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Digitaler Unterricht

Deutschlands Schulen hinken hinterher

Die „Computer-PISA-Studie“ ICILS stellt deutschen Schulen bezüglich digitalem Unterricht ein schlechtes Zeugnis aus. Auch bei der IT-Ausstattung und dem medienpädagogischen Kenntnisstand der Lehrer liegt Deutschland im internationalen Vergleich noch zurück.

Digitaler Unterricht: Deutschlands Schulen hinken hinterher Die IT-Kompetenzen der Schüler werden bisher nicht ausreichend gefördert, obwohl diese im Berufsleben immens wichtig sind © Wavebreak Media Micro - Fotolia.com

Wie wird das Lernen in einer deutschen Schule des Jahres 2022 aussehen? Es wird nicht mehr heißen „Buch vergessen“, sondern „Akku leer“, prophezeit Karsten Polke-Majewski in der ZEIT ONLINE, und die Schüler werden keine schweren Büchertaschen mehr zu tragen haben, sondern nur noch einen leichten Rucksack mit Turnschuhen, Bastelutensilien und Tablet-Rechner „inklusive Sprachsteuerung und Netzzugang“. 

Kein Zukunftsszenario sondern Wirklichkeit ist das heute schon in vielen anderen Ländern. Barbara Wege berichtet darüber in ihrem ZEIT-Beitrag „Der Neue im Klassenzimmer“: So starteten im August 2013 in den Niederlanden „elf komplette iPad-Schulen, die ohne Hefte und Bücher auskommen wollen“. In den USA vermeldet Apple bereits 4,5 Millionen verkaufte iPads an Schulen und Universitäten, und auch die beiden Länder, deren Schüler nachweislich (vgl. dazu: ICLIS 2013 auf einen Blick, S. 19) am wenigsten IT-Kompetenzen haben, rüsten digital auf: Die Türkei will 15 Millionen Schüler-Tablets anschaffen, Thailand hat bereits 2012 „850.000 Tablet-PCs an Schüler ausgegeben“ („Der Neue im Klassenzimmer“, Link s. o.).

Auch in einigen wenigen deutschen Klassenzimmern gibt es bereits Laptop-, Netbook- oder Tablet-Klassen, zum Beispiel in der Waldschule in Hatten. Geschichtslehrer Andreas Hofmann hat das Projekt vorangetrieben: „Es kann nicht sein, dass es eine Mauer gibt zwischen einem Alltag, in dem die Schüler von Medien umgeben sind, und Schulen, in denen noch gelernt wird wie vor 20 Jahren“, sagt er in der ZEIT (s. o.). — Stimmt das? Hinken deutsche Schulen der Lebenswirklichkeit in einer digitalisierten Gesellschaft nach?

Beim digitalen Unterricht ist Deutschland Schlusslicht

Die im November 2014 erschienene internationale Vergleichsstudie ICILS (International Computer and Information Literacy Study) erforscht die Bedingungen für das Lehren und Lernen von IT-bezogene Fähigkeiten in Deutschland. Eines der weniger erfreulichen Ergebnisse daraus: Deutschland ist das Land, das „weltweit am wenigsten moderne Informationstechnologien im Unterricht einsetzt“, berichtet Bos, der Leiter des deutschen Teils der Studie, im Interview mit Regina Brinkmann im Deutschlandfunk

Weiterführende Hinweise:

ICILS rief auch Kritiker auf den Plan, zum Beispiel die „Gesellschaft für Bildung und Wissen e. V.“, die aus Wissenschaftlern verschiedener Universitäten und Fachrichtungen besteht. Sie verortet mit ICILS „Digital-Adventisten am Schul-Tor“ und richtet sich unter anderem gegen „ fehlende Begriffsklarheit“ und „begründungsfreie Digitaleuphorie“.

ICILS-Studienleiterin Birgit Eickelmann geht auf der Website FAZ.NET auf einige Kritikpunkte und Fragen von FAZ.NET-Lesern ein, zum Beispiel: „Was antworten Sie auf die Unterstellung, die Studie sei interessengelenkt, ganz im Sinne einer mächtigen IT- oder Digitalisierungslobby?“

Auch das Webportal bildungsklick berichtet über ICILS und informiert über weiterführende Links zum Beispiel über die Konsequenzen, die der Verband Bildung und Erziehung aus der „Computer-PISA-Studie“ ziehen möchte.

Die ICILS-Studie in der über 300-seitigen Langversion finden Sie hier.

Nur 9,1 Prozent der Lehrkräfte hierzulande setzen den Computer täglich ein, 25,3 Prozent „mindestens einmal die Woche, aber nicht jeden Tag“, 29,2 Prozent „mindestens einmal im Monat, aber nicht jede Woche“, 28,1 Prozent weniger als einmal im Monat und 8,3 Prozent nie. (ICILS auf einen Blick, S. 34) Zum Vergleich: In Australien, Kanada, Korea und den Niederlanden nutzen mehr als die Hälfte der Lehrer täglich IT-Technologien in ihrem Unterricht. (ebd.)

Kaum digitaler Unterricht in Mathematik oder Deutsch

Die befragten Schüler gaben an, dass Computer noch am häufigsten in Informatik genutzt werden (58,3 Prozent). Hingegen erklärte die Mehrheit der Jugendlichen, dass sie in naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Fächern „nie mit Computern im Unterricht“ lernen. (ebd., S. 38) 

Tatsächlich ist es für Lehrer manchmal schwer vorstellbar, wie sich digitale Mittel fruchtbringend in ihrem Unterricht einsetzen ließen: „Anfangs dachte ich: Was soll ich damit im Kunstunterricht? Da wird getöpfert und etwas mit den Händen gemacht", erzählt eine Lehrerin der eingangs erwähnten Waldschule in Hatten. Doch als dann die Schüler Nationalflaggen malen sollten, holten sie sich Anregungen im Internet. „Da gab es natürlich viel mehr Auswahl als in dem Buch, das ich sonst herumgab", sagt sie. (DIE ZEIT: „Der Neue im Klassenzimmer“, Link s. o.)

IT-Kompetenzen werden wenig gefördert

Die ICILS-Studie zeigt, dass das Fördern IT-bezogener Fähigkeiten bei deutschen Achtklässlern nur „mit wenig Nachdruck unterstützt wird“. 36,2 Prozent der Lehrkräfte fördern ihre Schüler zumindest bei einem effizienten Zugriff auf Informationen. Die Angabe von digitalen Quellen vernachlässigen jedoch mehr als zwei Drittel der Lehrer. Auch wird die „Erkundung und Nutzung verschiedener digitaler Ressourcen“ in Deutschland „am wenigsten mit Nachdruck gefördert (26,7 Prozent)“. (ICILS auf einen Blick, S. 33) Vermutlich liegt das unter anderem auch an den Aus- und Fortbildungsdefiziten der Lehrer.

Lehrer besuchen selten IT-Fortbildungen 

Die rasante Entwicklung im digitalen Bereich impliziert natürlich einen hohen Fortbildungsbedarf für Lehrkräfte. Doch auch in diesem Bereich fällt Deutschland im internationalen Vergleich stark ab: Während sich zum Beispiel in Australien 57,3 Prozent der Lehrer regelmäßig fortbilden, war das bei den deutschen Lehrern der achten Jahrgangsstufe weitaus seltener der Fall: Mit 17,7 Prozent besuchten sie in den zwei Jahren vor der Befragung noch „am häufigsten Kurse zur Integration von IT in den Unterricht“. (ICILS auf einen Blick, S. 33) 

Medienpädagogische Defizite registriert auch die Initiative D 21 in ihrer im September 2014 erschienenen Studie „Medienbildung an deutschen Schulen“. Medienpädagogik „müsse in allen Bundesländern als Pflichtfach und obligatorischer Prüfungsbestandteil der pädagogischen Ausbildung verankert werden. Es müssten verpflichtende Fortbildungen vorgesehen und spezifische Trainingsangebote für „IT-ferne“ Lehrer eingerichtet werden“, so umreißt Fridtjof Küchemann in der FAZ die zentralen Forderungen, die aus der Studie resultieren.

IT Ausstattung mangelhaft

Im Mittel teilen sich 11,5 deutsche Schüler einen Computer. Dieses Schüler-Computer-Verhältnis entspricht zwar dem durchschnittlichen Wert der teilnehmenden EU-Länder, fällt aber anderswo oft deutlich günstiger aus: In Norwegen, wo die Schüler signifikant höhere IT-Kompetenzen zeigen, liegt es zum Beispiel bei 2,4 zu 1. Tablets sind nur für 6,5 Prozent der deutschen Achtklässler verfügbar. — Das ist im EU-Vergleich wenig (15,9 Prozent) und gemessen etwa an Australien (63,6 Prozent) nur ein kleiner Bruchteil. Auch interaktive Whiteboards sind in Deutschland mit durchschnittlich 5,5 pro Schule dünn gesät. In Dänemark sind es 20 und in den Niederlanden gar 25,5.

Unter anderem entscheiden die Standorte der Computer darüber, wie häufig im Unterricht damit gearbeitet wird. In den Schulen aller befragten Achtklässler gibt es Computerräume, in den Klassenzimmern hingegen wesentlich seltener Rechner: Nur 17,2 Prozent der Schüler besuchen eine Schule, wo das bei über 80 Prozent der Räume zutrifft. Auch hier fällt Deutschland im Vergleich stark ab (internationale Teilnehmerländer 32,7, EU-Länder 34 Prozent). Bei den transportablen Systemen (zum Beispiel Notebookwagen) hingegen liegt Deutschland mit 43,7 Prozent signifikant über dem internationalen (32,7 Prozent) bzw. EU-Mittelwert (34 Prozent). (ICILS auf einen Blick, S 30 f.)

Und wie zufrieden sind deutsche Lehrer mit dem IT-Equipment? 45,5 Prozent berichteten von einem unzureichenden Internetzugang, der den Computereinsatz im Unterricht einschränkt. Eine veraltete Ausstattung beklagten 43,1 Prozent und eine unzureichende Ausstattung mit neuen Technologien 42,2 Prozent. (ICILS auf einen Blick, S. 30)

Lehrkräfte und IT-Einsatz im Unterricht

Mehrheitlich stehen Lehrer der Nutzung neuer Medien im Unterricht positiv gegenüber. So räumen 90 Prozent ein, dass der Computer Zugang zu besseren Informationsquellen erschließt, und fast zwei Drittel glauben, dass mit digitalem Unterricht Informationen wirksamer vertieft und verarbeitet werden können. Jedoch sind in keinem anderen Teilnehmerland mehr Lehrer überzeugt davon, dass Computer die Schüler zum Kopieren aus dem Internet verführen (75,8 Prozent). Auch befürchten 29,5 Prozent der deutschen Lehrer, dass ihre Schüler durch Computer vom Lernen abgelenkt würden — gut 6 Prozent mehr als im internationalen Vergleich. 34,4 Prozent der deutschen Pädagogen meinen außerdem, dass organisatorische Probleme auftreten könnten. Fast doppelt so viele wie im internationalen Mittel. (ICILS auf einen Blick, S. 31 f.) 

Das Fazit der Waldschule in Hatten

Bestätigten die Erfahrungen in den Tablet-Klassen der Waldschule diese Einschätzungen? (Vgl. dazu DIE ZEIT: „Der Neue im Klassenzimmer“, Link s. o.) Drei Monate lang begleiteten Wissenschaftler der TU Dortmund die digitalen Klassen und verglichen sie mit den „analogen“. Dabei zeigten sich vor allem bei der Internetrecherche und der Vorbereitung von Präsentationen Vorteile bei den Tablet-Klassen: Vermehrt tauschten sich Lehrer und Schüler aus, weil sie untereinander vernetzt waren. Per E-Mail richteten die Schüler Fragen zu den Hausaufgaben an ihre Lehrer, Arbeitsblätter waren auf dem Schulserver abrufbar, die Schüler luden Aufsätze etc. hoch, die die Lehrer dann direkt korrigieren konnten. 

Technische Probleme zeigten sich auch: Bei der Projektion von Videos an die Tafel ruckelte die Wiedergabe, weil die Internetverbindung schwach war. Und infolge eines Updates des Betriebssystems konnten die Schüler nicht mehr auf Arbeitsmaterial zugreifen. 

Nicht das Kopieren aus dem Internet, sondern „das Ablenkungspotenzial“ durch Spiele, Facebook und YouTube war in den Tablet-Klassen der Waldschule problematisch. Da die Geräte von den Eltern bezahlt wurden, konnte die Schule hier auch nicht reglementierend eingreifen, sondern nur raten, „die Tablets notfalls abends einzukassieren und den Zugriff auf Spiele per Passwort zu sperren.“ (ZEIT, ebd.)

Martina Niekrawietz

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