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Hintergrundwissen

Burnout — Weckruf des Körpers

Burnout ist ein Weckruf des Körpers, wenn nichts mehr geht und man schleunigst seine Lebenssituation verändern sollte. Aber woran erkenne ich, ob ich erste Symptome des Ausgebranntseins habe und wie finde ich wieder zu mir selbst?

Hintergrundwissen: Burnout — Weckruf des Körpers Erschöpfung kann ein erstes Anzeichen für Burnout sein, deshalb sollte man für Ausgleich in der Freizeit sorgen © Peter Maszlen - Fotolia.com

Über den Körper zeigt die Psyche Grenzen der Belastbarkeit auf. Es ist hilfreich, diese nicht als eine zu überwindende Symptomatik wahrzunehmen („Das will ich nicht haben“), sondern als Botschaften über wichtige Bedürfnisse und Wünsche, die über lange Zeiträume missachtet wurden. Schmidt (Schmidt, Gunther: „Ich kann unmöglich allem gerecht werden.“ In: Psychologie Heute, Heft 1/2016, S. 22-24) spricht von Burnout-Kompetenz. Er fasst diese so zusammen: Anerkennen, dass man nicht alles schaffen kann und auf die wertvollen Signale des Körpers achten.

Merkmale, die auf Burnout hinweisen, sind: Symptome wie Erschöpfung, Reizbarkeit, Angst, emotionale Labilität, eine gesunkene Fähigkeit, Druck und Unsicherheiten auszuhalten, Unruhe (emotionale Symptome), Grübeleien, mangelnde Konzentrationsfähigkeit bzw. Vergesslichkeit (kognitive Symptome), sozialer Rückzug und Gleichgültigkeit (soziale Symptome), Müdigkeit, gestörter Schlaf, Herzrasen, Schmerzen, Tinnitus (körperliche Symptome). Die Symptome dürfen nicht auf Depressionen zurückzuführen sein. Die auftretenden Symptome müssen mehrere Wochen bestehen (Burisch, Matthias: Dr. Burischs Burnout-Kur — für alle Fälle. Anleitungen für ein gesundes Leben. Berlin 2015, S. 11).

Erste Anzeichen eines drohenden Burnouts können sein: abflauendes Interesse an anderen, Gleichgültigkeit, Abbau von Motivation, Verbitterung, sozialer Rückzug, die Unfähigkeit abzuschalten und zu sich und seinem Handeln auf Distanz zu gehen, innere Unruhe, aber auch ein vermehrter Konsum von Alkohol (Nelting, Manfred: Burnout. Wenn die Maske zerbricht. Wie man Überbelastungen erkennt und neue Wege geht. München 2014, S. 46) sowie z. B. Hyperaktivität, das Gefühl der Unentbehrlichkeit, Verleugnung eigener Bedürfnisse, Schwierigkeiten, anderen zuzuhören (Burisch, Matthias: Das Burnout-Syndrom. Theorie der inneren Erschöpfung. Berlin 2014, S 26–35). Die bewusste Wahrnehmung dieser Symptome wird häufig verdrängt, weil sie nicht in das Bild eines Menschen passen, der aktiv sein Leben meistert. Wenn Menschen bereit sind, die Warnsignale ernst zu nehmen, zeigen sie Selbstverantwortung und soziale Kompetenz (aktives und wirksames Handeln) — was manchen allerdings gerade in dieser Situation schwerfällt.

Depressionen und Burnout unterscheiden sich

Ein fortgeschrittenes Burnout lässt sich nur schwer von einer schweren Depression unterscheiden. Gleichwohl lassen sich bei genauer Betrachtung Aspekte benennen, die eine Differenzierung zwischen Burnout und Depressionen ermöglichen (Burisch 2015, S. 10).

  • Menschen mit Burnout können kämpfen und verspüren Niedergeschlagenheit, Erschöpfung, Wut. Menschen mit Depressionen haben nichts, wogegen sie kämpfen können.
  • Menschen mit Burnout überschätzen ihre Kräfte und geben erst spät auf. Menschen mit Depressionen resignieren vor Anforderungen.
  • Menschen mit Burnout kennen Freude an allerlei, verspüren aber keine Kraft mehr. Menschen mit Depressionen verspüren keine Freude mehr und können sich für nichts begeistern.

Menschen, die an Burnout erkrankt sind, und Menschen mit Depressionen zeigen teilweise ähnliche Symptome, die Dynamik ist jedoch eine andere. „Viele, die an Burnout erkrankt sind, erleben es als vernichtend und abwertend, wenn sie eine psychiatrische Diagnose bekommen und als depressiv bezeichnet werden“ (Schmidt, zit. in Schöneberger, Birgit: Ausgebrannt. In: Psychologie Heute, Heft 1/2016, S. 19). Eine alternative Interpretation ist, die Symptome als „Sinn-Wecker“ und „Botschaften des Leibes“ anzusehen oder als „Wegzeichen“, die es zu beachten gilt.

Sich selbst abhandenkommen

Gerade Menschen mit einer hohen Motivation laufen Gefahr, ein Burnout zu erleben. Eine hohe Motivation sorgt dafür, in einer Situation zu verharren und diese auszuhalten, auch wenn die Fähigkeit, wirksam und sinnvoll zu handeln, massiv reduziert wird. Als Beispiel mag eine freundliche, nicht besonders durchsetzungsfähige Junglehrerin dienen, die eine Klasse mit respektlosen Jugendlichen übernimmt. Versuche, die Jugendlichen mit „verständnisvollen“ Worten zu erreichen, führen jedoch eher zu einem Anstieg an Aggressionen statt zu einer Verständigung. Mit der Zeit entwickelt sich aus einer normalen Stresssituation ein Stress aus Hilflosigkeit, der auf Dauer in Hoffnungslosigkeit münden kann (Burisch 2015, S. 26). Das eigene Handeln wird als sinnlos oder sinnentfremdet erlebt.

Mit der Zeit verkümmert die Fähigkeit, sich selbst und die eigene Leistungsfähigkeit  angemessen einschätzen zu können und einen gesunden Abstand von sich selbst wieder zu gewinnen. Handlungsleitend wird die Selbsttäuschung, mit weiterer Anstrengung wieder handlungsfähig zu werden (Nelting 2014, S. 84). Ein „mehr desselben“, eine noch größere Anstrengung ( Watzlawick, Paul  / Beavin, Janet, H. / Jackson, Don D.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Bern 2011) führt zu keiner Lösung, weil „der Mensch sich selbst abhanden gekommen ist“ (Dürckheim, Karlfried Graf: Erlebnis und Wandlung. Grundfragen der Selbstfindung. Berlin 1992, S. 159).

Der praktische Wert der Träumerei

Als Alternative zur Rastlosigkeit des sich wiederholenden sinnlosen Handelns, das auf andere Menschen gerichtet ist, empfahl  Mulford schon 1885 das bewusste Träumen. „Sechzig Sekunden der Träumerei sind sechzig Sekunden lebendiger Ruhe für Leib und Geist.“ Sie helfen, die „Saat der Stille zu säen“ (Mulford, Prentice: Unfug des Lebens und des Sterbens. Frankfurt am Main 1977, S. 33).  Das bewusste Innehalten in der Ruhelosigkeit alltäglichen beruflichen Handelns ist der erste Schritt, der Selbstbestimmung im Leben wieder Vorrang einzuräumen. Hierzu gehört, sich zeitweise für andere Menschen unerreichbar zu machen, sich seiner eigenen Zeit zu widmen, sich seiner eigenen Wünsche und Bedürfnisse gewahr zu werden und zu lernen, diese wieder ernst zu nehmen. Der zeitweilige Rückzug ist kein Einstieg in die Isolation, sondern lässt sich eher als notwendige Schutzfunktion verstehen. Die Verwendung von Imaginationen hilft, einen inneren Abstand von Anforderungen von Außen zu gewinnen,  Stress entgegenzuwirken, persönliche Gegenbilder zu entwickeln und sich zu entspannen (Kirn, Thomas / Echelmeyer, Liz / Engberding, Margarita: Imagination in der Verhaltenstherapie. Berlin 2015, S. 167-190).

Die Zeit wieder selbstbestimmt gestalten

Die eigene Zeit unterliegt nicht der Bewertung durch andere. Es handelt sich um eine Zeit der Selbstbestimmung, der Freiheit. Dabei  ist es erlaubt, sein Handeln der Verwertbarkeit für andere zu entziehen. Es ist erlaubt, den inneren Antreibern Stille und Schweigen zu gebieten. Es ist erlaubt, sich der Verfügbarkeit für andere Menschen zu entziehen. Den Sinn des Handelns bestimme nur der Handelnde selbst.

Viel Kraft steckt in dem, was nicht gelebt werden darf, weil man externen Bewertern Vorrang vor den eigenen Vorstellungen einräumt.

Diese Kraft kann durch gezielte Fragen an sich selbst wiedergewonnen werden, insbesondere Fragen, die „Tabus“ betreffen, denen man sich früher (als Kind) ungefragt unterwerfen musste. Beispielsweise Fragen wie:

  • Welche Gedanken, Gefühle und Einstellungen durfte ich schon als Kind nicht zeigen?
  • Was haben Sie vom Leben gedacht  (wie es sich anfühlt, worauf es darin ankommt, was Sie sich davon versprechen) als sie 10, 15 oder 20 Jahre alt waren?
  • Von welchem Beruf haben Sie geträumt und was stellten Sie sich vor, würden Sie in diesem Beruf tun?
  • Wie kam es dazu, dass Sie diesen Beruf ergriffen und ihn so ausüben, wie Sie ihn heute ausüben?“(Burisch 2015, S. 141).
  • Wofür stehe ich in meinem Leben?
  • Wie kann ich meine verloren gegangenen Träume wieder beleben?

Was man außerdem tun kann

Burisch (2014, S. 231) nennt einige Leitfragen, die helfen, belastende Situationen genauer zu analysieren:

  • Welche Bedürfnisse und Ziele werden missachtet?
  • Welche Fähigkeiten sind unterentwickelt?
  • Welche normativen Vorstellungen sind unrealistisch?
  • Welche Grundannahmen und Denkmuster sind dysfunktional?
  • Wie lässt sich etwas zum Besseren wenden und Autonomie wiedergewinnen?

Diese Analyse kann als Selbstreflexion oder im Rahmen eines erkundenden Dialogs z. B. im Gespräch mit Kollegen erfolgen, aber auch im Kontext einer Selbsthilfegruppe
(Koskon — Koordination für die Selbsthilfe-Unterstützung in NRW, www.koskon.de; Moeller, Michael Lukas: Selbsthilfegruppen. Reinbek 1978). In Selbsthilfegruppen treffen Menschen auf Menschen, die Ähnliches erfahren haben. Das fördert das gegenseitige Verständnis. Zugleich verhilft der konstruktiv kritische Austausch in einer Selbsthilfegruppe, die eigenen Denk- und Handlungsgewohnheiten zu überdenken und Alternativen zu erproben.

Dysfunktionale Grundannahmen sind z. B. die Überzeugung, immer perfekt sein zu müssen, den Anforderungen von Dritten immer sofort nachfolgen zu müssen sowie der Gedanke, dass die Qualität als Pädagoge in erster Linie von Bewertungen von außen abhängt. Schädigende Grundannahmen sind z. B.: „Wenn ich viel arbeite, werden mich meine Kollegen achten.“ „Im Umgang mit Schülern sollte ich immer die Kontrolle bewahren.“

Bauer (Bauer, Joachim: Burnout bei schulischen Lehrkräften. In: Psychotherapie im Dialog. Nr. 3. September 2009.10ter Jahrgang.) berichtet über eine erfolgreiche professionell geführte Präventionsgruppe mit schulischen Lehrkräften. Folgende Themen wurden erörtert:

  • Einstellung der Lehrer zu ihrem Beruf, Identität vs. Anpassung an die berufliche Rolle, zu viel oder zu wenig Identifikation, Herstellung einer zufriedenstellenden Balance;
  • Fragen der Beziehung zu den Schülern, Finden einer Balance zwischen Empathie und Rigidität, Angst vor Kontroll- und Statusverlust;
  • Konflikte mit den Eltern, z. B. Konkurrenz zwischen Eltern und Lehrkräften, Balance zwischen Zuhören und Wahren einer professionellen Distanz vor dem Hintergrund der eigenen pädagogischen und didaktischen Kompetenz;
  • Zusammenhalt und Kooperation innerhalb des Kollegiums, Akzeptanz unterschiedlicher pädagogischer Stile. 

Aufbau der Inseln der Selbstsorge

Präventiv sind auch die Pflege und der Schutz personaler Ressourcen wie z. B. eine umfassende Selbstwahrnehmung, kreatives Denken und Handeln, kritisches Denken, die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, differenzierte Fähigkeiten zur Problemlösung, effektive Kommunikationsfähigkeiten (Burisch 2014, S. 57;
Fröhlich-Gildhoff, Klaus und Rönnau-Böse, Maike. Resilienz. UTB Profile. Reinhardt 2009, S. 41), die Wahrung einer inneren Balance, die Fähigkeit zur emotionalen Distanzierung, die Fähigkeit, eigene Emotionen zu steuern, die Fähigkeit, auch im Berufsleben eigene Bewertungen vorzunehmen.

Der Aufbau von „Inseln der Selbstsorge“ im beruflichen Alltag dient dem Erhalt der Gesundheit, Lebens- und Arbeitskraft („Was kann ich in dieser Situation für mich tun? Worauf muss ich achten, damit es mir jetzt gut geht?“).

Schutz bietet auch die Aufrechterhaltung einer professionellen Berufsrolle (Rückgriff auf professionelle Fähigkeiten, erhöhte emotionale Steuerungsfähigkeit, fachliche Kompetenzen).

Bei immer wiederkehrenden Gedankenmustern erweist sich ein Dialog mit dem inneren „Antreiber“ oder anderen „Quälgeistern“, die sich unaufgefordert in das Leben einmischen, als hilfreich. In einem Dialog mit zwei Stühlen (Rollenwechsel) kann ein Lehrer vom „Antreiber“ oder „Qualgeist“ eine Legitimation verlangen: „Warum mischt du dich mit diesen Gedanken ein?“ Ein derart herausgeforderter „Quälgeist“ verstummt häufig als Folge einer solch direkten Befragung (Bach, George R. / Torbet, Laura: Ich liebe mich, ich hasse mich. Fairness und Offenheit im Umgang mit sich selbst. Reinbek 1996).

Insbesondere bei chronischen Formen von Burnout verlieren Menschen an Spontaneität, Kreativität und vermeiden neue lebensbereichernde Erfahrungen. In solchen Fällen sollte unbedingt professionelle Hilfe (z. B. Kognitive Therapie, Gestalttherapie, Psychodrama) in Anspruch genommen werden. Sie hilft dabei, sich wieder auf das eigene Erleben mit dem Ziel der Selbstakzeptanz zu fokussieren, kritische automatisierter Denkmuster mit dem Ziel realitätsnaher Gedanken zu reflektieren, mit dem eigenen Verhalten zu experimentieren und — als hochrangiges Ziel — die Selbstverantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Der therapeutische Dialog verhilft dabei einseitig ausgeformte Gedanken- und Handlungsmuster rational zu hinterfragen und bewusst zu verändern. Ein Lauschen auf die Stimme des Leibes lässt sich als Ausdruck des Respektes gegenüber dem eigenen Körper verstehen. Er trägt Menschen durch ihr Leben.

Andreas Schulz

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