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Sozialkompetenz

Der Rollstuhl-Führerschein – Förderung sozialer Interaktion

Das Rollstuhlschieben will gelernt sein, wenn Schüler ihren Mitschülern im Rollstuhl helfend zur Seite stehen wollen. Ein kleiner Kurs für einen Rollstuhlführerschein fördert Empathie und Achtsamkeit.

Sozialkompetenz: Der Rollstuhl-Führerschein – Förderung sozialer Interaktion Ein Beitrag zu einer wirklich guten Klassengemeinschaft ist es, wenn Schüler ihren Mitschülern im Rollstuhl helfen, wenn es nötig ist © Africa Studio - stock.adobe.com

So, wir sind auch da“, ruft Peter fröhlich und fährt mit Schwung seinen Mitschüler Frederick in dessen Rollstuhl an den Tisch. Gerade noch rechtzeitig bringt Frederick seinen Fuß in Sicherheit, bevor er am Tischbein eingeklemmt wird. Peter hat nichts bemerkt.

Solche und ähnliche Szenen spielen sich in heterogenen Klassen ab, in denen auch ein Rollstuhlfahrer unterrichtet wird. Schüler sollen und wollen oft gern ihre rollstuhlfahrenden Mitschüler begleiten. Sie bewegen diese selbstständig durchs Zimmer, im Schulhaus oder auf dem Gelände umher. Dies birgt nicht nur sehr viele schöne Gelegenheiten zu Kontakt und Fürsorge, sondern erfordert eben auch das fachgerechte Schieben sowie einige grundlegende Kenntnisse über das Rollstuhlschieben. Eine unterrichtliche Aufarbeitung bietet sich an, um spielerisch das richtige Rollstuhlschieben anzuleiten und auf Gefahrenquellen aufmerksam zu machen.

Rollstühle schieben will gelernt sein

Rollstuhlfahrer haben häufig das Problem, übergangen zu werden bzw. in angsteinflößende Situationen an Treppen, Steigungen oder Schwellen zu geraten. Sie können nicht selbst bestimmen, wohin sie wie schnell geschoben werden, haben wenig Einfluss auf Tempo oder Richtung; sogar die Blickrichtung und Kommunikationsmöglichkeit kann durch eine entsprechend ungünstige Positionierung abgeschnitten werden. Wenn zu der körperlichen noch weitere Einschränkungen im sprachlichen, visuellen oder kognitiven Bereich kommen, ist der Rollstuhlfahrer ganz besonders auf das achtsame und korrekte Verhalten des Schiebers angewiesen.

Mit einer lehrgangsartigen Unterrichtssequenz, etwa beispielsweise einem „Rollstuhl-Schiebe- oder Führerschein“, werden alle Beteiligten kompetenter und sicherer. Im geschützten Rahmen und unter Aufsicht (Aufsichtspflicht muss jederzeit gewährleistet sein) wird für einen kürzeren Zeitraum die Verantwortung des Schiebens an einen Schüler übertragen. Mit einfühlenden Empathie-Übungen und Selbsterfahrung lernen Schüler, sich in die Rollstuhlfahrer-Perspektive hineinzuversetzen und neben den notwendigen Regeln auch adäquat situativ zu reagieren. Sie können künftig leichter vorhersehen, ob die Tür breit genug oder die Schwelle zu hoch ist.

Der Rollstuhlfahrer als Experte für die Navigation

Zunächst üben die Schüler in Selbsterfahrung und im wechselnden Rollenspiel die technischen Aspekte des Rollstuhlfahrens bzw. Schiebens. Die notwendigen motorischen Kompetenzen wie Koordination, Krafteinsatz, Geschicklichkeit und Orientierung werden in einem Parcours geschult. Dieser wird jeweils zuerst in der Rolle des Rollstuhlfahrers eigenständig erprobt, um dann als Rollstuhlschieber auf die Zweiersituation übertragen zu werden.

Literaturtipps:

Bröxes, Susanne / Herzog, Ute: Rollstuhlversorgung bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Köln 2004

Konzept Rollstuhlführerschein der Montessori-Schule Osnabrück

Ein rollstuhlfahrender Mitschüler kann als Experte wertvolle Tipps und Erfahrungswerte weitergeben. Der Parcours kann unterschiedliche Kombinationen von Übungen aufweisen, beispielsweise:

  • vorwärtsfahren, ohne links und rechts anzustoßen,
  • rückwärtsfahren,
  • kurz vor einem Hindernis anhalten / auf Zuruf stoppen,
  • drehen auf der Stelle / auf kleinem Raum,
  • einem Hindernis ausweichen / Slalom fahren,
  • verschiedene Schwellen und Höhen überwinden,
  • Bordsteinkanten bewältigen (hinauf und hinunter),
  • die Bremse des Rollstuhls in jeder Situation bedienen, Wegrollen verhindern.

Neben den technisch-motorischen Übungen zur Selbsterfahrung geht es in einer unterrichtlichen Aufarbeitung aber auch um wesentliche Aspekte des sozialen Miteinanders und der Empathiefähigkeit.

Regeln für das soziale Miteinander beim Rollstuhl schieben

Diese kann man gut aufarbeiten, wenn man die einfache Regel einführt: „Ich begrüße den Rollstuhlfahrer und frage, ob ich schieben darf.“ Möchte der Rollstuhlfahrer überhaupt geschoben werden? Braucht er denn wirklich Hilfe oder kann er das eigentlich allein bewältigen? Sieht er, wer von hinten anschiebt, und hat er die Chance, das mitzubestimmen? Wurde er zuerst angesprochen oder unvermittelt „mitgeschoben“?

Darüber hinaus ist es wichtig, dass die beiden Beteiligten im Austausch bleiben. Die nächste Regel könnte daher lauten: „Ich bleibe mit dem Rollstuhlfahrer in Kontakt.“ Der Geschobene soll jederzeit einen Ansprechpartner hinter sich wissen, dem er sich in gewisser Weise vollständig anvertrauen muss. Hierzu benötigt er unbedingt kommunikativen Austausch und ein Mindestmaß an Verständigung.

Als dritte Regel kann daraus entwickelt werden: „Ich schiebe den Rollstuhl vorsichtig.“ Hier können Schüler im Selbstversuch leicht nachvollziehen, wie es ist, unbedacht in Richtung einer Wand oder eines Hindernisses geschoben zu werden. Ängste und Unwohlsein beim Rollstuhlfahrer durch rasantes Schieben, abruptes Bremsen oder unachtsames Abstellen können mit entsprechender Aufmerksamkeit des Schiebers für die aktuelle Tätigkeit leicht abgebaut werden. Besonderes Augenmerk ist darauf zu legen, dass bei manchen Rollstuhlfahrern die Gliedmaßen der Arme und Beine auch seitlich über den Rollstuhl hinausragen und ggf. nicht selbstständig zurückgezogen werden können. Dies würde bei unaufmerksamer Durchquerung von Türen oder Engstellen zu üblen Verletzungen führen.

Eine letzte Grundsatzregel lautet: „Ich bleibe beim Rollstuhlfahrer, bis ein Erwachsener mich ablöst.“ Gerade wenn die Schüler insgesamt mehr Selbstverantwortung erhalten, spielt diese Regel eine große Rolle, um die Verantwortlichkeit des Schiebers zu verdeutlichen. In einem zeitlich begrenzten Rahmen darf ein Mitschüler das Schieben übernehmen. Mit einem deutlich definierten Anfang und Ende dieser Zeit fällt es leichter, den Rollstuhlfahrer nicht aus den Augen zu lassen oder einfach einem anderen Mitschüler zu übergeben.

Es versteht sich von selbst, dass für die unterrichtliche Aufarbeitung ein realer Übungsrollstuhl benötigt wird. Man wird nicht einfach den Rollstuhl eines Mitschülers dafür zweckentfremden, dies wäre ein übergriffiges Vordringen in die Privatsphäre.

Für das Feedback hilft es, eine Arbeitsmappe mit Merkblättern zu den einzelnen Regeln zu gestalten. Darin können die Schüler auch eigene Erfahrungen und Empfindungen dazu aufschreiben, z. B.: „Das habe ich erlebt.“ „So war die Übung.“

Der Rollstuhl-Schiebe-Kurs als inklusiver Übungslehrgang kann eine pragmatische Hilfe sein, um auf die Probleme und Schwierigkeiten des alltäglichen Umgangs von Rollstuhlfahrern aufmerksam zu werden. Übungen zur Selbsterfahrung stärken die Empathiefähigkeit und das soziale Miteinander. Als helfende Person weiß ein Schüler dann sicherer, wie er sich verhalten muss, um verantwortlich einen Rollstuhlfahrer zu begleiten. Mit diesen Kompetenzen stärkt man den positiven und respektvollen Umgang miteinander.

Claudia Omonsky

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