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Lehrer als Täter

Gewalt ist keine Lösung

Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, das gilt vor allem auch für die Schule. Lehrer, die sich verbale oder gar körperliche Ausrutscher leisten, müssen mit empfindlichen Konsequenzen rechnen. Gerechtfertigt ist physischer Zwang nur in den seltensten Fällen.

Lehrer als Täter: Gewalt ist keine Lösung Stop den Anfänger: Verbale oder gar körperliche Gewalt ist nicht das richtige Mittel, Schüler zu erziehen © ra2 studio - Fotolia.com

Wenn freitags in der sechsten Stunde niemand mehr still sitzen will oder ein Schüler seine dritte Verspätung in einer Woche mit „Sorry, hab‘ verschlafen, der Wecker …“ rechtfertigt, bedarf es eiserner Nerven.

„Manchmal wünschte ich mir, wir Lehrer hätten das Recht, die ‚lieben Kleinen‘ an den Beinen zu packen und kopfüber aus dem Fenster zu halten.“ Ingo Brennecke (Name geändert) muss über seine absurde Idee selbst lachen. Eigentlich gilt er als ruhig und besonnen.

Ganz klar: Gewalt gegen Schüler — egal ob körperlich oder verbal — ist ein No-Go. Wenn ein Lehrer die ihm anvertrauten Kinder beleidigt oder gar tätlich wird, haben die Betroffenen  die Möglichkeit, einen Strafantrag zu stellen. Ein Strafprozess, der in den meisten Fällen mit einer hohen Geldstrafe enden dürfte, wäre die Folge.

Hinzu kämen disziplinarrechtliche Konsequenzen, sowie ein Image-Schaden, der sich — je nach Weite der Kreise, die das Ganze zöge — auf die gesamte Schule auswirken könnte. Rechtsschutzversicherungen zahlen bei vorsätzlich begangenen Straftaten nicht, Anwalts- und Prozesskosten, die ebenfalls leicht vierstellige Höhen erreichen können, müsste der Verurteilte aus eigener Tasche begleichen.

Nicht immer ist der Fall klar

Nichtsdestotrotz sind derartige Vorfälle nicht selten. Einer Umfrage der TU München zufolge gaben 12 Prozent von 400 Schülern an, schon mal Gewalt durch Lehrer erlebt zu haben, rund ein Drittel wurde bereits Opfer verbaler Aggressionen.

Links zum Thema:

Das Bundesministerium für Familie, Frauen und Senioren stellt einen umfangreichen Leitfaden zum Thema gewaltfreie Erziehung zur Verfügung.

Informationsmaterial zu Gewalt an Schulen, die von Schülern ausgeht, findet sich auf der Homepage des Programms Polizeiliche Kriminalprävention.

Der Verein Lernen ohne Angst e.V. befasst sich mit dem Thema Lehrergewalt. Auf der Website werden zahlreiche Informationen bereitgehalten.

Dass es wichtig und sinnvoll ist, Körperverletzungsdelikte gegen Schüler zu bestrafen, würde kaum jemand bestreiten. Schwierig ist es hingegen in Situationen, in denen das Verhalten der Beteiligten nach einem körperlichen Eingreifen verlangt. So im Fall einer Berliner Grundschullehrerin. Diese forderte einen Schüler, der mehrfach gravierend den Unterricht störte, auf, den Klassenraum zu verlassen. Vergeblich, das Kind weigerte sich beharrlich. Schlussendlich packte die Pädagogin den 11-Jährigen am Arm und zerrte ihn vor die Tür. Resultat dieses Zwischenfalls war ein ca. zwei Zentimeter messender blauer Fleck, der die Mutter des Viertklässlers dazu veranlasste, dessen Lehrerin wegen Körperverletzung anzuzeigen. Diese wurde vom Landgericht Berlin in einer Revisionsverhandlung aus zweierlei Gründen freigesprochen (Aktenzeichen: 518 Qs 60/09): Zum einen sei der Tatbestand der Körperverletzung gem. §223 StGB nur dann erfüllt, wenn die erlittene Schädigung „nicht unerheblich“ sei, dies sei bei einem kleinen Hämatom nicht gegeben. Zum anderen habe die Lehrerin ohne Züchtigungsabsicht und mangels Handlungsalternativen so gehandelt.

Kein Präzedenzfall

Was hätte sie stattdessen auch tun sollen? Auf einen Rauswurf des Schülers verzichten, seine Störungen in Kauf nehmen und der Klasse zeigen, dass sie nicht dazu in der Lage sei, sich gegen einen 11-Jährigen durchzusetzen?  

Das Urteil wurde kontrovers diskutiert. Besonders Web 2.0-User befürchteten, dass hier ein Präzedenzfall geschaffen wurde, der es Lehrern erlaubte, körperliche Gewalt anzuwenden. Manche von ihnen prophezeiten eine Rückkehr des Rohrstocks. Dabei sollte diese praxisgerechte Entscheidung der Berliner Richter auf keinen Fall als Freibrief gesehen werden, auch mal beherzt zupacken zu dürfen, waren es doch vergleichsweise enge Bedingungen, die zum Freispruch führten. Dass so etwas auch anders ausgehen kann, zeigt der im März 2009 verhandelte Fall eines Hauptschullehrers aus Waldshut-Tiengen. Der 59-Jährige packte einen Schüler, der sich im falschen Klassenraum aufhielt, unsanft am Nacken und schob ihn vor die Tür. Der Junge erlitt eine Hautrötung. In einem folgenden Strafprozess wurde das Vorliegen einer Körperverletzung bejaht, sein Verhalten als „unnötig“ eingestuft. Das Urteil, eine Geldstrafe von 650 Euro, blieb weit hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft zurück. Diese hatte auf 120 Tagessätze zu insgesamt rund 11 000 Euro plädiert. Das Urteil macht jedoch mehr als deutlich, dass — immer wenn es sich vermeiden lässt — dringend davon abgesehen werden sollte, Schüler zu berühren.

Oft Ausdruck von Hilflosigkeit

Eine Mitarbeiterin des Studienseminars Vechta sagt auf Nachfrage: „Letztendlich ist es vor allem ein Ausdruck von Hilflosigkeit, wenn Schüler mit Sprüchen wie „Das lernst du eh nicht“, „Du gehörst auf die Sonderschule“ oder gar Tätlichkeiten konfrontiert werden. Ein derartiges Verhalten richtet nicht nur gravierende Schäden bei den Betroffenen an, sondern bewirkt auf lange Sicht das Gegenteil von dem, was es soll.“ Stattdessen empfiehlt sie, alltägliche Zwischenfälle nicht als Angriff zu werten. „Meist ist es mehr die Institution Schule, als die Person des Lehrers, gegen die sich deviantes Verhalten richtet. Wer sich das vor Augen führt, und kleinere Unverschämtheiten nicht mit persönlicher Enttäuschung quittiert, hat es leichter.“ — Und schützt sich und seine Schüler vor unnötigen Rechtsverfahren.

Stefan Hirsch

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