Fach/Thema/Bereich wählen
Gemeinsamer Unterricht

Inklusive Unterrichtsorganisation: Lehrer auf verlorenem Posten

Wenn Inklusion an Schulen neu eingeführt wird, sind die Lehrer oft die Leidtragenden: Sie befürchten, den einzelnen Schülern der heterogenen Lerngruppe nicht gerecht zu werden. Im Unterricht stehen sie meist allein auf weiter Flur, denn es fehlt an zusätzlichen personellen Ressourcen.

Gemeinsamer Unterricht: Inklusive Unterrichtsorganisation: Lehrer auf verlorenem Posten Inklusion ist für viele Lehrer eine "Schreckgespenst". Mit einer gut durchdachten Organisation lässt es sich jedoch bannen © contrastwerkstatt - Fotolia.com

Manchmal geht es sehr schnell: Noch bevor eine Schule auf allen Ebenen inklusive Strukturen aufgebaut hat, arbeiten bereits Kinder mit und ohne Förderbedarf gemeinsam in einer Klasse. — Eine ungewohnte Situation, die Lehrkräfte vor enorme Herausforderungen stellt: Friederike Struss beispielsweise bekam im Schuljahr 2012 eine Inklusionsklasse mit 17 Schülern. Das waren 10 bis 12 Schüler weniger als vorher, dafür zwei Jugendliche mit dem Förderschwerpunkt emotionale beziehungsweise soziale Entwicklung, berichtet die Lehrerin für Deutsch, Politik, Technik und Kunst an einer Realschule in Nordrhein-Westfalen in einem Interview mit dem WDR. Den gemeinsamen Unterricht bestreitet sie seither meist allein – nur sieben Stunden pro Woche kommt ein Sonderschulkollege dazu. Permanent hat sie das Gefühl, den einzelnen Schülern ihrer heterogenen Lerngruppe nicht gerecht zu werden: „Ich kann mich nicht 17-mal teilen, kann nicht für jedes Thema mehrere verschiedene Arbeitsblätter vorbereiten“, sagt sie.

Viele unterschiedliche Schüler — ein Lehrer als Einzelkämpfer, in diesem Dilemma stecken viele Pädagogen, die von heute auf morgen gemeinsamen Unterricht mit Inklusions- und Regelschülern gestalten sollen.

„Indirekte Lehrer“ schaffen Spielraum im inklusiven Unterricht

„Kinder sind verschieden. Und deshalb muss es für unterschiedliche Kinder auch unterschiedliche Aufgaben geben“, betonte der Erziehungswissenschaftler und Sonderpädagoge Hans Wocken in einem Vortrag („Die inklusive Schule“, Loccum, 07.11.2011). Eine „Vielfalt der Lernziele, (…) in der Fachsprache ‚zieldifferentes Lernen‘“ hält er für das „wichtigste Prinzip einer inklusiven Pädagogik überhaupt“. (Präsentation zu dem Vortrag, Folie 43)

Viele didaktische Prozesse werden dabei „indirekt vermittelt, indem Lehrfunktionen an mediale, symbolische, soziale und ökologische Ressourcen delegiert werden.“ (ebd.) Wocken nennt in diesem Zusammenhang unterschiedliche „indirekte Lehrer“: Aufgaben, Lernhilfen, Lernräume, Lernmedien, Rituale, Kooperation, Assistenten und Sonderpädagogen. Richtig eingesetzt ermöglichen diese „inklusiven Miterzieher“, alle Schüler entsprechend ihrer unterschiedlichen Voraussetzungen in den gemeinsamen Unterricht einzubinden. Im Folgenden zwei seiner Vorschläge, die Lehrkräfte im gemeinsamen Unterricht direkt umsetzen können.

Offene Aufträge fordern jedes einzelne Kind

Deshalb sind sie eine Alternative zur Vorbereitung differenzierter Aufgaben für verschiedene Schüler. Welche Kriterien sind dabei zu erfüllen? Die Schweizer Erziehungswissenschaftler Urs Ruf und Felix Winter von der Universität Zürich nennen drei wesentliche Merkmale für einen offenen Auftrag, der individuelle Entwicklungsprozesse auslösen kann: Er „muss erfüllbar für alle Schülerinnen und Schüler sein, unabhängig vom Stand ihres Vorwissens und ihrer Begabungen, er muss eine Rampe für Könner enthalten, bei der auch die Stärksten und Schnellsten an ihre Grenzen geraten, und er muss offen sein: die [sic!] Schülerinnen und Schüler müssen in ihrer singulären Standortbestimmung darlegen können, was sie tatsächlich wissen und können, was sie freut und ärgert und wo sie an ihre Grenzen stoßen.“ (Dialogisches Lernen: die gemeinsame Suche nach Qualitäten. In: Zeitschrift für Inklusion-online.net, 2012/1) Ein einfaches Beispiel für das Fach Mathematik lautet: „Finde Rechenaufgaben mit dem Ergebnis 10.“ (Präsentation, Link s. o., Folie 18)

Eine komplexere, mehrstufige Aufgabenstellung zum Thema „Mein Lieblingsgegenstand“ schildern Ruf und Winter: „1. Bring von zu Hause einen Gegenstand mit, den du gern hast und mit dem du schon viel erlebt hast. 2. Zeichne ein Bild deines Gegenstandes (…) und erzähle, warum er so wichtig ist für dich. 3. Andere Kinder haben ihren Lieblingsgegenstand auch vorgestellt. Welcher Gegenstand und welche Geschichte dazu hat dir am besten gefallen? Erzähle und begründe.“ (Link s. o.) Die ersten beiden Teilaufgaben waren für alle Kinder leicht zu realisieren, auch für die fremdsprachigen Kinder und diejenigen mit Rückständen in der Sprachentwicklung. „Der dritte Teil des Auftrags dagegen (…) machte auch den Stärksten zu schaffen.“

Kooperatives Lernen — der „Königsweg innerhalb einer inklusiven Lerngruppe“

„Kinder sind gute Pädagogen. Kinder lernen von anderen Kindern“, betont Wocken in seinem Vortrag. — Diese Ressource sollte in einer heterogenen Lerngruppe unbedingt genutzt werden. Beim kooperativen Lernen profitieren nicht nur die Schwächeren, sondern auch die „Tutoren“: „Erklären macht schlau“, so Wocken, schon allein deswegen, weil dabei der Stoff wiederholt wird.

Stellvertretend für die Vielzahl kooperativer Möglichkeiten erläutert Wocken zwei Methoden.

  1. „Think – pair- share“: Dabei denken die Schüler zunächst allein über eine Aufgabe nach, tauschen sich anschließend paarweise aus und tragen schließlich ihr Ergebnis der Klasse vor.
  2. Gruppenpuzzle: In Phase 1 teilt die Lehrkraft ein Gesamtthema („Hund“) in vier Teilthemen („Hunderassen“, „Hundehaltung“, „Hundekauf“, „Diensthunde“). Die Schüler finden sich jeweils zu viert in „Stammgruppen“ zusammen und verteilen die Teilthemen untereinander. In Phase 2 treffen sich die „Experten“ für Hundekauf, diejenigen für Diensthunde etc. und erarbeiten ihr gemeinsames Teilthema. In Phase 3 gehen sie zurück in ihre Stammgruppe und unterrichten die anderen über ihr „Spezialgebiet“.

Wie hoch sollte der Anteil kooperativen Arbeitens im inklusiven Unterricht sein? Laut Wocken ein Drittel der Zeit. Er empfiehlt „eine ausgewogene Trias von direkter Lehre, kooperativem und individualisiertem Lernen.“ (Vortrag, Link s. o.)

Wer als Lehrkraft im inklusiven Unterricht die „indirekten Lehrer“ als zusätzliche Ressourcen nutzen möchte, muss erst einmal in Vorleistung gehen und wie im ersten Schuljahr nach dem Referendariat „bei Null“ anfangen und sich einen Pool von Unterrichtsmaterialien, Lernmedien und -hilfen erarbeiten. Am besten lässt sich diese Herkulesaufgabe bewältigen, wenn sich Lehrkräfte, wo immer möglich, vernetzen: mit den direkten Kollegen, mit den Sonderpädagogen im Team und mit inklusiven Schulen, die schon seit vielen Jahren Erfahrungen — und Unterrichtsmaterialien! — für den gemeinsamen Unterricht gesammelt haben.

Martina Niekrawietz

Dazu passender Ratgeber
Dazu passende Arbeitshilfe

Mehr zu Ratgeber Inklusion
Cookies nicht aktiviert

Ihr Browser akzeptiert derzeit keine Cookies.

Wenn Sie das Lehrerbüro in vollem Umfang nutzen möchten, dann muss in Ihrem Browser die Nutzung von Cookies erlaubt sein.

Was Cookies genau sind und wie Sie die Browser-Einstellungen ändern können, erfahren Sie auf dieser Seite: Cookies nicht aktiviert

×