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Menschenrechtsbildung

Interkulturelles Lernen: Besuch bei einer Unesco-Projektschule

Internationale Verständigung und den Einsatz für Menschenrechte schreiben sich die „Unesco-Projektschulen“ auf ihre Fahne. Wie das Konzept erfolgreich umgesetzt werden kann, zeigt das Kölner Hansa-Gymnasium.

Menschenrechtsbildung: Interkulturelles Lernen: Besuch bei einer Unesco-Projektschule Schon die Eingangshalle zeigt es: Das Kölner Hansa-Gymnasium ist Teil eines welttweiten Netzwerkes © Angelika Calmez

Ursula Merz hat viel zu tun. Am Vorabend hat die Lehrerin des Kölner Hansa-Gymnasiums beim Treffen des Unesco-Vereins über einen geplanten Afrika-Tag gesprochen. Nun gibt es für die agile Frau mit dem kurzen Pony erneut keine freie Minute: Bis 16 Uhr hat sie Deutsch und Geschichte unterrichtet, eine Stunde später beginnt bereits die Sitzung ihrer Tansania-AG.
„Ich möchte, dass wir global denken und das an Schüler weitergeben“, sagte sie beim Vorgespräch am Telefon. Jetzt, während die ersten Teilnehmerinnen der AG eintrudeln, gibt sie eine schnelle Führung durch die Flure der Schule, zu deren Leitlinien „Ideen der internationalen Verständigung und des interkulturellen Lernens“ gehören.
Schon von außen ist durch die gläsernen Eingangstüren des Gebäudes der rote Schriftzug „Unesco-Projektschule“ zu erkennen. Er prangt auf einem durch Längen- und Breitengrade in Kästchen unterteilten Globus. Zwischen den hellen, gebogenen Holzlatten stecken Fotos, die meisten von Schülern des Hansa-Gymnasiums.
An einer Glastür im Treppenhaus hängt die per Kopie vergrößerte und mit Klebestreifen angebrachte Ankündigung für ein Menschenrechtsseminar in der Oberstufe. Thema der viertägigen Veranstaltung im eigenen Schullandheim: „(Wie) Geht es weiter mit der Arabischen Revolution?“

Respektvoller Umgang und internationale Ausrichtung

Rund ein Drittel der 760 Schüler am Hansa-Gymnasium engagieren sich laut Merz in politischen und sozialen Schulprojekten. Die meisten im Rahmen der Unesco-Arbeit: zum Beispiel in den AGs zu Tansania und Haiti, beim Austausch mit dem polnischen Lodz, im Menschenrechtsseminar, bei der jährlichen Projektwoche oder bei Sponsorenläufen für verschiedene gute Zwecke.

Für welche Worte die einzelnen Buchstaben im Namen der UN-Bildungs- und Kulturorganisation stehen, lernen am Hansa-Gymnasium schon die Fünftklässler. „Wir reden hier nicht nur über respektvollen Umgang, sondern pflegen ihn auch“, sagt Ursula Merz. Dass die internationale Ausrichtung das Schulklima positiv prägt, daran zweifelt sie genauso wenig wie Kollegin Ulrike Thiede, mit der sich im Gang ein spontanes Gespräch ergibt. „Beim Jugoslawienkrieg, da hatten wir plötzlich Bosnier, Kroaten und Serben“, sagt die stellvertretende Schulleiterin mit einem Lächeln, „aber alle waren ‚Hanseaten‘“.

Links zum Thema:

Die Website der Unesco-Projektschulen in Deutschland bietet zahlreiche Informationen zum Schulkonzept, inter-nationalen Projekttagen, Seminaren etc.

Den Internetauftritt der Deutschen Unesco-Kommission e.V. finden Sie hier.

Rund 200 Unesco-Schulen in Deutschland

Unesco-Schulen weisen sich bei den zuständigen Koordinatoren des weltweiten Netzwerks durch dauerhafte Aktivitäten für Menschenrechtsbildung, Nachhaltigkeit und internationale Verständigung aus. Seit der Gründung 1953 ist das Netzwerk auf weltweit 9000 Schulen angewachsen. In Deutschland sind es rund 200, an denen Lehrer, Eltern und Schüler sich gemeinsam für die Unesco-Ziele engagieren.

Alle zwei Jahre bereiten die Schulen einen Projekttag zu einem gemeinsamen Thema vor. Zuletzt ging es um umweltbewusste Ernährung, zeigt ein Artikel des Kölner Stadtanzeigers an der Lehrer-Pinnwand im Hansa-Gymnasium. Die Zeitung berichtete mehrspaltig über die von den Schülern organisierte Talkrunde zur Vermarktung von Lebensmitteln.

Ein ganzer Tag über Afrika

Zum Lesen des Artikels bleibt allerdings keine Zeit, denn in Raum 004B wartet bereits die Tansania-AG auf Lehrerin Merz. Fünf junge Frauen sitzen um zusammengeschobene Tische. Ein Tellerchen mit Schokokeksen ist noch unberührt, ein Plakat liegt aus. „Are-U-Ganda?“, ist zu lesen, darunter nimmt ein Mann eine tänzerische Pose ein. „Da steht ja wieder nicht `Unesco-Projektschule´ drauf", sagt Ursula Merz.

Eine Schülerin des Abiturjahrgangs hatte die 59-Jährige auf das Tanzensemble aus Uganda hingewiesen, das zeitkritische Themen, wie wie weibliche Genitalverstümmelung oder Homosexualität, aufgreift und gerade in Deutschland gastiert. Kurzerhand hat die Tansania-AG die Truppe in die Schule eingeladen.

Doch aus der Abenddarbietung hat sich ein ganzer Afrika-Tag entwickelt. Ursula Merz reicht Kopien des vorläufigen Programms herum: eine praktische Einführung in den modernen Tanz Ostafrikas von den Mitgliedern der Tanzkompanie, ein Seminar über Genozid in Ruanda. Zu letzterem hat die AG Jugendliche des Unesco-Netzwerkpartners, der Berliner Nelson-Mandela-Schule, eingeladen. Sie wollen eine Zeitzeugin mitbringen.

Kinderhilfsprojekte in Tansania

Caro, die heute ebenfalls am Tisch sitzt, wird das Seminar zur Lage von Kindern in Tansania und zum Kinderrecht auf Bildung übernehmen. Über die Mitarbeit der beiden ehemaligen Hansa-Schülerinnen Caro und Ina beim Kinderhilfsprojekt „KCC“ in Tansania fand die AG zusammen. Seit zwei Jahren überlegen sich die 11 Schüler aus den Klassen 7 bis 13 nun immer neue Möglichkeiten, um Spenden für das Projekt in der tansanischen Hauptstadt Daressalam zu sammeln.

„Wir wollten etwas machen, was nachhaltig ist und Wirkung zeigt“, erklärt die 15-jährige Kim. Etwas dazu beizutragen, dass es „denen besser geht“, und das Ergebnis über die ehemaligen „Hanseatinnen“ verfolgen zu können, sei ein schönes Gefühl, sagt sie. „Natürlich träumen wir davon, mal hinzufahren“, wirft Ursula Merz ein.

Nicht selten sitzt die Lehrerin noch abends oder am Wochenende zu Hause am Schreibtisch, versucht Sponsoren zu gewinnen und Referenten, die auf ein Honorar verzichten. Auch die finanzielle Verantwortung für den Afrika-Tag liegt bei der Tansania-AG, der Unesco-Verein soll nur im Notfall unter die Arme greifen. Und schließlich wollen sie auch Geld für „KCC“ und die „Keiga Dance Company“ sammeln.  Mindestens genauso wichtig finden Caro, Anna, Katrin, Donya und Kim es aber, an ihrer Schule noch weitere Mitstreiter zu gewinnen: „Ich bin mir sicher, dass der Afrika-Tag viel Interesse wecken wird“, sagt Kim, „wenn die anderen sehen, dass wir was Ordentliches machen“. – Ursula Merz hält sich zurück und lässt die Schülerinnen sprechen. Aber in ihren Augen blitzt es.

Angelika Calmez


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