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Geschlechterrollen

So stärken Sie muslimische Mädchen in Ihrer Klasse

Solange noch immer mehr Frauen als Männer in schlechter bezahlten Berufen arbeiten, solange jede vierte Frau Erfahrung mit Gewalt macht, müssen Mädchen einen stabilen Rückhalt in ihren Schulen erhalten. Dazu gehören auch Angebote, die religiöse Werte berücksichtigen.

Geschlechterrollen: So stärken Sie muslimische Mädchen in Ihrer Klasse Nur in stark patriarchalisch geprägten Familien unterliegen die Mädchen der Kontrolle ihrer männlichen Verwandten © iStockphoto.com/Juanmonino

„Mit dir will ich nicht gehen, du darfst doch eh nicht mit mir schlafen!“ Dies ist eine fiktive Aussage. Doch sie zeigt, welchem sozialen Druck viele muslimische Mädchen in der Schule ausgesetzt sind, wenn die Pubertät erst einmal begonnen hat. Das schulische Umfeld respektiert ihre religiöse Einstellung nicht. Die Eltern respektieren ihren Wunsch nach Selbstbestimmung nicht. Natürlich erleben auch nicht-muslimische Jugendliche, ob deutsch oder zugewandert, ähnliche Konflikte. Aber auf die Pubertätskonflikte in nicht-muslimischen Familien sind Schüler und Lehrer in der Regel besser eingestellt. Musliminnen sehen sich dagegen häufig Vorurteilen ausgesetzt. Dazu kommt, dass der Kontakt der Schule zu den muslimischen Eltern oft weniger starkist und die Lebenswelten einzelner Schülerinnen dadurch unbekannt bleiben. Ein differenziertes Bild des Islams setzt sich in Deutschland nur langsam durch. Wenn in den Medien von Musliminnen die Rede ist, dann fast ausschließlich in der klischeehaften Rolle unterdrückter Opfer, die vor Ehrenmorden und Zwangsheiraten gerettet werden müssen. Von der Realität ist dies weit entfernt. Nur in stark patriarchalisch geprägten Familien unterliegen die Mädchen der Kontrolle ihrer männlichen Verwandten. Nur hier bekommen Jungen mehr Wertschätzung, Anerkennung und Nachsicht im Hinblick auf die religiösen Regeln. Durch den Islam rechtfertigen lassen sich solche Ungerechtigkeiten allerdings nicht: Der Islam stellt beide Geschlechter gleich, auch wenn im Alltag Männer und Frauen oft unterschiedliche Rollen erfüllen.

Religiöse Einstellung akzeptieren

Nach traditionellem Familienverständnis werden Jungen auf ihre Rolle als Familienoberhäupter vorbereitet, Mädchen auf Kindererziehung und Haushaltsführung. Wie stark sich solche Rollenbilder auf den Alltag der Kinder auswirken, unterscheidet sich von Familie zu Familie. Für Musliminnen schließt die Akzeptanz dieses Erziehungsideals ein selbstbestimmtes Berufsleben nicht per se aus. Lehrerinnen und Lehrer stärken Mädchen also am ehesten dadurch, dass sie solche Einstellungen akzeptieren, und dafür auch in der Klasse Respekt einfordern. Aktive Unterstützung brauchen Mädchen nur dann, wenn die familären Geschlechterrollen zu Konflikten führen.

Pubertätskonflikte erkennen

Zurückhaltende Mädchen sollten gefördert, machohaftes Verhalten bei Jungen gebremst werden, empfiehlt die muslimische Religionslehrerin und Publizistin Lamya Kaddor in ihren „Grundinformationen zum Islam“. In der Regel empfinden auch die Jungen es als Last, wenn sie ihre weiblichen Verwandten „beschützen“ müssen. Kaddor plädiert dafür, allen verhaltensauffälligen Jugendlichen Verständnis entgegenzubringen. Anders als in deutschen Familien trügen muslimische Jugendliche den Ablösungsprozess von den Eltern in der Pubertät weniger zu Hause sondern eher außerhalb der Familie aus. Der Respekt vor den Eltern verbiete ihnen offene Diskussionen. Für um so wichtiger hält es Kaddor, dass die Jugendlichen in der Schule Raum zur konstruktiven Auseinandersetzung bekommen. Am besten durch offene Diskussionen in der Klasse.

Schülern Respekt entgegenbringen   

„Konflikte müssen ausgetragen werden, die Schüler gemeinsam mit ihren Lehrern nach Kompromissen suchen“, sagt Kaddor. Dazu gehört für die 33-Jährige, sich auch in Einzelgesprächen mit der individuellen Situation der Jugendlichen auseinanderzusetzen. Für den Fall, dass die Jugendlichen die Schule grundsätzlich ablehnen, fordert Kaddor: „Mädchen wie Jungen muss deutlich werden, was sie erreichen können, was dazu zu leisten ist und welche Chancen allein durch erworbene Kompetenzen und schulische Abschlüsse eröffnet werden.“ Dabei warnt Kaddor davor, jede religiöse Äußerung der Jugendlichen gleich als „fundamentalistisch“ zu verstehen. Stärker als viele Kinder und Jugendliche der deutschen Mehrheitsgesellschaft seien die muslimischen Jugendlichen religiös sozialisiert, in ihrem Glauben beheimatet und durch religiöse Vorstellungen, Verhaltensweisen und Gebote geprägt.

Literaturtipp zum Thema:

Ebenfalls von Lamya Kaddor erschienen: Muslimisch, weiblich, deutsch. C.H. Beck: München, 2010.

Vorausschauende Elternarbeit

Auch aktive Elternarbeit unterstützt die Jugendlichen in ihrem Wunsch nach Selbstbestimmung: Wenn die Schule von Anfang an ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern aufbaut, lassen sich eventuelle spätere Probleme in der Pubertät leichter ansprechen. Viele Mädchen akzeptierten sogar die Vorschrift der sexuellen Enthaltsamkeit vor der Ehe – sie wollten nur, dass die Familie ihnen vertraut und sie nicht kontrolliert, schreibt Kaddor in ihrem Buch „Muslimisch, weiblich, deutsch“.  

Wege in der Praxis

Wie wichtig es ist, die individuellen Lebensumstände der Schüler zu kennen, weiß auch Markus Prengel, Didaktischer Leiter an der Joseph-Beuys-Gesamtschule in Düsseldorf. Drei Viertel aller Schüler dort haben einen Migrationshintergrund. Wenn Prengel mit den Erwartungen der Eltern an die Schule vertraut ist, kann er auch das Verhalten eines Kindes besser einschätzen. So ist es auch beim Streitthema „Kopftuch“. Das Utensil wird an der Schule nicht gerne gesehen. Trotzdem fragen Prengel und seine Kollegen immer zunächst nach dem Grund dafür, wägen im Gespräch mit der Schülerin das Für und Wider ab, sprechen darüber mit den Eltern. „Wenn eine Zehnjährige mit einem Kopftuch ankommt, ist das vermutlich keine eigene Entscheidung“, sagt Prengel.  Allen Eltern neuer Schüler kommuniziert die Schule klar ihre Erwartungen und bindet sie in Schulaktivitäten ein. Wenn in einer Klasse Mädchen oder Jungen Mitschülerinnen bedrängen und ausgrenzen wollen, entweder weil diese ein Kopftuch tragen oder weil sie eben kein Kopftuch tragen, wird dieses respektlose Verhalten thematisiert.

Angelika Calmez


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