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Bildungsstandards

Kulturelle Vielfalt: Curriculare Vorgaben schwer umsetzbar

Offen für andere Kulturen sein und neue Perspektiven erfahren – in einer globalisierten Welt ein Muss für kommende Generationen. In den Curricula der Schulministerien soll dieser Aspekt weiter gefördert werden. Aber ob das tatsächlich in der Realität der Klassenzimmer ankommt, darüber gibt es gespaltene Ansichten.

Bildungsstandards: Kulturelle Vielfalt: Curriculare Vorgaben schwer umsetzbar Verbindliche curriculare Standards zur Vergleichbarkeit von interkultureller Bildung an Schulen gibt es nicht © iStockphoto/skynesher

Wie wichtig die Sensibilisierung von Schülern für andere Kulturen ist, ist an den Curriculum-Abteilungen der Schulministerien nicht vorbeigezogen: „Die Welt wird für Kinder und Jugendliche immer vielgestaltiger, gesellschaftlich vielfältiger und kulturell segmentierter, und damit in vielen Bereichen unkalkulierbarer“, sagt Peter Dobbelstein, Referatsleiter der Abteilung Curriculum-Entwicklung im Schulministerium NRW. Ihm zufolge muss Schule Kinder dazu befähigen, sich in einer globalisierten Welt zu orientieren. Die aktuellen, kompetenzorientierten Lehrpläne geben Dobbelstein zufolge das nötige Rüstzeug dazu. Schüler würden befähigt, sich angesichts von widersprüchlichen und mehrdeutigen Sinn-Angeboten ein eigenes Urteil zu bilden und es auch zu vertreten, ganz im Sinne einer demokratischen Streitkultur.

Am Beispiel des relativ integrationsfreundlichen Nordrhein-Westfalens zeigt sich, dass die Integrationspolitik und ihre Debatten auch Bewegung in die Bildungslandschaft bringen. In NRW sind „Deutsch als Zweitsprache“ und „Interkulturelle Kompetenzen“ seit 2009 Pflichtmodule in der Lehrerausbildung. Sprachunterricht in der Muttersprache wird im Zeugnis anerkannt, die Landesregierung wirbt für mehr Lehrer mit Migrationshintergrund. Seit der KMK-„Empfehlung zur Interkulturellen Kompetenz und Bildung in der Schule“ von 1996 bemühen sich die Bundesländer, die Maxime „Vielfalt als Chance“ im Bildungssystem zu adaptieren. Über den Erfolg lässt sich streiten: „Programmatisch sind wir sehr am Anfang“, urteilt Maria Ringler, zuständig für den Bereich „Interkulturelle Bildung“ beim „Verband binationaler Familien und Partnerschaften“. Sie wünscht sich flächendeckende Alphabetisierungsangebote in der Muttersprache, mehrsprachige Angebote im Regelunterricht und interkulturelle Einheiten in allen Fächern. Verbindliche Bildungsstandards der KMK in Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und den Naturwissenschaften zielen auf die Vergleichbarkeit von Bildungszielen und auf länderübergreifende Qualitätssicherung. Eine bundesweit flächendeckende Vorgabe für Vielfalt an der Schule gibt es nicht.

Kulturelle Vielfalt in Curricula gewährleistet?

Peter Dobbelstein sieht das Prinzip der Vielfalt aber dennoch in den Curricula gewährleistet: Zwar gibt es keine „Migrationshintergrunds-Quote“ bei der Besetzung von Lehrplankommissionen, aber bei der Entwicklungsarbeit werden Richtlinien, Vereinbarungen der Länder sowie Konventionen und Initiativen berücksichtigt. Dazu zählen laut Dobbelstein etwa die UN-Kinderrechtskonvention, grundlegende KMK-Entscheidungen wie zum Beispiel der „Nationale Integrationsplan (NIP)“ von 2007 oder auch die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung" (2005-2014). Darüber hinaus durchlaufen die Lehrpläne ein gesetzlich geregeltes Beteiligungsverfahren, das auch Migrantenverbänden ermöglicht, ihre Anregungen und Perspektiven einzubringen. Parallel zur Verbändebeteiligung wird der Entwurf im Internet veröffentlicht, damit auch Gruppen, die im Beteiligungsverfahren nicht vertreten sind, ihre Sichtweise einbringen können. Das letzte Wort darüber, welche Änderungswünsche Eingang in den Lehrplan finden, fällt im Schulministerium.

„So wird versucht, unterschiedliche Perspektiven bei den Entscheidungen über Bildungsziele zu berücksichtigen“, erklärt Dobbelstein, und räumt ein, dass es hier um zum Teil sehr sensible Abstimmungsprozesse geht: „Es ist besonders schwierig, wenn unterschiedliche kulturelle und religiöse Perspektiven zusammengebracht werden müssen.“

Gesellschaftswissenschaften bieten Anknüpfungspunkte

Ein Erfolgsbeispiel für einen solchen Abstimmungsprozess könnte das Fach „Islamischer Religionsunterricht“ sein, das ab dem Schuljahr 2012/2013 in NRW eingeführt wird - trotz des Umstands, dass es für den Islam keine mit der „Amtskirche“ vergleichbare Institution gibt. Auf Seiten der Muslime habe sich ein Beirat als Ansprechpartner zusammengefunden, erklärt ein Sprecher des Schulministeriums.

Was die Vielfalt kulturspezifischer Inhalte angeht, sieht Dobbelstein vor allem in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern Anknüpfungspunkte. „Hier haben wir immer ein Gefühl von Defizit“, räumt er allerdings ein, „schon allein durch den Zwang zur Stoffbegrenzung“.

Mostapha Boukllouâ ist Lehrer für Französisch, Französisch und Gesellschaftslehre am „Berufskolleg Vera Beckers“ in Krefeld. Er sieht für sein Fach „Gesellschaftslehre“ gute Möglichkeiten, auf die Unterschiedlichkeit der Kinder einzugehen. Letztendlich komme es bei der Unterrichtsgestaltung aber auf den Einzelnen, bzw. die Schule an. Interkulturelle Kompetenzen stünden zwar im Lehrplan. „In der Umsetzung hapert es aber“, glaubt Boukllouâ.

Angelika Calmez


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