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Religiöse Toleranz

Burkini und ab ins Wasser?

Der Schwimmunterricht ist für manche Musliminnen ein Problem. Selbst dann, wenn sie einen Burkini tragen dürfen. Wie aber bringt man religiöse Anschauungen und den schulischen Erziehungsauftrag möglichst konfliktfrei unter einen Hut?

Religiöse Toleranz: Burkini und ab ins Wasser? Die Religion ist kein Hinderungsgrund, dass muslimische Schülerinnen dem Schwimmunterricht fernbleiben © Klaas Koehne - Fotolia.com

Obgleich nicht alle Schulen Schwimmunterricht anbieten können und die Zahl der muslimischen Mädchen, die dem Schwimmunterricht aus religiösen Gründen fernbleiben wollen, sehr gering ist, mutiert die Debatte um das gemeinsame Schwimmen mit Jungen zunehmend zu einer Glaubensfrage. Während konservative Politiker in dem Fernbleiben am schulischem Schwimmunterricht bereits erste Anzeichen für eine Verweigerungshaltung von Musliminnen sehen und dieses als Zeichen für die schleichende Islamisierung Deutschland deuten, fühlen sich einige muslimische Mädchen durch den gemischten Schwimmunterricht in der Ausübung ihrer Religion behindert. 

Religionsfreiheit kontra Erziehungsauftrag?

Nach einer Studie, die die Deutsche Islam Konferenz bereits 2008 veröffentlicht hat, lehnen in Deutschland jedoch gerade mal zwei Prozent der muslimischen Schülerinnen den Schwimmunterricht aus religiösen Gründen ab, trotzdem lässt sich diese kleine Gruppe der Schwimmunwilligen nicht ignorieren, denn es geht um mehr als das gemeinsame Schwimmen mit Jungen. Religionsfreiheit und der Erziehungsauftrag des Staates scheinen hier zu kollidieren.

Daher wundert es nicht, dass man das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig bemüht hatte. Die Leipziger Richter entschieden, dass den muslimischen Schülerinnen ein gemeinsamer Schwimmunterricht mit Jungen zuzumuten sei. Der Körper sei — dank Burkini — bedeckt und den Anblick von Jungen in Badehosen könnten die Mädchen sicher ertragen, zumal diese auch außerhalb des Schwimmunterrichts Jungen in kurzen Hosen und Badeshorts nicht entgehen könnten. Ferner würde das Grundrecht der Glaubensfreiheit keinen grundsätzlich „Anspruch“ umfassen, der das Individuum im Schulalltag vor den Gewohnheiten und der Kleiderauswahl anderer Mitschüler schütze.

Trotzdem: Einige muslimische Mädchen und ihre Eltern sind  auch mit dem Burkini-Kompromiss nicht zufrieden, denn gerade im nassen Burkini zeichnen sich die weiblichen Formen der pubertierenden Mädchen deutlich ab. Was also tun, wie sollten sich Schulen und Lehrkräfte verhalten?

Fingerspitzengefühl und Kompromissbereitschaft

Ausgehend von dem Burkini–Urteil könnte man mit unkomplizierten Kompromissen sowohl betroffene muslimische Mädchen zufriedenstellen als auch für einen reibungslosen gemischtem Schwimmunterricht sorgen. So könnten Schulen, die eine hohe Muslimenquote haben, den Schwimmunterricht so früh wie möglich einführen. Der Erlanger Islamrechtsexperte Mathias Rohe schlägt vor, dass muslimische Mädchen am Beckenrand einen Bademantel tragen könnten. Um den Körperkontakt mit Jungen zu umgehen, wäre es auch denkbar und leicht umzusetzen, wenn Mädchen und Jungen jeweils als Gruppe getrennt schwimmen könnten. Darüber hinaus könnte man alle Mädchen, die keinen Burkini tragen, bitten, dass diese statt Bikini vielleicht einen Badeanzug tragen, der verrutscht dann auch nicht so schnell. Vielleicht könnten Jungs, als Zeichen ihres Respektes, auf knappe Badehosen verzichten. Bei so vielen Kompromissen und so viel Entgegenkommen, müsste sich eigentlich jedes muslimische Mädchen über den Schwimmunterricht freuen, denn hier lernen Schüler nicht nur Schwimmen, sondern sich gegenseitig zu respektieren. Beim Schwimmunterricht ist also das Fingerspitzengefühl der Lehrkräfte gefragt.

Der Islam bietet viel Handlungsspielraum

Grundsätzlich sollte man im Umgang mit Muslimen wissen, das der Islam seinen Gläubigen viel Handlungsspielraum und Interpretationsmöglichkeiten zugesteht. Selbst in der endlosen Kopftuchdebatte eröffnen sich für die Islamgelehrten sehr viele Interpretationsmöglichkeiten. Im Gegensatz zum Christentum gibt es in der muslimischem Welt auch niemanden, der verbindliche für alle Muslime sprechen darf. Niemand, der die Marschrichtungen angibt, der sagen kann, was man tun oder lasse soll, denn im Koran steht, dass sich kein Dritter zwischen den Gläubigen und Gott stellen darf. Und in der Sure 8 steht sogar, dass es jedem Menschen frei steht, ob er oder sie überhaupt gläubig werden möchte oder eben auch nicht und dass diese Vielfalt, die von Gott beabsichtigt und gewollt ist, keinen Menschen dazu veranlassen darf zu missionieren: „Und wenn dein Herr es gewollt hätte, wären alle auf Erden allesamt gläubig geworden. Willst du nun die Leute dazu zwingen, gläubig zu werden?“

Zu guter Letzt sei auch noch auf die alten Osmanen hingewiesen. Zu deren Zeit gab es zwar keinen Burkini, aber zahlreiche Frauen, die das Haus nur im Çarsaf (Burka) verließen. Im Jahr 1892 lies der Sultan Abdülhamid (1842—1918) noch vor Gründung der Türkischen Republik 1923 die Burka offiziell verbieten.

Wie dem auch sei, es ist sicherlich für alle Betroffenen von Vorteil, wenn man sich beim Schwimmunterricht aufeinanderzubewegt. Respektieren wir alle gemeinsam die individuelle Glaubensauslegung dieser muslimischen Mädchen und ignorieren wir nicht ihr Schamgefühl. Wer zusammen mit Betroffenen nach praktikablen Kompromissen sucht, für den sollten sich auch keine Probleme ergeben, wenn er oder sie den Erziehungsauftrag des Staates, der den Lehrkräften anvertraut wurde, auch umsetzt. Und das müssen auch junge muslimische Mädchen und ihre Eltern verstehen.

Zerrin Konyalıoğlu-Busch


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