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Lebenspraxis

Unterrichtsprojekt „Erste Hilfe“

Was tun, wenn Mitschüler sich verletzen? Wegschauen oder kompetent eingreifen und helfen? Erste Hilfe sollte schon frühzeitig auf dem Stundenplan stehen: als kleines Unterrichtsprojekt für kritische Situationen im Alltag.

Lebenspraxis: Unterrichtsprojekt „Erste Hilfe“ Nicht erst im Erte-Hilfe-Kurs sollten die Schülerinnen und Schüler lernen, kleine Verletzungen versorgen zu können © showcake - stock.adobe.com

Mitten im Mathematikunterricht: Die Schüler brüten angestrengt über ihren Aufgaben. Die Stille wird durchbrochen, als Lena ruft: „Per hat Nasenbluten!“ Und das richtig schlimm. Schnell ist das erste Taschentuch durchgeweicht. Wie gut, dass keine Panik ausbricht, denn die Schüler der 7b erleben dies nicht zum ersten Mal. Nasenbluten bei Per kommt gelegentlich vor, auch ohne Grund und Anlass. Sophie steht auf und nimmt das Handtuch vom Haken, hält es unter das kalte Wasser, wringt es aus. Links und rechts von Per haben die Schüler Platz gemacht, seine Schulsachen vom Tisch geräumt. Schon legt Sophie Per das kühle Handtuch in den Nacken. Per sitzt auf seinem Platz, Lena setzt sich zu ihm und redet beruhigend mit ihm. Per drückt seine Nasenflügel zusammen und Frau Zimmer freut sich darüber, dass der Erste-Hilfe-Kurs, den die Schüler gemeinsam absolviert haben, Erfolge zeigt. Noch vor einem halben Jahr wäre wohl Panik ausgebrochen, die Schüler hätten lautstark darüber gestritten, ob nun Sitzen eine angemessene Lagerung ist oder nicht und was nun zu tun sei.

Situationen mit kleinen Unfällen kennt jeder, der im Schuldienst in den Klassen arbeitet oder auf dem Hof Aufsicht führt. Wie schnell ist mal jemand gestolpert und hat sich das Knie aufgeschlagen, ist beim Fangenspielen ausgerutscht und der Knöchel tut nun weh, hat sich den Finger in einer Schranktür eingeklemmt oder kommt mit einer Beule am Kopf aus dem Sportunterricht zurück. Wir als Lehrkräfte können solche Situationen managen, bei uns sind Erste-Hilfe-Kurse verpflichtend. Aber wie steht es um die Erste-Hilfe-Kompetenz unserer Schüler? Müssen wir sie nicht auch schon vor dem Mofa-Führerschein dazu befähigen, sich selbst und anderen bei Verletzungen zu helfen?

Vom Wegschauen zum Hinschauen und Helfen

Angst und Sorge vor Unfällen und Verletzungen und dem Management dieser Situationen bringen unsere Schüler nicht weiter, es führt nur dazu, dass sie sich aus Unsicherheit nicht angesprochen fühlen, nicht helfen können oder wollen. Und gerade bei diesem Aspekt verhalten sich unsere Schüler nicht anderes als die Allgemeinbevölkerung: Zu oft wird weggeschaut, es wird nicht geholfen oder schlimmstenfalls wird das Handy trotz Strafandrohung nur zum Fotografieren gezückt. Jeder Schüler sollte die Schule verlassen mit dem Gefühl, Notfallsituationen bewältigen zu können — und sei es durch das Absetzen eines Notrufes. Herausreden mit „Ich hab‘ gar kein Handy“ kann sich wohl heutzutage fast niemand.

Aber auch Telefonieren in Notfallsituationen muss man üben, schnell fühlen sich gerade unsere Schüler überfordert mit der Vielzahl von zu vermittelnden Informationen. Wie gut, dass heutzutage das Telefonat vonseiten des Notrufteams geleitet wird, die Anrufenden müssen heutzutage eigentlich nur auf Fragen antworten.

Erste Hilfe bei Verletzungen im Alltag

Der Sachkundeunterricht eignet sich in den jüngeren Jahrgängen, der Biologie- oder Naturwissenschaftsunterricht bietet in den älteren Klassenstufen den Rahmen für ein Erste-Hilfe-Projekt. Schüler lernen sachbezogene Versorgungsmaßnamen kennen: Wann muss welche Verletzung gekühlt werden, wie wird ein Pflaster hygienisch aufgeklebt? Wo finde ich im Schulhaus einen Erste-Hilfe-Kasten? Wie lege ich einen Verband an?

Beim Erste-Hilfe-Kurs im Unterricht sollten sich die Themen gerade um die kleinen Verletzungen drehen: die Alltagsverletzungen vom abgerutschten Messer beim Obstschneiden im Hauswirtschaftsunterricht bis hin zur Verbrennung am Finger durch das Bügeleisen. Letztendlich sind das auch Situationen, in denen gelegentlich eine kompetente Selbst-Hilfe gefragt ist — jeder sollte wissen, wie er seine eigene Verbrühung nach dem Verschütten des heißen Teewassers erstbehandelt.

Die Schüler üben im Rollenspiel auch die Bewältigung einer Notsituation: das Sprechen mit der verletzten Person, das Beruhigen und Vermitteln von Nähe und Unterstützung. Und sie lernen auch ihre Grenzen kennen — die Entscheidung, wann ein Notarzt zu holen ist, muss klar besprochen werden. Ersthelfer sind Helfer in Notsituationen und ersetzen keine Ärzte.

Schülern ein Stück weit Verantwortung übergeben

Selbstverständlich sind die Lehrkräfte immer in der Pflicht, einen Schüler mit einer Verletzung zu versorgen. Dies kann nicht Schülern überlassen werden. Aber trotzdem müssen wir unsere Schüler vorbereiten. Zum einen können sich auch Unfälle in Abwesenheit von Lehrkräften ereignen und Schüler übernehmen die Funktion eines Ersthelfers. Zum anderen heißt Lehren auf die Zukunft vorbereiten — wie bereitet man Schüler besser auf die Ernsthaftigkeit des Lebens vor, als wenn man ihnen vermittelt, dass sie auch schwierige und herausfordernde Situationen bewältigen können?

Unterrichtsstunden zum Thema Erste-Hilfe können keine professionellen Kurse ersetzen, aber Schüler in ihrem Selbstvertrauen stärken, auch diese Herausforderungen bewältigen zu können. Und wenn man dann auch noch weiß, wie ein Notfallverband richtig angelegt wird, wie Nasenbluten erstversorgt wird und wie eine Beule gekühlt wird, dann muss man das nächste Mal auch nicht wegschauen, wenn sich jemand verletzt.

Ulrike Zerbst

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