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Täter konfrontieren

Mobbing-Intervention: Farsta-Methode und Staffelrad

Wirksame Mobbing-Intervention setzt schnelles Handeln der Lehrkräfte voraus. Dabei müssen sie Opfer wie Täter im Blick haben. Die Farsta-Methode und das Staffelrad helfen bei der der Sofort-Intervetion.

Täter konfrontieren: Mobbing-Intervention: Farsta-Methode und Staffelrad Im Gespräch werden Schüler mit ihrem Verhalten konfrontiert © iStockphoto.com/sturti

Wie sehr schikanierte Schülerinnen und Schüler leiden, lässt das Erzählforum für Schüler auf der Website „mobbing-schluss-damit.de“ erahnen: „Ich werde gemobbt. (...) Ich bin erst 13 und war zweimal kurz davor, Selbstmord zu begehen. Ich ritze mich jeden Tag“, berichtet da ein Mädchen. Ein 12-jähriger Junge postet: „Wenn die mich richtig fertig machen, geh’ ich immer auf Toilette und weine (...). Ich bin in den letzten Wochen nicht zur Schule gegangen weil ich immer Bauchschmerzen und Kopfschmerzen hatte. Ich hab’ auch Schlafstörungen.“ Und eine 12-Jährige schreibt: „Manchmal ist es so schlimm, dass ich am liebsten nicht mehr leben möchte.“

Wenn sich gemobbte Schüler oder ihre Eltern in dieser belastenden Situation an Sie als Lehrer wenden, hoffen sie vor allem eines: Dass es möglichst schnell gelingt, den Terror zu stoppen. Dabei brauchen nicht nur die Opfer Hilfe: Mobbing schadet auch den Tätern, die immer mehr in den Sog von Aggression und Gewalt geraten und später signifikant häufiger straffällig werden. (vgl. dazu Habermeier, 2006, S. 9)

Erste Hilfe bei Mobbing: die Farsta-Methode

Entwickelt und erprobt wurde diese effektive Vorgehensweise gegen Mobbing von einem Team um Karl Ljungström im Stockholmer Randbezirk Farsta. Kern der Farsta-Methode sind konfrontative Gespräche mit Schülern in der Täterrolle, verbunden mit dem Versuch, sie als Kooperationspartner gegen Mobbing und Gewalt zu gewinnen. Laut Walter Taglieber, dem Autor der Berliner-Anti-Mobbing-Fibel, (Link s. u. im Kasten) ist neben „etwas Erfahrung (...) im Umgang mit Widerstand“ eine gute Vorbereitung zwingend erforderlich. Auch Unterstützung durch Kollegen ist hilfreich: Am besten wäre es, ein festes Anti-Mobbing-Team von mehreren Lehrern an der Schule zu installieren, das bei akuten Mobbingvorfällen auf den Plan tritt. Doch auch für einzelne Lehrer ist Farsta in der etwas „abgespeckten“ Version von Walter Taglieber (Anti-Mobbing-Fibel, S. 20 f.) gut umsetzbar.

1. Schritt: Informationen sammeln: Wenn Sie von Mobbing erfahren, recherchieren Sie zunächst exakt alle Fakten: Wo hat wer wann was wie oft gemacht? Welche Mitschüler waren wie beteiligt? Sind die Informationen lückenhaft, bitten Sie den betroffenen Schüler z. B., ein Mobbing-Tagebuch zu führen. Gleichzeitig vermitteln Sie ihm in diesem ersten Gespräch Mut und Zuversicht. Wenn nötig, beziehen Sie die Eltern ein. Um die Mobber nicht vorzuwarnen, darf jedoch niemand von dem Gespräch erfahren.

2. Schritt: Organisation: Sie besorgen einen Raum, treffen die erforderlichen Absprachen mit Kollegen, bitten jemanden, Protokoll zu schreiben etc.

Links und Literatur zum Thema:

Walter Tagliebers „Berliner Anti-Mobbing-Fibel" informiert pointiert über Mobbing und enthält Handlungsanleitungen mit Gesprächsleitfaden für die Farsta-Methode und das Staffelrad.

Die Grundlage für das Staffelrad-Konzept findet sich in: Ed Watzke: Äquilibristischer Tanz zwischen Welten, Bonn 1997, S. 62 ff.

Die Website der „Staatlichen Schulberatung Niederbayern“ bietet eine umfangreiche Materialsammlung zum Thema Mobbing. Hier finden Sie auch das „Gegen-Gewalt-Konzept“ von Mustafa Jannan: eine etwas „sanftere“ Methode der Täterkonfrontation, bei der auch das gesamte Gruppen-Umfeld einbezogen werden kann.

Der Frage „Projekt: Mobbing — bei uns nicht?!“ geht die Bundeszentrale für politische Bildung auf den Grund.

Die Folgen von Mobbing für Opfer und Täter fasst Verena Habermeier in ihrer Magisterarbeit zusammen: „Mobbing als Gruppenphänomen. Zum Zusammenhang zwischen Mitschülerrollen und Freundschaften bzw. sozialem Status.“ LMU München, 2006.

3. Schritt: Gespräch mit dem Täter: Sie holen den Täter überraschend aus dem Unterricht. Es folgt ein klares Gespräch nach einem festen, vorgegebenen Muster mit „Regieanweisungen“: „Weißt du, worüber wir mit dir sprechen wollen?“ (Warten und sich nicht für dumm verkaufen lassen) „XY [Name des Mobbingopfers] hat ‚Schwierigkeiten’. Weißt du etwas darüber?“ (Kleine Unsicherheiten nutzen und bohren, zielstrebig bleiben) usw.“ Sie ächten die Tat und nehmen den Täter in die Verantwortung. Am Schluss des Gesprächs teilen Sie dem Schüler mit, dass er einen gewissen Zeitraum beobachtet wird, bevor ein Anschlussgespräch mit allen Beteiligten stattfindet. Hier kann auch ein „Täter-Opfer-Ausgleich“ vereinbart werden, z. B. eine öffentliche Entschuldigung beim Opfer (vgl. dazu auch Mustafa Jannan, 2008, S. 124 ff.). Zurück in der Klasse muss der Täter nicht erzählen, worum es ging. Daher ist eine lehrer-gesteuerte „Reintegration“ nicht erforderlich.

Eine Gruppe von Tätern konfrontieren: das Staffelrad

Auch diese Methode hat Walter Taglieber für den schulischen Alltag leicht verändert. (vgl. dazu W. Taglieber, Anti-Mobbing-Fibel, S. 23) Genau wie beim Staffelrad beginnen Sie mit dem Opfer-Gespräch und einer genauen Recherche der Fakten. Wesentlicher Unterschied: Sie haben es mit mehreren Tätern zu tun, die Sie nacheinander überraschend aus dem Unterricht holen. Das erfordert natürlich einen wesentlich größeren Organisationsaufwand: So sollten Sie zum Beispiel bei drei Tätern dafür sorgen, dass diese während der Gesprächskonfrontation keinerlei Kontakt miteinander haben. Sie brauchen dann auch drei verschiedene Kollegen, die die Schüler jeweils in ihren Klassen beaufsichtigen.

Die Einzelgespräche verlaufen wie bei Farsta, enden aber anders: Sobald die Täter einer sichtbaren Verhaltensänderung und der Unterstützung gegen Mobbing zugestimmt haben, wird das Opfer dazugeholt. Dann moderieren Sie das Gespräch zwischen Opfer und Täter im Sinne des Friedens und Ausgleichs. Tagliebers Erfahrungen dabei: „Diese Gespräche verlaufen meistens stockend, aber in der Regel versöhnlich.“ Die weiteren Schritte folgen dann wieder dem Farsta-Prozedere.

Einwandbehandlung

„Die andern machen das ja auch!“, „Der hat ja angefangen!“, „Alle hacken auf mir ’rum!“ — Wie reagieren Sie auf solche Rechtfertigungsstrategien der Täter? Davon hängt der Erfolg der beiden Methoden maßgeblich ab. Deshalb sollten Sie sich gut dafür „wappnen“: Im Vorfeld „üben“ Sie — zum Beispiel in Rollenspielen — das Gespräch immer wieder konsequent auf die Tat zu richten. Etwa so: „Trotz alledem: Was du tust, ist ein vorsätzlicher Angriff auf die seelische Gesundheit von ... ! Und so etwas dulden wir nicht! Heute nicht und in Zukunft auch nicht!“ (Walter Taglieber, Anti-Mobbing-Fibel, S. 22 f.)

Fazit: Eine täterbezogene Konfrontation ist sicher wirkungsvoll, vernachlässigt für sich allein genommen jedoch einen zentralen Aspekt von Mobbing: Nicht nur Täter und Opfer spielen eine Rolle, auch die meisten Schüler der Klasse sind in das System involviert. Farsta-Methode und Staffelrad sollten daher mit Interventionsprogrammen kombiniert werden, die auch auf Klassen- und Schulebene operieren, wie zum Beispiel das Grundsatzprogramm von Dan Olweus. (siehe unten verlinkten Beitrag)

Martina Niekrawietz

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