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Gewaltprävention

Den Umgang mit Gefühlen lernen

Um Gewaltausbrüche unter Schülern zu vermeiden, müssen diese lernen, die eigenen Gefühle und die der Mitschüler zu erkennen und zu verbalisieren. Spielerisch können sie trainieren, das Gegenüber zu verstehen und Empathie zu entwickeln. Dann haben Gewalt und Mobbing keine Chance.

Gewaltprävention: Den Umgang mit Gefühlen lernen In der Gewaltprävention spielt der Umgang mit den Gefühlen anderer eine sehr wichtige Rolle, um Mobbing gar nicht erst aufkommen zu lassen © pressmaster - Fotolia.com

„Tia hat mich richtig böse angeschaut, da bin ich einfach wütend geworden“, erklärt Justin bei der Klärung eines Konflikts mit Tia seiner Lehrerin. „Ich war sauer, weil ich im Diktat so viele Wörter falsch geschrieben habe, das hatte gar nichts mit dir zu tun“, entgegnet Tia.

Solche oder ähnliche Situationen kennt der Klassenlehrer gut: Die Schüler können die Mimik und Gestik und somit die Gefühle des Gegenübers nicht deuten und fühlen sich provoziert. Schnell entstehen dabei Missverständnisse und es kommt zum handfesten Konflikt.

In der Gewaltprävention spielt der Umgang mit eigenen Gefühlen und den Gefühlen anderer eine sehr wichtige Rolle. In Spielsituationen können die Schüler Ausdruck und Wirkung ihrer Gefühlsausbrüche gemeinsam mit Mitschülern erproben, besprechen und Empathie entwickeln.

Gefühle kennenlernen und ausdrücken

Zunächst ist es für Schüler wichtig, die eigenen Gefühle kennenzulernen und diese verbalisieren zu können, um dem Gegenüber sagen zu können, wie man sich fühlt.
Ausdruck für die Gefühlslage sind Mimik und Gestik. Daher können die Schüler im Sitzkreis versuchen, zunächst Bilder oder Fotos mit Gesichtern fremder Kinder zu analysieren. Auf die Frage „Wie geht es den Kindern auf den Bildern?“ können sich die Schüler frei äußern. Sicher werden hier Adjektive wie „fröhlich, traurig, wütend, ängstlich“ erkannt und genannt werden. Die Bilder können nach positiven und negativen Stimmungen sortiert werden.

Damit die Schüler auch den Ausdruck der Stimmungen ihrer Mitschüler kennenlernen, können die Schüler in einem Spiel ihrem Gegenüber eine Stimmung vorspielen und diese erraten lassen, welche Stimmung gemeint ist. Dazu laufen alle Schüler der Klasse im Klassenraum herum. Auf ein Kommando des Lehrers hin bleiben die Schüler vor einem Partner stehen und zeigen eine Mimik zum ausgewählten Gefühl. Im Anschluss an das Gefühlsspiel kann thematisiert werden, welche Gefühle sehr eindeutig zu identifizieren waren und welche Stimmungen bei verschiedenen Schülern weniger erkannt wurden.

Nachdem die Gefühle kennengelernt und vorgespielt wurden, kann vereinbart werden, dass die Schüler im Morgenkreis berichten, wie es ihnen heute geht, evtl. auch einen Grund dafür anführen wie: „Ich bin heute fröhlich, weil ich heute Nachmittag ins Kino gehe“ oder „Ich bin sehr traurig, weil mein Kaninchen krank ist“ etc. Durch die Mitteilung der Gefühlslagen und Situationen erfahren die Schüler besser als durch Mimik und Gestik, die sie noch nicht so gut zuordnen können, wem es heute gut oder schlecht geht und können Mitgefühl, Rücksichtnahme und Empathie besser aufbauen.

Denkbar wäre als schnellere Lösung auch ein Gefühlsbarometer in der Klasse, an dem jeder Schüler morgens an seinem Namen eine Wäscheklammer an die Gefühle fröhlich, traurig, wütend, ängstlich, schlechtgelaunt stecken kann, um zu signalisieren: In bin heute nicht gut drauf, lasst mich besser in Ruhe bzw. muntert mich auf, aber seid rücksichtsvoll mit mir!

Rollenspiele zu Gefühlsgeschichten

Können die Schüler die Gefühlszustände erkennen, kann in einem weiteren Schritt mit Rollenspielen oder Situationsbildern gearbeitet werden. Ein Situationsbild bzw. Rollenspiel wäre beispielsweise: Zwei Schüler stehen um einen Mitschüler, ein Schüler greift nach seiner Mütze. Dieser schaut ängstlich.

Schnell werden die Schüler erkennen, dass die beiden Schüler ihren Mitschüler ärgern und ihm die Mütze wegnehmen möchten. Thematisiert wird: „Wie fühlt sich der geärgerte Mitschüler?“ Sicher erkennen die Schüler, dass er ängstlich ist, sich nicht wehren kann oder möchte, weil gleich zwei Mitschüler auf ihn losgehen. Die Weiterführung, „Ist es euch auch schon mal so gegangen? Habt ihr euch auch schon mal ängstlich gefühlt?“, bringt weitere Impulse und die meisten Schüler werden von eigenen Erfahrungen berichten und sich in den geärgerten Mitschüler hineinfühlen können.

Die Schüler können ihre eigenen Erfahrungen oder die Geschichten als Gefühlsgeschichte anderen Schülern vorspielen oder nachspielen lassen. So lernen sie, sich in die verschiedenen Gefühlslagen hineinzuversetzen. Wichtig ist es dabei, die Gefühle immer wieder zu verbalisieren und die positiven und negativen Aspekte herauszuarbeiten. Dadurch lernen die Schüler, wann es für einen Mitschüler kein Streich oder Scherz mehr ist, weil er sich nicht gut fühlt.

Gefühle in Ich-Botschaften verpacken und äußern

Bereits in den Rollenspielen wird immer wieder die Frage gestellt: „Wie hast du dich in der Situation gefühlt?“ Die Mitschüler werden dadurch aufgefordert, sich zu vergegenwärtigen, wie sie sich selbst gefühlt haben bzw. hätten. Im nächsten Schritt werden die Schüler weiter gestärkt, ihre Gefühle mitzuteilen. Dies geht am besten als „Ich-Botschaften“, wenn das Gegenüber nicht bereits durch Mimik und Gestik erkennt, dass eine Grenze erreicht ist und ein Mitschüler sich nun unwohl fühlt.

Diese Mitteilungen können ebenfalls im Rollenspiel eingeübt werden. In der oben beschriebenen Situation zum Beispiel, in der der Schüler von zwei Mitschülern geärgert wird und sie ihm seine Mütze abnehmen wollen, könnten sie lernen, durch eindeutige Signale Grenzen setzen. Hier könnte der Schüler sagen: „Stopp! Ich möchte nicht, dass ihr mir die Mütze abnehmt! Das ist kein Spiel für mich, hört auf!“ Diese klaren Zeichen sind oftmals sehr wichtig, um eine Konflikteskalation zu verhindern. In vielen Fällen merken Mitschüler nicht, wann Grenzen für ein anderes Kind erreicht werden oder dass andere sich schneller verletzt fühlen und die Situation nicht mehr als Spiel oder Scherz empfinden. Daher müssen gerade schüchterne Kinder immer wieder ermutigt werden, ihre Gefühle ernst zu nehmen und verbal oder mit Handzeichen zu signalisieren, dass es ihnen nun nicht mehr gut geht. Ein gutes Warnsystem ist hier das Bauchgefühl, dass bereits Kindern signalisiert, dass die Stimmung nun kippt und sie gleich ängstlich, wütend oder aggressiv werden.

Oft kommt in Mediationsgesprächen, in denen Schüler aufgefordert werden zu verbalisieren, wie sie sich während des Streits gefühlt haben, heraus, dass sie gar nicht wussten oder bemerkt hatten, dass sie längst die Grenzen des anderen Schüler überschritten hatten. Es kommt  auch deshalb zur Eskalation. Ein Weg, eskalierende oder verletzende Situationen zu verhindern, ist das vorgeschlagene Gefühlstraining. Denn: Wer die die eigenen Gefühle realisiert und diese mitteilen kann und wer die Emotionen der anderen erkennt und sie thematisiert ist schon einen großen Schritt weiter zu einem friedlichen und rücksichtsvollen Miteinander.

Marion Keil

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