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Arbeitslehre/Technik

Ein Plädoyer für mehr Handwerk im Unterricht

Der Arbeitslehre- und Technikunterricht gerät immer mehr ins Hintertreffen und wird zunehmend — wenn überhaupt — fachfremd unterrichtet. Dabei fördert das handwerkliche Tun das Selbstwertgefühl der Schüler und bietet eine gute Berufsorientierung.

Arbeitslehre/Technik: Ein Plädoyer für mehr Handwerk im Unterricht Beim Formen von Metall können Schüler ganz neue handwerkliche Talente bei sich entdecken © Hanna Fischer

Arbeitslehre und Technik? „Oh, tut mir leid, aber das kann ich nicht unterrichten. Ist nicht mein Fach. Lust hätte ich schon, aber das müsste jemand Kompetentes übernehmen.“ — „Aber wer unterrichtet es dann?“, fragt sich manch ratlose Schulleitung.

Schon lange wird das Unterrichtsfach Arbeitslehre/Technik „stiefmütterlich“ behandelt. Die Lehramtsstudenten sind seit vielen Jahren verunsichert und sehen ihre Ausbildung im Fach Technik an den Universitäten immer wieder in Gefahr. Dozenten und Professoren werden pensioniert, Stellen nicht oder nur zögerlich nachbesetzt.

Ein großes Unverständnis besteht darüber, warum dieses wichtige Studienfach, das in den 70er-Jahren in den Universitäten eingeführt und mit großem Engagement unterrichtet wurde, inzwischen so vernachlässigt wird. Woher sollen dann unsere Nachwuchslehrer für diesen Bereich kommen?

Auch in der Lehrerfortbildung sind beispielsweise in Hamburg inzwischen Stellen von Dozenten, die den Kolleginnen und Kollegen im Bereich Arbeitslehre jahrelang mit Rat und Tat verlässlich zur Seite standen, nicht ausreichend nachbesetzt worden. Die fachlich hervorragende Unterstützung bezog sich nicht nur auf die Planung und Erprobung von Unterrichtsvorhaben, sondern auch auf die Einrichtung von Fachräumen, die Beschaffung von Werkzeugen und Materialien sowie technisches Know-how. Hochbetrieb herrschte in den Räumen des Instituts im Bereich Arbeitslehre, überfüllte Seminare, reger Austausch von Ideen, Meinungen, Materialien für den Unterricht – eine Blütezeit des Arbeitslehreunterrichtes sozusagen. Den Maschinenschein kann man hier schon lange nicht mehr machen und die einst blühenden Werkstätten fristen ein trauriges Dasein. Wie kam es dazu?

Zugunsten der Kernfächer wurde handwerkliche Förderung vernachlässigt

In Zeiten nach dem „Pisa-Schock“ wurde in die sogenannten Kernfächer investiert. Arbeitslehre nahm in den Lehrplänen nicht mehr den Raum ein, den dieses Fach vorher hatte. Dabei übersahen die Verantwortlichen leider, dass die Kompetenzen in den Kernfächern erst dann nachhaltig bleiben, wenn sie auch praktisch angewendet werden. Nicht nur in einer „Werkstatt“ auf dem Papier oder virtuell, sondern ganz real, in der man selbst und ganz praktisch Hand anlegen muss.

Links zum Thema:

Hier eine Übersicht, an welchen Standorten das Fach studiert werden kann.

Informationen zum Studienfach Arbeitslehre an verschiedenen Universitäten finden sich beispielsweise hier

Angebote der Handwerkskammer Hamburg für Schulklassen (Praxiskurse) und Lehrkräfte (Fortbildungen)

Tipps für Praktika und Berufsbilder im Handwerk

Man forscht und evaluiert mit immer größer werdendem Raumbedarf. Werden die gut ausgestatteten Werkstätten in den Fortbildungseinrichtungen nun bald ganz und gar davon verdrängt werden? Wird aus der Lehrerbildungseinrichtung eine Forsch- und Prüfeinrichtung? So eine Art Lehrer-TÜV? Geht es nicht mehr darum, uns zu unterstützen in unseren Aufgaben als Lehrende, die unseren Schülern größtmögliche Entwicklungschancen eröffnen sollen? Wird hier eine handwerkliche Grundbildung an Schulen infrage gestellt oder als minderwertig betrachtet?

Diese Haltung verursacht negative Auswirkungen: Die Handwerkskammern klagen seit langem über Nachwuchssorgen – geeignete Fachkräfte sind kaum zu bekommen. Solange handwerklicher Unterricht in der Schule ein Nischendasein fristet, wird dies auch so bleiben. Denn wo können die Schüler ihr handwerkliches Potenzial erproben und Interesse für handwerkliche Berufe geweckt werden, wenn nicht in der Schule?

Die Handwerkskammer Hamburg beispielsweise wurde aktiv und bietet Schulklassen „Betriebsgänge mit Praxiskursen“ an, bei denen die Schülergruppen auch handwerklich tätig sein können — ein hervorragendes Angebot.

Im Februar 2017 stellte die SPD-Fraktion des hessischen Landtages eine große Anfrage zum Fach Arbeitslehre als Studien- und Unterrichtsfach. Darin heißt es:

„Das Fach Arbeitslehre wurde in den 1970er-Jahren als Studienfach an Universitäten in Deutschland eingeführt. Arbeitslehre ist Pflichtfach an hessischen Hauptschulen, Realschulen und integrierten Gesamtschulen. Das Studium der Arbeitslehre als Unterrichtsfach begründet sich nicht nur auf eine eigene Fachdidaktik, sondern bezieht unterschiedliche Wissenschaften und außerschulische Praxisfelder mit ein, um Jugendliche zur aktiven Mitgestaltung nachhaltiger Lebensbedingungen in den privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Bezügen zu befähigen. Dies schließt Fragen der Alltagsökonomie, gesunder Lebensführung und technischer Bildung ein.“  Und weiter heißt es darin: „Kritiker bemängeln, dass das Fach Arbeitslehre seit Jahren nicht mehr in der konzipierten Form unterrichtet wird und nicht mehr die Rolle einnehme, die ihm bei der Einführung zugedacht war. So finde ein systematischer, fachinhaltlich fundierter und fachdidaktisch begründeter Unterricht, der die Lebenswelt und ihre Grundlagen mit Blick auf Nachhaltigkeit gemeinsamen Lebens zu interpretieren versucht und die Jugendlichen zu gestalterischer Teilhabe befähigen soll, nur vereinzelt und auf wenige Schulformen begrenzt statt. Hinzu kommt, dass laut Drucksache 19/3194 zum Stichtag 01.11.2014 im Fach Arbeitslehre 11.772 der insgesamt 16.503 Unterrichtsstunden an öffentlichen Schulen fachfremd unterrichtet wurden.“ (Zitat aus: starweb.hessen.de/cache/DRS/19/9/04499.pdf)

Das Fach Arbeitslehre gerät ins Hintertreffen

Das Fach Arbeitslehre steht in der Gefahr, sich in Überfrachtung und durch den krampfhaften Versuch zu verlieren, sich übereifrig ständig mit der Gesellschaft zu verändern. Veränderung ist gut und nötig, da wo es den Schülern nützt. Aber nicht da, wo Unterrichtsinhalte der Beliebigkeit preisgegeben werden und am Ende sehr, sehr viel angeboten, aber irgendwie gar nichts recht gelernt wurde, da es oberflächlich blieb.

Verunsicherung, nicht nur bei jungen Fachkolleginnen und Kollegen, und ein großes Bedürfnis nach Information und Unterstützung für den Unterricht sind die Folge. Was ist nötig?



Zur Berufsvorbereitung gehört neben den Kulturtechniken und dem sicheren Umgang mit dem PC auch solides handwerkliches Grundwissen als Rüstzeug für die Zukunft in Beruf und Haushaltsführung. Handwerk gehört zu unserer Kultur und unserem gesellschaftlichen Leben. Meine Schüler verlangen danach und ich sehe es als eine Herausforderung und Aufgabe an, dieses Lern-Bedürfnis zu befriedigen.

Bleibt zu hoffen, dass die Lehrerfortbildungsinstitute die Unterstützung der Lehrkräfte im Fach Arbeitslehre/Technik weiterhin zu leisten bereit und in der Lage sind, und das Fach in den Schulen den Stellenwert erhält, den es benötigt, um die Schüler fit für ein eigenverantwortliches Arbeitsleben nach der Schule zu machen.

Schülern Möglichkeiten eröffnen, handwerkliche Fähigkeiten zu zeigen

Das bedeutet, den Schülern die Möglichkeit zu geben, sich nicht nur sprachlich, mathematisch und schriftlich auszudrücken, sondern auch planerisch, feinmotorisch und tatkräftig eine lebensnahe Aufgabe zu bewältigen. Dazu gehört auch eine andere Umgebung als der eigene Klassenraum. In Fachräumen und bei außerschulischen Vorhaben ist dies möglich. Sie sollten beispielsweise mit Arbeitsmitteln wie Hammer, Säge, Akkuschrauber, Lötkolben und Nähmaschine vertraut gemacht werden, für einen Arbeitsplatz selbst verantwortlich sein und eine spezielle Aufgabe innerhalb eines Teams bewältigen. So können sie zeigen, was in ihnen steckt.

Der Mensch beherrscht seine Lebenswelt durch Arbeit – das ist das, was ich die Schüler lehren will. Die Schüler wollen etwas tun, Arbeitstechniken erlernen, mit denen sie in ihrer Lebenswelt zurechtkommen, ganz praktisch.

Der Sinn von Arbeitslehre ist Arbeit

Der Sinn von Arbeitslehre ist die Arbeit, nicht nur das Nachdenken oder das Sprechen über die Arbeit. Wenn ich die Arbeit nicht konkret tue, kann ich sie auch nicht erfassen, nicht begreifen. Wenn ich keine Englisch-Vokabeln lerne, werde ich die englische Sprache nicht beherrschen. Wenn ich das Einmaleins nicht übe, werde ich in Mathematik nicht weit kommen. Wenn ich nicht lese und schreibe, werde ich zum Analphabeten. Das Motivierende an der praktischen Arbeit ist, dass sie für die Schüler sofort sichtbare Veränderungen bewirkt. Für mich gehört es zu den schönsten Erlebnissen, wenn sie ihr erstes eigenes Produkt erstellt haben und voll Stolz präsentieren. Oder wenn — in anderen Situationen durchaus schwierige — Schüler sich bedanken, dass sie diese oder jene Technik gelernt haben.

Sie sind fasziniert, wenn sie entdecken, dass Metall schmilzt und sich formen lässt, wenn sie eine feste Schraubverbindung geschaffen haben oder wenn sie aus einzelnen losen Fasern eine zusammenhängende Fläche filzen.

Der Mensch hat sich durch viel körperliche Arbeit seine Umwelt menschlich gestaltet. Diese wunderbaren Erfahrungen kann und will ich meinen Schülern nicht nehmen.

Warum gibt es Schulschwänzer? Weil sie die Schule langweilig und leblos finden. Weil sie Misserfolge und Überforderungserlebnisse haben. Die Arbeitslehre ist ein Fach, in dem Schüler Erfolge sehen, gerade diejenigen, die sich sprachlich nicht so gut ausdrücken können. Hier dürfen sie etwas planen, schaffen, kreieren, erfinden.

Schüler brauchen Herausforderungen

Die Schüler brauchen Herausforderungen: Sie wollen meiner Erfahrung nach weniger „Blabla“, sondern ganz praktisch und per Hand etwas erproben und lernen. Geben wir Ihnen diese Möglichkeit! Dazu müssen sie alle wichtigen Arbeitstechniken der Arbeitslehre lernen, sprich: den sachgerechten Umgang mit Materialien und Werkzeugen, kleinen Maschinen und Ähnliches. Dabei sollte man den Mut finden, konkrete Lernziele anzugehen: Kennenlernen und Umgang mit Materialien, Werkzeugen, einfachen Maschinen, Erstellen eines Prototyps sowie Anwendung der erlernten Fähigkeiten in Projekten.

Das Studium der Lehrer für dieses Fach, die Werkstätten in den Schulen, die Fortbildung wird überflüssig, wenn das Fach beliebig geworden ist. Jede und jeder kann es nun unterrichten, dazu braucht man keinen Maschinenschein, geschweige denn ein spezielles Studium. Dann allerdings wäre das Fach gestorben.

Arbeit will gelernt sein, nicht nur durch Reden, Arbeitsblätter und Tests, sondern durch konkretes Tun. Diese wichtige und schöne Aufgabe sollten wir selbstbewusst angehen sowie die Rahmenbedingungen dafür einfordern.

Hanna Fischer

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