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Konfliktprävention

Stuhlkreis und Blitzlicht als Mittel zur Gewaltprävention

Für eine förderliche Lernplattform benötigen Sie auch immer eine Beziehungsebene zu den Schülern. Unabhängig vom jeweiligen Fach ist eine beziehungsfördernde Stundeneröffnung nach neurodidaktischen Kriterien unverzichtbar, denn Beziehungsarbeit ist immer zugleich auch Präventionsarbeit und insofern investierte Zeit mit doppelter Rendite.

Konfliktprävention: Stuhlkreis und Blitzlicht als Mittel zur Gewaltprävention Entspannte Lernatmosphäre im Stuhlkreis © Christian Schwier - Fotolia.com

Eine Unterrichtsstunde, in der die Lehrkraft das Klassenzimmer betritt, sich hinter ihrem Lehrerpult „versteckt“ (damit eine deutlich Distanz zur Gruppe schafft, anstatt auf sie zuzugehen) oder sich vor  die Klasse stellt (auch nachteilig, denn sie blickt nun von oben auf die Gruppe herab), kurz grüßt, das Klassenbuch aufschlägt (durch das Klassenbuch wird die Distanz zur Gruppe disziplinarisch noch einmal untermauert), Fehlende einträgt und zur Belohnung gleich einen Vokabeltest hinterher schiebt, ist schlichtweg ruiniert. Das sagt der Hirnforscher Joachim Bauer.

Das ist keine Einladungskultur, so geht man nicht mit Gästen um, so entsteht keine Lernatmosphäre, denn so schließt man kein Gehirn auf, das Motivationssysteme hochfahren muss. Ganz abgesehen vom fehlenden Wohlfühlfaktor. Als Klassenmanager sollten Sie sich bewusst darüber sein, dass die Situation, in der man etwas lernt, immer mitgelernt wird. Der Mensch (ganz besonders der Schüler) ist ein Beziehungstier, benötigt Anerkennung, will erst einmal gesehen und wahrgenommen werden, ehe er seinen Akku anzuschmeißen bereit ist und auf Betriebstemperatur kommt.

Wie Sie Beziehungsarbeit in die Praxis umsetzen können

Der Stuhlkreis bietet eine Möglichkeit, sich auf Augenhöhe zu begegnen, flache Hierarchien zu etablieren, die nötig sind, um Gewalt in der Gruppe vorzubeugen. Wo hoher Druck herrscht, keine Beziehungskultur etabliert oder gepflegt wird, da ist die Gewaltbereitschaft weit höher.

Am Anfang des Unterrichts steht ein Stuhlkreis, der als Sozilform die Basis für das Blitzlicht baut. Die Schüler wissen das und sind aufgerufen, die Klasse vor dem Unterricht dementsprechend zu präparieren. Das fördert die Kooperation der Gemeinschaft und das Verantwortungsgefühl jedes einzelnen Gruppenmitglieds. Einen vernünftigen Stuhlkreis zu bauen, stellt für viele Gruppen eine Herausforderung dar. Auch das ist ein Lernprozess, der seine Zeit braucht. Jeder Lernprozess muss begleitet sein vom berühmten langen pädagogischen Atem. Der kann verkürzt werden durch das Etablieren einer gemeinsamen Anerkennungskultur in Form positiver Feedbacks.

Vorteile des Stuhlkreises

Mehr Sicherheit auch für lernschwächere Schüler:
Der Stuhlkreis ist ein Ritual, das besonders lernschwächere Schüler/innen goutieren. Die Schüler/innen wissen genau, was sie erwartet, sie werden nicht sofort mit fachlichen Fragestellungen und Problemen konfrontiert, sie können sich erst einmal in Ruhe aufwärmen, im Unterricht ankommen, sich ohne Druck aufeinander einstellen, so wie es jeder Sportler vor einem Wettkampf zu tun pflegt. Die Warming-up-Phase schafft Sicherheit und bringt alle auf Betriebstemperatur.

Zwischenmenschliche Probleme leichter erkennen:
Mit pädagogisch geschultem Blick sehen Sie als Lehrkraft bereits an der Architektur eines Stuhlkreises, wo es zwischen bestimmten Mitgliedern einer Gruppe eventuell klemmt. Ist die Lücke zu einem bestimmten Schüler deutlich größer als zu den anderen, fragen Sie am besten nach, wie sich die entsprechende Person fühlt, ob es Probleme gibt, ob Sie gegebenenfalls helfen dürfen.

Fordern Sie die unmittelbaren Sitznachbarn freundlich auf, die Lücke im Stuhlkreis zu schließen. Interessieren Sie sich für die Gruppe, kümmern Sie sich um einzelne, leisten Sie Präventionsarbeit. Sie erkennen, welche Schüler/innen sich zusammensetzen, welche Schüler/innen noch Integrationsbedarf haben außerdem, welche Gruppenstrukturen sich bereits verfestigt haben, wo Sie gegebenenfalls auflockern, gegensteuern oder neue Beziehungen stiften sollten.

Stärkung von Zusammengehörigkeit und Gruppenempfinden:
Der Stuhlkreis ist eine demokratische Sozialform, die auf Augenhöhe alle Mitglieder einer Gruppe gleichberechtigt einbezieht. Er fördert als Arbeitsform jedes Gruppenmitglied, weil er niemanden versteckt. Im Stuhlkreis darf niemals ein Platz unbesetzt sein, so stärkt er das Zusammengehörigkeitsgefühl und Gruppenempfinden jedes Einzelnen, der Zusammenhalt aller wird so auch optisch untermauert.

Der Stuhlkreis ist eine ideale Sozialform, um zum Fachunterricht hinzuführen, Lernergebnisse der letzten Stunde aufzufrischen, den aktuellen Stundeninhalt anzumoderieren, aber auch Probleme der Gruppe zu diskutieren und Konflikte zu lösen.

Hohe Flexibilität im Einsatz:
Auch als Feedback-Forum am Ende von Stunden, Schultagen oder Projekten ist der Stuhlkreis eine ideale Form für den gemeinsamen Austausch. Vom Stuhlkreis aus kann schnell und unproblematisch Einzel-, Partner- oder Kleingruppenarbeit organisiert werden, denn nicht für alle zu erledigenden Aufgabe werden unbedingt Tische benötigt.

Aus einem Stuhlkreis kann schnell auch ein Halbkreis gebaut werden, der sich für Präsentationen aller Art anbietet. Seine hohe Flexibilität macht ihn zur idealen Ausgangsbasis für alle Fächer. Außerdem lockert er starre Sitzformen auf (die leider immer noch von vielen Lehrer/innen goutiert werden, weil sie häufig glauben, ansonsten die Kontrolle über die Gruppe zu verlieren).

Arbeit im Stuhlkreises

Das Blitzlicht ist die verbale Aufwärmphase, in der jedes Gruppenmitglied kurz zu Wort kommt. Es empfiehlt sich beispielsweise folgende Anmoderation: „Mit geht es gut, ich begrüße euch ganz herzlich und freue mich, euch zu sehen.  Jeder von euch hat jetzt zwei Sätze, in denen er bitte sagt, wie es ihm/ihr geht und was ihm/ihr heute schon gut gelungen ist.“ Formulieren Sie immer stärkenorientiert, um die Motivationssysteme der Schüler möglichst schnell hochzufahren.

Alternativen wären: „Wie geht es mir aktuell? Worauf freue ich mich heute? Woran erinnere ich mich, wenn ich an die letzte gemeinsame Stunde denke?“ usw. Der Phantasie der Lehrer sind hier keine Grenzen gesetzt.

Das Blitzlicht fördert die Konzentration der Schüler, sie dürfen sagen, wie es ihnen geht. So können Sie sich als Lehrer auf die verschiedenen Befindlichkeiten einstellen, gegebenenfalls Hilfe anbieten und damit Beziehungsarbeit leisten. Die Schüler lernen in der kurzen Zeit des Blitzlichts (Maximal 5-10 Minuten):

  • vor der Gruppe zu sprechen,
  • Hemmungen zu überwinden,
  • sich an die Gesprächsregeln (Wir lassen andere ausreden!) zu gewöhnen,
  • sie lernen, wie man das Wort weitergibt („Ich gebe nun Peter das Wort…“),
  • sie erweitern ihren Wortschatz und lernen ihre Gefühle besser kennen und artikulieren (Bei sprachlich elaborierten Gruppen darf jedes Gefühls-Adjektiv nur einmal verwendet werden, sprachlich schwächere Gruppen können eine Wortliste mit Gefühlen erarbeiten, diese aushängen und sich daran orientieren).


Regeln

Niemand der Schüler sollte zu den Ausführungen eines anderen einen Kommentar abgeben oder Nachfragen stellen. So  lernen sie Empathie, die Gefühle anderer zu respektieren,. Sonst würde das Blitzlicht zur platten Plauderei ausufern. So wird aktive Regelarbeit betrieben und es entwickelt sich eine wertschätzende Gesprächskultur in der Gruppe, denn jede Aussage hat ihre Berechtigung.

Einwände

Das sind sehr viele Lernziele in recht kurzer Zeit. Es gibt immer wieder Einwände, man würde dann ja nicht mehr zum „wirklichen“ Unterricht, sprich Fachunterricht kommen. Die Zeit für das Blitzlicht ist gut investierte Zeit, denn

  • damit bauen Sie als Klassenmanager Ihre Gruppe,
  • befeuern die Gruppendynamik,
  • bekommen wertvolle Einblicke in das Innenleben Ihrer Klasse (durch einen geschulten Blick können Sie beispielsweise Mobbing vorbeugen) und
  • etablieren eine Lernatmosphäre, in der alle im geschützten pädagogischen Raum angstfrei ihre Talente zeigen dürfen.


Im Gegensatz zum leider immer noch verbreiteten Frontalunterricht schaffen Sie ein Forum, das auch Ihnen guttut, denn auch Sie als Lehrer dürfen sagen, wie es Ihnen geht, Sie werden authentisch, outen sich durch die flache Hierarchie als Mitglied der Gruppe mit gleichen Rechten und Pflichten und wirken als positives Modell, an dem sich die Schüler orientieren dürfen.

Abschluss des Blitzlichts

Nach dem Blitzlicht gibt es immer ein positives Feedback in Form eines verbalen Lobs von Lehrerseite für die Einhaltung der Regeln. Auch wenn noch nicht alles klappt, irgendetwas gibt es immer zu loben. Das Entwickeln einer Lobkultur schafft erst die neurobiologischen Grundlagen für nachhaltiges Lernen und ist die ein guter Humus für eine kooperative und erfolgreiche Zusammenarbeit mit einer Klasse.

Burkhard Günther

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