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Deeskalationstraining

Gewalt: Exit-Strategien für Schüler

Fast jeder Schüler macht Gewalterfahrungen. Hier muss Schule gegensteuern: aufseiten der Täter, aber auch aufseiten potenzieller Opfer. Sie sollten Exit-Strategien anwenden lernen, damit Gewalt gar nicht erst eskaliert.

Deeskalationstraining: Gewalt: Exit-Strategien für Schüler Die Schüler lernen in einem Deeskalationstraining, dass Worte besser als gewaltsame Übergriffe sind © Africa Studio - stock.adobe.com

„Die Art der Gewalt an Schulen hat sich verändert. Die Körperverletzung wird exzessiver, brutaler“, zitierte die Tageszeitung WELT am 18.07.2016 den rheinland-pfälzischen Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Benno Langenberger. Doch auch außerhalb der Schule werden Kinder und Jugendliche Opfer von Gewalt, zum Beispiel bei fremdenfeindlichen Übergriffen, Pöbeleien und physischen Angriffen in öffentlichen Verkehrsmitteln, „Abziehen“ auf dem Schulweg oder Misshandlungen in der eigenen Familie. Dabei treten akute Bedrohungssituationen oft unvermittelt ein, sodass nicht viel Zeit zum Nachdenken bleibt. Wichtig ist es deshalb, dass die Schüler im Notfall auf effektive und praktikable Exit- bzw. Deeskalationsstrategien zurückgreifen können, um sich selbst zu schützen. Im Folgenden finden Sie dazu Tipps und Übungen für ein praktisches Deeskalationstraining im Unterricht.

Gewalt betrifft uns alle

Vielen fällt es schwer, über Gewalterfahrungen zu sprechen. Trotzdem haben die meisten bereits Gewalterfahrungen gemacht. Das „Aufstehspiel“ (im Skript zur Lehrerfortbildung „Gewaltprävention im Schulalltag“ der Friedrich-Ebert-Stiftung, S. 2) verdeutlicht das allen Schülern, ohne jemanden bloßzustellen: Die Klasse bildet einen Kreis und positioniert sich zu Fragen (ebd., S. 11) durch schweigendes Aufstehen. Beispiel: „Steh bitte schweigend auf, wenn schon einmal auf dich eingeschlagen wurde, als du auf dem Boden lagst.“ Niemand muss aufstehen. Wer sich nicht „outen“ möchte, kann einfach sitzen bleiben. — Diese Übung dient möglicherweise als Türöffner für einen späteren Austausch über Gewalterfahrungen, zeigt den Schülern aber in jedem Fall, dass Gewalt für alle ein wichtiges Thema ist.

„Habt ihr schon einmal erlebt, dass Gewalt eskaliert?“ — Mit dieser Frage leitet der Lehrer ein kurzes Unterrichtsgespräch ein und zum eigentlichen Thema über.

Sicherheitsregel: Eskalation vermeiden

Wer urplötzlich von Gewalt bedroht ist, hat Angst und tut womöglich spontan genau das Falsche. Für einen jungen Mann, der in der Straßenbahn seine Freundin gegen Beleidigungen mehrerer Jugendlicher verteidigte, endete das tödlich: „Noch so ein Spruch und ich steche dich ab“, hatte der Täter geschrien. „Traust du dich eh nicht“, hatte der junge Mann noch sagen können, bevor der Täter zustach. — Mareike Witte berichtet davon in einem Artikel auf der Website welt.de, in dem sie die wichtigsten Sicherheitstipps verschiedener Anti-Gewalt-Experten wiedergibt.

Die Schüler lesen den informativen Beitrag und fassen, in Gruppenarbeit oder im Unterrichtsgespräch, die wichtigsten Schutzmaßnahmen stichpunktartig zusammen:

  • Freundlich sein
  • Den Täter siezen, denn es signalisiert Umstehenden: „Täter und Opfer kennen sich nicht, hier kann/muss ich mich einmischen.“
  • Sich nicht provozieren lassen und darauf achten, dass der Täter sein Gesicht bewahrt.
  • Mindestens zwei Meter Abstand halten
  • Versuchen, der Situation zu entkommen
  • Umstehende direkt ansprechen („Sie da mit dem roten Schal: Bitte ...) und auffordern, Hilfe zu holen.
  • Per Notruftaste Hilfe holen
  • Keine eigenen Waffen benutzen
  • Physische Selbstverteidigung nur im absoluten Notfall

Eine kurze Internetrecherche demonstriert, dass dieser Maßnahmenkatalog durch weitere Verhaltensregeln ergänzt werden kann.

Für eine darauffolgende Übungsphase ist es jedoch wichtig, die Schüler nicht mit einer langen Liste zu „erschlagen“, sondern die wichtigsten Verhaltensweisen herauszugreifen und systematisch „einzustudieren“. Im Zuge weiterer Übungseinheiten im Verlauf des Schuljahres kann dann das Deeskalations-Repertoire sukzessive vertieft und auch ausgebaut werden.

Beispiel für mehrstündige Übungseinheit

Deeskalierende Verhaltensweisen entsprechen meist überhaupt nicht unserer emotionalen, physischen und psychischen Verfassung in akuten Bedrohungssituationen: Trotz Angst dem Täter locker, entspannt, freundlich und selbstbewusst gegenüberzutreten — das gelingt nur mit einiger schauspielerischer Leistung und mit häufigem Üben.

Für eine erste Übungseinheit sollte in jedem Fall genügende Zeit zur Verfügung stehen, damit auch wirklich alle Schüler zum Zug kommen.
Die Sozialpädagogin Ulla Küper und der Schauspieler und Theaterpädagoge Stefan Filipiak beraumen für ihr Deeskalationstraining deshalb vier Schulstunden an. Ein siebenminütiges Video demonstriert, wie sie dabei vorgehen und welche inhaltlichen Schwerpunkte sie setzen.

Zunächst lernen die Schüler, Körpersprache einzuschätzen und ihren „Sicherheitsabstand“ zu bestimmen. — Körpersprache lesen können, das ist der erste Schritt zur Deeskalation, erläutert Stefan Filipiak. Diese Fähigkeit ermöglicht es uns frühzeitig, einer aggressiven Konfrontation aus dem Weg zu gehen.

Dann spielen die beiden Pädagogen eine typische eskalierende Gewaltsituation vor: Ein Junge verlangt von einem anderen im Bus, ihm seinen Sitzplatz zu überlassen. Anschließend besprechen sie mit den Schülern die Situation: Wer hat sich wie verhalten? Was wirkte deeskalierend, was nicht? etc.

Die Pädagogen ermutigen die Schüler, eigene Handlungsalternativen zu entwickeln und die Situation im Rollenspiel friedlich durch Ausweichen zu lösen. Immer spielt dabei einer der Erwachsenen den Aggressor. — Auch das ist eine wichtige Anregung für Lehrer, die ein Deeskalationstraining planen: Am besten kooperiert man mit einer Kollegin oder einem Kollegen, damit z. B. die Erwachsenen Szenen vorspielen können, beim Spielen ernst bleiben und in der Rolle des Angreifers wesentlich authentischer wirken.

Deeskalationstechniken vertiefen und ausbauen

Körpersprache, Mimik, Selbstschutz in unterschiedlichen Situationen, eine realistische Einschätzung der Gefahr, Wahrnehmung von Signalen, die eine Eskalation andeuten — all das lässt sich natürlich nicht innerhalb eines Trainingstages lernen. Deshalb sollte das Thema Selbstschutz in eskalierenden Gewaltsituationen auch danach regelmäßig aufgegriffen werden.

Auf der Website Deeskalationstraining finden sich dazu Praxisübungen, mit denen die Schüler wichtige Kompetenzen zur Deeskalation trainieren: Sie erarbeiten sich z. B. bei einer Partnerübung einen sicheren Stand, lernen, mit non-verbalen Körpersignalen Grenzen aufzuzeigen und wahrzunehmen oder testen bei der Übung „Anstarren“ die Grenzen des Erträglichen aus. Auch im oben verlinkten Skript zur Lehrerfortbildung „Gewaltprävention im Schulalltag“ finden sich viele Übungen zu verschiedenen inhaltlichen Schwerpunkten wie „Aufzeigen, wie man einem Mobbingopfer helfen kann“ (S. 4), „Verschiedene Gewaltformen bewerten“ (S. 1) oder „Sich nicht provozieren lassen“ (S. 5)

Martina Niekrawietz

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