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Lesen und Textverständnis

Mit Lesespurgeschichten die Lesekompetenz fördern

Lesespurgeschichten bieten einen hohen Anreiz, Texte zu lesen. Selbst schwächere Schüler sind durch den Rätselcharakter hoch motiviert, die versteckten Botschaften zu entschlüsseln.

Lesen und Textverständnis: Mit Lesespurgeschichten die Lesekompetenz fördern Eine Lesespurgeschichte zum Museumsbesuch, schickt die Schüler auf Entdeckungsreise © Nicole's - stock.adobe.com

Große Pause im Lehrerzimmer. Eine Kollegin spricht mich an. Am nächsten Tag soll sie für eine Stunde zur Vertretung in meine fünfte Klasse, weil ich eine Fortbildung besuche. Auf ihre Frage, was in dieser Stunde in meiner Klasse anstehe, antworte ich ihr, dass die Schüler eine Lesespurgeschichte lösen sollen. Sie schenkt mir ein dankbares Lächeln, als ich ergänze, dass bereits alles vorbereitet sei und die Schüler Bescheid wüssten. Gerade als es zum Ende der Pause klingelt und ich das Lehrerzimmer verlassen möchte, ruft sie mir plötzlich hinterher: „Und was machen die anderen?“ „Die anderen?“, frage ich etwas irritiert. „Ja, was kann ich dann den schwächeren Schülern anbieten, während der Rest der Klasse die Geschichte liest?“ „Die arbeiten auch an der Lesespurgeschichte“, antworte ich und lasse meine Kollegin sichtlich verwirrt zurück.

Lesetexte sollten altersgerecht sein

Auch wenn, bis auf ein Kind, alle Schüler meiner Klasse lesen können, geschieht dies doch, wie an den meisten (Förder-)Schulen, auf einem sehr unterschiedlichen Niveau. Während die einen sich beim Lesen auf der Satzebene noch sehr anstrengen müssen, erlesen andere bereits längere Texte. Ihr Lese- und ihr tatsächliches Alter differieren häufig, sodass ältere Schüler sich mit recht kindlichen Texten „rumschlagen“ müssen. Dieses Problem kennen v. a. Kollegen, die mit Förderschülern arbeiten. Erstlesetexte entsprechen zwar dem Leseniveau unserer Schüler, fördern aber keineswegs ihre Lesemotivation, im Gegenteil, häufig sind Schüler regelrecht frustriert.

Alle lesen dieselbe Geschichte auf unterschiedlichem Niveau

Im Umgang mit den Lesespurgeschichten erlebe ich meine Schüler anders, denn die Geschichten, die  (siehe verlinktes Unterrichtsmaterial) verschiedene Alltagserlebnisse aufgreifen, bestehen aus kurzen, durcheinandergewürfelten Textabschnitten und einem dazu passenden Situationsbild. Nach und nach erlesen sich die Kinder wichtige Hinweise, die sie zum nächsten Textteil und am Ende der Geschichte zu einem Lösungswort führen. Ein schneller Leseerfolg ist durch die kurzen Textabschnitte garantiert. Die Schüler erfahren, dass nur ein genaues und sinnentnehmendes Lesen zielführend ist, um zum nächsten Hinweis zu gelangen. Durch das Angebot von drei verschiedenen Differenzierungsstufen kann jeder Leser seinem Leseniveau entsprechend gefördert werden. Die Texte unterscheiden sich im Textumfang (Differenzierungsstufe 1 = 1 Seite, Differenzierungsstufe 3 = 3 Seiten), in der Komplexität der Satzstrukturen und hinsichtlich der Wortwahl. Dabei bleiben die Grundidee der Geschichte, das Setting sowie das Lösungswort für alle Differenzierungsstufen gleich, sodass auch Schüler in heterogenen Lerngruppen zu gleichen Arbeitsergebnissen gelangen.

Einsatzmöglichkeiten der Lesespurgeschichten sind vielfältig

Natürlich bedarf es einiger Übungszeit bis die Schüler in der Lage sind, in einer Vertretungsstunde eigenständig eine Lesespurgeschichte zu lösen. Vor allem zu Beginn der Arbeit ist es sinnvoll, eine Geschichte gemeinsam zu erarbeiten und dabei die Abläufe zu üben. Haben die Schüler jedoch die Vorgehensweise einmal verinnerlicht, sind die Einsatzmöglichkeiten der Lesespuren im Unterricht äußerst vielfältig: ob als gezieltes Lesetraining im Deutschunterricht, als Übungsmaterial in Lernzeiten oder während offener Unterrichtssituationen, wie z. B. der Frei- oder Wochenplanarbeit oder als sinnvolles Material für den bereits erwähnten Vertretungsunterricht.

Dann haben die Schüler die Möglichkeit eine Lesespurgeschichte in Einzel- oder Partnerarbeit (in homogenen oder heterogenen Lesetandems) zu lösen. Ein Junge meiner Klasse kann beispielsweise noch nicht lesen, doch auch er hat Spaß an den Lesespuren. Zusammen mit einem guten Leser bildet er ein Lesepaar. Die Aufgaben sind klar verteilt: während der eine vorliest, hört der andere aufmerksam zu und orientiert sich auf dem Situationsbild, um herauszufinden, an welcher Stelle der Leser seine Arbeit fortsetzen muss.

Nicht nur das Lesen wird gefördert

Dies kann natürlich auch eine Methode bei zwei lesenden Kindern sein, die sich abwechseln. So wird neben dem genauen Lesen auch das aufmerksame Zuhören trainiert. Eine weitere Bearbeitungsmöglichkeit einer Lesespurgeschichte besteht darin, die Textarbeit und die Bildbetrachtung räumlich voneinander zu trennen. Dazu wird das Situationsbild irgendwo im Klassenraum aufgehängt. Nachdem die Schüler einen Textabschnitt gelesen haben, begeben sie sich zum Bild und überlegen, bei welcher Nummer sie weiterlesen müssen. Zum Lesen setzen sie sich wieder an ihren Platz. Diese Vorgehensweise fördert gleichzeitig die Lesemerkspanne und bringt außerdem Bewegung in den Leseunterricht. Auch die umgekehrte Variante, nämlich die einzelnen Textteile auseinanderzuschneiden und im Klassenraum zu verteilen, ist möglich. Dies sind nur einige Beispiele für einen kreativen Umgang mit den Lesespurgeschichten.

Einige Tage später treffe ich auf eine begeisterte Kollegin. „Kannst du dir das vorstellen? Levi und Emre haben den ganzen Text gelesen und als erste das Lösungswort notiert. Sie waren so stolz. Du kannst dich schon einmal darauf einstellen: Levi hat angekündigt, dass er beim nächsten Mal den schwierigeren Text ausprobieren möchte.“

Julia Rosendahl

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