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Gemeinschaftserfahrung

Ein Plädoyer für Klassenfahrten

Klassenfahrten sind bei Schülern beliebt — bei manchem Lehrer weniger.  Zu viel Arbeit, zu viel Aufwand. Und dennoch, die Möglichkeit, die Schüler in einem anderen Kontext kennenzulernen und ihnen neue Erfahrungen zu ermöglichen, wägt jede Mühe auf.

Gemeinschaftserfahrung: Ein Plädoyer für Klassenfahrten Klassenfahrten sind für alle Schülerinnen und Schüler ein großes Erlebnis © pololia - stock.adobe.com

„Und am schönsten waren die Klassenfahrten an die Nordsee, nach Dresden und unsere Abschlussfahrt nach Hamburg. Wir mussten mächtig viel laufen bei der Stadtführung, aber wir haben auch viel gesehen und am Lagerfeuer am Abend Stockbrot gebacken. Die Lehrer waren ziemlich cool und wir haben eine tolle Zeit miteinander gehabt.“ — So sagte Paula es in ihrer Rede, die sie anlässlich der Schulentlassungsfeier halten durfte. Worauf schauen Schüler in einem solchen Moment des Rückblicks? Was erscheint ihnen rückschauend wichtig in ihrer Schulzeit? Sind es die unendlichen Mathematikstunden, das Schwitzen in der Sporthalle, die Vokabeln, die einfach nicht im Gedächtnis bleiben wollten?

Nein, es sind die Momente, die ihnen positiv im Gedächtnis bleiben nach den langen Jahren des Schulbesuches. Sie wollen sich oft an die schönen Erlebnisse erinnern, nach den Jahren der Anstrengung, den Jahren der Mühe mit vielfältigen schulischen Anforderungen. Wie wichtig ist es da, einen positiven Ausgleich zu finden, sozusagen eine Balance zwischen Schulstress und gemeinsamen schönen Erinnerungen.

Klassenreise vor- und nachbereiten = Lebenspraxis erwerben

Für viele Schüler sind Klassenfahrten zugleich der einzige Urlaub, den sie erleben. Gerade für Familien mit knappem Geldbeutel ist es nicht möglich, große Reisen zu machen. Gerade deshalb ist es so bedeutsam, dass Verreisen und Wegfahren auch ein Lerninhalt unserer Schulform ist. Und eine Klassenfahrt bietet vielfältige Lernansätze in der der Vor- und Nachbereitung: Wie lassen sich denn das Recherchieren und das Informationensammeln besser üben als mit motivierten Schülern, die herausfinden wollen, wie ihre Jugendherberge oder ihr Hostel aussieht? Was kann man denn dort machen, wo wir hinfahren? Gibt’s da ein Kino oder einen Badesee? Wie teuer ist der Eintritt? Welche Sachen müssen wir überhaupt einpacken? Können wir aufgrund unserer Überlegungen zusammen eine Packliste erstellen?

Und auch die Nachbereitung muss nicht nur in einer Pinnwand mit Fotos auf dem Schulflur enden, sondern sie bietet auch einen Anlass und die Möglichkeit, ein einfaches Bildbearbeitungsprogramm kennenzulernen. So können die Fotos in ein Fotobuch für jeden Schüler verwandelt werden, das noch Jahre später eine wunderbare Erinnerung sein wird.

Schüler und Lehrer lernen neue Seiten aneinander kennen

Die Klassenfahrt selbst ist immer ein Erlebnis: Lehrer sehen Schüler noch einmal aus ganz neuem Blickwinkel, erfahren viel über ihre Alltagsroutinen, ihren bisher erreichten Grad an Selbstständigkeit. All dies rundet den Blick auf unsere Schüler ab und hilft, ein facettenreiches Bild des Schülers zu entwickeln. Wer im Mathematikunterricht deutlich seinen Frust zeigt, der ist möglicherweise ein hervorragender Teamplayer im abendlichen Fußballspiel, wer sich sonst als Schnatterliese gibt, zeigt hier ganz große Hilfsbereitschaft beim Bettenbeziehen. Es gibt mehr Zeit für Gespräche und auch mal für ein persönliches Wort, eben häufig anders als im Schulalltag. Schüler sind im Übrigen auch oft daran interessiert, ihre Lehrer besser kennenzulernen, nach deren Familien zu fragen, wollen etwas über das Hobby ihres Lehrers wissen.

Ohne Frage — eine Klassenfahrt ist immer eine zusätzliche Belastung im eh schon stressigen Alltag. Die Planung, die Kalkulation, die Absprache mit Kollegen bringen neben dem alltäglichen Unterrichtsgeschäft weitere Belastungen. Kollegen mit Familie müssen langfristig planen, wie sie die Betreuung ihrer eigenen Kinder sicherstellen. Oft müssen Großeltern einspringen, der Partner seinen Schichtplan ändern, ein Babysitter muss her. Kosten für die Fahrt entstehen möglicherweise auch noch — und dies soll man tun, damit man dann nicht nur einen Schultag lang die Verantwortung trägt, sondern 24 Stunden am Tag?

Ja, man sollte es tun. Eine Klassenfahrt ist nicht nur für junge Kollegen etwas, an dem man sein persönliches Lehrerprofil schärft und sich pädagogisch weiterentwickelt. Man sammelt Erfahrungen, die der enge schulische Kontext zwischen Fachunterricht und Hofpause einfach nicht hergibt. Man erlebt unzählige Möglichkeiten, seine Schüler in einem anderen Kontext als im Klassenraum zu erleben. Und letztendlich bleibt nicht ein leerer Koffer zurück, sondern eine große Menge gemeinsamer Erinnerungen.

Ulrike Zerbst

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