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Elternblog

„Zwischen Inklusion und Nixklusion“

Die Geschichten im Elternblog „Kirstenmalzwei“ erzählen von Inklusion. Wie sie sein müsste und wie sie alltäglich an den Mauern im Kopf scheitert, in literarischer Qualität und leichter Sprache, barrierefrei mit Audioversion und mit viel Witz.

Elternblog: „Zwischen Inklusion und Nixklusion“ Ganz besondere Kinderzeichnungen schmücken die Seiten der beiden Bloggerinnen © Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob - Zeichnung Henri Hirt

„In der öffentlichen Diskussion wird Inklusion derzeit sehr auf den Kostenaspekt reduziert. Dabei geht es nicht um mehr Personal, mehr Räume, mehr Ressourcen“, sagt Kirsten Ehrhardt im Interview auf der Website vorwaerts.de. Vielmehr hätten viele Menschen „kein Bewusstsein dafür, welche Verhaltensweisen ausgrenzend und verletzend sind“. Das erlebt sie als Mutter eines Sohnes mit Downsyndrom immer wieder, genau wie Kirsten Jakob, deren Sohn Hans ebenfalls Trisomie 21 hat. Beide Mütter engagieren sich in Elterninitiativen für Inklusion und erfahren auch als Elternberaterinnen immer wieder, wo und wie die Inklusion behinderter Kinder in Schule und Freizeit an ihre Grenzen stößt. In ihrem Elternblog „Kirstenmalzwei“ erzählen die beiden davon. 

Seit September 2016 erscheint jeden Montag eine neue der kunstvoll erzählten und pointierten Kürzestgeschichten, die ein wenig an Reiner Kunzes „Die wunderbaren Jahre“ erinnern: Im Mittelpunkt stehen jedes Mal ER, DER JUNGE oder SIE, DAS MÄDCHEN. Wie häufig auch in Kunzes Prosatexten haben die Protagonisten bei „kirstenmalzwei“ keine Namen, denn sie sind Stellvertreter. Bei Kunze stehen sie für Kinder und Jugendliche, die unter repressiven Bedingungen in der DDR aufwachsen, und bei Kirsten Ehrhardt und Kirsten Jakob für behinderte Kinder, die in pseudo-inklusiven und de facto exklusiven Settings immer wieder schmerzlich darauf gestoßen werden, dass sie anders sind als die anderen Kinder, und deshalb oft außen vor oder auf der Strecke bleiben. 

Im Folgenden ein paar Beispiele aus „Kirstenmalzwei“ für die mehr oder minder subtile Diskriminierung, der diese Kinder und Jugendlichen in (Regel-)Schule und Freizeit ausgesetzt sind.

„Gruppenbezogen“ umgesetzt

Da ist zum Beispiel DAS MÄDCHEN, das auf dem Flur der Grundschule ein Tischchen hat. Dorthin geht sie schon von ganz allein, wenn der Englischlehrer zur Tür hereinkommt, denn sie weiß, „dass der Lehrer findet, sie müsse ja nun wirklich kein Englisch lernen“. Auch die Mathelehrerin schickt das Mädchen immer auf den Flur, denn in ihrem Unterricht „muss es mucksmäuschenstill sein“, genau wie beim Deutschlehrer, der seine Schüler „anspruchsvolle Aufsätze schreiben“ lässt. „Da schreibt sie ihre kleinen Sätze eben auf dem Flur.“ – Doch nur, bis eines Tages die Feuerwehr ins Haus kommt: 

„Der Flur muss immer frei sein“, sagt der Brandmeister, „da darf niemand sitzen.“ 

„Inklusion können wir dann natürlich nicht mehr machen!“, sagt der Schulleiter.

Es ist ein skurrile Situation, die der Text „Die Gruppe“ beschreibt: Nicht nur behinderte Kinder, auch ihre Eltern erfahren eine Sonderbehandlung. Um ihr Kind für die erste Klasse anzumelden, gehen die Eltern der nicht-behinderten Kinder einfach ins Sekretariat der Schule. Die anderen müssen zu einem Vorgespräch mit Schulrat und Direktorin kommen, wo ihnen der Schulrat eröffnet, dass die Schüler der Inklusionsklasse „gruppenbezogen“ umgesetzt werden. Selbst die Eltern der Kinder mit Behinderung müssen eine „gruppenbezogene“ Sitzordnung einhalten. Sie verteilen sich auf die beiden Hälften des Raumes, je nachdem, in welche der beiden ersten Klassen ihre Kinder gehen. Wenngleich danach die Direktorin „energisch und fröhlich“ äußert: „Ich habe hier an meiner Schule nur Klassen und Kinder. Herzlich willkommen!“, so ist doch Inklusion in dieser Klasse von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn die Polarisierung „behindert — nicht-behindert“ steht einer umfassenden Teilhabe diametral entgegen.

„Zu“ behindert? — „Voll behindert!“ 

Auch das ist eine wichtige Botschaft vieler Texte bei „Kirstenmalzwei“: Teilhabe bedeutet oft, auch etwas zu wagen und den Kindern und Jugendlichen etwas zuzutrauen. Beim Klassenausflug erst einmal mit der S-Bahn quer durch die Stadt — zu viel für DEN JUNGEN? Die Sonderpädagogin malt den Teufel an die Wand:

  • Was ist, wenn ihn die vielen Menschen erschrecken?
  • Was ist, wenn er beim Umsteigen überfordert ist?
  • Was ist, wenn er die Gefahren eines Bahnhofs nicht erkennt?

Die beiden Hauptschullehrer haben keine Bedenken und fahren ohne die Sonderpädagogin. Ergebnis: „Der Ausflug wird ein voller Erfolg.“ 

Übertriebene Fürsorge führt auch im Text „Auf dem Schulhof“ zu Ausgrenzung. Aus Angst vor Mobbing unterbricht eine Lehrerin die zaghafte Annäherung zwischen DEM MÄDCHEN und ihren Mitschülerinnen, von denen sich eine demonstrativ weggedreht hatte. In der Geschichte „Voll behindert“ ist DER JUNGE mit seiner Familie beim Großeinkauf. Dort steht eine Gruppe Jungs, schubst sich herum und hat „scheinbar nur ein Lieblingswort“:

„Mensch Alter, voll behindert echt!“ „Boah, nee, wie scheiße ist die denn. Die ist doch behindert.“ „Ey, du Spacko, bist du behindert oder was?“

Spätestens, als einer aus der Clique „DEN JUNGEN“ sieht und sagt „Guck mal, wie komisch der aussieht!“, hofft man als Leser darauf, dass jemand von der Familie des Jungen einschreitet. Doch hier nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung, die klar zeigt: Manche Kids regeln solche Situationen ganz wunderbar untereinander.

„Kein Budget“ und „gegen die Vorschriften“

Kinder mit Behinderung in der Regelschule haben oft keine gute Lobby, und selbst kleine, an sich völlig unproblematische Veränderungen stoßen auf Unverständnis, fehlende Flexibilität und manchmal auch auf erbitterte Widerstände. Zum Beispiel bei der Frage, ob wegen verschwimmender Kontraste die Tafel statt trocken künftig immer nass gewischt werden kann, oder ob nicht auf Recycling-Papier grundsätzlich verzichtet werden kann, damit wirklich alle Kinder — auch DAS MÄDCHEN und DER JUNGE — gut sehen können, was auf der Tafel oder auf dem Blatt Papier steht. In letzterer Geschichte ist es die Schulrätin, die die Lächerlichkeit des Einwands „Kein Budget für weißes Papier“ entlarvt: „Ich gehe jetzt ins Schreibwarengeschäft, kaufe eine Packung weißes Kopierpapier und gebe es hier im Sekretariat ab!“ — Das wirkt: „Ab jetzt ist das Papier mit ihren Texten weiß. Obwohl die Schulrätin gar kein Papier vorbeigebracht hat. Nur ganz ganz manchmal verirrt sich mal ein grauer Text ins Klassenzimmer.“

Auch das gibt es immer wieder in vielen Geschichten bei „kirstenmalzwei“: Menschen, die Inklusion verstanden haben und das Richtige tun: zum Beispiel sich über unsinnige Vorschriften hinwegsetzen („Ausstieg“) oder diskriminierende Sonderbehandlungen torpedieren („Bärchen“). 

Die Geschichten in „Kirstenmalzwei“ wollen „zum Nachdenken über Inklusion anregen, auf kritische und gleichzeitig humorvolle Weise“, so Kirsten Ehrhardt im Interview mit vorwaerts.de (Link s. o.). — Das ist den Autorinnen gelungen: Einerseits legen sie den Finger in die Wunden eines  immer noch überwiegend exkludierenden Schulsystems, andererseits vermitteln sie unaufdringlich und gar nicht bitter oder moralinsauer, was sich in unserer Gesellschaft im Umgang mit behinderten Menschen ändern müsste. Kirsten Ehrhardt bringt es so auf den Punkt: „Mein Wunsch: Entspannt Euch! Menschen mit Behinderung sind in erster Linie Menschen wie Du und ich. Lasst Euch auf sie ein.“ (ebd.)

Martina Niekrawietz

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