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Arbeit und Beruf

Projekt Schülerfirma — ein Erfahrungsbericht

In einer Schülerfirma wird lebenspraktisches Lernen großgeschrieben: Von der Idee bis zum Verkauf des erstellten Produkts wird alles mit allen Schülern — unabhängig von ihrem Leistungsvermögen — selbst geplant, produziert und vertrieben.

Arbeit und Beruf: Projekt Schülerfirma — ein Erfahrungsbericht Beispiel für eine Arbeit am Stäbchenwebgerät: ein Sitzkissen wird gewebt © Hanna Fischer

Schülerfirmen sind ein wichtiger Bestandteil sonderpädagogischer Förderung, also wurde einstimmig auf der Konferenz beschlossen: „Im letzten Schuljahr liegt der Schwerpunkt auf dem Thema Schülerfirma!“ Unterrichtszeiten für Deutsch, Mathematik, Technik und Gestalten sollen hier integriert werden. Das Jahr vor der Schulentlassung soll intensiv dafür genutzt werden, die Klasse praxisnah auf ihr Alltags- und Berufsleben nach der Schule vorzubereiten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein Teil der Schüler eine Werkstatt für behinderte Menschen oder eine Tagesförderstätte besuchen wird. Das bedeutet starke Differenzierung und Vereinfachung beim Thema „Schülerfirma“.

Die Arbeit in einer Schülerfirma bietet die Möglichkeit, dass sich die Schüler individuell mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten einbringen können. Es gibt verschiedene Aufgaben passend für jeden Schüler. Trotzdem benötigen einige Schüler sehr viel Unterstützung. Es hat sich deshalb bewährt, dass hierbei das Kollegenteam durch Eingliederungshelfer und Therapeuten unterstützt wird.

Entspannt euch!“, heißt das Zauberwort für alle Beteiligten. Wir probieren erst einmal alles Mögliche aus, bevor wir richtig starten. Wo liegen die Fähigkeiten und Fertigkeiten der einzelnen Schülerinnen und Schüler? Wer kann wen unterstützen? Welche Möglichkeiten haben wir zeitlich, räumlich und personell? Was wollen wir herstellen und wer sind unsere Kunden? — Das sind Fragen, die vorab unbedingt geklärt werden sollten. Das folgende Beispiel soll nun exemplarisch zeigen, wie eine Schülerfirma aufgebaut werden kann.

Alle Schüler müssen mitgenommen werden

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Hier gibt es eine Anleitung zum Bau eines Stäbchenwebrahmens.

Das Weben auf dem Stäbchenwebgerät wird hier oder hier gezeigt und ist als PDF-Datei zum Herunterladen erhältlich.

Eine Anleitung zum Stäbchenweben als Video finden Sie auf YouTube, auch in englischer Sprache.

Beispiele zum Thema Schülerfirma finden Sie auf der Website der Hardenbergschule und auf der Website der Schule am Regenbogen.

Die Ausgangssituation ist vielversprechend. Die Klasse beschäftigte sich bereits im vorherigen Schuljahr mit Textilrecycling und kommt zu dem Schluss: Etwas aus dem Textilbereich soll es sein. Sofort finden sich einige Interessenten, die bereits mit der Nähmaschine umgehen können. Diese Gruppe will gleich starten und verschiedene Prototypen aus recycelten Textilien herstellen. Doch so schnell geht das natürlich nicht, denn es sollen ja alle beteiligt werden und die Frage muss geklärt werden: Was wollen/können die anderen?

Viele der Schülerinnen und Schüler hatten sich in der Vergangenheit mit Weben beschäftigt, aber festgestellt, dass es sehr viel Zeit und Betreuung erforderte. Eine Alternative dazu wäre ein Stäbchenwebgerät. Für Schüler mit motorischen Einschränkungen ist er sehr viel einfacher zu handhaben. Die Gruppe entscheidet sich dafür, Stoffreste in Streifen zu reißen und daraus Sitzkissen zu weben. Das Produkt der Schülerfirma ist damit gefunden. Jetzt geht es um die konkrete Umsetzung. Dafür wurden im Kollegenteam drei Projektvormittage eingeplant. Der Plan für die Wochesieht folgendermaßen aus:

  • Montags und freitags findet normaler Unterricht statt.
  • Dienstag beginnt die Projektzeit ab der 1. Stunde mit der Vorbesprechung, in der 2. Stunde mit der Materialzusammenstellung und dem Aufbau der Arbeitsplätze. In der  3.–5. Stunde findet die praktische Arbeit und in der 6. Stunde die Nachbesprechung statt.
  • Der Mittwoch verläuft ebenso, allerdings ist die 2.–5. Stunde für mögliche Einkäufe parallel zur praktischen Arbeit reserviert.
  • Der Donnerstag gleicht dem Dienstag. Sobald genügend Produkte verkaufsfertig sind, wird in der 2. Stunde der Verkaufsstand aufgebaut und in der Pause von 11–11.30 Uhr verkauft. Die 5. und 6. Stunde sind für das Aufräumen und die Abrechnung reserviert.

Die Arbeit muss zielgerichtet geplant und organisiert werden

Wir starten an den Projekttagen mit einer Morgenrunde. Ein Schüler liest am Smartboard die anfallenden Aufgaben vor, ein zweiter bedient den Computer. Alle wichtigen Ergebnisse der bisherigen Arbeit werden zusammengetragen, aufgeschrieben und für alle sichtbar am Smartboard gezeigt. Die Lehrkräfte fotografieren fortlaufend während der praktischen Arbeit und speichern die Bilddateien auf dem Klassencomputer ab, sodass sie jederzeit gezeigt werden können. So wird der Arbeitsablauf sowie Materialien und Werkzeuge für alle Schüler während der Besprechungen anschaulich.

Sind die anfallenden Aufgaben für alle klar, entscheidet sich jeder Schüler für die Tätigkeit, die er ausführen möchte. Eingeteilt wird in eine Gruppe, die Stoffe in Streifen reißt, eine Gruppe, die die Stäbchenwebrahmen zusammenbaut und eine Webgruppe. Zur Vorbereitung auf die Produktion gibt es einen Einführungskurs: Weben mit dem Stäbchenwebrahmen. Die Gruppen erhalten je nach Bedarf Unterstützung durch die Erwachsenen.

Am Ende jeder Morgenrunde stehen die Aufgaben fest. Die Gruppen gehen für die praktische Arbeit in verschiedene Räume. Mittags treffen sich alle wieder zur Abschlussrunde im Klassenraum. Der Stand der Produktion wird festgehalten und die daraus folgenden Aufgaben für den nächsten Tag für alle sichtbar am Smartboard aufgeschrieben.

Aufgabe der Lehrkräfte ist es auch, den Prozess zu steuern und das Problembewusstsein der Schüler zu schärfen: Wir wollen eine Schülerfirma sein, etwas herstellen und verkaufen, aber wer sind unsere Kunden? Wollen sie unsere Produkte kaufen? Wie können wir es herausfinden? Nachdem der erste Prototyp fertig ist, erstellen einige Schüler mit Unterstützung der Lehrkraft während der praktischen Arbeit einen Info- und Werbezettel mit dem Foto eines ersten fertigen Produktes. Außerdem können potenzielle Kunden ihre Bestellwünsche darauf notieren. Dieser Zettel wird ausgehängt und in den Klassen und im Kollegium verteilt.

Hindernisse als Herausforderungen sehen und annehmen

Die Webgruppe stellt fest, dass sie zwar genügend Kundenbestellungen, aber zu wenig Stäbchenwebgeräte zur Verfügung hat. Die Firma, über die die Schule die Stäbchenwebrahmen bezog, existiert nicht mehr. Die Antwort kommt prompt von den Schülern während der Abschlussrunde: „Dann bauen wir die eben nach.“ Einige Schüler wollen viel lieber mit Holz arbeiten und schon gibt es eine hoch motivierte Gruppe für den Bau der Rahmen.

Während der täglichen Morgenrunde muss neu geplant werden: Wie viele Stäbchenwebgeräte benötigen wir? Woraus besteht das Gerät? Welche Materialien benötigen wir und mit welchen Maßen? Mit Unterstützung der Lehrkraft wird gemessen, gerechnet, sorgfältig notiert, nochmals überprüft und dann steht die Materialliste für einen Stäbchenwebrahmen auf einem Einkaufszettel. Im Baumarkt lernen die Schüler: „Hier gibt es gar keine kurzen Stäbchen und passende Holzleisten, nur lange. Ach ja, wir müssen es noch sägen! Wie viele bekommen wir denn aus einem Rundstab gesägt?“ Und schon geht die Rechnerei mitten im Baumarkt los.

Wir entscheiden uns zunächst einmal einen Prototyp zu bauen. Beim nächsten Mal können einige Schüler dann nach der morgendlichen Vorbesprechung und Aufgabenverteilung bereits ohne Begleitperson den Einkauf erledigen. Den Einkaufszettel mit genauen Angaben drucken sie vorher aus und nehmen ihn mit.

Mit Hand und Kopf — die Produktion läuft an

 Wie wird nun aus den eingekauften Materialien so ein Stäbchenwebrahmen hergestellt? Wir sehen uns das Muster an und sammeln Ideen. In der Holzwerkstatt werden alle benötigten Werkzeuge und Hilfsmittel zusammengetragen. Jeder einzelne Arbeitsschritt wird geplant und dokumentiert. Fotos eignen sich sehr gut, um den Ablauf in Erinnerung zu bringen.

Wir üben noch einmal das Messen, Anzeichnen, Bohren und Sägen an Probestücken. Die Schüler finden sich zu Paaren zusammen und unterstützen sich gegenseitig beim Abmessen und Anzeichnen, beim Sägen, Schleifen und beim Bohren. Der Schüler, der im Rollstuhl sitzt, übernimmt die feinen Arbeiten des Anzeichnens. Die Lehrkraft kontrolliert. Das Schleifen wird von Schülern übernommen, die beim genauen Arbeiten Unterstützung benötigen.

Es dauert, aber es lohnt sich. Stolz präsentieren die „Erbauer“ ihren Mitschülern den Prototyp und geben ihn zur Erprobung frei.

In der Zwischenzeit haben die Schüler der ersten Gruppe bereits die Kettfäden nach Maß geschnitten, Stoffreste zu Streifen gerissen und damit genügend Material zum Verweben vorbereitet

 Nun startet die Erprobung des Prototyps: Hier und da muss noch etwas an den Stäbchen nachgeschliffen werden, aber dann wird das gute Stück angenommen und kann zur Produktion freigegeben werden. Die Einkaufsliste für das Material weiterer Stäbchenwebrahmen erstellen die Schüler selbständiger als beim ersten Mal. Gewisse Routine stellt sich ein. Während einige Schüler den Einkauf tätigen, schreiben andere anhand der Fotos eine Bauanleitung und bereiten die Arbeitsplätze vor.

Nun kann die Produktion beginnen. Mit jedem neu erstellten Webgerät geht die Arbeit in der Firma besser voran. Bald wird stolz das erste Sitzkissen präsentiert — gewebt mit Stoffstreifen auf dem Stäbchenwebgerät.

Die Schüler merken: Ohne Rechnen und Organisation geht es nicht

Der Verkauf kann bald starten. Eine Pausenzeit pro Woche legen die Schüler als Verkaufszeit fest. An diesem Tag bereiten sie ihr „Schaufenster“ im Klassenraum vor und üben sich in Verkaufsgesprächen. Zuvor haben die Gruppen in der Morgenrunde gegenseitig ihre Arbeitsergebnisse präsentiert und  gemeinsam die Preise bestimmt: Das Material für die Stäbchenwebrahmen lässt sich sehr genau anhand der Kassenbons berechnen. Ebenso muss der übrige Materialeinsatz und die Arbeit bewertet werden. Gar nicht so einfach, denn woran können die Schüler sich orientieren? Hier ist es u. U. Aufgabe der Lehrkräfte, Beispiele zu nennen oder eine spezielle Schülergruppe einzusetzen, die Preise recherchiert und Berechnungsgrundlagen liefert.

Die Kunden können kommen: Schüler aus anderen Klassen, Eltern, Mitarbeiter aus der Schule. Erste Bestellungen werden angenommen. Das muss koordiniert werden, denn demnächst müssen Termine eingehalten werden. Dabei lernen die Schüler auch unter Zeitdruck zu arbeiten und die zur Verfügung stehende Zeit ökonomisch einzuteilen.

Es ist schön zu beobachten, wie bei diesem Projekt alle Schüler nach ihrem sehr unterschiedlichen Vermögen gefordert und beteiligt sind: von einfachen Arbeiten wie Holz schleifen, Stoff reißen und verweben bis zu komplexen Aufgaben wie Berechnen und Einkaufen des Materials, der Zusammenbau und der schriftlichen Dokumentation. Die Motivation während der Partner- und Gruppenarbeit sowie im Klassenverband bleibt ungebrochen, auch wenn sich Herausforderungen einstellen. Diese kreativ zu bewältigen, bereitet allen Projektteilnehmern Freude bei der Arbeit — und macht sie stolz auf das Geleistete.

Hanna Fischer

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