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Unterrichtseinstieg

Was ist unter dem Tuch? — Hinführungsphasen nachhaltig gestalten

Eine gelungene Hinführungsphase ist entscheidend für den Lernprozess. Denn wer seine Schüler von Anfang an für ein neues Unterrichtsthema begeistern kann, legt den Grundstein für einen effektiven und nachhaltigen Unterricht.

Unterrichtseinstieg: Was ist unter dem Tuch? — Hinführungsphasen nachhaltig gestalten Die Schüler neugierig auf ein neues Thema machen: Was versteckt sich unter dem Tuch? © marlyne - Fotolia.com

Eine Klasse der Grundschulstufe sitzt im Stuhlkreis vor der Tafel. In der Mitte ein großes Tuch, unter dem offensichtlich verschiedene Gegenstände liegen. Die Schüler tasten, fühlen, denken nach, erraten: „Das ist ein Apfel!“ „Das sind bunte Blätter von einem Baum!“ Und was ist das für ein großes Teil? „Ein Drache, den man steigen lassen kann. So einen habe ich auch!“

Aber was haben diese Dinge gemeinsam? Die Lehrerin schaut fragend. „Das gibt es alles im Herbst!“, ruft eine Schülerin. Genau — „und über den Herbst lernen wir heute ein neues Lied“, kündigt die Lehrerin an.

Besonderheiten der Hinführungsphase

Die Hinführungs- oder Einstiegsphase (im Folgenden synonym verwendet) gehört zu den wichtigsten didaktischen Gestaltungsmomenten des Unterrichts, da hier die entscheidenden Akzente gesetzt werden, die die Schüler auf die Spur der in der jeweiligen Stunde behandelten Inhalte bringen. Gerade für Schüler mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung oder Lernen ist dabei wichtig, dass sie von Beginn der Stunde an wissen, was auf sie zukommt.
Die Hinführungsphase hat die Funktion, die Schüler an das Thema der Unterrichtsstunde heranzuführen und es für sie zu erschließen. Erschließung geschieht dabei jeweils von zwei Seiten her. Das Thema wird so aufbereitet, dass die Schüler es sich aneignen können, die Schüler wiederum sollen sich für das Thema öffnen. Die Hinführungsphase ist dann der Ort, an dem die emotionalen und kognitiven Strukturen der Schüler und die Eigengesetzlichkeiten und die spezifische Struktur des jeweiligen Lerninhalts erstmals aneinander „andocken“ können.

Der Unterrichtseinstieg hat somit nicht nur eine kognitive, sondern auch eine affektive, eine sinnliche und eventuell (psycho-)motorische Komponente. Nicht nur im Unterricht mit lernschwachen Schülern ist es wichtig, diese Aspekte auszuloten. Dies ist überhaupt die Prämisse für alle weiteren Ausführungen: Schüler brauchen in der Hinführungsphase Zeit und Gelegenheit, sich intensiv, wenn möglich handelnd und unmittelbar sinnlich mit dem (neuen) Lerngegenstand zu befassen.

Ein Einstieg, der in erster Linie von der Sache her gedacht ist, erweist sich gerade für lernschwache Schüler häufig als nicht ausreichend. Daher eine weitere Prämisse: „… erst dann, wenn der Einstieg vom Schüler her gedacht wird, wird er gut!“ (Meyer, Hilbert: UnterrichtsMethoden. Berlin 21989, S. 125). In erster Linie bedeutet das zu klären, inwieweit die für den Verlauf der jeweiligen Stunde notwendigen Vorstellungen und Begriffe bei den Schülern vorhanden sind oder ob sie ein Stück weit auch erst grundlegend erarbeitet werden müssen. Wenn in einer Musikstunde ein Lied zum Thema „Der Herbst“ gelernt werden soll, so ist zunächst anschaulich zu machen, was diese Jahreszeit alles mit sich bringt: buntes Laub, Obst, den Drachen, den Kinder auf der Wiese steigen lassen usw. Vor allem bei Schülern, die in der Großstadt aufwachsen, kann eine entsprechende Vorstellung nicht unbedingt vorausgesetzt werden. Ebenso entscheidend ist es, den unter Umständen sehr unterschiedlichen Assoziationen der Schüler zu einem Thema zunächst einmal Raum zu geben, um hierauf im Laufe der Stunde auch immer wieder Bezug nehmen zu können.

Kriterien für eine gelungene Hinführungsphase

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen im Spannungsfeld von Schüler und Sache sollen folgende Kriterien für eine gelungene Hinführungsphase formuliert werden (vgl. auch Häußler, Michael: Unterrichtsgestaltung im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Stuttgart 2015, S. 108 ff.):

1. Während der Hinführungsphase werden Vorwissen und Assoziationen der Schüler zum Thema aktualisiert. Klar strukturierter Unterricht beginnt mit dem Ernstnehmen der entsprechenden Vor- und Alltagserfahrungen der Schüler zum Thema. Die Lehrkraft erfährt dabei nicht nur etwas über deren Wissensstand, sondern auch über spezifische, möglicherweise nicht immer sachgerechte Assoziationen. Mit einem Ansprechen dieser Vorstellungen ergibt sich die Chance zu Korrekturen und Kontrastierungen. Die Schüler fühlen sich auch schlichtweg ernst genommen, wenn man ihre spezifische Sichtweise in die Fragestellung der Stunde mit aufnimmt und ggf. am Ende des Unterrichts nochmals darauf eingeht. Im Falle der Behandlung des Herbstliedes kann dies bedeuten:

  • Singen von Herbstliedern,
  • Rekapitulieren von Inhalten aus einer aktuellen Sequenz zum Thema „Herbst“: Wind, Laub, kühles, regnerisches Wetter ….
  • Die Schüler berichten von einschlägigen Erfahrungen mit Herbstwetter, wie sie selbst einen Drachen steigen ließen usw.

2. Die Hinführungsphase thematisiert in anschaulicher Weise zentrale Aspekte des Themas. Eine Möglichkeit hierzu besteht darin, ein oder mehrere „zentrale Objekte“ vorzuzeigen, die das Unterrichtsthema repräsentieren. Den Schülern wird damit zunächst Gelegenheit gegeben, sich in Ruhe mit einem derart zentralen Gegenstand auseinanderzusetzen, ihn zu betrachten, zu befühlen und erste Erfahrungen mit ihm zu machen. Damit wäre auch der Forderung von Gudjons entsprochen, die Hinführungsphase solle „sinnlich-handlungsorientierte Elemente“ (Gudjons, Herbert: Methodik zum Anfassen — Unterrichten jenseits von Routinen. Bad Heilbrunn 2000,S. 56) enthalten.
Konkrete Möglichkeiten sind:

  • Ertasten der Gegenstände, die im Lied vorkommen (Obst, Laub),
  • Windgeräusche oder Blätterrascheln von CD,
  • die Schüler betrachten und beschreiben ein Bild zum Thema.

3. Die Hinführungsphase verdeutlicht die Zielsetzung der Stunde und gibt den Schülern ggf. einen Überblick über das geplante Lerngeschehen. Grell/Grell (Grell, J./Grell, M.: Unterrichtsrezepte. Weinheim 1987, S. 134–174) weisen auf die Bedeutung der klaren Information über Ziel, Thema und Unterrichtsverlauf zu Beginn des Unterrichts hin. Dies schafft für alle Beteiligten eine stabile Orientierung. Neben einer intensiven und anschaulichen Begegnung mit zentralen Aspekten des Themas steht am Ende der Hinführungsphase gewissermaßen als Überleitung zur Phase der Erarbeitung eine klare Zielangabe durch die Lehrkraft (oder auch formuliert von einem Schüler) oder — bei problemorientiertem Unterricht — eine konkrete Fragestellung. Durchaus möglich erscheint es auch, die Schüler knapp über geplante methodische Maßnahmen zu informieren („Wir werden dazu eine Gruppenarbeit machen.“— „Ich habe einen Film zu diesem Thema mitgebracht.“ — „Du sollst dir mit einem Partner etwas überlegen …“).

4. Die Hinführungsphase ist ökonomisch, aber nachhaltig gestaltet. Alles in allem sollte darauf geachtet werden, dass die Impulse, die von einem guten Einstieg ausgehen, in der Stunde auch weiterwirken und nicht ungenutzt verpuffen. Motivierende Materialien und Gestaltungselemente sollten auch nach ihrem Einsatz zu Beginn der Stunde nicht unter dem Lehrerpult verschwinden, sondern den Schülern zur Weiterarbeit zur Verfügung stehen. Wenn mit einem spannenden Anfang eine hohe Erwartungshaltung aufgebaut wird, dann aber ein zäher und trockener Unterricht folgt, der die Effekte der Hinführung nicht nutzt, kann dies zu Enttäuschung und Desinteresse führen.

5. Elemente der Hinführungsphase werden am Ende der Stunde nochmals aufgegriffen. Wenn die Lehrkraft in die Planung der Hinführungsphase die Gestaltung der Schlussphase mit einbezieht, kann eine gelungene Abrundung gelingen. Die Beachtung der Kongruenz von Anfang und Schluss verhilft der Stunde zu ihrer „Gestalt“, wenn z. B.

  • ein eingangs verwendetes Bild oder ein bestimmter Gegenstand nochmals gezeigt wird,
  • ein bestimmtes (meditatives) Musikstück nochmals gespielt wird,
  • eine zentrale Fragestellung nochmals im Mittelpunkt steht und beantwortet wird,
  • ein Gedicht nochmals vorgetragen wird.

Michael Häußler

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