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Psychische Probleme

Psychische Belastungen durch Corona-Krise bei Schülern erkennen

Die Isolation zu Hause während der Corona-Pandemie kann auch psychische Folgen für Kinder und Jugendliche haben. Hier ist es wichtig, auffälliges Verhalten zu erkennen und Hilfe zu organisieren.

Psychische Probleme: Psychische Belastungen durch Corona-Krise bei Schülern erkennen Eines von vielen Warnsignalen: wenn Schüler sich traurig zurückziehen © Pavel Lysenko/Shutterstock.com

Die Corona-Krise hat große Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche und kann sie psychisch destabilisieren. Das hat viele Ursachen. Nicht alle Eltern können mit ihren Kindern über die Corona-Pandemie sprechen oder kindgerecht vermitteln, was es mit dem Virus auf sich hat. Nicht alle Eltern können sich ein Beschäftigungsprogramm zu Hause für ihre Kinder überlegen. Etliche Kinder und Jugendliche besitzen kein Smartphone oder einen Laptop/PC: Sie können daher dem angebotenen digitalen Unterricht nicht folgen und sind darauf angewiesen, dass die Lehrer sie anderweitig mit dem Unterrichtsmaterial versorgen. Sie fühlen sich abgehängt. Etliche leiden unter räumlicher Enge oder ungeduldigen Eltern, die überfordert sind. Die häusliche Gewalt nimmt zu. Andere wiederum haben jede Menge unkontrollierte Zeit für Internet- oder Computerspiele. Sie hängen schlichtweg nur ab – und das trotz Haus-Aufgaben. Auf Dauer schadet das der psychischen Gesundheit der Kinder und Jugendlichen: Sie langweilen sich, sind unglücklich die Freunde nicht zu sehen – und vermissen womöglich die Schulen, die den Tag strukturiert.

Da manche Kinder und Jugendliche schon vor der Corona-Krise psychische Probleme hatten, ist die derzeitige Belastung umso größer. So rechnet der „Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität München, Gerd Schulte-Körne, (…) infolge der Corona-Krise mit einem Anstieg von Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen“.  (vgl. BZ vom 14.04.2020) Wenn die Schulen wieder öffnen können, stehen Lehrkräfte vor der Herausforderung, diese Probleme aufzufangen. Lehrer werden sich, neben dem Vermitteln des versäumten Lehrstoffes, in naher Zukunft möglicherweise auch mit mehr verängstigten, depressiven oder traumatisierten Schülern auseinandersetzen müssen. Wie aber identifiziert man diejenigen Schüler, die womöglich behandelt werden müssen?

Warnsignale psychischer Krisen erkennen

Das frühzeitige Erkennen psychischer Störungen kann helfen, rechtzeitig Maßnahmen einzuleiten. In der Schule kann es jedoch nur um Wahrnehmung und nicht um Behandlung gehen. Benötigte Therapeuten gibt es an den meisten Schulen nicht. Daher sollten Lehrer ausreichend informiert sein, ab welchem Zeitpunkt sie eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit notwendigen Institutionen (Schulpsychologe, Arzt, Therapeut oder sozialpsychiatrischer Dienst) anstreben. Die Zusammenarbeit mit einem Arzt oder Therapeuten, allerdings auch mit den Eltern, kann die Anspannung in einer belasteten Klasse mildern.

Psychische Erkrankungen sind jedoch nicht immer leicht zu erkennen, weil sie nicht offensichtlich sind. Doch es gibt Symptome oder Verhaltensänderungen, die darauf schließen lassen, dass etwas nicht stimmt. Insbesondere, wenn es um Verhaltensänderungen geht, die auffällig sind, länger anhalten und vor Corona nicht da waren.

Angststörungen: Infolge der Corona-Krise werden vermutlich vermehrt Angststörungen auftreten und einen hohen Leidensdruck bei den Betroffenen erzeugen. Dabei geht es nicht nur um die situative Angst vor dem Virus, sondern um eine psychische Störung, die das Leben beeinträchtigt. Das gilt besonders für Kinder und Jugendliche, die schon vor der Corona-Krise beeinträchtigt waren. Symptome sind: Gefühle und Gedanken können kaum eingeordnet werden, hinzu kommen Konzentrationsstörungen, Schreckhaftigkeit und Schlafstörungen. Bei manchen Kindern beobachtet man auch permanente Nervosität, Reizbarkeit, Ängste oder eine stete körperliche Anspannung. Rücksichtslosigkeit und aggressives Verhalten kommen ebenfalls vor, um die eigene Angst zu überspielen.

Die betroffenen Kinder und Jugendlichen zeigen Angstreaktionen, z. B. bei Tieren wie Spinnen, lauten Geräuschen oder auch Dunkelheit. Sie reagieren dann mit Panikattacken, die sich durch starkes Schwitzen, Atemnot oder Übelkeit äußern. Manche berichten auch über Kopf- und Gelenkschmerzen und Schwindel. Sie leiden unter Ruhelosigkeit, ständigen Befürchtungen und Sorgen sowie unter ausgeprägten Trennungsängsten. Diese Kinder und Jugendlichen benötigen ein starkes Gefühl von Sicherheit und müssen sich dessen ständig rückversichern, dass alles in Ordnung ist.

Depressionen: Die lange Isolation und das Leben ohne Freunde oder erweiterte Familienmitglieder (z. B. Oma und Opa) können vermehrt Depressionstendenzen erhöhen. Spielen und Sport in Gruppen im Freien ist derzeit nicht erlaubt, die Tagesstrukturen – wenn es welche gibt – haben sich verändert. Fast alle sozialen Angebote wurden eingestellt. Viele Kinder können mit der Krisensituation nur schwer umgehen. Symptome: Betroffene, die unter einer depressiven Störung leiden, fangen plötzlich an zu weinen oder ziehen sich, auch in der Familie, ganz zurück. Die Kinder und Jugendlichen erzählen häufig davon, dass sie traurig sind und niedergeschlagen. Sie sind ängstlich und neigen zu großer Selbstkritik. Sie berichten darüber, dass sie nicht schlafen können und dass sie keinen Appetit haben. Manche klagen auch über Kopfschmerzen. Sie sind in sich versunken und bewegen sich verlangsamt. Ihre Interessen an Freizeitgestaltung sind erheblich gemindert. Sie können sich schlecht konzentrieren und manche leiden unter Gedächtnisverlust. Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren zeigen oft starke Selbstzweifel bzw. mangelndes Selbstvertrauen – was allerdings altersbedingt durchaus normal sein kann, ebenso wie ein größerer Leistungsabfall und Konzentrationsmangel. Das ist auch bei Pubertierenden zu beobachten. Bei dem Verdacht, dass ein Schüler unter Depressionen leidet, macht es die Kombination mehrerer Faktoren, die dann dringend abgeklärt werden müssen.

Trauma: Durch die derzeitige Lebenssituation durch die Corona-Krise kann sich bei vielen Kindern und Jugendlichen eine Traumafolgestörung entwickeln. Enge Räume, die über Wochen kaum verlassen werden dürfen, überforderte oder gestresste Eltern, Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung können Gründe dafür sein. Ein Trauma bezeichnet eine schwere seelische oder körperliche Verletzung. Anzeichen dafür sind bittere Verzweiflung, Anpassungsstörungen, Angst, Depressionen und Somatisierung. Vernachlässigte oder misshandelte Kinder können nicht nur eine Bindungsstörung, sondern auch hirnorganische Schäden davontragen. (vgl. Michaela Huber: Trauma und die Folgen. 2007, S. 23) In der Schule ziehen sich traumatisierte Kinder oftmals ganz zurück oder verletzen sich selbst. Sie sind zurückhaltend, schweigsam und schreckhaft.

Handlungsmöglichkeiten der Schule

Als Lehrer haben Sie nicht die Aufgabe, psychische Erkrankungen medizinisch zu diagnostizieren oder zu behandeln. Das Erkennen von Auffälligkeiten und Symptomen psychischer Erkrankungen können helfen, schneller zu handeln und zu mehr Sicherheit im Umgang mit den betroffenen Schülern führen.

Wenn Angsterleben, Depression oder Traumatisierungen länger anhalten und eine enorme Einschränkung im Alltag darstellen, sollten die betroffenen Kinder und Jugendlichen unbedingt behandelt werden. Bevor Sie jedoch die Eltern informieren oder Maßnahmen ergreifen, sollten Sie Ihre Beobachtungen und Einschätzungen dokumentieren. Sie helfen dabei, einen besseren Einblick in den Entwicklungsverlauf der Störung des jeweiligen Schülers zu gewinnen.
Beobachten Sie und schreiben Sie auf:

  • Seit wann hat sich der Schüler verändert?
  • Welche Störung konnte beobachtet werden?
  • Wie häufig tritt diese Störung auf?
  • Werden durch die Störungen die Leistung beeinträchtigt?
  • Hat das Verhalten des Betroffenen Auswirkungen auf seine Beziehung zu anderen Menschen?
  • Wodurch und wann lassen die Symptome nach?
  • Welche weiteren Maßnahmen halten Sie für geeignet?

Wichtig ist, dass dann möglichst schnell das Unterstützungssystem durch Schulsozialarbeit und Schulpsychologie wirksam und eine fachärztliche Zusammenarbeit angestrebt wird. Ebenso müssen die Eltern benachrichtigt werden. Eine Liste aller ansprechbaren Personen mit Telefonnummern für jede Klasse erscheint angebracht. Zum Beispiel: Schulpsychologe, Kinderarzt, Sozial-psychiatrischer Dienst und nächste Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Derzeit ist es leider recht schwer, für Kinder und Jugendliche einen Therapieplatz zu bekommen, da diese auch nicht per Videosprechstunde Therapiegespräche erhalten dürfen. Doch Ärzte und Psychotherapeuten kennen die momentane Situation ebenfalls, können Rat geben und die nötigen Maßnahmen einleiten. Daher ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Gesundheitswesen unumgänglich.

Fazit: Kinder brauchen in der Schule, besonders in dieser Zeit, Vertrauen, Sicherheit und Strukturen. Wenn Sie es schaffen, neben der Vermittlung des nachzuholenden Lehrstoffes, ein guter Zuhörer und Gesprächspartner zu sein, hilft das den Schülern sehr, wieder zur Normalität zurückzufinden. Zuverlässigkeit, Ermutigung und emotionale Unterstützung bestärken sie. Rituale, die täglich wiederholt werden, wie z.B. das morgendliche Begrüßen aus der Ferne oder ein musikalischer Abschluss, bringen Sicherheit für Kinder und Jugendliche.

Angela Hentschel

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