Fach/Thema/Bereich wählen
Aktuelle Schlafforschung

Wie riskant ist ein Schlafdefizit wirklich?

Der Lehrerberuf ist stressig und arbeitsintensiv. Das macht sich mitunter auch durch Schlafmangel bemerkbar. Doch wie wirkt sich ein Schlafdefizit auf unsere Gesundheit und unsere Leistung aus? Und lässt sich Schlaf nachholen? 

Aktuelle Schlafforschung: Wie riskant ist ein Schlafdefizit wirklich? Nachts nicht schlafen können: Dauerhafter Schlafmangel kann zu Übergewicht, Herz-Kreislauferkrankungen oder Depressionen führen © Dan Race - Fotolia.com

„Zu wenig Schlaf macht krank, dumm und dick“, so übertitelte Schlafforscher Jürgen Zulley seinen Vortrag zum „Thementag Schlaf“ am 5.05.2012, der sich mit den Risiken von Schlafmangel befasst. Jeder hat die Auswirkungen eines kurzzeitigen Schlafdefizits schon einmal am eigenen Leib erfahren: Wir drohen während des Tages einzuschlafen, haben Erinnerungslücken und unsere Arbeitsleistung lässt nach.

Laut Zulley steige auch die Wahrscheinlichkeit von Unfällen wegen Übermüdung um das Siebenfache an. Vor allem aber seien Ein- und Durchschlafstörungen und nicht erholsamer Schlaf (= Insomnie) eng an die „großen Volkskrankheiten“ gekoppelt: „Übergewicht, Herz-Kreislauferkrankungen oder Depressionen“, so Zulley. Dieser Zusammenhang gelte als wissenschaftlich gesichert und werde durch eine Vielzahl von Studien belegt: Zu den Schlüsselbegriffen „sleep“ AND „morbidity“ etwa finden sich in der medizinischen Meta-Datenbank „PubMed“ über 17 000 medizinische Publikationen. Auch das Zusammenspiel von Schlaf und Gedächtnisbildung ist gründlich erforscht („sleep“ AND „memory“: 4863 Studien): Diverse Schlafstudien zeigen, dass Schlafentzug die Gedächtnisleistung beeinträchtigt.

Weitere aktuelle Studien:

Bei einem Schlafdefizit nehmen Heißhungerattacken zu und das Sättigungsgefühl ab, wie Wissenschaftler der University of California in einer aktuellen Studie feststellten. Dabei wächst auch noch der Appetit auf besonders kalorienreiche Lebensmittel ... Die Ergebnisse der Studie finden Sie hier.

Schlafen wir bei Vollmond tatsächlich schlechter? Forscher um den Baseler Chronobiologen Christian Cajochen bejahen diese Frage. Bei den Probanden ihrer Studie verkürzte sich bei Vollmond der Tiefschlaf und sie brauchten im Schnitt fünf Minuten länger, um einzuschlafen. (SPIEGEL ONLINE Wissenschaft, 25.07.2013).

Unser Gehirn bildet und repariert während des Schlafes bestimmte eigene Zellstrukturen, wie eine neue Studie der University of Wisconsin/Madison beweist: Helferzellen umhüllen die Zellfortsätze von Neuronen mit einer schützenden Myelinschicht, die eine schnelle Signalübertragung ermöglicht. Mehr dazu in einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung vom 11.09.2013.

Lernen im Schlaf

„Um komplexe Inhalte verarbeiten zu können, braucht unser Gehirn eine Phase, in der äußere Reize ausgeschaltet sind“, erklärt Prof. Jan Born, Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Psychologie an der Universität Tübingen, im ZEIT-Magazin. Das ist der Tiefschlaf, auch Deltaschlaf genannt. Er konsolidiert das Gedächtnis, wobei das Gehirn Inhalte aus dem Zwischenspeicher auswählt, in das Langzeitgedächtnis überträgt und Überflüssiges aus dem temporären Speicher räumt. Ins Langzeitgedächtnis schafften es eher emotionale Erfahrungen und auch „Informationen, die für zukünftige Pläne wichtig sind“, so Born. Zudem erkenne das Gehirn „bestimmte wiederkehrende Strukturen“ und speichere diese separat ab, wodurch man am nächsten Tag manches „mit anderen Augen“ sehe: So fanden Versuchspersonen, die vergeblich über einem Zahlenrätsel saßen, nach dem Schlafen plötzlich die Lösung. Die Probanden einer wach gebliebenen Vergleichsgruppe hingegen konnten die Aufgabe selbst in einem zweiten Anlauf nicht bewältigen. (ebd.)

Auch das Verhaltensgedächtnis, das automatisierte Handlungsabläufe und Fertigkeiten wie zum Beispiel komplexe Bewegungen speichert, verfestigt Gelerntes im Schlaf. Bei einer Studie der Universität Freiburg mussten Probanden jeweils eine für sie neue motorische Aufgabe in Form von Spiegelzeichnen (prozedurales Lernen) ausführen. Eine Hälfte der Versuchspersonen lernte morgens und wurde 12 Stunden später am Abend getestet. Die andere Hälfte lernte abends, konnte danach ungestört schlafen und wurde nach 12 Stunden am Morgen getestet. Die Probanden, die schlafen durften, zeigten „eine deutlich bessere Verfestigung der neuen Gedächtnisspuren“. 

Geräusch-„Massage“ verbessert Schlaf und Gedächtnis

Dabei können sogar bestimmte Geräusche den Schlaf befördern und dadurch das Gedächtnis verbessern. Das zeigte eine gemeinsame Studie der Universitäten Tübingen und Lübeck. Hier wurden die für den Tiefschlaf typischen langsamen Hirnwellen durch Geräusche im gleichen Rhythmus stimuliert. Ergebnis: Die Probanden konnten sich am nächsten Morgen besser an Wortpaare erinnern, die sie am Abend vorher gelernt hatten.

Schlafmangel schwächt unsere Immunabwehr

Selbst unser Immunsystem verfügt über eine Merkfähigkeit: Es prägt sich quasi bestimmte Eigenschaften seiner Angreifer ein. „Bei einer erneuten Konfrontation mit dem Erreger erkennt es diesen schneller wieder und reagiert effizienter auf ihn“, erläutert Schlafmediziner Jan Born. (ebd.) Das sei auch der Grund, warum Menschen, die nach einer Impfung nicht schlafen, signifikant weniger Antikörper bildeten. Eine wichtige Erkenntnis gerade für Lehrer, in deren Beruf ein optimaler Impfschutz besonders wichtig ist: Am besten lassen Sie sich dann impfen, wenn Sie am nächsten Tag ausschlafen können.

Ein Mittagsschläfchen nach der Schule?

Ein kurzer Mittagsschlaf ist ratsam „bei jedem, der das Gefühl hat, ein Schlafdefizit zu haben“, sagt Schlafmediziner Dr. Ingo Fietze von der Berliner Charité. Allerdings sollte die Länge „20 bis 30 Minuten nicht überschreiten“. (stern.de, Britta Hesener, „Das Nickerchen zwischendurch“) Ein „Aufputschmittel ohne Nebenwirkungen“, wie schlafmedizinische Studien belegten: Der Mittagsschlaf steigere die Leistung, wirke sich positiv auf das Kurzzeitgedächtnis aus, schütze vor Herzkrankheiten und Erschöpfungszuständen und verbessere die Stimmung. (ebd.)

Vorsicht vor Schlafmitteln!

Sie erhöhen die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken und früher zu sterben, wie das „Deutsche Ärzteblatt“ am 28.02.2012 berichtete. Daniel Kripke, emeritierter Schlafforscher vom Scripps Clinic Sleep Center in La Jolla/Kalifornien, hatte in seiner Studie die Daten von 10 529 Anwendern von Hypnotika mit denen von doppelt so vielen Personen verglichen, die keine Schlafmittel einnahmen. Beunruhigend: Auch wer nur gelegentlich (unter 18-mal pro Jahr!) zu Schlafmitteln greift, hat bereits ein 3,6-fach erhöhtes Risiko.

Schlaf nachholen geht das?

Am Wochenende ein- oder besser noch zweimal so richtig ausschlafen kann zumindest die negativen geistigen Folgen von chronischem Schlafmangel nahezu komplett beseitigen, wie Schlafmediziner der Universität Pennsylvania in einer aktuellen Studie nachweisen konnten (vgl. dazu einen Bericht des SPIEGEL ONLINE, 01.08.2010 ). Je länger der Erholungsschlaf dauert, desto besser. Erst nach 10 Stunden kamen die Probanden bei Reaktionszeit, Müdigkeitslevel und Konzentrationsfähigkeit wieder auf die gleichen Werte wie vor dem Schlafentzug.

Martina Niekrawietz

Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Gesundheit
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×