Passagen) können aber auch zunächst lautmalerisch mit Klingern (la-la / mm / da-da-da) geübt werden.
Weitere Übungsformen zur Sicherung der Melodie:

  • der Lehrer singt vor, die Schüler singen nach,
  • Singen in verschiedenen Tonlagen und in verschiedenen Lautstärken,
  • Singen mit wechselndem Tempo (hier können ähnliche Symbole verwendet werden wie beim Erlernen des Textes).

5. Phase der Anwendung und Umsetzung — Schwerpunkt: Ergänzend zum Gesang können — je nach Charakter des Liedes und nach dem Leistungsvermögen der Klasse — Bewegungsmomente oder Instrumente dazugenommen werden. Hier gilt es, einen Schwerpunkt zu setzen, um die Stunde nicht zu überfrachten.

6. Abschluss: Wenn möglich, kehrt man hier thematisch zum Ausgangspunkt der Stunde zurück, indem ein Bild oder ein Gegenstand, die zur Einführung in die Thematik gezeigt wurden, nochmals hervorgeholt werden.

Liedbegleitung sparsam und wohl dosiert einführen

Rhythmusinstrumente zur Begleitung eines Liedes sollten nur dort zum Einsatz kommen, wo sie die Eigenart eines Liedes sinnvoll unterstützen und hervorheben kann. Nicht alle Lieder eignen sich zur Begleitung mit Instrumenten.

Instrumente sollten sparsam eingesetzt werden, damit keine Geräuschkulisse erzeugt wird, die den Gesang übertönt. Die Begleitung wird dem Text angepasst, sowohl was den Rhythmus als auch die Instrumentenauswahl angeht. Dies kann auch innerhalb eines Liedes variieren.

Gerade in der Stunde der Liedeinführung besteht die Gefahr der Überforderung, wenn die Schüler ein neues Lied singen und begleiten sollen. Hier ist — je nach Klassensituation — eine Aufgabenverteilung (Chor — Orchester) oder abwechselndes Singen und Spielen sinnvoll: Schüler singen den Refrain, begleiten dann den Lehrer, wenn dieser die Strophen singt. In den folgenden Stunden kann dann gleichzeitiges Singen und Spielen angebahnt werden.

Ebenso ist es möglich, in einer ersten Stunde das Lied zu singen und in der darauffolgenden noch die Instrumentalbegleitung einzustudieren. Lieder und Melodien können in unterschiedlicher Weise rhythmisch begleitet werden:

  • Mit dem Wortrhythmus: Jede Silbe des Liedtextes wird mit einem Schlag begleitet.
  • Mit dem Grundschlag: Die Schüler/-innen spielen durchgängig den Grundschlag laut Taktangabe (meist Viertel).
  • Mit den betonten Noten: Schlag 1 und 3 im 4/4-Takt, Schlag 1 im 2/4- bzw. 3/4-Takt.
  • Mit Rhythmusbausteinen: gleiche oder verschiedene, z. B. E-le-fant, Mar-tin, Weih-nachts-baum, A-pri-ko-se ...

Singen und Musizieren für ALLE Schüler

Auf das Problem der Differenzierung wurde bereits eingangs hingewiesen. Wie können die höchst unterschiedlichen Lernvoraussetzungen von Schülern mit gutem Rhythmusgefühl und musikalischem Talent mit den Lernbedürfnissen ihrer umfänglich beeinträchtigten, möglicherweise nicht sprechenden und auf basale Angebote angewiesenen Klassenkameraden unter einen Hut gebracht werden? — Zunächst sollte beim Singen das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund stehen: Das Dabeisein hat demnach schon einen Wert an sich. Weiterhin sind auf methodischer Ebene differenzierende Maßnahmen und Zielsetzungen denkbar, wenn etwa musikalisch besonders „leistungsstarke“ Schüler zusätzlich zum Gesang eine Instrumentalbegleitung oder ein kurzes rhythmisches Zwischenspiel jeweils nach einer Strophe realisieren. Schüler mit schwerer Behinderung betätigen — ggf. mit Unterstützung — einfach zu handhabende Instrumente ohne Rhythmus oder setzen diese an markanten Stellen des Liedes ein.

Michael Häußler

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