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Gruppenprozesse

So wachsen die Schüler zu einer guten Lerngruppe zusammen

Schüler einer Klasse müssen erst zu einer Klassengemeinschaft zusammenwachsen, in der gut gemeinsam gelernt werden kann. Dabei durchlaufen sie vier Phasen, bis sie eine wirkliche Lerngruppe bilden.

Gruppenprozesse: So wachsen die Schüler zu einer guten Lerngruppe zusammen Gemeinsames Arbeiten will gelernt sein, damit jeder der Gruppe Fortschritte machen kann © Christian Schwier - Fotolia.com

„Warum kann ich bloß mit dieser Klasse nicht arbeiten? Weshalb arbeiten die Schüler gegen- und nicht miteinander?“ — Das sind Fragen, mit denen sich Lehrer in der Grundschule in einer inklusiven Klasse oftmals auseinandersetzen müssen. Dagegen arbeitet eine Lerngruppe, die aufeinander eingestellt ist, sich gegenseitig akzeptiert und Rücksicht aufeinander nimmt, viel motivierter mit und zeigt eher soziale Kompetenzen und Lernfortschritte. Daher ist es hilfreich und auf die Dauer sehr erleichternd, seine Klasse genau zu beobachten und sich eventuell Notizen zu machen: Wo sind die Schwächen meiner Schüler? An welcher Stelle klappt die Partner- und Gruppenarbeit nicht? Welche Schwierigkeiten treten immer wieder auf?

Bereits in der ersten Klasse können Sie die Voraussetzungen schaffen, dass die Klassengemeinschaft sich als Gruppe empfindet, die gut miteinander auskommt und lernen kann. Schritt für Schritt entwickelt sich so ein für alle motivierendes Lernklima und ein positives soziales Miteinander. 

So empfiehlt es sich, schon in den ersten Wochen die Klasse auf ihr soziales Verhalten und die vorhandene Teamfähigkeit zu überprüfen. Hierbei kann man mit kleinen Partneraufgaben beginnen und die Schüler dabei beobachten.  Ein Beispiel: „Jeder zieht eine Karte von einem Kartenstapel mit Tierbildern. Findet die Tiere, die zusammengehören. Von jedem Tier gibt es zwei, die dann zusammenarbeiten. Jedes Paar bekommt nun die Aufgabe, auf jeden sichtbaren Gegenstand im Klassenraum einen Punkt zu kleben, bei dem der erste Laut ein  „L“ ist (Beispiel: Lineal). Alle Paare haben unterschiedliche Farbpunkte. Eure Ergebnisse werden am Ende allen gezeigt.“

Die Erfahrungen, die die Schüler aus der Partnerarbeit mitnehmen, sind bedeutend für die weitere Teamentwicklung. Das könnte in diesem Falle heißen: Zu zweit finden wir mehr Gegenstände für unser Ergebnis, als einer alleine. Partner- und Kleingruppenarbeiten  sind zudem besonders wichtig bei heterogenen Lerngruppen mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen. Jeder kann von jedem lernen, jeder kann den anderen unterstützen oder sich an ihm reiben. Dies ist für viele Schüler leichter mit einem Partner als gleich in der gesamten Klasse.

Nach Bruce Wayne Tuckman (Psychologe und Hochschullehrer aus den USA) gibt es vier Phasen eines Gruppenbildungsprozesses, die auch für eine Klassengemeinschaft von Bedeutung sind. Diese Phasen kann man  sowohl in der Teamentwicklung eines Kollegiums als auch in einer Schulklasse  beobachten. Dabei ist — bei aller Unterschiedlichkeit — zu beobachten, dass jedes Team vom ersten Kennenlernen über das Zusammenraufen bis hin zum gemeinsamen Arbeiten diese Phasen durchlebt.

Ein Gefühl von Zusammengehörigkeit entwickeln

In der ersten Orientierungsphase geht es darum, ein Gefühl von Zugehörigkeit zu entwickeln. Das passiert zumeist in der ersten Klasse.  Für die Schüler ist alles neu: die Schule, der Lehrer, die Mitschüler etc. Sie sind noch unsicher und versuchen herauszufinden, wo sie stehen und vielleicht auch, wie weit sie gehen können. In einer zunächst unüberschaubaren Klassengemeinschaft oder innerhalb derer in einer Kleingruppe  gemeinsam mit anderen Schülern zu arbeiten, ist sicherlich neu. Da ist jedes Kind zumeist noch recht auf sich selbst bezogen und hat eher gelernt, allein zu arbeiten. Die sozialen Kompetenzen sind noch nicht ausgebaut, Partnerarbeit ist nur bedingt möglich, Kleingruppenarbeit innerhalb der Klasse muss trainiert werden. Dazu eignen sich besonders Methoden und Aufgaben aus dem Kooperativen Lernen. (Hinweis: Bochmann, Rainer / Kirchmann, Ruth: Kooperativer Unterricht in der Grundschule. Essen 2008)

Die Aufgabe des Klassenlehrers ist es daher, Sicherheit zu schaffen. Die einzelnen Schüler der Klasse müssen sich erst als Gruppe entdecken. Der Klassenlehrer hat in dieser sensiblen Phase die Aufgabe, darauf zu achten, dass die Kinder miteinander reden und sich austauschen.. Jedes Kind in der Klasse kann so seinen „Platz“ finden. Der Lehrer übernimmt eine starke Vorbildfunktion, indem er sich so verhält, dass sich die Kinder daran orientieren können. Einfache Regeln, vielleicht als kleines Plakat an der Wand, werden eingeführt und immer wieder geübt.

Es gibt einen strukturierten Tagesablauf, der am Anfang stets gleich verläuft und der den Kindern genau aufzeigt, was sie machen müssen.  Beispiel: Der Unterricht beginnt morgens immer mit einem Ritual. Die Pausen zwischen den Lerneinheiten werden immer mit Musik eingeleitet. Wer die anderen stört, hat immer das Recht, offen zu sagen, was ihn stört. Der Lehrer weicht nicht von seinen besprochenen Vorgaben ab. Er hält immer ein, was er ankündigt. Ausnahmen: Berechtigte Abweichungen von Vorgaben werden gemeinsam besprochen.

Rücksichtnahme lernen

Die zweite Phase ist dadurch geprägt, dass einzelne Schüler ihre Grenzen austesten und sich besonders hervortun, in dem sie Mitschüler übertrumpfen wollen. Sie machen sich zum Klassenkasper oder spielen den „Chef“, der offen oder verdeckt andere angreift, es bilden sich womöglich Cliquen. Diese Schüler beziehen sich stark auf sich selbst und möchten sich irgendwie behaupten bzw. Aufmerksamkeit erregen. Ruhige und zurückhaltende Schüler werden dabei leicht überstimmt, häufiger nicht beachtet oder nicht in die Gruppe einbezogen. Es offenbaren sich Probleme, die in der Regel sowohl die Art der Zusammenarbeit in der Klasse als auch das soziale Miteinander betreffen. Machtkämpfe entstehen, in denen besonders schwierige Schüler ihr Gesicht nicht verlieren möchten und sich u. U. aggressiv verhalten.

Hier steht der Klassenlehrer (oder Schulleiter) besonders in der Verantwortung, vor allem wenn er durch seine Beobachtungen festgestellt hat, dass sich seine Klasse in dieser Konfrontationsphase befindet und kooperatives Handeln und gegenseitiges Akzeptieren noch nicht möglich sind.  Ignoriert er Probleme oder versucht er, die Konflikte unter den Teppich zu kehren, wird die Lerngruppe/Klasse nie über diese Phase hinauskommen. Die Zusammenarbeit in der ganzen Klasse oder das lösungsorientierte Arbeiten in Kleingruppen wird schwierig, soziale Kompetenzen bleiben auf der Strecke. 

An dieser Stelle muss der Klassenlehrer intervenieren. Das kann er auf unterschiedliche Weise tun: Er ermutigt alle beteiligten Schüler, offen über das Problem zu reden. Dafür stehen ihm verschiedene Handlungsstränge zur Verfügung, die häufig wiederholt werden sollten.

Klassenratssitzungen werden eingeführt, die einmal wöchentlich eingeplant sind. Hier werden die Probleme der Schüler untereinander kommuniziert und es wird nach Lösungen gesucht (der Lehrer ist nur Mediator). Entstehen Konflikte zwischen zwei Schülern der Klasse, zum Beispiel während der Pause, werden sie anschließend sofort besprochen. Dabei kann sich jeder im Wechsel dazu äußern und am Ende sagen, was er von dem anderen erwartet.

In der Klasse gibt es einen Kummersack, der dort liegt oder hängt. Jeder Schüler kann seine Gedanken aufschreiben und den Zettel in den Sack legen. Am Ende der Woche werden die Zettel gemeinsam gelesen und besprochen. Häufig treten auch Probleme bei den Kleingruppenarbeiten auf. Werden hier die Aufgaben konkret verteilt, hilft es den Kindern, sich daran zu orientieren. Beispiel: Es gibt einen Schüler, der alles aufschreibt, was die Gruppe erarbeitet. Ein Schüler in der Gruppe wird bestimmt, das Erarbeitete vorzutragen. Ein anderer beobachtet die Uhr für die Zeitvorgabe. 

Der Lehrer fungiert als Autoritätsperson, indem er die  Regeleinhaltungen und entsprechende Verhaltensweisen einfordert. Immer allerdings so, indem er er auch das Verbindende betont und niemanden in die „böse Ecke“ stellt.  So schafft er immer wieder eine Basis für ein vertrauensvolles Miteinander. Die Regeln, die schon zu Beginn der ersten Klasse aufgestellt wurden, werden im Laufe der Zeit immer erweitert und ständig geübt und gelebt. Regeln können sein: Wenn einer spricht, hören die anderen zu. Wir helfen uns gegenseitig. Wenn mich etwas stört, sage ich es. Jeder hat das Recht, in Ruhe zu lernen usw.

Gemeinsam arbeiten und sinnvoll kooperieren

 

Die Klasse wächst jetzt zusammen und fängt an, sich als Gruppe zu begreifen. Nun lernen die Schüler durch stetes Üben vertrauensvoll mit einem Partner oder mit kleinen Gruppen ergebnisorientiert zusammenzuarbeiten. Gute Gruppenergebnisse z. B. erhalten positive Verstärker. Das können Anreize sein, wie das gemeinsame Sammeln von Pluspunkten oder das Erreichen eines gemeinsamen Zieles, das sich aus allen Gruppenergebnissen zusammensetzt. (Im Deutschunterricht könnte es sein, dass jedes Gruppenergebnis zusammen mit den anderen eine gesamte Geschichte ergibt. Fehlt ein Ergebnis, stimmt die Geschichte nicht.)

Die Gruppe verständigt sich auf Regeln der Zusammenarbeit. Es wird abgestimmt, wer welche Aufgabe übernimmt und wie die Zusammenarbeit im einzelnen gestaltet werden soll. Die Aufgaben für die gesamte Klasse sind andere, als die beim Arbeiten in Kleingruppen. Für die Klasse sind sie für einen längeren Zeitraum verteilt, z. B.: Wer ist Klassensprecher ? Wer übernimmt eine Helferrolle für den Schüler xy, weil er oft Unterstützung braucht? Wer leitet die Klassenratssitzungen?

Für die Kleingruppenarbeit gelten die Rollen nur für die entsprechende Unterrichtsstunde und können bei der nächsten wieder anders verteilt werden, z. B.: Wer leitet? Wer ist der Materialholer? Wer schreibt auf? Wer moderiert das Ergebnis? Hier kann man bei der Rollenverteilung die Kinder mit Unterstützungsbedarf ihren Möglichkeiten entsprechend gut in die Gruppe integrieren. So erhalten sie auch schneller Anerkennung. Alle bemühen sich um den Gruppenzusammenhalt: jeder einzelne Schüler gehört dazu, gemeinsam wird nach Lösungen gesucht und jeder in seiner Rolle akzeptiert.

In dieser Phase muss der Klassenlehrer darauf achten, dass die Aufgaben- und Rollen bei den Klassenaufgaben je nach den Interessen, Bedürfnissen und Stärken der Schülern zu bewältigen sind. Bei den Kleingruppenarbeiten sollte möglichst jeder Schüler verschiedene Rollen ausfüllen können.  Zudem gilt sein besonderes Augenmerk der Einhaltung der gemeinsam vereinbarten Regeln. Die Gruppe entwickelt ein „Wir“-Gefühl, kann besser kooperieren und bei Meinungsverschiedenheiten eher Kompromisse finden. Die Kinder lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, indem sie z. B. ihre (zeitlich überschaubare) Helferrolle ernst nehmen und den ihnen zugeteilten schwächeren Schüler unterstützen, wenn er Hilfe braucht. Sie können dafür einstehen, wenn sie etwas falsch gemacht haben, da das Vertrauen zum Lehrer und zur Gruppe groß genug ist. Ebenso lernen sie mit der Zeit zu akzeptieren, was andere Mitschüler sagen oder möchten. Diese Handlungen schaffen ein Verantwortungsbewusstsein und sind wichtige Aspekte für eine gute Entwicklung innerhalb eines Gruppenprozesses.

Als Gruppe wachsen und sich entwickeln

In der vierten Phase ist der Punkt erreicht, in der die Klassengemeinschaft sich auch als Arbeitsgemeinschaft begreift. Es kommt also auch darauf an, wie man zusammen arbeitet und dass jeder so akzeptiert wird wie er ist – ob leistungsstark oder leistungsschwach, ob mit oder ohne Handicap. Alle können etwas beisteuern, alle können etwas leisten. Dabei werden die Schüler die Erfahrung machen, dass man in der Gruppe mehr erreicht als als Einzelkämpfer. Gemeinsame Ziele könnten vorgegeben oder, noch besser, zusammen  überlegt  werden. Zum Beispiel kann die Klasse gemeinsam Smileys sammeln. Hier kann jeder dazu beitragen, durch besonders rücksichtsvolles Verhalten den Mitschülern gegenüber. Es gibt eine Sammelmappe, in der alle Smileys eines jeden notiert werden, wenn er jemandem geholfen hat oder Streit geschlichtet hat (o. Ä.). Die Schüler können sich dabei auch gegenseitig beobachten und im Kreisgespräch darüber berichten. Ist eine bestimmte Anzahl Smileys nach einer vorgegebenen Zeit erreicht, wird ein gemeinsamer Ausflug geplant oder die Klasse bekommt einen neuen Ball (o.Ä.). Die Klasse als Lerngruppe agiert so einvernehmlich, orientiert sich am gemeinsamen Ziel und übt gleichzeitig, sich sozial zu verhalten.

Kleine Hinweise zum Schluss: Es ist möglich, dass sich die Lerngruppe in einzelnen Fächern bzw. bei einzelnen Fachlehrern unterschiedlich verhält. Diese Aussage impliziert, dass es äußert sinnvoll ist, dass an einer Grundschule möglichst in allen Klassen gleiche Regeln gelten und die Gruppenprozessentwicklung nach gleichen Methoden gefördert wird. Das schafft für alle Schüler Vertrauen und Sicherheit und erleichtert den Lehrern das Unterrichten.

Das Beobachten und Notieren der einzelnen Phasen und das Einhalten der abgesprochenen Vorgaben klingen am Anfang noch recht anstrengend. Je konkreter man die Phasen beobachtet und je konsequenter man sich an die Methoden des kooperativen Lernens und der Kleingruppenarbeiten hält, desto leichter wird im Laufe der Zeit das Arbeiten innerhalb der Klasse. Ressourcen können besser erkannt und gestärkt werden. Dies schafft mehr Motivati-on für alle und eine höhere Bereitschaft zu lernen und das beeinflusst gleichzeitig den Erfolg der Lernfortschritte.

Angela Hentschel

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