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Reformpädagogik

Theaterspiel fördert soziale und kulturelle Fähigkeiten

Theater an der Schule ist so viel mehr als das spielerische Agieren auf der Bühne. Theaterprojekte sind ein wichtiger Bildungsbaustein. Die Schüler erlangen dabei Fähigkeiten, die ihre Leistungen und das Selbstwertgefühl positiv beeinflussen.

Reformpädagogik: Theaterspiel fördert soziale und kulturelle Fähigkeiten Im Theaterspiel können die Schüler sich ausprobieren und Selbstsicherheit gewinnen © Kalinovskiy - Fotolia.com

Die reformpädagogischen Schulen haben von Anfang an dem Theaterspiel einen besonderen Stellenwert eingeräumt. Es ging ihnen dabei nie allein darum, schauspielerische Fähigkeiten der Schüler zu fördern, sondern pädagogische Ziele standen im Vordergrund. Nicht nur einige wenige sollten schauspielerische Höchstleistungen zeigen dürfen, alle sollten einbezogen werden: Auch für die weniger Talentierten muss es eine Rolle geben, an der sie Freude haben. Deshalb haben viele Reformschulen den hohen Erfahrungs- und Bildungswert erkannt und dem Theaterspielen einen wichtigen Platz in der Schule eingeräumt.

An zwei Beispielen soll gezeigt werden, wie Reformschulen Theaterarbeit und organisieren. Die beiden Schulen haben unterschiedliche Ansätze, aber die gleichen pädagogischen Zielsetzungen.

Ausgebildeter Regisseur als Spielleiter

Die Rudolf-Steiner-Schule Daglfing, eine Waldorfschule, wurde 1979 gegründet. Jeder Schüler beteiligt sich dort in der 8. und 12. Klasse an einem sogenannten Klassenspiel. Beide werden von einem ausgebildeten Regisseur geleitet. Er gehört zum Lehrerkollegium und ist für alle Theateraufführungen zuständig.

In der achten Klasse werden die Schüler systematisch an die Theaterarbeit herangeführt. Sie sind an allen Realisationsschritten beteiligt. Kein Schüler ist ausgeschlossen. Im Gegenteil, alle müssen sich einbringen — und erleben so, dass eine Theateraufführung immer ein Gemeinschaftsprojekt und jeder Einzelne gefordert ist.

Themenfindung: Der Klassenlehrer schlägt seiner Klasse einige Theaterstücke vor. Diese werden zusammen gelesen. Anschließend stimmen die Schüler ab, welches Stück gespielt werden soll.

Rollenverteilung: Unter Leitung des Klassenlehrers werden von den Schülern alle Rollen doppelt besetzt. Zwei Schüler werden von der Klasse als Regieassistenten gewählt. Um auch auf der Bühne stehen zu können, erhalten sie kleinere Nebenrollen.

Regie: Der Regisseur der Schule und die beiden Regieassistenten leiten die Proben und kümmern sich um die Organisation rund ums Theaterstück.

Zeitraum:  Insgesamt werden acht Wochen für die Vorbereitung der Aufführung veranschlagt. In den ersten sechs Wochen findet nachmittags ein sogenanntes „Actortraining“ statt, wobei der Nachmittagsunterricht entfällt. Dabei geht es um folgende Übungen:

  • Übungen zur Teambildung und Förderung der Klassengemeinschaft,
  • zur Verbesserung der Bühnenpräsenz,
  • um Angst zu überwinden und Schüchternheit abzulegen,
  • Sprechausbildung,
  • gegenseitiges Textabfragen,
  • Rollenspiele,
  • Improvisationsübungen,
  • Körpertraining und vieles mehr.

Danach folgen zwei Wochen „Intensivproben“, d. h. der gesamte Regelunterricht entfällt. Es wird bis in die Abendstunden und auch am Wochenende geprobt und gearbeitet.

Literatur zum Thema:

Hartmut v. Hentig: Bildung. München, Wien 1996

Joachim Mohr: Jeden Tag Theater. In: „Der Spiegel“ 2002/45

Enja Riegel: Schule kann gelingen! Wie unsere Kinder wirklich fürs Leben lernen. Frankfurt a. M. 5. Auflage 2008

Hermann Röhrs: Die Schulen der Reformpädagogik. Düsseldorf 1986

Emilia Rupperti: Theater an der Rudolf-Steiner-Schule. Unveröffentlichtes Manuskript. München 2014

Kulisse/Kostüme:  Jeweils ein Fachlehrer berät bei der Gestaltung des Bühnenbildes (Werklehrer) und der Herstellung der Kostüme (Handarbeitslehrer). Die Klasse wird so in Gruppen aufgeteilt, dass Schüler auch in den Probenphasen am Bühnenbild und an den Kostümen arbeiten können.

Aufführungen: Insgesamt finden vier Vorstellungen statt. Zwei vormittags vor den Schülern, die beiden anderen am Abend vor Eltern, Verwandten, Freunden usw. Jeder Schüler spielt zwei Mal (Doppelbesetzung), ein Mal vor den Schülern, ein Mal am Abend.

In der 12. Klasse übernehmen die Schüler die Verantwortung für die Realisation des Theaterprojekts weitgehend selbst. Auch hier kommt es darauf an, dass alle an diesem Projekt beteiligt sind und niemand vom Spiel oder den Vorbereitungsarbeiten ausgeschlossen wird.

Stückwahl: Jeder Schüler sucht ein Theaterstück aus und stellt dieses im Deutschunterricht der Klasse vor. Am Ende dieser Vorstellungen stimmen die Schüler ab, welches Stück gespielt werden soll.

Rollenbesetzung: Die gesamte Klasse verbringt danach ein Wochenende in einer geeigneten Unterkunft (Hütte, Jugendherberge) in Begleitung des Regisseurs und des Klassenbetreuers (Deutschlehrer). Es werden die Rollen besetzt, über das Stück, Kulisse, Requisiten usw. gesprochen.

Regie: Der Regisseur und die beiden Regieassistenten leiten das Theaterprojekt.

Zeitraum: Vier Wochen vor den Aufführungen findet kein Regelunterricht mehr statt.

Aufführungen: siehe 8. Klassen.

Theaterprojekte in allen Klassenstufen

Die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden gehört zu den renommiertesten deutschen Reformschulen. Sie ist eine integrierte Gesamtschule, Unesco-Projekt-Schule, Club of Rome-Schule und Versuchsschule in Hessen. In jedem Schuljahr werden in verschiedenen Klassenstufen und auch mit Schülern in unterschiedlichem Alter vier große Theaterproduktionen veranstaltet, wobei sich die Arbeitsweisen erheblich unterscheiden.

Klassenprojekte: In den neunten Klassen werden zwei Projekte im Jahr durchgeführt, allerdings nur, wenn die Klassen überzeugend beweisen, dass alle Schüler mitspielen, d. h. eine Rolle übernehmen. Mit wechselnden professionellen Regisseuren oder Schauspielern werden Stücke, teilweise auch selbstgeschriebene Texte, erarbeitet. Außerdem müssen die Schüler der beteiligten Klasse das Bühnenbild selbst erstellt und die Kostüme gestaltet. Es gibt auch hier „Theater-Intensivphasen“. Vier Wochen haben alle Schüler keinen Unterricht, es gibt keine Klassenarbeiten und keine Hausaufgaben. Alle Schüler schauen eine der bis zu sieben Aufführungen an, wobei alle Schüler Eintritt bezahlen: „Nicht viel, aber sie bezahlen. Auch dadurch soll deutlich werden: Theater und diese Aufführung sind etwas wert.“ (Riegel, S. 109)

Theaterwerkstatt: Es handelt sich hier um eine Arbeitsgemeinschaft für Schüler ab der achten Klasse. Die Proben finden einmal wöchentlich statt. Die Intensivphasen liegen in den Oster- oder Weihnachtsferien und auch in den letzten Wochen vor den Aufführungen (kein Unterricht, keine Prüfungen usw.). Die Schüler müssen sich vertraglich verpflichten, in den Ferien, aber auch an den Wochenenden bei Bedarf an den Proben und sonstigen Arbeiten teilzunehmen. Anders als bei den Klassenprojekten gibt es neben den Schulaufführungen auch Aufführungen an anderen Schulen und auch Gastspiele am Staatstheater.

Kleine Theaterwerkstatt:  Es ist eine Arbeitsgemeinschaft für die noch jüngeren Schüler. Geprobt wird auch wöchentlich. Die Intensivphase findet vor den Sommerferien statt. Nach den Ferien werden die Stücke regelmäßig in Kindergärten und Grundschulen der Stadt aufgeführt. Außerdem gibt es in den Klassen fünf bis sieben am Wochenbeginn alle vier bis sechs Wochen montags in der ersten Stunde Aufführungen, Sketche, Tänze, Vorträge selbstgeschriebener Geschichten usw.

Theaterproduktionen als Qualitätsmerkmal für gelungene Schule

Bei aller Unterschiedlichkeit ist beiden Reformschulen gemeinsam, dass pädagogische Ziele im Vordergrund stehen und die Schüler selbst entscheiden oder in alle Entscheidungen mit einbezogen werden. Auch wenn sich für die Schüler durch das Theaterspielen die Stunden im Fachunterricht verringern, so scheinen sie nicht weniger zu wissen als Schüler an den Regelschulen. Die Rudolf Steiner Schule liegt in den Schulabschlüssen gut über dem Durchschnitt der bayerischen Schulen, die Helene-Lange-Schule hat in Vergleichsuntersuchungen wie PISA und TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) exzellente Ergebnisse erzielt.

Lernen durch Theaterspielen

„Theaterspielen ist eines der machtvollsten Mittel (…) die wir haben: Die eigene Person zu überschreiten, ein Mittel zur Erkundung von Menschen und Schicksalen und ein Mittel der Gestaltung der so gewonnenen Einsicht“ (von Hentig, S. 117). Die Schüler können lernen:

  • mitzubestimmen und Verantwortung zu übernehmen,
  • Angst und Hemmungen zu überwinden, indem sie sich auf die Rolle einlassen und vor Schülern, Freunden und Eltern auftreten,
  • das Selbstvertrauen in eigene Fähigkeiten zu gewinnen und zu stärken,
  • die Stärken von Teamarbeit zu erkennen,
  • Leistung in einer Ernstsituation zu zeigen,
  • gelassener mit Herausforderungen des Alltags umzugehen,
  • neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erfahren.

Theaterspielen fördert eine Zusammenarbeit, die in dieser Intensität sonst in der Schule kaum gefordert ist. „Der Gewinn, den Schüler haben, die intensiv Theater spielen, (…) wird oft erst ein, zwei Jahre später deutlich — auch bei den schulischen Leistungen.“ (Riegel, S. 111)

Jürgen Meng

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