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Corona-Folgen

Der Lehrermangel spitzt sich zu – und jetzt?

Ein zum Teil dramatischer Lehrermangel setzt sich gerade unter Corona-Vorzeichen fort. Hilfe zur Selbsthilfe und ein geeignetes Krisenmanagement sind das Gebot der Stunde.

Corona-Folgen: Der Lehrermangel spitzt sich zu – und jetzt? Lehrkräfte stehen in Corona-Zeiten vor vielen, auch sehr belastenden Herausforderungen © Andrei Zhuravlev - stock.adobe.com

Dass in vielen Bundesländern ein dramatischer Lehrermangel herrscht, ist seit Jahren bekannt. Anfang September 2019 berichtete das Bildungsmagazin News4Teachers über eine „Schock-Studie“ der Bertelsmann-Stiftung: Demnach würden bis zum Jahr 2025 mindestens 26.300 Lehrer/-innen allein an deutschen Grundschulen fehlen. Auch blieben im Schuljahr 2019/2020 Tausende von Lehrerstellen unbesetzt: Allein in Nordrhein-Westfalen waren es 5000 (ebd.). In diesem Schuljahr verschärft sich die Situation noch einmal eklatant, denn Corona-bedingt können derzeit viele ältere oder gesundheitlich vorbelastete Lehrer/-innen nicht in der Klasse unterrichten. Bis zu 15 Prozent der Lehrkräfte zählen zur Risikogruppe, schätzt die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft.

Die Leidtragenden in dieser Situation sind nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern besonders auch die Lehrkräfte an den Schulen, wie eine bundesweite Umfrage unter knapp 4000 Lehrer/-innen zeigte.

Krisenstimmung unter Lehrkräften

„Lehrermangel geht Lehrkräften an die Substanz“, so fasste der STARK-Verlag im Januar 2020 das Ergebnis seiner Lehrerbefragung zusammen. 73 Prozent der Befragten spürten die Auswirkungen des Lehrermangels. Drei von vier Pädagogen berichten über „mehr Krankheitsfälle im Kollegium“, wodurch viele Vertretungsstunden anfallen. Schon vor Corona gaben 69 Prozent Überstunden als zusätzliche Belastung an (ebd.). Wenn im Schuljahr 2020/2021 die Erkältungssaison beginnt, werden die krankheitsbedingten Ausfälle noch weitaus häufiger sein, wenn Lehrer/-innen mit Erkältungssymptomen vorsorglich zu Hause bleiben oder Testung und Testergebnisse in Quarantäne abwarten müssen. Auch der kollegiale Umgang verändert sich, finden 77 Prozent der Befragten, und 81 Prozent davon sagen, „dass im Lehrerzimmer aufgrund des Personalmangels schlechte Stimmung herrscht“. 

Schon vor der Pandemie waren „Lehrerinnen und Lehrer zum Teil an der Belastungsgrenze“: 81 Prozent der Studienteilnehmer, die vom Lehrermangel an ihrer Schule betroffen sind, „kämpfen mit psychischen und körperlichen Problemen und berichten von Burnout, Schlafstörungen, Zukunftsängsten und letztendlich Dienstunfähigkeit“ (ebd.). – Kein Wunder, dass mehr als die Hälfte der befragten Lehrer/-innen angab, „weniger Freude am Beruf“ zu haben.

Hilfe zur Selbsthilfe

Quereinsteiger rekrutieren, Junglehrer ohne Wartezeiten einstellen, Gymnasiallehrkräfte ohne Stelle für den Dienst an Haupt-, Real- oder Grundschulen abordnen, die Möglichkeiten für befristete Einstellungen erleichtern, flexible Arbeitszeitkonten für Lehrkräfte schaffen, auf denen die Mehrarbeitsstunden gesammelt und später „abgefeiert“ werden können, Vertretungen durch finanzielle Anreize attraktiv machen, Lehramtsstudenten als „Teamteacher“ für den Präsenzunterricht rekrutieren – das alles sind Maßnahmen, die auf politischer Ebene entschieden werden. 

Trotzdem ist es wichtig, dass sich auch die Lehr/-innen „an der Basis“ Gehör verschaffen. Zum Beispiel durch die Teilnahme an Aktionen von Lehrerverbänden oder Gewerkschaften oder durch Beiträge in der Lokalpresse oder in den sozialen Medien. Auch ein offener Erfahrungsaustausch mit einer Kollegin oder einem Kollegen kann entlasten. Sollte das nicht möglich sein, nutzen Sie dafür Lehrerforen oder -plattformen. Im Idealfall hat auch die Schulleitung ein offenes Ohr für die Belange der Lehrkräfte, und wenn nicht, tragen Sie Ihr Anliegen dem Personalrat vor.

Kooperation und ein offener und wertschätzender Umgang innerhalb des Kollegiums helfen dabei, Stresssituationen besser zu bewältigen. Vielleicht setzen Sie sich auch einfach einmal mit ein paar netten Kollegen/Kolleginnen zusammen und überlegen, wie Sie sich gegenseitig entlasten können: Austausch von Unterrichtsmaterialien, gegenseitige Hilfe bei Problemen mit dem digitalen Equipment, Tipps und Tutorials oder kollegiale Schulungen für den digitalen Unterricht – es gibt viele Möglichkeiten für konstruktive Teamarbeit in der Corona-bedingten Ausnahmesituation. Das gilt natürlich auch für die schulübergreifende Zusammenarbeit. 

Externe Helfer und feste Zuständigkeiten

In der ZEIT vom 9.10.2019 machte Martin Spiewak ein paar „unpopuläre“ Vorschläge, wie dem gravierenden Lehrermangel beizukommen sei: Teilzeitregelungen für Lehrer/-innen aufheben oder zwei Kinder mehr in jede Klasse setzen – das wäre in Corona-Zeiten eher kontraproduktiv. Die Idee, sich auf die Kernfächer zu konzentrieren, ist jedoch unbedingt sinnvoll und wird auch bereits an vielen Schulen praktiziert. Den Unterricht in manchen der anderen Fächer könnte man vorübergehend auch an externe Akteure outsourcen: Vielleicht kann ja zum Beispiel „das Turnen (...) auch ein Trainer aus dem benachbarten Verein übernehmen – bevor ein ausgebildeter Deutschlehrer dafür seine Stunde verbraucht“ (ebd.).   

Gleiches gilt für manche andere Jobs, die Lehrer/-innen zusätzlich „nebenbei“ erledigen, weil niemand anderes zur Stelle ist. Wenn beispielsweise nach dem Kultusminister-Treffen im Kanzleramt im September 2020 die zugesagten Lehrer-Tablets in der Schule ankommen, müssen es ja nicht unbedingt die Lehrer/-innen sein, die die Programme aufspielen und die Geräte ins Schulnetz einbinden. – Das könnte an ein externes IT-Unternehmen delegiert werden, genauso wie der Anwender-Support im laufenden Betrieb.

Andere Aufgaben hingegen sind originär Lehrersache, etwa die Betreuung von Quer- und Seiteneinsteigern. Hier kann es Kapazitäten freisetzen, wenn die Schule einen zentralen Ansprechpartner/eine zentrale Ansprechpartnerin etabliert. Auch ein schulübergreifendes Netzwerk könnte dafür genutzt werden, „basale Informationen über Schule und Unterricht aufzubereiten“, wie die Autoren/Autorinnen der Studie „Lehrkräfte im Quereinstieg: sozial ungleich verteilt?“ vorschlagen (S. 25). Und bei verwaltungstechnischen und organisatorischen Fragen der neuen Kollegen/Kolleginnen könnten die Mitarbeiter/-innen im Schulsekretariat weiterhelfen. 

Infektionsschutz beugt weitergehendem Lehrermangel vor

In den bevorstehenden kalten Monaten werden die Corona-Fallzahlen steigen, so prognostizieren die Virologen. An den Schulen kommt es dann darauf an, wirklich adäquate Infektionsschutz-Maßnahmen zu implementieren, die auch vor Ansteckung durch Aerosole schützen. Dazu reicht der „Aufruf an die Schulen, mehr zu lüften“, jedenfalls nicht aus, wie Heinz-Peter Meidinger im Bildungsmagazin News4Teachers betont. Wie führende Hygiene-Experten rät er zu „Luftfilteranlagen, CO2-Ampeln und Ventilatoren“. Und das bitte in jedem Unterrichtsraum, möchte man ergänzen. Denn das schützt nach derzeitigem Kenntnisstand am besten vor weiteren krankheitsbedingten Ausfällen von Lehrerinnen und Lehrern.

Martina Niekrawietz

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