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Schuljahresbeginn

Kleine Veränderungen wagen

Nach den Sommerferien beginnt das neue Schuljahr und Lehrer und Schüler müssen sich neu orientieren. Kleine Veränderungen im Umgang miteinander, die die gewohnten Routinen durchbrechen und vielleicht auch neue Wege wagen, können den Schulalltag positiv verändern — und die Zufriedenheit steigern.

Schuljahresbeginn: Kleine Veränderungen wagen Wer Neues ausprobiert und die gewohnten Bahnen verlässt, erlebt sich und die Schüler noch einmal auf ganz andere Weise © .shock - Fotolia.com

Der Schuljahresbeginn erfordert eine Zeit der reflektierten Neuorientierung. Lehrer übernehmen neue Klassen, lernen neue Schüler kennen, die wiederum ihre eigenen Vorerfahrungen mit dem Lernen und Lehrern gemacht haben. Auch die Eltern neuer Schüler können unbekannt sein oder schon aufgrund von Vorerfahrungen anderer Kollegen ein verfestigtes Bild hervorrufen und verhindern, dass Lehrer mit Neugier auf diese Schüler zugehen. Auch ein gewohntes Klassenzimmer mit den damit verbundenen beruflichen Lehr- und Beziehungserfahrungen muss vielleicht aufgegeben werden, manchmal für einen Raum, in dem kein Lehrer gern unterrichtet und der Schüler eher demotiviert.

In kleineren Schulen können Schulleiter bei der Dienstplangestaltung auf Wünsche ihrer Kolleginnen und Kollegen eingehen und versuchen, all diese Wünsche wohlwollend miteinander zu koordinieren. Wo dies nicht möglich ist, kann ein Auge- in Auge-Gespräch zwischen Schulleitung und den jeweiligen Kollegen helfen, die Hintergründe der Entscheidungen zu verdeutlichen, um emotional gefärbte Deutungen und Fantasien gar nicht erst aufkommen zu lassen (Kommunikation auf Augenhöhe, soziale  Kompetenz, Transparenz).

Welche weiteren kleinen Schritte der Veränderungen sind möglich?

Persönliche Übergabe einer Klasse

Zeitweilig erfahren Lehrer erst recht kurzfristig von den auf sie zukommenden Veränderungen. So kommt es in großen Schulen durchaus vor, dass Lehrer einem Aushang entnehmen, dass sie eine ihnen vertraute Klasse abgeben müssen, ohne die Gelegenheit zu gehabt zu haben , sich von diesen Schülern zu verabschieden, um sie dann in die Obhut eines neuen Klassenlehrers zu übergeben (Unterbrechung der Kontinuität).

Literatur zum Thema:


Bieri, Peter: Wie wollen wir leben? München 2014

Buer, Ferdinand/Schmidt-Lellek, Christoph: Life-Coaching. Über Sinn, Glück und Verantwortung in der Arbeit. Göttingen 2008

Rapelius, Kerstin: Soziometrie im Religionsunterricht an Grund- und Förderschulen, in:

Stadler, Christian: Soziometrie. Messung, Darstellung, Analyse und Intervention in sozialen Beziehungen. Wiesbaden 2013

Eine persönliche Übergabe einer Klasse bekräftigt, dass die pädagogische Beziehung zwischen Lehrern und Schülern ernst genommen wird und in professioneller Art und Weise begonnen, gepflegt und auch beendet wird. Sie verpflichtet die Klasse darüber hinaus auch dazu, die guten Beziehungen, die zu dem früheren Lehrer bestanden, auch in die neue Lehrer-Schüler-Beziehung zu übertragen.

Auch Schüler brauchen Zeit

Organisatorische Veränderungen werden auch von Schülern wahrgenommen und nach ihren eigenen Kriterien bewertet. Neue Lehrer bedeuten für Schüler zunächst einmal die Qualität der Beziehung zu dem neuen Lehrer abzuschätzen. Wird dieser Lehrer mich akzeptieren? Kann ich bei diesem Lehrer meine guten Noten behalten oder muss ich mich bei diesem Lehrer auf völlig neue Bewertungskriterien gefasst machen? Die dahinterstehende Grundfrage ist: Wie sicher kann sich ein Schüler der Beziehung zum Lehrer im schulischen Kontext sein? Erst wenn diese Sicherheit vorhanden ist, ist zielstrebiges Lernen möglich, ohne von Ängsten und Unsicherheiten gestört zu werden.

Ein offenes Gespräch über die für alle neue Situation und die Auswirkungen für die Zusammenarbeit kann ein erster vertrauensbildender Schritt sein. Soziometrische Darstellungen der Positionen der Schüler, des alten und des neuen Lehrers können die momentanen Haltungen verdeutlichen, zu weitergehenden Dialogen ermutigen („Wie wollen wir miteinander umgehen?“) und die Qualität des Umgangs zwischen Lehrer und Schüler festlegen.

Dabei werden soziometrische Experimente sowohl dem Bereich des sozialen Lernens zugeordnet wie z. B. Klassenbildungsprozess, Sitzordnung, Förderung von Empathie, Umgang mit Dilemmata (Rapelius 2013) als auch t konkreten Inhalten des Unterrichts (schülerorientierte Gestaltung des Lernprozesses). Eine soziometrische Gestaltung der Sitzordnung fördert z. B. die Selbstbestimmung der Schüler und kann dazu anregen, die Beziehung untereinander zu reflektieren.

Die persönliche Bedeutung von Veränderungen wahrnehmen

Kommen auf einen Lehrer viele Veränderungen gleichzeitig zu, ist es hilfreich, sich zunächst einen Überblick zu verschaffen. Hier hilft eine schriftliche Übersicht, mit Anmerkungen, welche Wichtigkeit und Bedeutung diese Veränderungen für den jeweiligen Lehrer haben (Selbstreflektion).

Es macht einen Unterschied für die persönliche Motivation aus, ob ein Lehrer eine ungeliebte Klasse mit schwierigen Schülern abgeben darf (wieder Kraft für neue Ideen) oder ob er erfährt, dass ein für ihn wichtiges Projekt, für das er sehr lange gekämpft hat, aufgrund anderer Notwendigkeiten, z. B. langfristige Erkrankung einer Kollegin, abgesagt wurde (Enttäuschung, Entmutigung, Gefahr, sich zurückzuziehen).

Auch die Einarbeitung in eine neues Fach und die für dieses Fach notwendige pädagogische Methodik erfordert Kraft und Konzentration. Der geistige Austausch mit Kollegen kann ermutigen, neue Ideen auch umzusetzen oder sogar aktiv an Veränderungen mitzuwirken.

Eigene Wünsche bewusst wahrnehmen und beibehalten

Manche gute Ideen versinken schnell wieder in der Mutlosigkeit, weil sie mit der üblichen Gestaltung des Berufsalltages und mit der vertrauten „Realität“ nicht in Einklang zu bringen sind. Eine bedauerliche Reaktion ist oft, dass Wünsche, die sich nicht umsetzen lassen, fallengelassen werden.

Es ist wichtig, sich der mit den Veränderungen einhergehenden Emotionen bewusst zu sein und diese auch zu würdigen. Entspringt der Wunsch einer inneren Überzeugung,  ist es förderlicher zu überlegen, in welcher anderer Art und Weise dieser Wunsch zu einem späteren Zeitpunkt umgesetzt werden kann und diesen Weg dann auch beharrlich zu verfolgen

Selbstfürsorge beinhaltet dabei auch, sich selber zum Thema zu machen, über sich selbst zu bestimmen und sein Selbst handelnd zum Ausdruck zu bringen (Bieri 2014). Zur Selbstsorge gehört auch, sich seinen Raum notfalls zu erkämpfen.

Kooperation im sozialen Netz

Mit einem Wechsel der Klasse oder des Fachs können sich auch die Beziehungen zu Kollegen, mit denen es bisher eine enge Kooperation gab, verändern. Es hilft sehr, wenn sich die Lehrer, die in einer neuen Klasse lehren, im Rahmen einer Intervision treffen und miteinander Möglichkeiten der Kooperation ausloten. Die Kooperation kann sich sowohl auf eine gemeinsame Pädagogik beziehen (pädagogische Standards) als auch auf eine Verständigung über den Umgang mit schwierigen Schülern.

Der sich verringernde Kontakt zu vertrauten Kolleginnen und Kollegen  kann durchaus mit Gefühlen von Trauer und Wehmut verbunden sein, aber auch mit einem Verlust eines geschätzten regelmäßigen geistigen Austausches.

Gerade bei starken organisatorischen Veränderungen wäre es daher gut, wenn das bestehende soziale Unterstützungsnetz bestehen bleibt (Kontinuität von Beziehungen). Sowohl vertraute als auch weniger vertraute Lehrerkollegen können überraschende Ideen entwickeln: aus dem Blickwinkel der Nähe und aus dem Blickwinkel der Distanz.

Kleine Veränderungen mit großer Wirkung

Kleine Veränderungen im Umgang mit den Schülern wirken manchmal Wunder. Wenn z. B. ein Lehrer nicht mehr, wie bisher,  vor der Klasse, sondern inmitten seiner Schüler zu ihnen spricht, unternimmt er einen ersten Schritt, um seine Schüler anders wahrzunehmen. Dieser Prozess ist wechselseitig. Ein Lehrer, der seine Position verändert, wird auch von den Schülern anders wahrgenommen.

Ein neuer Blick auf die Schüler kann ein starres Muster und ein festgefügtes System wechselseitiger Wahrnehmung zwischen den Schülern in gutem Sinne „stören“ und zum Überdenken von Rollenmustern anregen.

Der bewusste Verzicht auf eine vertraute Wahrnehmung führt dazu, sich selbst als Lehrer anders zu erleben, den jeweiligen Schüler anders wahrzunehmen, der Selbstwahrnehmung eines Schülers einen neuen Impuls zu verschaffen und die wechselseitige Wahrnehmung der Schüler untereinander in Bewegung zu bringen. Eine Veränderung in der Wahrnehmung geht einher mit einer Veränderung im Denken und Handeln.

Manchmal ist es notwendig, kleine Veränderungen beharrlich zu verfolgen und auch gegen anfänglichen Widerstand durchzusetzen. Wie würde sich z. B. der Englischunterricht verändern, wenn er mit einem kurzen Sprechgesang begönne, vorgetragen von einzelnen Schülern oder spontanen Gruppen? Welches Verständnis füreinander würde durch ein gemeinsames Gebet von Menschen unterschiedlicher Religionen gefördert, insbesondere, wenn diese gar nicht wüssten, welcher der monotheistischen Weltreligionen es entstammt?

Veränderungen und Entwicklungen sind möglich, wenn gewohnte Grenzen immer wieder aufs Neue aufgehoben und vermeintliche Tabus durchbrochen werden.

Neue Lernkontexte ermöglichen ein neues Kennenlernen

Eigene neue Projekte bedeuten zwar einen vermehrten Arbeitsaufwand, können aber auch bei einem routinierten Pädagogen eine Präsenz fordern, die zwar anstrengend, aber auch sinnstiftend sein mag. Die Eigenmotivation und die Arbeitszufriedenheit erhöhen sich dadurch.

Projekte bieten die Möglichkeit zu experimentieren. Handelt es sich um Projekte, an denen der Lehrer selbst Freude hat, wirkt sich dies sowohl auf seine Glaubwürdigkeit als auch auf die Motivation der Schüler und die Art der Beziehung zwischen Lehrern und Schülern aus. Die Beziehungen werden direkter, vertrauensvoller und tragfähiger.

Die persönliche Balance wahren

Oberstes Ziel für eine Neuorientierung ist es, eine persönliche Balance beizubehalten: zwischen den neuen Anforderungen, der persönlichen Haltung zu dem Neuen, den eigenen beruflichen Wünschen und der persönlichen Lebensführung (Buer & Schmidt-Lellek 2008). Ein wesentliches Element hierbei ist, das eigene professionelle Handeln anzuerkennen, sich nicht durch zu hohe, kräftezehrende und unerfüllbare Ansprüche an sich selbst zu lähmen, sondern seine Tätigkeit wertzuschätzen und in sinnvoller Art und Weise zu gestalten.

Andreas Schulz

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