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Schulbeginn

Willkommenskultur: Starthilfe für geflüchtete Kinder

Wenn die Schule wieder startet, kommen auch Flüchtlingskinder neu in die Klasse. Klare Strukturen und Rituale helfen, die neuen Mitschüler willkommen zu heißen und ihnen eine sichere Orientierung zu geben.

Schulbeginn: Willkommenskultur: Starthilfe für geflüchtete Kinder Eine gute KLassengemeinschaft — egal woher die Kinder kommen © Monkey Business - stock.adobe.com

Eigentlich sind der zwölfjährige Zana und seine zehnjährige Schwester Dinaz zwei fröhliche Kinder. Sie besuchen die dritte Klasse einer Grundschule bei Hannover, sie spielen, helfen ihren Eltern und passen auf ihre jüngeren Geschwister auf. Ein Jahr lang haben sie für das Politikmagazin Panorama den Alltag ihrer FaRubrikmilie gefilmt. Herausgekommen ist ein Video, das auf der einen Seite von den großen Belastungen der syrisch-kurdischen Familie erzählt, auf der anderen Seite von einem fast normalen Kinderleben in Deutschland. Dass die Familie jeden Groschen zweimal umdrehen muss, klingt nur am Rande an. Allgegenwärtig ist jedoch die Ungewissheit, ob die Familie in Deutschland bleiben darf, und auch die schrecklichen Erlebnisse im Krieg und auf der Flucht werden Kinder und Eltern sicherlich so schnell nicht loslassen: 17 Tage lang waren sie in ihrem Haus in Syrien eingesperrt. Frierend, hungernd und durstend lagen sie im Badezimmer flach auf dem Boden, um sich vor den eindringenden Kugeln zu schützen. Die Kinder schrien vor Angst. Der Vater leidet seither unter Panikattacken und Depressionen. Er erzählt vom schweren Weg der Familie durch den Bombenhagel, wie er seine Kinder durch die Minenfelder getragen hat und von den unmenschlichen Zuständen im Lager in Bulgarien.

Solche traumatisierenden Erlebnisse begleiten viele der geflüchteten Kinder, die in Ihre Klasse kommen. Auch die erste Zeit in Deutschland, in einem fremden Land mit einer fremden Sprache, ist für sie nicht einfach. Ja, womöglich sogar besonders schwer in Zeiten von Corona. „Deshalb ist es in dieser ersten Phase am wichtigsten, dass die Kinder die Schule als einen sicheren Ort wahrnehmen“, sagt Sarah Inal in einem Interview mit dem SPIEGEL. Mit den folgenden Praxistipps erleichtern Sie den Kindern das Einleben in der neuen Umgebung – auch wenn vielleicht manches unter den Corona-Vorzeichen leicht modifiziert werden muss. Egal wie, wichtig ist eine für die Kinder und ihre Eltern spürbare Willkommenskultur.

Rituale schaffen Struktur

Klare Strukturen im schulischen Alltag geben allen Kindern und besonders den neu zugewanderten Halt und Orientierung. Sinnvoll erweisen sich dabei feste Rituale, die an jedem Schultag wiederkehren. Sarah Inal berichtet im oben verlinkten Interview von einer Lehrerin, die in ihrer Klasse ein Barometer eingeführt hat: Jeden Morgen tragen die Kinder auf einer Skala ein, wie es ihnen geht, ob sie gut geschlafen und auch gefrühstückt haben. – Die Schüler fühlen sich dabei gesehen, und die Lehrkraft bekommt womöglich Hinweise darauf, dass ein Kind unter schwerwiegenden Problemen leidet, „die über die Anfangsschwierigkeiten hinausgehen“ (ebd.): So deuten z. B. Schlafstörungen und Albträume auf eine posttraumatische Belastungsstörung hin.

Hilfreich ist es für die Neuankömmlinge auch, wenn sie erfahren, dass ihre Kultur und ihre Sprache wertgeschätzt werden. Dazu könnte die allmorgendliche Begrüßung zwischen Lehrer und Klasse nicht nur auf Deutsch, sondern öfter auch einmal in der Herkunftssprache der geflüchteten Kinder erfolgen. Die zugewanderten Kinder erleben dabei, dass sich Mitschüler und Lehrkraft für ihre Sprache interessieren. Und sie sind dann in der Position des „kompetenten Sprechers“, von dem die anderen lernen.

Viele weitere gute Ideen für Rituale in Integrationsklassen bietet die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung auf ihrer Website, hier einige Beispiele aus dem didaktisch-methodischen Kommentar:

  • Auf der Klassen-Weltkarte markiert jedes Kind seinen Herkunftsort.
  • Die Kinder stellen sich mit einem Steckbrief vor, der mit der selbst ausgemalten Flagge des Heimatlandes aufgehängt wird.
  • Die Klassenzusammengehörigkeit stärken Sie mit einem Klassentier, das auch den Namen für die Klasse gibt, den Klassengeburtstagskalender „verschönt“ u. v. m.
  • Jede Woche wählen Sie eine Klassenregel aus, auf die die Kinder besonders achten.
  • Den Schultag beschließen Sie mit einem Rückblick oder Ausblick auf den nächsten Tag, mit einer gemeinsamen Aktivität, einem Lied oder einem gemeinsamen Spruch, der mit bestimmten Bewegungen gekoppelt ist.

Direkt übernehmbare Arbeitsblätter erleichtern Ihnen die schnelle Umsetzung und auch ein Blick auf die „Mediensammlung“ (ebd.) mit „WillkommensABC“, die Handreichung „Flüchtlingskinder und jugendliche Flüchtlinge in der Schule“ und vielen weiteren Praxishilfen für den Unterricht lohnt sich unbedingt.

Gut vorbereitet mit der Checkliste Willkommenskultur

Ob Sie zum ersten Mal geflüchtete Kinder unterrichten oder nach neuen Anregungen suchen, um den Kindern das Ankommen und den Spracherwerb zu erleichtern – die „Checkliste: Willkommenskultur in der Schule“ bietet Ihnen konkrete Anregungen für einen gelungenen Start in den ersten Tage und Wochen.

Sie erfahren zum Beispiel, 

  • wie Sie einen Begrüßungstag in Ihrer Klasse gestalten können, damit sich die Kinder kennenlernen, (S. 2 f.),
  • wie Sie mit Kindern kommunizieren, die noch kein Deutsch sprechen,
  • oder was alles in eine „Willkommensmappe“ oder in ein „Notfallpaket“ mit den allernötigsten Materialien für den Unterricht gehört.

Und weil es für die Neuankömmlinge besonders wichtig ist, dass sie in der Klasse Anschluss finden, werden bei vielen Aktionen auch die Mitschüler eingebunden: Sie zeigen den neuen Schülern zum Beispiel als Pate die neue Umgebung und begleiten sie in die Pause. Oder sie vermitteln ihnen das sogenannte „Klassenzimmer-Deutsch“: Dabei macht die Klasse „den neuen SchülerInnen vor, was bei den Anweisungen der Lehrkraft zu tun ist“, z. B. das Buch aufschlagen, die Tafel abwischen oder das Fenster öffnen.

Besonders lesenswert ist der Crashkurs „Vorurteilen begegnen“ (S. 7 f.): Neben Hinweisen zur Gesprächsführung sind hier auch die typischen Vorurteile, mit angemessenen Entgegnungen aufgelistet. – Eine gute Sache, denn oft weiß man abwertenden Äußerungen über Geflüchtete nichts entgegenzusetzen, weil schlicht das Wissen fehlt. Beispiel: „Die Flüchtlinge bekommen mehr Geld als ein Hartz-IV-Empfänger.“ Oder: „Das sind doch alles Wirtschaftsflüchtlinge.“ – Ist da womöglich was dran? Die Checkliste liefert Ihnen zu jedem Ressentiment konkrete Zahlen und gut belegte Fakten, mit denen Sie argumentieren und die hitzige Debatte versachlichen können.

Martina Niekrawietz

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