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Verhaltensauffällige Schüler

Hilfe für die Praxis: Index für Inklusion

Wenn von heute auf morgen Kinder mit sozial-emotionalem Förderbedarf in den Unterricht kommen, hilft nur eines: die Schulentwicklung in Richtung Inklusion vorantreiben. Der Index für Inklusion gibt dafür wichtige Impulse.

Verhaltensauffällige Schüler: Hilfe für die Praxis: Index für Inklusion Gezielte Unterstützung durch einen zusätzlichen Lehrer hilft den meisten Schülern mit Förderbedarf © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Gerade Lehrer in weiterführenden Schulen trifft die Inklusion manchmal wie ein Blitz. Zum Beispiel den Autor des Lehrerblogs kreidefressen.de: Zum ersten Mal in seinem Berufsleben hat er „den Kanal voll“. Vorangegangen war eine einführende Fortbildung zum Thema „Inklusion“, bei der dem Kollegium eröffnet wurde, dass demnächst Kinder mit Förderschwerpunkt sozial-emotionale Entwicklung in die Klasse kommen. Keine Entlastung durch eine adäquate Verringerung der Klassenstärke, aber zusätzlicher Aufwand durch zieldifferenten Unterricht (Kommentar: „Wir sind die Deppen, die neben dem […] Unterricht noch eine zweite bis dritte Unterrichtsvorbereitung aus dem Hut zaubern dürfen.“) und inklusives Classroom-Management. Wobei die Fortbildung in Aussicht stellt, dass man das „Sitzen am Tisch (…) mit den Kindern zum Teil erst einüben“ müsse, wofür „einiges an Zeit draufgehen“ werde.

„Halbtagblogger“ und Gesamtschullehrer Jan-Martin Klinge steckt schon mittendrin im inklusiven Unterricht und berichtet von den Alltagsproblemen für alle Beteiligten: Oft fühlten sich die „anderen“ Kinder benachteiligt: „Wieso darf Jonathan sich (scheinbar) ohne Konsequenzen wie ein Affe aufführen, aber ich muss direkt Nachsitzen?“, fragten sie und häufig übertrüge sich ihr Frust auch auf die Eltern („Und mein Kind …?!“) Diese „gefühlten“ Ungerechtigkeiten hätten „gravierende Auswirkungen auf das Klassenklima“. Inklusion sei „im Alltag wirklich kompliziert“ und „ein anstrengender Prozess, der nur durch eines funktionieren kann: Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation.“

Der Index für Inklusion („IfI) unterstützt Schulen dabei, diesen Prozess auf den Weg zu bringen. Wie also arbeitet man mit dem Schulentwicklungsinstrument, wenn es zum Beispiel um Schüler mit Verhaltensproblemen geht?

Veränderung „von unten“ auf allen Ebenen

Wie eingangs geschildert ist die Crux bei der Umsetzung der Inklusion in vielen Bundesländern, dass die Inklusions-Schüler aufgenommen werden, bevor inklusive Strukturen etabliert wurden: Oft fehlt es an finanziellen und personellen Ressourcen, und auch das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland zielt auf eine frühe Selektion der Schüler und nicht auf Chancengleichheit und Bildungsteilhabe. — Eine inklusive Schulentwicklung läuft also häufig den strukturellen Gegebenheiten zuwider.

Der Index für Inklusion setzt dort an, wo Inklusion umgesetzt wird: in den Schulen. Wie entwickeln wir gemeinsam inklusive Werte? Wie eine Schule für alle? Wie richten wir den Unterricht auf eine Pädagogik der Vielfalt aus und wie mobilisieren wir die dafür erforderlichen Ressourcen? — Das sind die Kernfragen einer inklusiven Schulentwicklung, die sich in den „Bereichen“ des Index für Inklusion widerspiegeln. (Vgl. dazu genauer den unten verlinkten Beitrag „Index für Inklusion — Hilfe bei der Schulentwicklung“)
Die Arbeit mit dem Index für Inklusion ist ein demokratischer Prozess. „Eine Schule, die den Diversity-Ansatz vertritt, muss die verschiedenen ethnischen und sozialen Milieus ihrer Schulgemeinschaft an einen Tisch bringen“, schreibt Ilka Hoffmann in der Zeitschrift für Inklusion. Dementsprechend richtet sich der Index für Inklusion auch sowohl an Pädagogen als auch an Schüler und Eltern.

Eine andere Sicht auf Schüler mit Verhaltensproblemen „lernen“

Bei der inklusiven Schulentwicklung geht es grundsätzlich nicht darum, die Schüler so zurechtzustutzen, dass sie in die allgemeine Schule passen: „Bisher schieben wir es immer den Kindern in die Schuhe, wenn ihre Voraussetzungen nicht mit den Erwartungen der Schule zusammenpassen“, zitiert Silke Fokken auf der Website ZEIT ONLINE den Hallenser Sonderpädagogen Prof. Dr. Andreas Hinz, der auch den Index für Inklusion ins Deutsche übertragen hat. Anstatt das Etikett „Förderschüler“ zu vergeben, müsse man „vielmehr umgekehrt fragen: Wie muss sich die Regelschule verändern, damit sie diesen Kindern gerecht wird?“ — Das ist auch die zentrale Fragestellung bei der praktischen Arbeit mit dem Index für Inklusion. Die Indikatoren spiegeln die Merkmale einer inklusiven Schule wider (vgl. den Überblick auf S. 17) und geben dem Indexteam Arbeitsmaterialien an die Hand, um Barrieren und erforderliche Unterstützung für Lernen und Teilhabe zu erkennen.

Gerade Schüler mit Verhaltensproblemen fallen im selektiven dreigliedrigen Schulsystem oft durchs Raster. Das Attribut „verhaltensauffällig“, mehr noch „verhaltensgestört“, fokussiert auf eine Verhaltensnorm, von der die Schüler abweichen. Liegt diese Normabweichung jenseits des Toleranzbereichs, droht einem Schüler mit Verhaltensproblemen der Ausschluss vom Regelunterricht.

Anders in der inklusiven Schule: „Aus der inklusiven Perspektive müssen sich „Verhaltensstörungen“ in einem anerkennenden Dialog miteinander dekonstruieren. Dies impliziert, dass sich das pädagogische Vorgehen grundlegend verändern muss (…). Die Pädagogik muss nach dem Kern des „Syndroms“ fragen und daraus pädagogische Maßnahmen und vor allem ein Verstehen entwickeln und nicht auf (…) einen sozialen Ausschluss setzen“, erläutert Anke Langner von der Universität Köln auf der Website inklusion-lexikon.de. Und genau das ist „das Neue an inklusiver Pädagogik“, schreibt Sonderpädagogin Dr. Ilka Hoffmann in der „Zeitschrift für Inklusion“. Es gehe nicht mehr darum, „Kinder und Jugendliche mit dem passenden Etikett und der dazu passenden, meist separierenden  Bildung und Förderung zu versehen, sondern [darum,] dass alle individuell nach ihren Möglichkeiten, am besten an einem gemeinsamen Gegenstand, lernen“.

Leidgeprüften Lehrern, die Schüler mit erheblichem sozial-emotionalem Förderbedarf oft von einem Tag auf den anderen unterrichten müssen, mag diese Argumentation allzu idealistisch und wirklichkeitsfremd erscheinen. Trotzdem ist es für diese Kinder und Jugendliche oft geradezu „überlebensnotwendig“, NICHT ausgesondert zu werden (vgl. dazu den unten verlinkten Beitrag „Wer schwierig ist, fliegt raus!“). Doch damit ein inklusiver Unterricht auch mit diesen „Problemschülern“ gelingt, sind besondere pädagogische und bildungspolitische Maßnahmen erforderlich, für die zunächst einmal die erforderlichen finanziellen und personellen Mittel bereitzustellen (Doppelbesetzungen und kleinere Klassen) sind.

Die praktische Arbeit mit dem Index für Inklusion liefert den Beteiligten zumindest Argumente für die Diskussion mit Kostenentscheidern. Und manchmal ermöglicht sie vielleicht auch, unkonventionelle Lösungen für manche alltäglichen Konflikte in der „Schule für alle“ zu finden.

Wie die praktische Indexarbeit Verhaltensauffälligkeiten berücksichtigt

Im Index für Inklusion widmet sich ein eigener Indikator Schülern mit Verhaltensproblemen (B 2.6): „Unterstützungssysteme bei psychischen und Verhaltensproblemen werden mit denen bei Lernproblemen und mit der inhaltlichen Planung koordiniert.“ Was das genau bedeutet und mit welchen Maßnahmen sich dieses Ziel umsetzen lässt, erschließt sich bei einem Blick auf den Fragenkatalog B 2.6 (PDF S. 78): 

  • Im Index für Inklusion widmet sich ein eigener Indikator Schülern mit Verhaltensproblemen (B 2.6): „Unterstützungssysteme bei psychischen und Verhaltensproblemen werden mit denen bei Lernproblemen und mit der inhaltlichen Planung koordiniert.“ Was das genau bedeutet und mit welchen Maßnahmen sich dieses Ziel umsetzen lässt, erschließt sich bei einem Blick auf den Fragenkatalog B 2.6 (PDF S. 78):  „Wird von den UnterstützungslehrerInnen bei seelischen und Verhaltensproblemen die Steigerung des Lernens und der Teilhabe der SchülerInnen als wichtigstes Ziel angesehen?“— Gleich die erste Frage impliziert einen wichtigen Aspekt des inklusiven Perspektivwechsels im Umgang mit seelischen und Verhaltensproblemen: Oberste Priorität haben Lernen und Teilhabe der Schüler, und nicht etwa die Reduktion von Unterrichtsstörungen bzw. Verhaltensproblemen.
  • „Wie berücksichtigen wir bei der Unterstützung der Schüler mit Verhaltensproblemen eine Verbesserung des Unterrichts und des Lernens für alle SchülerInnen? Werden alle Pädagogen entsprechend fortgebildet, um „auf Probleme einzugehen, die SchülerInnen haben oder machen“? „Versucht die Schule, die Selbstachtung von SchülerInnen mit wenig Selbstbewusstsein zu steigern?“ Diese und weitere Fragen geben konkrete Impulse für die praktische Umgestaltung der Schule in ein inklusives System, das allen Schülern (mit und ohne Verhaltensproblemen) gerecht werden soll.
  • „Versucht man bei Verhaltensschwierigkeiten Handlungsstrategien zu entwickeln, die das Auskommen miteinander in der Klasse und auf dem Schulhof verbessern helfen können?“ — Wie zum Beispiel Frage Nummer Zwei zeigt, obliegt es dem Indexteam, eigenständig konkrete Maßnahmen und Strategien zu entwickeln, um die jeweiligen zwischenmenschlichen Probleme zu lösen: Fühlt sich – wie im Eingangsbeispiel – ein Schüler ungerecht behandelt, weil sein Verhalten sanktioniert wird, und das eines Mitschülers mit ADS nicht, hilft vielleicht ein Vier-Augen-Gespräch. Aggressionen auf dem Schulhof könnte man mit einer Verstärkung der Pausenaufsicht oder mit einem Bewegungsspiele-Angebot begegnen usw.

Geeignete Strategien sollten gemäß vorhandener Ressourcen und zugeschnitten auf die jeweiligen problematischen Verhaltensweisen entwickelt werden.

Praxisbewährte Konzepte aus Modellprojekten und Forschungsergebnissen nutzen

Welche Strategien haben sich im Umgang mit Verhaltensproblemen als zielführend erwiesen? Auch diese Frage sollte man bei im Blick behalten. Der Fragenkatalog B 2.6 (Index) berücksichtigt einige wesentliche Eckpunkte: zum Beispiel Lehrerfortbildungen, Förderung des Selbstbewusstseins, Männlichkeitskonzepte oder eine enge Kooperation mit den Eltern betroffener Schüler. Um diese doch recht allgemeinen Impulse auf Handlungsebene herunterzubrechen, ist allerdings seitens der Teammitglieder einige Recherchearbeit und Reflexion erforderlich.

Wie das aussehen kann, zeigt Dr. Ilka Hoffmann in ihrem oben verlinkten Beitrag „Inklusion – auch für ‚böse‘ Jungs?“ Sie konkretisiert verschiedene Impulse bzw. Items aus dem Fragebogen B 2.6 durch praxisbewährte konkrete Handlungsstrategien, die sie aus Forschungsergebnissen oder gelungenen Modellprojekten ableitet:

  • Elternarbeit (Frage 7 in B 2.6): aufsuchende Elternarbeit, „Einüben diskriminierungsfreier Gesprächsführung und die Bereitstellung von Begegnungsmöglichkeiten der Eltern untereinander (beispielsweise in einem Elterncafé in der Schule)“ ….
  • Alternativen zu traditionellen, devianten Männlichkeitskonzepten (Frage 13 in B 2.6) aufzeigen: „Haushaltspass“ für Jungen, Hospitieren in typischen Frauenberufen, neue, gewaltfreie Herangehensweisen an Konflikte vermitteln …
  • Hindernisse für das Lernen ab- und Selbstbewusstsein aufbauen durch Vermeidung von „beschämenden schulischen Routinen“, wie Diktate, Wettbewerbsspiele („Rechenkönig“) etc., positive Lernerfahrungen durch Projektunterricht oder Portfolioarbeit etc.

Viele weitere Indikatoren sind relevant für die Inklusion von Schülern mit Verhaltensproblemen. Eine zentrale Rolle spielt dabei natürlich der Indikator „Druck zu Ausschluss als Strafe wird vermindert“ (B 2.7).

Das Gute an der Arbeit mit dem Index: Es müssen nicht alle Indikatoren nacheinander abgearbeitet werden. Vielleich bereitet es momentan die meisten Probleme, dass das Kollegium nicht geschlossen und konsistent agiert, vielleicht stehen entrüstete Eltern „auf der Matte“, die Benachteiligungen für ihr Kind befürchten, vielleicht fehlt es auch dringend an zusätzlichen sonderpädagogischen oder therapeutischen Ressourcen. Je nach Prioritäten bearbeitet das Indexteam die anfallenden Themen.
Ines Boban und Andreas Hinz, die Herausgeber des deutschsprachigen Index machen „ausdrücklich Mut, den Index in unterschiedlichster Weise zu nutzen und für die eigene Situation und die eigenen Bedarfe zu modifizieren“: „Der Index macht Vorschläge, er ist kein (…) Pflichtkurs, dem sich eine Schule von A bis Z zu unterwerfen hat, um dann vor Überforderung zusammenzubrechen“, schreibt Andreas Hinz im Vorwort. Die Systematik des Index helfe vielmehr dabei, „nächste — und zwar angemessen große oder kleine, verkraftbare, realistische Schritte in der Entwicklung zu gehen, zum Beispiel im nächsten Schuljahr“. Und der Wissenschaftler fügt hinzu: „Dabei ist weniger mehr, und das übernächste Schuljahr kommt mit ziemlicher Sicherheit!“

Martina Niekrawietz

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