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Zielgerichtete Gewalt an Schulen

Amoklauf: Warnsignale und Risikoeinschätzung

Nie ist das Risiko zielgerichteter Schulgewalt höher als unmittelbar nach einer Amoktat. Das zeigt die Forschung. Wann also ist eine Amokdrohung ernst zu nehmen? Woran erkennt man eine akute Gefahr? Und welche Präventionsmaßnahmen sollte eine Schule treffen?

Zielgerichtete Gewalt an Schulen: Amoklauf: Warnsignale und Risikoeinschätzung Ein klares Täter-Profil, mit dem man potenzielle Amokläufer unter Schülern finden kann, gibt es bislang nicht © FOTO-JHB - Fotolia.com

Über 400 Amokdrohungen pro Jahr an deutschen Schulen – zu diesem beunruhigenden Ergebnis kam Sarah Neuhäuser in einer bisher unveröffentlichten Studie der Universität Köln aus dem Jahr 2012. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich noch höher, da nur die polizeilich bekannten Amokdrohungen erfasst und analysiert wurden. Woran aber erkennt man, ob eine Drohung ernst gemeint ist? Das ist eine der Fragen, die Neuhäuser in einem Interview mit dem Deutschlandfunk beantwortet.

Generell empfiehlt die Psychologin, „erst mal alles ernst [zu] nehmen“. „Brandgefährlich“ sei es aber, wenn eine Amokdrohung bereits konkrete Angaben enthielte, wie zum Beispiel den Ort, das Datum, die Zeit und den Namen. Neuhäuser beobachtete außerdem, dass die Zahl der Ankündigungen direkt nach dem School-Shooting in Winnenden – und auch genau ein Jahr danach — „massivst“ anstieg, „teilweise um das 30-fache“.

Besonders kritisch: die Zeit unmittelbar nach einer Amoktat

Vergleichbar mit Selbstmordreihen, wie sie schon Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ hervorbrachte, treten auch Amokläufe in Serie auf. Die Amokforschung spricht deshalb von einem „Werther-Effekt“, den der Amokforscher Jens Hoffmann von der TU Darmstadt folgendermaßen erklärt: „Wenn man eine solche Tat an einer Schule einmal im eigenen Land hat, steigt das Risiko enorm an, dass andere Jugendliche sich darauf beziehen und sagen, ich möchte auch unsterblich berühmt werden durch eine solche Tat“. (Jens Hoffmann auf der Website „IQ Wissenschaft und Forschung“ im Beitrag „Der Werther-Effekt 2.0“). Bei der Berichterstattung in den Medien – genauso wie bei der Thematisierung von School Shootings im Unterricht – gilt es deshalb, „den Täter weitestgehend zu anonymisieren, wenig über den konkreten Tatablauf zu berichten und keine Rechtfertigungen für solche Taten bereitzustellen“ (vgl. dazu Hoffmann, Roshdi, Robertz, 2009, a. a. O. S. 204). Es sollten dabei Lehrer und Schüler gleichermaßen auf mögliche Warnsignale achten.   

Links zum Thema:

Einen fundierten Überblick über die aktuelle Amok-Forschung bietet eine 2007 erschienene Broschüre des LKA NRW mit dem Titel „Amoktaten — Forschungsüberblick unter besonderer Beachtung jugendlicher Täter im schulischen Kontext“.

Hoffmann, J., Roshdi, K., Robertz, F: Zielgerichtete schwere Gewalt und Amok an Schulen – eine empirische Studie zur Prävention schwerer Gewalttaten. Kriminalistik, 4/2009, 196-204:
Die Ergebnisse dieser ersten Studie zu deutschen School Shootingshttp://www.institut-psychologie-bedrohungsmanagement.de/images/stories/pdf/zielgerichtete%20schwere%20gewalt%20an%20schulen.pdf mit Implikationen für die schulische Prävention sind auch online verfügbar.

Warnzeichen

School Shooter sind in der Regel männlich, durchschnittlich 17 Jahre alt und kommen aus bürgerlichen Herkunftsfamilien ohne besondere Auffälligkeiten. Den „typischen Täter“ gibt es jedoch nicht. Trotzdem kommt die erste deutsche Studie, die sieben Fälle zielgerichteter Gewalt an Schulen untersuchte, „sowohl von der Tatvorlaufsphase als auch von der Psychologie der Täter her“ zu sehr homogenen Ergebnissen (vgl. dazu a. a. O. Hoffmann, Roshdi, Robertz, 2009). Die Amokforscher verfolgten dabei einen psychologisch-verhaltensorientierten Ansatz, um dann aus den gemeinsamen Merkmalen der Täter Implikationen für die Prävention abzuleiten. Hier die wichtigsten Warnsignale, die sich dabei herauskristallisierten: (vgl. dazu Hoffmann, Roshdi, Robertz, 2009, a. a. O. S. 203 f.)

  • „Leakage“ oder „Leaking“ (engl. für „Durchsickern“): Dies bedeutet, dass die Täter mit nahezu 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit „wissentlich oder unwissentlich“ Hinweise auf einen möglichen Gewaltakt (Planung der Taten, Gewaltfantasien) geben: Jens Hoffmann rät daher, schulische Krisenteams speziell dafür auszubilden, Lehrer und Schüler für derartige Warnsignale zu sensibilisieren.
  • Affinität zu Waffen und „Kriegeridentität“: In 100 Prozent der Fälle zeigten die Täter eine Waffe oder kündigten an, eine mitzubringen. Sechs der sieben Täter bedrohten dabei eine andere Person mit der Waffe. Beschäftigen sich Jugendliche intensiv mit Waffen und Militaria, kann das darauf deuten, dass sie in eine „Kriegeridentität“ abdriften – ein Phänomen, das sich immer wieder bei Amokläufern fand: „Dabei nehmen Täter in ihrer Fantasie die Rolle eines mächtigen Rächers ein, um sich selbst zu erhöhen, was sich ebenfalls in militärischer Kleidung, dem Posieren mit Waffen oder in entsprechenden Accessoires widerspiegelt.“
  • Alle Täter hatten im Vorfeld bereits Zugang zu Waffen oder hatten versucht sich Zugang zu Waffen zu besorgen.- Meist sind bei den Tätern auch narzisstische Strukturen zu beobachten, genauer gesagt „eine Mischung aus Verzweiflung und Depression, Größenfantasien und Kränkbarkeit“.
  • Dieses Muster ist jedoch oft bei Jugendlichen anzutreffen, und deshalb nicht geeignet, um potentielle Amok-Täter frühzeitig zu erkennen. Fällt ein Jugendlicher jedoch zusätzlich durch andere Verhaltensweisen auf, wie zum Beispiel durch Leaking oder das Zeigen von Waffen, ergeben sich aus der narzisstischen Problematik Ansatzpunkte für „psychologische, psychiatrische oder pädagogische Interventionen“. (Hoffmann, Roshdi, Robertz, 2009, a. a. O. S. 203)

Eine „monokausale Erklärung“ für zielgerichtete Schulgewalt gibt es nicht, und auch die Vorstellung von einem klaren Profil, mit dem man potenzielle Täter unter allen Schülern herausfinden kann, halten Hoffmann, Roshdi und Robertz für „absurd“. Bei School Shootern spielen viele Faktoren zusammen: Die drei Amokforscher umschreiben die Komplexität mit einer „jeweils individuell unterschiedlichen Gemengelage von akuten Krisen, Schwierigkeiten bei der Verarbeitung problematischer Erfahrungen, einer strukturellen psychischen Verwundbarkeit, der Wahrnehmung, dass eine Gewalttat ein zu rechtfertigender und lösungsorientierter Akt sein könnte und dem Zugang zu Waffen“. (Hoffmann, Roshdi, Robertz, 2009, a. a. O. S. 203)

DyRiAS: das Risiko bei auffälligen Schülern sicher einschätzen

Die Studie fand viele weitere Übereinstimmungen bei den untersuchten Gewalttaten: School Shootings ereignen sich überwiegend an weiterführenden Schulen, in mehr als 50 Prozent der Fälle werden ehemalige Schüler zum Täter, manche der Jugendlichen wurden vor der Tat von anderen verspottet und gedemütigt, Personen aus dem näheren Umfeld waren besorgt und registrierten einen sozialen Rückzug, einige spätere Täter äußerten Suizidabsichten etc.

All diese und weitere Faktoren richtig einzuordnen, ist für einen Lehrer und Laien nicht einfach. Deshalb hat Jens Hoffmann, der sich als Diplompsychologe auf Bedrohungsmanagement spezialisiert hat, ein computergestütztes Instrument entwickelt, das die Einschätzung des Risikopotentials auffälliger Schüler erleichtert: Ein systematischer Katalog mit 39 Fragen berücksichtigt die bekannten Warnsignale aus der Amokforschung. Parallel dazu sind Experten-Videos, Beispiele von realen Fällen und wissenschaftliche Hintergrundinformationen abrufbar.

NETWASS: Networks Against School Shootings

Doch es gibt auch noch andere Präventionsmöglichkeiten: Das seit November 2009 vom vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt NETWASS der FU Berlin zielt auf Aufklärung und professionellen Umgang mit School Shootings. An vielen Schulen in verschiedenen Bundesländern hat NETWASS bereits ein Krisenpräventionsverfahren implementiert, das Informationen über eine krisenhafte Entwicklung einzelner Schüler innerhalb der Schule bündelt.

Im Zentrum stehen schulinterne Krisenpräventionsteams, die dafür geschult werden, krisenhafte Entwicklungen von Schülern zu bewerten und adäquate Hilfsmaßnahmen einzuleiten. Das Fortbildungsangebot ist für interessierte Schulen kostenlos. Nähere Informationen zu diesem Projekt bietet die Website der Freien Universität Berlin.

„Handeln in Krisensituationen“: Konkrete Vorgaben für die Schulpraxis

Auch die Broschüre des Landes Hessen mit dem Titel „Handeln in Krisensituationen“ bietet Hilfsangebote für den Ernstfall und versucht Fragen zu klären: Wie lässt sich an der Schule ein Krisenteam implementieren? Welche Aufgaben hat es? Wie kann man sich optimal auf den Ernstfall vorbereiten? Und reagiert man adäquat, wenn der Krisenfall tatsächlich eintritt?

In der Printausgabe finden sich außerdem Checklisten und Praxishilfen, wie zum Beispiel „Maßnahmen zur Sicherung des Schulgebäudes“, „Kommunikation und erste Maßnahmen im Krisenfall“, „Vorbereitungen für die psychosoziale Notfallversorgung“ oder auch „Textbausteine zur Information der Schulgemeinde bei einer Gefährdungslage“.

Martina Niekrawietz


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