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Lebenspraxis

Schüler mit dem Förderschwerpunkt Sehen lebenspraktisch fördern

Schüler im Förderschwerpunkt Sehen stoßen bei ganz alltäglichen Verrichtungen schnell an ihre Grenzen. Das Erlernen lebenspraktischer Fertigkeiten hilft, den Alltag weitgehend selbstständig zu gestalten.

Lebenspraxis: Schüler mit dem Förderschwerpunkt Sehen lebenspraktisch fördern Ein schön dekorierter Tisch sieht gut aus. Für stark sehbehinderte Menschen müsste er aber ganz anders gedeckt werden © casanowe - Fotolia.com

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie in einer wichtigen Besprechung feststellen, dass Sie versehentlich zwei verschiedenfarbige Strümpfe tragen? — Wahrscheinlich peinlich berührt. Mit diesem Beispiel ist sicherlich schnell klar, wie wichtig das Erlernen und Meistern von lebenspraktischen Fertigkeiten (LPF) für Schüler mit dem Förderschwerpunkt Sehen ist. Lebenspraktische Fertigkeiten als Begriff bezieht sich auf den Umgang mit der eigenen Person hinsichtlich Selbstversorgung, Pflege und Auftreten. Wir alle können diese Fertigkeiten mehr oder weniger schnell erlernen. Es bedarf für Menschen mit Einschränkungen im Sehen jedoch einiger spezifischer Anpassungen, um dies souverän leisten zu können, da der optische Sinn zur Kontrolle ausfällt oder stark eingeschränkt ist.

Drei wesentliche Bereiche der LPF

Während manche Schüler einen höheren Bedarf im Förderbereich der Körperpflege und der Essenstechniken haben, benötigen andere wiederum Anregung für die Bereiche Kleiderpflege, Haushalt und Öffentlichkeit. In einem vernetzten Unterricht können Sachkunde-Themen, Sport oder Hauswirtschaft sehr gute Anknüpfungspunkte bieten, um inklusiv daran zu arbeiten. Im Folgenden sollen drei wesentliche Bereiche der LPF angesprochen werden, die für die schulische Förderung in inklusiven Settings wesentlich sein können:

1. Der sensible Bereich der Körperpflege benötigt eine geschützte und vertrauensvolle Atmosphäre. Hier üben die Schüler Grundfertigkeiten der Körperpflege und Hygienemaßnahmen. Sie lernen auch auf ein gepflegtes Äußeres zu achten, zum Beispiel Haare, Nagelpflege, Rasur, Make-up usw. Die jeweiligen Lehrpläne der Bundesländer bilden hierzu die relevanten Unterrichtseinheiten ab. Themen wie diese können  im Rahmen des Sachunterrichts aufgegriffen werden, decken das aber naturgemäß nicht gänzlich ab. Es braucht jedoch eine individuelle, persönliche 1:1-Situation, um die Inhalte konkret und ganz praktisch mit Schülern mit Sehbehinderung aufzuarbeiten und praktikable Lösungen für den Alltag zu finden. Je nach räumlicher und personeller Situation kann dies auch schulisch verankert werden. Es ist sicherlich ratsam und notwendig, sich hier eng mit den Erziehungsberechtigten abzustimmen.

2. Um in der Öffentlichkeit sicher auftreten zu können, ist es wichtig, dass die Schüler Essenstechniken beherrschen und sich in Essenssituationen sicher fühlen. Dabei tauchen wiederholt folgende Fragestellungen auf, über die man sich als Lehrkraft Gedanken machen sollte:

  • Was gibt es denn heute? Schüler mit Sehbehinderung lernen Lebensmittel kennen und unterscheiden. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man unbekannte Lebensmittel einfach in den Mund nimmt. Nur mit viel Erfahrung wie auch vielsinniger Wahrnehmung wissen wir, welche Lebensmittel gut für uns sind und uns schmecken bzw. welche wir lieber nicht essen möchten.
  • Wo steht was? Die Schüler sollen sich am gedeckten Tisch orientieren können. Hierbei sind Körperschema und Raumbegriffe notwendig. Die Orientierung wird durch die Schulung der Raumbegriffe vertieft, z. B. vorne/hinten/oben/unten usw. Die Schüler lernen, sich auf dem Teller wie auf einer Uhr zu orientieren: Das Gemüse liegt bei 9.00 Uhr, das Fleisch bei 6.00 Uhr usw. Bei Tisch herrscht eine möglichst gleichbleibende Ordnung, sodass der Schüler selbstständig durch Ertasten wesentliche Dinge finden kann. Das Glas steht immer rechts vom Teller, die Karaffe in der Mitte des Tisches usw.
  • Welche Körperhaltung brauche ich beim Essen? Wann muss ich den Mund abwischen? Manche Schüler mit Sehbehinderung entwickeln bestimmte Eigenarten wie heftiges Schaukeln oder Kopfrollen, die nicht unmittelbar in Zusammenhang mit der Sehbehinderung stehen. Mundschluss und Kontrolle werden beim Essen in sozialen Situationen abverlangt und erleichtern die Integration. Das Ablegen des Bestecks und das Benutzen einer Serviette muss ebenso geübt werden wie das Kontrollieren der Kleidung.
  • Wo finde ich was auf dem Tisch/Teller? Die Orientierung auf dem Tisch wie auch auf dem eigenen Teller wird geschult. Wo steht der Topf mit der Suppe? Der Schüler lernt wahrzunehmen, wann etwas auf dem Teller liegt, wann etwas zu nahe am Rand oder schon neben den Teller gefallen ist. Die Orientierung auf dem Teller richtet sich nach der Einteilung der Uhr, z. B. Kartoffeln auf 3 Uhr, Fleisch auf 6 Uhr. Mit der richtigen Suchtechnik fällt nichts um, wenn der Schüler nach dem Trinkglas oder einer Karaffe greift.
  • Wie nehme ich mir die Speisen? Wie viel passt auf meinen Teller? Das Auflegen von Speisen und Eingießen von Getränken verlangt eine bestimmte Suchtechnik mit der Hand. Das Aufspießen, Löffeln, Schieben oder Schneiden werden geübt. Das Eingießen wird mit dem Finger der anderen Hand kontrolliert.
  • Ist das heiß? Schüler lernen, Gefahrenquellen wie zu heiße Töpfe oder zu heiße Getränke rechtzeitig wahrnehmen zu können.

An diesen Beispielen wird deutlich, wie viele zusätzliche Informationen ein Schüler mit einer Sehbehinderung schon in einer einfachen Situation beim Essen am Tisch bewältigen muss. Die sozial-emotionalen Komponenten wie angenehme Tischgesprächen oder genussvolles Zelebrieren des Essens sind hierbei noch gar nicht zum Tragen gekommen.

Literatur zum Thema:

Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung ISB: Mobilität und lebenspraktische Fertigkeiten im Unterricht mit sehgeschädigten Kindern und Jugendlichen. Würzburg 2000

3. Ein weiterer Bereich der Lebenspraktischen Fertigkeiten betrifft die Kleidung, die eigene äußere Erscheinung. Intensive Übung benötigt der Umgang mit verschiedenen Verschlusstechniken wie Knöpfe, Reißverschluss, Klettverschluss, Schnürsenkel, Haken usw. Hier können zunächst Verschlussrahmen zur Übung eingesetzt werden, z. B. von Montessori. Es ist wichtig, die Kontrolle der Verschlüsse zu verdeutlichen, z. B. bei den Schuhen, um Stolpern zu verhindern.

Beim An- und Ausziehen von Kleidung werden unterschiedliche Techniken geübt, z. B. das Festhalten der Ärmelbündchen beim Jacke-Ausziehen, damit sie sich nicht umstülpt. Um die Innenseite der Kleidung zu erkennen, helfen die Etiketten am Kragen. Auch lernt der Schüler, Innennähte zu identifizieren und kann so feststellen, ob er ein Kleidungsstück richtig herum trägt. In der Schule werden die Kleidungsstücke mit tastbaren Markierungen gekennzeichnet, damit der betreffende Schüler die eigenen Sachen sicher identifizieren und wiederfinden kann. — Was die verschiedenfarbigen Socken betrifft, so können diese ebenfalls mit tastbaren Markierungen unterschieden werden, die im Sockenrand eingenäht werden.

Mit diesen drei ausgewählten Lernbereichen aus den Lebenspraktischen Fertigkeiten — Körperpflege, Essen und Kleidung — haben sehbehinderte Schüler große Schwierigkeiten und benötigen intensive, aber auch eine sensible Begleitung im Rahmen einer inklusiven Klasse. Stigmatisierung muss vermieden werden. Es liegt im pädagogischen Geschick der jeweiligen Lehrkraft, ein gemeinsames, für alle Schüler relevantes Unterrichtsthema zu gestalten. Die Erfahrung zeigt, dass nicht nur alle Schüler diese Inhalte wohltuend benötigen, sondern dass sie dabei auch lernen zu unterscheiden: Helfen, wo nötig — nicht immer, wo möglich.

Claudia Omonsky

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